Wahre Lügen

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Wahre Lügen

Von Ignaz Staub, 16.09.2019

In den USA wird einem prominenten Faktenchecker vorgeworfen, Äusserungen von Politikern ideologisch zu prüfen.

Die Medien sehen sich gern als vierte Gewalt im Staate, als Wachhunde der Demokratie, die bellen, wenn sie Faules riechen. Die Selbsteinschätzung trifft auch auf eine Spezies von Medienvertretern zu, die jüngst an Popularität und Prominenz gewonnen hat: die Faktenchecker.

Es sei denn, ein Medium verstehe sich selbst als so erhaben, dass rigoroses Faktenchecken unter seiner Würde liegt. Wie das beim Ressort «Gesellschaft» des «Spiegels» der Fall war, dessen Reporter Claas Relotius unentdeckt mehrere Geschichten gefälscht hat. Für welche ihn die Branche mit renommierten Preisen bedachte.

Einer der prominentesten Faktenchecker Amerikas ist Glenn Kessler von der «Washington Post», den die Zeitung zusammen mit seinem Team in der Kategorie «Reportagen national» 2018 erfolglos für einen Pulitzer Preis vorgeschlagen hat. Kessler ist vor allem dafür bekannt, öffentliche Äusserungen Donald Trumps auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Bis dato hat er dem US-Präsidenten über 12’000 «falsche oder irreführende Behauptungen» seit Amtsantritt nachgewiesen.

Das nicht eben zur Freude Donald Trumps, der jüngst seine Pauschalangriffe auf die Medien intensiviert hat. Via Twitter wirft er ihnen vor, «total VERRÜCKT» geworden zu sein: «Sie schreiben, was sie wollen, stützen sich selten auf Quellen ab (obwohl sie sagen, sie würden es tun), ‘checken’ keine ‘Fakten’ mehr und sind nur noch auf Mord und Totschlag aus. Sie nehmen gute Nachrichten und verwandeln sie in schlechte News. Sie sind heute jenseits von Fake, sie sind Korrupt …»

Zu Recht kann einer fragen, wer die Medien überwachen, die Kontrolleure kontrollieren soll. Grosse amerikanische Zeitungen wie die «New York Times» oder die «Washington Post» sind zum Schluss gelangt, dass sie keine interne Selbstregulierung etwa in Form von Ombudsstellen mehr brauchen. Sie wollen vermehrt auf das Lesepublikum hören, das seine Kritik in Online-Kommentarspalten oder via soziale Medien gratis äussert.

Diese Art von Kritik hat zumindest im Fall von Glenn Kessler funktioniert. Der Faktenchecker der «Post» kam unter Beschuss, nachdem er wiederholt Äusserungen des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders kritisch überprüft und teils für falsch befunden hatte. So zum Beispiel eine Bemerkung des Senators während einer Fernsehdebatte der Demokraten, wonach drei Milliardäre – Bill Gates, Warren Buffet und Jeff Bezos – zusammen reicher seien als die untere Hälfte der amerikanischen Bevölkerung.

Zwar räumten Kessler und sein Team in der Folge ein, Sanders flapsiges Argument basiere «auf Zahlen, die stimmen». Doch sie argumentierten, der Politiker vergleiche «Äpfel mit Orangen», da Leute auf den unteren Stufen der Einkommensskala gar keinen Reichtum besitzen würden, «weil ihre Schulden ausgleichen, was immer sie besitzen». Als Kronzeugen führten die Faktenchecker einen französischen Wirtschaftswissenschaftler an. Dagegen kam das Recherche- und Überprüfungsprojekt «PolitFact» in Tampa (Florida) zum Schluss, Bernie Sanders’ Aussage stimme.

Kritiker werfen Glenn Kessler vor, er versuche, Faktenckecks als ideologische Waffe einzusetzen. Dem linksliberalen Magazin «The Nation» zufolge wird Sanders nicht angegriffen, weil er Falsches behauptet, sondern weil er auf Tatsachen hinweist, die Leute nicht goutieren, die mit dem wirtschaftlichen Status quo zufrieden sind – ein Vorwurf, den die «Washington Post», im Besitz des angeblich reichsten Mannes der Welt, entschieden zurückweist. Skeptiker indes monieren, Kesslers Wirtschaftsfreundlichkeit und die Skepsis gegenüber dem «Sozialisten» Bernie Sanders rühre unter Umständen daher, dass sein Urgrossvater zu den Pionieren des Energiekonzerns Royal Dutch Shell gehörte, dessen Aktionär der Faktenchecker nach wie vor ist.

Die «Washington Post» weist ferner die Unterstellung zurück, das Blatt mache sich falscher Gleichsetzung schuldig, d. h. es messe Trumps gefährliche Lügen mit derselben Elle wie harmlosere Unrichtigkeiten von politischen Gegnern wie Bernie Sanders oder Joe Biden. Wie 2016, argumentiert Jonathan Rauch von der Denkfabrik Brookings Institution, würden die Medien in ihrem Bestreben, ausgeglichen zu berichten, auch heute mithelfen, Donald Trumps Verhalten im Vergleich zu dem seiner Konkurrenten zu normalisieren. «Wir müssen uns im Klaren sein und direkt aussprechen, dass es keine Äquivalenz gibt zwischen der Häufigkeit, mit der sich der Präsident unehrlich äussert und jener, mit der irgendein demokratischer Präsidentschaftskandidat das tut», sagt Daniel Dale, der respektierte Faktenchecker von CNN.

Bedenklich bleibt, dass sich die «Washington Post» bisher geweigert hat, eindeutig belegte Fehler ihrer Faktenchecker einzugestehen. Obwohl in einzelnen Fällen sogar eigene Reporter den Einschätzungen der Kollegen widersprachen. Faktenchecks müssen frei von ideologischen Überlegungen und über alle Zweifel erhaben sein. Sind sie das nicht, erodieren sie zusätzlich das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Medien. Und um diese ist es im Zeitalter von Fake News und alternativen Fakten eh nicht so gut bestellt.

Auf jeden Fall gilt es, Donald Trumps Behauptung akribisch zu widerlegen, er sei am Gewinnen: «Unsere richtigen Gegner sind nicht die Demokraten oder die schwindende Zahl von Republikanern, die vom Weg abgekommen und zurückgelassen worden sind. Unsere Hauptgegner sind die Fake News Medien. Nie in der Geschichte unseres Landes sind sie so schlecht gewesen!»

Auf der Liste der schlechtesten US-Präsidenten taucht Donald Trump nicht auf, da seine Amtszeit noch läuft. Doch gemäss dem History News Network der George Washington University gibt es kaum Zweifel, welchen Platz er belegen würde: «Wie inkompetent oder gar böswillig einige frühere amerikanischen Präsidenten gewesen sind, dieser Amtsinhaber ist einzigartig. Trumps Präsidentschaft ist ein einmaliger Ausreisser, sie beschmutzt ohne Präzedenzfall Normen und Ideale.» An Faktencheckern liegt es künftig, diese Einschätzung zu bestätigen – oder zu widerlegen.

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Ignaz Staub schreibt: «Die Medien sehen sich gern als vierte Gewalt im Staate, als Wachhunde der Demokratie, die bellen, wenn sie Faules riechen.» Bekannt ist aber auch, dass Journalisten manchmal eine Schere im Kopf haben. Sie wissen ganz genau was sie schreiben können, wie wir Angestellten in anderen Branchen auch wissen, was wir sagen können, ohne den Job zu verlieren. Zu starke Kritik an der Autobranche führte auch schon beim Tages Anzeiger zum einem Inseraten Boykott, auch wenn die Fakten, die damals der Tagi zur Autobranche veröffentliche, vermutlich nicht falsch waren.

Zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wagen die Mainstreammedien auch nicht Faules aufzudecken. Als am 11. September 2019 im Volkshaus Zürich eine Veranstaltung zu 9/11 stattfand glänzten die Medien von der NZZ, SRF bis zu der WoZ durch Abwesenheit. Dabei waren die Infos von Dr. Barbara Honegger aus den USA, des Chemieprofessors Niels Hariet aus Kopenhagen und der anderen Referenten durchaus interessant. Sie zerpflückten die offizielle 9/11 Story von den 19 islamistischen Terroristen, die am 11. September 2001 vier Flugzeuge entführt hatten. Ein Flugzeug soll im Tiefflug in das Pentagon geflogen sein. Zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Center in New York. Drei Wolkenkratzer stürzten damals in Manhattan ein. Die Zwillingstürme des World Trade explodieren richtig, wie man auf Fotos und Videos zu sehen ist. Solche riesigen Explosionen nach Bürobränden bei denen Trümmer über hundert Meter weit fortfliegen sind sonst bei Bränden nie zu sehen. Nach der offiziellen 9/11 Version sollen die drei Wolkenkratzer damals ja durch Brände ausgelöst durch den Einschlag der beiden Flugzeuge eingestürzt sein.
Der Journalist Paul Schreyer hat sich im Falle von 9/11 als Fakten Checker betätigt. Siehe:
http://friedensblick.de/11084/paul-schreyer-buch-faktencheck-911/

Der Autor schreibt: "An Faktencheckern liegt es künftig, diese Einschätzung zu bestätigen – oder zu widerlegen."
Nun: der Autor hat nicht verstanden, was das Erfolgversprechende an politischem Handeln ist.
Da Politik bekanntlich ein "schmutziges Geschäft" ist, kann auch in einer Präsidialdemokratie - die de facto sich nicht von einer "Diktatur auf Zeit" unterscheidet - nur der erfolgreich sein, der auf der populistischen Klaviatur zu spielen weiß.
Während der Autor an die Mär von Faktencheckern und einer an Wahrheit interessierten Presse glaubt, weiß jeder, der wirklich denken kann, dass auch in einer Demokratur nur das zählt, "was hinten raus kommt" (H. Kohl).
Für den Autor "gibt es kaum Zweifel", welchen Platz Trump in der Geschichte belegen würde: den schlechtesten.
Dieses Urteil zeigt, dass der Autor von dem, was gute internationale Politik - und das ist ausschließlich Friedenspolitik - ausmacht, keine Ahnung hat!
Fakt ist: Trump hat zehn Mal mehr in der Welt bewirkt, als alle zehn Präsidenten vor ihm, sieht man einmal vom jungen Bush ab, der immerhin eine fulminante False-Flag-Aktion, ein zweites Pearl Harbour, zugelassen hat.
Ausschlaggebend für die Könnerschaft Trumps sind seine Bestrebungen, keine weiteren Kriege führen zu müssen (!), was die Sisyphus-Arbeit erfordert, die chauvinistische Fraktion der us-amerikanischen Landeseliten auf die Knie zu zwingen. [Die Entlassung von Bolton ist ein Indiz für den Wahrheitsgehalt meiner These.]
Allein wegen dieses Interesses an Kriegsvermeidung als natürlichem Mittel von US-Politik hätte Trump jenen Friedensnobelpreis, der dem größten Kriegstreiber nach Bush Junior aufgedrängt worden ist, redlich verdient - aber was nicht ist, kann ja noch kommen.

Mit Verlaub, Herr Weghorn, zum Glück leben wir in einer 'noch' funktionierenden Demokratie; anderenfalls hätten Sie sich mit Ihrer Meinung zurückgehalten - das sind m. E. Stammtischparolen. Dieser Präsident hat mit seinen Helfershelfern Steve Bannon, Boris Johnson, Farage und weiteren Hofschranzen unsere Welt innerhalb von knapp drei Jahren in ein Chaos verwandelt. Phoenix aus der Asche, so tönen diese 'menschlischen Versager'; fast würde ich behaupten, es sind ehrgeizige Typen mit anarchistischen Neigungen. (Lesen Sie, ich kann es Ihnen nur vorschlagen: Die Dämonen von Dostojewski. Hier erkennen Sie, dass diese Art Mensch Chaos anzettelt und dann leise verschwindet. Andere – in der Regel die Bevölkerung - muss die Suppe auslöffeln.) Nun gut - eine Meinung ist eine Meinung - aber ich wehre mich, diesen mit Geld und unlauterem Bodensatz gewählten Präsidenten den 'Doktorhut' aufzusetzen. Ich erinnere an die Friedensschwüre der Nationalsozialisten in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts - den Hitler-Stalin Friedenspakt/Nichtangriffspakt - nur hochgewürgtes Gewölle. Was geschah danach? Der Fersensporn in Amerika hat doch Angst vor seiner eigenen Courage. Der spielt das bekannte Spiel der Angst – der Erpressung, der Dealmaker vom Amt. Der Schwätzer sollte sich tatsächlich auf seine Golfplätze und sein goldenes WC zurückziehen. Bis jetzt hat er nichts erreicht - IM GEGENTEIL! Mir ist klar, dass ich auf diesen Ihren Brief emotional reagieren muss. Dankenswerterweise habe ich eine Erziehung genossen, die sich nicht auf die Wortauswahl eines amerikanischen Präsidenten stützt. Meine Hoffnung für meine Kinder und Enkelkinder ist, dass dieser Hallodri nicht wiedergewählt wird.
MfG K. Montes (74 J.)

Geehrter Herr Weghorn
Sie beschreiben eine Präsidialdemokratie als «Diktatur auf Zeit». Dem würde ich gleich mal widersprechen, denn ein Präsident stellt die oberste Exekutive dar. Ein Diktator ist oberste Exekutive und nimmt direkten Einfluss auf Legislative und Judikative (versucht sie sich zu unterwerfen), missachtet also die Gewaltentrennung. Wenn für Sie Gewaltentrennung für eine Demokratie von minderer Bedeutung sein sollte, dann eint Sie diese Überzeugung mit Präsident Trump, der davon kaum eine Ahnung haben kann, so wie er sich verhält.
Weiter schliesse ich mich Herrn Moreno an. Wie kommen Sie auf die Idee, dass Donald Trump zehnmal mehr geleistet hat, als die zehn Präsidenten vor ihm zusammen? Ich denke eher, dass er bereits jetzt einiges mehr an Golf gespielt hat.
Zu guter Letzt noch dies: Wenn Sie Herrn Staub unbedingt schlecht machen wollen, dann dürfen Sie ihn sicher auch beim Namen nennen. Herrn Staub zu unterstellen, er habe von internationaler Politik keine Ahnung, finde ich aber ehrlich gesagt völlig daneben. Wie Sie lesen können, wenn Sie auf seinen Namen klicken, verfügt Herr Staub über einige Jahrzehnte Erfahrung als Journalist in internationaler Politik (gerade auch in den USA).
Ich persönlich danke Herrn Staub für seinen Artikel und finde einzig eine Sache befremdlich:
Ihren Kommentar dazu Herr Weghorn!

Freundliche Grüsse Max Grob

Sehr geehrter Herr Weghorn

ich fand den Artikel sehr gut und äusserst treffend.
Nichtsdestotrotz sehen Sie den Artikel durch eine offensichlich ideologisch gefärbte Brille. Mich würden die Belege interessieren welche verdeutlichen was genau D. Trump zehn Mal mehr in der Welt bewirkt hat als alle anderen. Es würden mich ganz allgemein Fakten, Belege und Quellen interessieren welche Ihre Aussagen, Behauptungen und Indizien belegen Herr Weghorn?

mit freundlichen Grüssen
P. Moreno

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