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Gaza

«Die Kinder werden niemals vergessen»

25. Juni 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Getötete Mädchen in Gaza
Trauernde neben zwei getöteten Mädchen in Gaza City. Sie kamen in der Nacht auf den Samstag, 20. Juni, bei einem israelischen Luftangriff ums Leben. (Foto: Keystone/AP Photo/Abdel Kareem Hana)

Ein Uno-Bericht wirft der israelischen Armee vor, in Gaza palästinensische Kinder trotz eines Waffenstillstands weiterhin gezielt zu töten und zu missbrauchen. Die israelische Uno-Mission in Genf weist den Report als «verleumderische Farce» zurück und wirft der zuständigen Kommission vor, Israel «absichtlich herauszuheben und zu verunglimpfen». Die Uno-Kommission dagegen spricht von Genozid.

Der Bericht der unabhängigen dreiköpfigen Uno-Kommission ist am Dienstag erschienen und hat die Vorgänge in Gaza seit dem Inkrafttreten des Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas am 11. Oktober des vergangenen Jahres untersucht: «Selbst nach der Waffenruhe vom Oktober 2025 werden Kinder nach wie vor getötet und schwer verwundet, unter fortgesetzter Missachtung der Waffenruhe und des Schutzes palästinensischer Kinder durch Israel gemäss internationalem Recht», folgert der Kommissionsvorsitzende Srinivasan Muralidhar. 

«Der Schutz, die Sorge für und das Überleben palästinensischer Kinder ist untrennbar mit dem Recht des palästinensischen Volkes auf Selbstbestimmung verbunden», stellt der erfahrene indische Jurist fest: «Indem es Kinder ins Visier nimmt, attackiert Israel nichts weniger als die Fähigkeit des palästinensischen Volkes, zu existieren und seine Zukunft zu bestimmen.» 

Heftige Kritik

Israels Uno-Mission in Genf nennt den Bericht «eine verleumderische Farce» und verurteilt die Uno-Kommission als einen «zutiefst fehlerhaften Mechanismus». Auch das israelische Aussenministerium kritisiert den Report in den sozialen Medien und sagt, der Bericht lösche völlig jene israelischen Kinder aus, die von der Hamas brutal ermordet, entführt und anvisiert worden seien, während er den zynischen Missbrauch palästinensischer Kinder als menschliche Schutzschilder durch die Hamas ausser Acht lasse.  

Der Uno-Bericht nennt keine Zahlen, wie viele Kinder die IDF seit dem Waffenstillstand in Gaza getötet haben. Dem Kinderhilfswerk Unicef zufolge ist seit dem 11. Oktober 2025 jeden Tag im Schnitt ein palästinensisches Kind gewaltsam uns Lebern gekommen: «Sie wurden in ihren Häusern, in ihren Schulen, beim Fussballspielen oder beim Fischen getötet», sagt Unicef-Sprecher James Elder: «Sie wurden erschossen, bombardiert und von Luftangriffen getroffen.» Für Elder ist der Waffenstillstand in Gaza «eine grausame und tödliche Illusion». 

«Jeden Tag Tote»

Gemäss dem lokalen Gesundheitsministerium, dessen Zahlen international als verlässlich gelten, hat die israelische Armee in Gaza seit vergangenem Oktober bis Mitte Juni mehr als 1’010 Menschen getötet, unter ihnen 121 Frauen und 253 Kinder. 3’512 Palästinenserinnen und Palästinenser sind verwundet worden. Gleichzeitig sind im Küstenstreifen fünf israelische Soldaten getötet worden, einer unter ihnen durch Feuer aus den eigenen Reihen.

«Es gibt jeden Tag Tote», sagt ein Palästinenser, der mit seiner Familie in einem Zelt in Muwasi lebt: «Sie töten Kinder, die sich der ‹Gelben Linie› (d. h. der Grenze zwischen israelisch besetztem Gebiet und dem Rest Gazas) nähern, um Holz zu sammeln, das sie als Brennholz zum Kochen verkaufen können, um der Familie zu helfen. Netanjahu tötet eine gesuchte Person und alle Menschen um sie herum.»

Kinder als Opfer

Erst am 20. Juni tötete ein Luftangriff auf ein Gebäude in Gaza City vier Menschen, unter ihnen die 14-jährige Lana und die vierjährige Zina al-Safadi. «Ich sass zu Hause in unserer Wohnung. Die Rakete traf uns ohne Vorwarnung», erzählt Mohammed al-Safadi, ein Cousin der getöteten Mädchen. Er und seine Frau seien verwundet worden: «Diese Waffenruhe, von der die Besetzer und die Vermittler sprechen … ist das wirklich eine Waffenruhe? Wir sind Zivilisten. Ich habe nie eine Waffe getragen.»

Am 22. April hatte eine israelische Drohne fünf Menschen getötet, unter ihnen drei palästinensische Kinder, die vor einer Moschee in Beit Lashia spielten: den neunjährigen Abdullah al-Abed, seinen 13-jährigen Bruder Salah und den 14-jährigen Mohammed Balousha. «Ich erwachte von den Bomben, schaute um mich und konnte meine Kinder nicht finden», erinnert sich ihre Mutter bei der Beerdigung: «Ich eilte nach draussen und sah sie auf dem Boden liegen, tot. Abullah verschwand innert einer Sekunde. Ein Geschossteil riss ihm den Kopf ab. Warum? Was war sein Fehler? Klein und sehr dünn. Er ist sehr dünn. Was war sein Fehler? Was war sein Fehler? Sein Gesicht und sein Körper sind voll von Geschosssplittern. Was hat er den Juden angetan?»

Zwei Tage später traf ein Geschoss oder eine Rakete das Haus der Familie Karsou im Süden Gazas. Mutter Islam Karsou, mit Zwillingen schwanger, und ihre zwei Kinder, die vierjährige Naya und der 14-jährige Hamza, wurden augenblicklich getötet.

Zwei Angriffsgründe 

Israels Verteidigungskräfte argumentieren in allen Todesfällen, sie hätten aus einem von zwei Gründen legitime Ziele attackiert. Sie würden entweder Kämpfer der Hamas angreifen oder Verdächtige, die sich der «Gelben Linie» näherten und ihre Soldaten gefährdeten. Das Militär hat aber bisher, wie während des Krieges zuvor, keine detaillierten Erklärungen einzelner Angriffe geliefert oder die Gefahr für Truppen oder mögliche Schäden für Zivilisten näher umschrieben, obwohl es jeweils mitteilt, einzelne tödliche Vorfälle würden untersucht. 

Auf jeden Fall sind laut Uno-Angaben seit Beginn der Waffenruhe 193 Menschen in der Nähe der «Gelben Linie» getötet worden. Unter den 574 bisher verifizierten Todesfällen (von über 1'000 seit Oktober 2025) in Gaza seien 32 Prozent jene von Kindern gewesen. 48 der 183 getöteten Kinder waren dabei alleinige Opfer tödlicher Vorfälle, was der Uno zufolge die Besorgnis nährt, dass israelische Truppen Kinder gezielt angreifen. 

Vor allem Drohnen töten

Laut dem Gesundheitsministerium in Gaza töten in 69 Prozent der Fälle ferngesteuerte Drohnen. 15 Prozent der Menschen werden Opfer von Gewehrfeuer und die übrigen von Artilleriegranaten oder anderen Geschossen. Dem Informationsministerium der Hamas zufolge hat Israel den Waffenstillstand bisher 3’200mal verletzt. Über die Zahl der Verstösse durch die Hamas sind keine Angaben zu finden. 

Mitte Juni hat die Zahl der Toten in Gaza seit Kriegsbeginn 73’000 überschritten; unter ihnen sind 21’000 Kinder. Dem Gesundheitsministerium zufolge handelt es sich allein um direkte Opfer israelischer Angriffe. Die Daten erfassen keine Opfer, die aus anderen Gründen wie Hunger, Krankheit, Lebensumständen oder Zerstörung des Gesundheitssystems ums Leben gekommen sind.

Gelockerte Verhaltensregeln

Experten zufolge könnte die Zahl aller Opfer noch um Zehntausende höher liegen. Seit Kriegsbeginn nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 sind im Küstenstreifen mehr als 173’000 Menschen verwundet worden. Die Hamas und andere militante Gruppen töteten damals im Süden Israels 1’200 Menschen und entführten 251 Personen nach Gaza.

Die IDF argumentieren, sie greife allein militärische Ziele an und unternehme Schritte, um Schäden für Zivilisten und zivile Infrastruktur in Grenzen zu halten. Das beinhalte auch Vorsichtsmassnahmen vor einem Angriff. Fakt ist, dass die Verhaltensregeln der israelischen Armee seit Kriegsbeginn in Gaza gelockert worden sind und mehr sogenannte Kollateralschäden erlauben. Wobei es angeblich mitunter noch gilt, wie derzeit auch im Libanon auf allfällige Empfindlichkeiten der amerikanischen Regierung Rücksicht zu nehmen. 

«Die moralischste Armee der Welt»

In einem Leitartikel für «Haaretz» wundert sich Gideon Levy, wie beleidigt und schockiert Israel auf den Entscheid der Uno reagiert hat, mit Somalia, Syrien, Myanmar und Boko Haram zu jenen Ländern gezählt zu werden, die Kindern schaden: «Was haben wir uns gedacht, als die Armee Tausende von Kindern tötete? Dass die Welt schweigen würde? Dass sich die Uno zurückhalten würde?»

Benjamin Netanjhu könne weiterhin argumentieren, die Uno habe sich auf die schwarze Liste der Geschichte gestellt: «Alle sind auf der schwarzen Liste der Geschichte ausser Israel. Alle sind gegen Israel und antisemitisch, nur Israel ist unschuldig. ‹Die moralischste Armee der Welt› hat Netanjahu (…) erneut geprahlt, was beim Publikum weltweit höchstens noch ein müdes Lächeln auslöste.»

«Die Beweislage ist erdrückend, sie häuft sich unmissverständlich an, unverzeihlich», schreibt Levy: «Acht Monate Krieg gegen Kinder. Acht Monate, in denen Kinder Gliedmassen verloren haben, in denen es Waisen gibt, hungrige, kranke und geschockte Kinder, sterbende und tote Kinder. Die Zahlen sind erschreckend, doch nicht weniger erschreckend ist Israels völlige Leugnung jeglicher Verantwortung. Die Schuld am Tod von mindestens 10’000 Kindern liegt bei ihren Eltern, bei der Hamas und bei der Unicef – nur nicht bei ihren Mördern, nicht bei den Soldaten und Piloten der israelischen Verteidigungskräfte, der moralischsten der Welt.»

In den Wahnsinn getrieben

Gazas Kinder – jene, die überleben – würden das niemals vergessen», schliesst der «Haaretz»-Leitartikel: «Sie wühlen nun in den Trümmern ihrer Häuser, trauern um Eltern und Geschwister, versuchen, ihre Wunden und amputierten Glieder in einem Land ohne ein einziges funktionierendes Krankenhaus zu heilen und werden von Albträumen in den Wahnsinn getrieben. Aber sie werden erwachsen werden und nicht vergessen. Die humanitäre Hilfe kommt nach wie vor nur schleppend voran, Siedler sabotieren Hilfslastwagen und blockieren gewaltsam deren Einfahrt nach Gaza, während Israel auch dazu schweigt. Doch die Kinder werden niemals vergessen, was Israel ihnen angetan hat. Wie könnten sie auch? Nicht über Generationen hinweg.»

Quellen: Haaretz, The New York Times, The Washington Post, The Guardian, Drop Site News, BBC, Reuters

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