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Iran-Krieg

Iran zwischen dem verpassten Deal 2003 und Chinas stillem Aufstieg

25. Juni 2026
Reinhard Schulze
Irans Aussenminister, Abbas Araghchi, Chinas Aussenminister Wang Yi
Der iranische Aussenminister Abbas Araghchi (links) wird am 6. Mai diesesd Jahres von sxeinem chinesischen Amtskollegen Wang Yi empfangen. (Foto: Keystone/EPA/IRANIAN FOREIGN MINISTRY)

Als die USA und Iran nach dem 60-Tage-Krieg, der am 28. Februar 2026 begann, zu einer Rahmen-Vereinbarung fanden, wirkte dies auf viele Beobachter wie eine überraschende Wende. Noch wenige Monate zuvor schien die Logik der Eskalation den Nahen Osten zu beherrschen. Doch der Blick auf die unmittelbaren Ereignisse verstellt leicht die längeren Linien. 

Die Einigung markiert weniger einen Bruch als die verspätete Rückkehr zu einer strategischen Konstellation, die bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten sichtbar wurde.

Die verpasste Chance von 2003

Im Frühjahr 2003, unmittelbar nach dem amerikanischen Einmarsch im Irak, liess Teheran Washington ein Angebot zukommen, das später als „Grand Bargain" bekannt wurde. Es umfasste Gesprächsbereitschaft über das Atomprogramm, die Beziehungen zu Israel, die Unterstützung regionaler Milizen und eine schrittweise Normalisierung der bilateralen Beziehungen. Über Reichweite und Ernsthaftigkeit des Vorschlags wird bis heute gestritten. Unbestritten ist jedoch, dass sich damals für den Moment ein Zeitfenster öffnete.

Die Regierung Bush zeigte wenig Interesse. Nach dem Sturz Saddam Husseins befanden sich die Vereinigten Staaten auf dem Höhepunkt ihrer Machtstellung. In Washington überwog die Überzeugung, dass die regionale Ordnung nicht durch Verhandlungen mit Iran, sondern durch amerikanische Dominanz gestaltet werden müsse. Die folgenden Jahre brachten stattdessen Sanktionen, Stellvertreterkriege, nukleare Krisen und eine fortschreitende politische Entfremdung.

Die Vereinbarung von 2026 erscheint deshalb wie die späte Anerkennung einer Realität, die sich weder militärisch noch wirtschaftlich beseitigen liess. Iran wurde geschwächt, isoliert und unter Druck gesetzt, verschwand aber nicht als regionaler Faktor. Zugleich veränderte sich das internationale Umfeld grundlegend.

Chinas stille Gegenmacht

Die chinesische Rolle wird in westlichen Debatten häufig auf Ölimporte reduziert. Tatsächlich reicht sie weit darüber hinaus. Während die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten versuchten, Iran vom Weltmarkt abzuschneiden, schuf China schrittweise einen wirtschaftlichen Raum, in dem das Land überleben konnte. Chinesische Unternehmen kauften iranische Energie, investierten in Infrastruktur und halfen dabei, alternative Zahlungswege ausserhalb westlicher Kontrollmechanismen zu etablieren.

Bereits das 2021 vereinbarte langfristige Kooperationsabkommen zwischen beiden Staaten war weniger wegen seines unmittelbaren wirtschaftlichen Umfangs bedeutsam als wegen seiner strategischen Botschaft. Iran wurde Teil eines grösseren eurasischen Projekts, das Peking seit Jahren verfolgt. Aus chinesischer Sicht ist das Land nicht bloss Energielieferant, sondern ein geographischer Schlüsselraum zwischen Persischem Golf, Zentralasien, Kaukasus und Europa.

Ebenso wichtig war die finanzpolitische Dimension. Die westlichen Sanktionen zwangen Teheran dazu, nach Alternativen zum Dollar-System zu suchen. Für China entstand dadurch ein willkommenes Versuchsfeld. Zahlungsmechanismen, Handelsstrukturen und Finanznetzwerke, die sich dem Zugriff Washingtons entziehen, konnten unter realen Bedingungen erprobt werden. Iran wurde damit zum Testfall jener wirtschaftlichen Parallelarchitektur, die Peking langfristig anstrebt.

Das Paradox der Sanktionen

Darin liegt eines der grossen Paradoxe der vergangenen beiden Jahrzehnte. Die Sanktionen sollten Iran isolieren; tatsächlich vertieften sie dessen Abhängigkeit von China. Je enger sich die westlichen Märkte für Iran verschlossen, desto wichtiger wurden chinesisches Kapital, chinesische Technologie und chinesische Absatzmärkte. Die amerikanische Iran-Politik erzeugte damit einen Nebeneffekt, der den eigenen strategischen Interessen Washingtons zunehmend widersprach.

Vor diesem Hintergrund erhält die Vereinbarung von 2026 eine zusätzliche Bedeutung. Die Freigabe iranischer Vermögenswerte, die Lockerung ausgewählter Sanktionen und die vorsichtige wirtschaftliche Öffnung dienen nicht nur der regionalen Stabilisierung. Sie eröffnen Teheran zugleich Alternativen zur nahezu ausschliesslichen Orientierung nach Osten. Die amerikanische Rechnung ist erkennbar: Ein Iran mit mehreren wirtschaftlichen Optionen bleibt leichter beeinflussbar als ein Iran, dessen Zukunft vollständig an China gebunden ist.

Diese Entwicklung erklärt auch die veränderten Prioritäten innerhalb des westlichen Lagers. Für Israel bleibt die Schwächung Irans eine zentrale sicherheitspolitische Aufgabe. Die Vereinigten Staaten betrachten die Region inzwischen durch eine andere strategische Linse. Der Wettbewerb mit China bestimmt zunehmend die Hierarchie der Interessen. Die Frage lautet nicht mehr allein, wie Iran begrenzt werden kann, sondern auch, wie verhindert werden kann, dass das Land dauerhaft in den Einflussbereich Pekings gerät.

Das chinesische Modell als Orientierungspunkt

Auffällig ist, dass sich diese Verschiebung auch innerhalb Irans selbst widerspiegelt. Mit Mohammad Bagher Ghalibaf rückte nach dem Krieg ein Politiker in den Mittelpunkt des Machtgefüges, der seit Jahren als Befürworter einer engen Zusammenarbeit mit China gilt. Seine politische Karriere wurzelt im sicherheitspolitischen Establishment; zugleich verkörpert er eine Strömung, die wirtschaftliche Modernisierung nicht als Vorstufe politischer Öffnung versteht, sondern als Instrument zur Stabilisierung der bestehenden Ordnung.

Hier drängt sich ein historischer Vergleich auf. Seit dem Ende des Krieges häufen sich die Hinweise auf einen Kurs, der an die Reformära Deng Xiaopings erinnert. Im Mittelpunkt steht nicht Demokratisierung, sondern die Verbindung von wirtschaftlicher Dynamisierung, technokratischer Steuerung und strikter politischer Kontrolle. Wachstum soll Legitimität erzeugen, ohne Macht zu teilen.

Auch die institutionellen Veränderungen weisen in diese Richtung. Nach den Erschütterungen des Krieges scheint sich das System stärker um sicherheitspolitische und technokratische Zentren zu organisieren. Ideologische Mobilisierung tritt in den Hintergrund; Effizienz, Stabilität und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit gewinnen an Gewicht. Das erinnert weniger an die revolutionäre Phase der Islamischen Republik als an die autoritären Modernisierungsmodelle Ostasiens.

Die Parallele zu China endet nicht bei ökonomischen Fragen. Nach den Protesten und Repressionswellen des Jahres 2026 setzte die iranische Führung auf eine Strategie, die Beobachtern der chinesischen Geschichte vertraut vorkommen dürfte. Nach dem Tiananmen-Massaker von 1989 legitimierte die Kommunistische Partei ihre Herrschaft zunehmend über Wohlstand, nationale Stärke und gesellschaftliche Ordnung. Auch in Iran zeichnet sich ein ähnliches Muster ab: Repression soll nicht als Dauerzustand erscheinen, sondern durch wirtschaftliche Perspektiven und den Verweis auf Stabilität politisch überlagert werden. Die historischen Umstände sind unterschiedlich; die Logik der Herrschaftssicherung weist bemerkenswerte Gemeinsamkeiten auf.

Russlands begrenzte Rolle

Mindestens ebenso aufschlussreich ist der Blick nach Moskau. Die strategische Partnerschaft zwischen Russland und Iran galt lange als Kern einer antiwestlichen Achse. Der Krieg von 2026 offenbarte jedoch ihre Grenzen. Russland unterstützte Teheran diplomatisch, vermied aber jede Form konkreter militärischer Verpflichtung. Weder entstand ein Beistandsmechanismus, noch zeigte Moskau Bereitschaft, erhebliche Risiken für den Erhalt des iranischen Regimes einzugehen.

Für die iranische Führung dürfte dies eine ernüchternde Erfahrung gewesen sein. Russland bleibt ein wichtiger Partner, insbesondere in Sicherheitsfragen. Doch die Beziehung beruht auf Interessenüberschneidungen, nicht auf Bündnistreue. In der entscheidenden Phase des Konflikts erwies sich Moskau eben nicht als Schutzmacht.

Gerade dadurch tritt der Unterschied zu China umso deutlicher hervor. Russland verfügt über militärischen Einfluss, besitzt aber weder die wirtschaftlichen Ressourcen noch die strukturelle Anziehungskraft, um Irans langfristige Entwicklung entscheidend zu prägen. China bietet etwas anderes: Kapital, Technologie, Märkte und ein politisches Modell, das für Teile der iranischen Elite zunehmend attraktiv erscheint.

Wer diktiert die Bedingungen?

Die eigentliche Bedeutung der Vereinbarung von 2026 liegt daher möglicherweise jenseits des Verhandlungstischs, an den sich Washington und Teheran setzten. Sie markiert den Moment, in dem die Vereinigten Staaten anerkennen mussten, dass die Iran-Frage Teil eines grösseren globalen Zusammenhangs geworden ist. 2003 lehnten sie eine Verständigung ab, weil sie sich als unangefochtene Ordnungsmacht verstanden. 2026 suchen sie Verständigung, weil die internationale Ordnung nicht mehr unangefochten ist.

Vielleicht erklärt dies auch die auffällige Zurückhaltung Washingtons in den letzten Wochen des Konflikts. Für China darf Iran weder kollabieren noch einen regionalen Flächenbrand auslösen, der Handelswege, Energieversorgung und Lieferketten gefährdet. Für die Vereinigten Staaten wiederum wäre ein vollständig an China gebundener Iran ein strategischer Verlust. Zwischen diesen beiden Interessen entstand ein diplomatischer Spielraum, der vor wenigen Jahren kaum denkbar schien.

Zwanzig Jahre nach dem gescheiterten „Grand Bargain" kehrt die Frage damit an ihren Ausgangspunkt zurück. Doch die Bedingungen haben sich grundlegend verändert. Damals stand die amerikanische Macht auf ihrem Zenit. Heute wird jede grössere Entscheidung im Nahen Osten durch den sino-amerikanischen Wettbewerb geprägt. Die zentrale Frage lautet deshalb nicht mehr, wie Iran eingehegt werden kann. Sie lautet, wer die Bedingungen seiner Rückkehr in die internationale Ordnung bestimmt.

 

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