David Acklin ist ein 22-jähriger Geschichtsstudent. In diesem Beitrag macht er sich Gedanken über die weitherum beklagte Polarisierung des politischen Diskurses und den Einfluss Sozialer Medien, die diese Polarisierung manipulativ anheizen.
David Acklin ist in Küsnacht aufgewachsen und studiert Geschichte und Politikwissenschaften in Konstanz. Er verfolgt mit grossem Interesse die aktuellen politischen Debatten und die zunehmende Verbreitung polarisierender Rhetorik. Daneben ist er an Motorsportgeschichte interessiert. Seit vielen Jahren ist er begeisterter Eishockeyspieler.
Mit der SVP-Initiative «Keine 10 Millionen Schweiz», welche vor kurzem abgelehnt wurde, ist mir einiges aufgefallen. Als Teil einer Generation, welche in Zukunft politische Entscheidungen entweder als einfache Bürger oder Politiker treffen muss, stelle ich mir die Frage: Ist unsere Demokratie noch tauglich für den polarisierenden, ideologisch aufgeladenen Diskurs für kommende Generationen?
Aufmerksamkeit für 45 Sekunden
Wie mir wohl ein grosser Teil meiner gleichaltrigen Zeitgenossen zustimmen würde, wird die Meinung von jungen Leuten weniger als früher durch das Lesen von ausführlichen, differenzierten Zeitungsartikeln gemacht, sondern viel stärker durch Instagram-Reels und TikToks, welche im Idealfall zwischen 45 Sekunden und einer Minute dauern. In dieser Minute werden politische Themen vereinfacht, emotional aufgeladen und mit pauschalen Zahlen und Halbwahrheiten bestückt, welche ausschliesslich den Zweck haben, den Zuschauer dazu zu bringen, das Kreuz an der richtigen Stelle zu setzen.
Aufgefallen ist mir das als Instagram-Nutzer und Beobachter des politischen Diskurses in den sozialen Medien vor allem während der letzten Kampagne der sogenannten «Nachhaltigkeitsinitiative». Vonseiten der SVP wird durch die Aufblähung der Messerattacke von Winterthur Negativstimmung gegen Ausländer mobilisiert und die Initiative als Universalschlüssel und Lösung aller Probleme propagiert. Sei es Dichtestress, Wohnungsnot oder importierte Kriminalität, da bei den Ausländern die Kriminalitätsrate deutlich höher sei als bei Schweizern.
Was Algorithmen uns aufdrängen
Wenn man aber in Betracht zieht, dass ein Grossteil der Zuwanderung vor allem aus der EU stammt, ist das ja kein wirklich sinnvoller Lösungsansatz, da man sich in diesem Fall eher um das Asylwesen kümmern sollte anstatt um einen allgemeinen, plumpen Bevölkerungsdeckel. Von linker Seite werden diese Statistiken grundsätzlich geleugnet, ignoriert oder diskreditiert, was die SVP-Wähler in ihrer Sache natürlich nur noch mehr bestätigt.
Der Sinn unserer Konkordanzdemokratie mit starken direktdemokratischen Elementen sollte es ja eigentlich sein, dass Parteien oder Akteure mit verschiedenen Meinungen zusammenkommen und an einer nachhaltigen und zeitgerechten Lösung feilen. Die zunehmende Polarisierung der jungen Generation durch Instagram-Reels und TikToks ist da logischerweise nicht sonderlich förderlich. Weil Algorithmen so konzipiert sind, dass den Nutzern Inhalte angezeigt werden, die ihn interessieren könnten, verbringen junge Menschen im Schnitt rund zwei bis drei Stunden auf diesen Apps und beschallen sich mit politischem Short-Form-Content.
Superlative und ultimative Wahrheiten
Damit ein Video überhaupt unsere Aufmerksamkeit findet, erfordert dies meistens Empörung, Aufregung oder Faszination. Sei es der Asylant, der eine Straftat begeht, das neue schnellste Auto der Welt oder die grösste Yacht im Hafen von Monaco. Das Ziel ist immer dasselbe: Superlative und ultimative Wahrheiten. Wer sich nicht nuanciert mit Themen auseinandersetzt und keine anderen Informationsquellen hat, geht in der Flut des Informationsüberflusses unter. Statt sich mit den Ursprüngen verschiedener Strömungen differenziert auseinanderzusetzen, werden die vorverpackten Lösungen in kürzester Zeit als ultimative und einzige Lösungen präsentiert, welche aus der eigenen Misere herausführen sollen.
Ein Beispiel dafür sind Videos, welche die schlechtesten und schlimmsten Ecken von europäischen Grossstädten zeigen, wie das Frankfurter Bahnhofsviertel mit Obdachlosen und Drogensüchtigen, welche auf der Strasse herumlungern und demjenigen, der das Video aufnimmt, Glasflaschen hinterherwerfen. Da erkennt man wieder das Muster der Superlative: «schlechteste» und «schlimmste» Zustände als pauschal geltende Realitäten. Die Quintessenz daraus ist, dass man eine restriktivere Migrationspolitik oder eine sogenannte Remigration (gemeint ist die millionenfache Abschiebung von Nicht-Staatsbürgern und sogar Staatsbürgern mit einem anderen ethnischen Hintergrund) durchsetzen sollte, um derartige Szenarien in der eigenen Heimat zu verhindern.
Diese Beispiele werden als genereller Niedergang der europäischen Kultur geframt. Da aber solche Szenen bei dem Konsumenten des Videos ja nicht direkt stattfinden und nur Angst, Empörung oder Frustration auslösen, eignet sich dieses Beispiel perfekt für die These von Jean Baudrillard über die sogenannte Hyperrealität. Wenn dann solche Inhalte über Monate und Jahre kontinuierlich wiederholt werden, weil der Algorithmus sie dem Nutzer immer wieder aufdrängt, brennt sich dieses Bild förmlich ins Gedächtnis des Einzelnen ein.
Vertrauen in das Potenzial der Vernunft
Jetzt stellt sich die Frage, ob eine Konkordanzdemokratie, die die Zusammenarbeit von verschiedenen Parteien erfordert, um zu einer Lösung zu gelangen, dieser ungeheuerlichen Polarisierung standhält. Eine junge Generation, welche ideologisch an ihrer Meinung festhält und das Gegenüber aufgrund der massiv aufgeblähten Meinungsunterschiede ablehnt oder cancelt, ist wohl keine gute Voraussetzung für unser Demokratiesystem. Lösungsansätze für diese Probleme sind schwierig in die Praxis umzusetzen, vor allem, weil neue Generationen von Politikern und Wählern bei ihrer Meinungsbildung zumindest in grösseren Teilen durch diese Art der Informationsbeschaffung beeinflusst werden.
Auch wenn der Ansatz idealistisch und naiv klingt, führt meiner Ansicht nach das Vertrauen in die Förderung der Vernunft des Individuums zu den wichtigsten Lösungsansätzen. Es geht um das Vernunftpotential des Bürgers, sich differenziert mit verschiedenen Meinungen durch verschiedene Arten von Medien auseinanderzusetzen. Dass solche vernünftigen Abwägungen durchaus auch mehrheitsfähig sind, hat jüngst das Abstimmungsergebnis zur verführerischen SVP-Initiative zur Einführung eines starren Bevölkerungsdecks gezeigt.
Unsere Demokratie bleibt spannend
Zudem kann und muss in den Bildungsinstitutionen eine zeitgemässe Schulung bezüglich der sozialen Medien und dem Umgang mit dem Informationsüberfluss stattfinden. Eine bedingte Beschränkung der Nutzung von sogenannten sozialen Medien wäre sicherlich auch in Betracht zu ziehen. Es ist zweifellos ein weiter und ungewisser Weg, bis solche Lösungen gefunden und durchgesetzt sind. Aber mit den richtigen Ansätzen bleibe ich zuversichtlich, dass unsere einzigartige Demokratie die manipulativen Herausforderungen des digitalen Zeitalters bewältigen wird.
Ich dachte mir vor ein paar Jahren noch, ich sei in der falschen Generation geboren, da bei uns heutzutage alles so selbstverständlich und problemlos zugänglich ist und in früheren dramatischen Zeiten viel mehr los war als in der Gegenwart. Inzwischen habe ich den Eindruck, dass mir ein gewaltiger Irrtum unterlaufen ist. Es gibt immense Hürden und Herausforderungen für meine Generation, welche wir mit dem Einsatz von Vernunft und den richtigen Mitteln zukunftstauglich machen können. Dazu zählt auch unsere Demokratie.