Verborgene Hausgötter

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Verborgene Hausgötter

Von Urs Meier, 09.03.2021

Mit Werken aus der hauseigenen Sammlung wurde ein Laboratorium eingerichtet, in dem die Relevanz des konkret-konstruktiven Erbes getestet wird.

Überwältigt steht man vor Heidi Künzlers Raumskulptur, die in der Enge des kleinen Saals im dritten Stock ein geradezu brachiales Statement abgibt. Die zwei langgestreckten aufeinander gelegten Quader schieben sich durch eine Wandöffnung und ragen auf beiden Seiten als monumentale stereometrische Strukturen in den Raum. 

Wir sind unzweifelhaft im Haus Konstruktiv. Was wir sehen, ist konstruktive Kunst in Reinform: Die makellosen, in tiefem Schwarz und klinischem Grün gehaltenen Formen sind nichts als sie selbst; sie stellen nichts dar, was nicht materiell vor Augen ist. Das ist nicht «abstrakte» Kunst, denn Abstraktion setzt voraus, dass es etwas gab, das abstrahiert (abgezogen, weggenommen) wurde und nun als Reminiszenz oder verborgene Bedeutung dem Objekt anhaftet. Die konstruktive heisst genau deswegen auch konkrete Kunst, weil sie diesen Vorgang des Abstrahierens verneint. Quader sind Quader, Stereometrie ist Stereometrie. Die monochromen Objekte enthalten keine Botschaften einer modellierenden oder pinselführenden Hand, sie sind nichts als farbige Gegenstände.

Heidi Künzler (1943–2019): Raumskulptur, 2010; Holz, Farbe, variable Masse; Ausstellungsansicht; Foto: Museum Haus Konstruktiv, Stefan Altenburger
Heidi Künzler (1943–2019): Raumskulptur, 2010; Holz, Farbe, variable Masse; Ausstellungsansicht; Foto: Museum Haus Konstruktiv, Stefan Altenburger

Konzentration auf das Elementare ist das Prinzip dieser Kunst. Sie konstruiert ihre Bildwelten aus solch leeren Formen, und das oft mit mathematisch-aleatorischen Verfahren. Konkret-konstruktive Artefakte pflegen ihre Konstruktionsprinzipien, ihre selbstgewählten Regeln vorzuzeigen. Sie machen die Betrachtenden zu Mitspielern, denn diese können kaum anders, als den Vorgang der Kreation nachzuvollziehen.

Ästhetische Energie

Vor der «Raumskulptur» stehend, folgen wir Heidi Künzlers Ansatz, mit zwei gleichen Quadern zu arbeiten. Sie sind gleich, weil sie materielle Realisationen eines definierten geometrischen Körpers, einer reinen Idee sind. Doch sie sind nicht diese Idee, auch bei perfektester Fertigung nicht. Obschon gleich, sind sie einzelne Dinge. Die Künstlerin hebt dies hervor, indem sie den unteren Quader schwarz, den oberen grün zeigt.

Durch übermässige Grösse rückt die Skulptur ihr Verhältnis zum Raum, in dem sie steht, unausweichlich in den Fokus der Betrachtung. Konnte man sie überhaupt hierher transportieren? Nein, sie wurde in diesem Saal gebaut. Heidi Künzler hat sie in Form eines Modells als Konzept geschaffen, das dann für die Ausstellung eigens realisiert wurde. Das Werk «Raumskulptur» kann exemplarisch für die genealogische Verbindung der Konzeptkunst zur konstruktiv-konkreten Tradition stehen.

Mit der leichten Drehung des grünen gegenüber dem schwarzen Quader bekommt das Objekt ein dynamisches, spielerisches Moment. Und indem es durch eine Wand geht, interagiert es dramatisch mit dem Raum. Es gewinnt so zusätzlich an formaler Komplexität und Dichte. Doch die Skulptur erzählt nichts, weist auf nichts Drittes neben ihr selbst und dem Betrachter. Sie bleibt auf sich bezogen. In ihrer provokanten Selbstgenügsamkeit ist sie schön. Sie strahlt eine ästhetische Energie aus, die ausser dem Aufmerken auf das schöne Spiel der elementaren Formen kein weiteres Echo sucht.

Herausgeforderte Kreativität

Das als «Zürcher Konkrete» in die Kunstgeschichte eingegangene Viergestirn – Camille Graeser, Richard Paul Lohse, Max Bill, Verena Loewensberg – ist für das kleine, der konkret-konstruktiven Kunst verschriebene Museum ein ebenso vitales wie schwieriges Erbe. Vital, weil die ab den dreissiger Jahren in Zürich entwickelte Richtung für die Kunst der Gegenwart von kaum zu überschätzender Bedeutung ist. Schwierig, weil das Haus Konstruktiv nicht eben viele Werke der Zürcher Konkreten besitzt und wohl auf Dauer kaum in der Lage ist, diese Sammlung zu arrondieren. Das Haus Konstruktiv beruht auf einer ihm nur beschränkt erreichbaren Kunst. Eine schwierige, die Kreativität der Ausstellungsmacherinnen herausfordernde Ausgangslage! Was also tun? Wie hält man sich die Hausgötter vom Leib ohne sie zu vertreiben? 

Die Stärke des Museums im einstigen Elektrizitätswerks-Gebäude an der Sihl ist es, eine Stätte der Auseinandersetzung mit Ideen zu sein. Jede der von der Direktorin Sabine Schaschl ausgerichteten Ausstellungen war und ist ein Laboratorium. Da wird von Mal zu Mal die Relevanz des konstruktiven Ansatzes für die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts auf die Probe gestellt.

Wenn jetzt die Losung «Reset» lautet, heisst das nicht, man kehre zu den Anfängen bei den Zürcher Konkreten zurück. Das Motto der Schau bedeutet vielmehr, dass man mit den Beständen der eigenen Sammlung arbeitet, diesmal allerdings bewusst ohne das namengebende Viergestirn. Man hält sich, wie gesagt, die Hausgötter für einmal vom Leib, um später Geschaffenes unbefangener sehen und würdigen zu können. Vieles davon wurde sehr lange nicht gezeigt. So ist denn das Zurückgehen auch eine neue Befragung in veränderten Zeitumständen. 

Weiterwirkende Revolution

Grundlage der Tätigkeit von Haus Konstruktiv ist sei jeher die Tatsache, dass bildnerisches Schaffen sich noch immer in der von den Konkreten vorangetriebenen Revolution befindet. Selbst in Strömungen, die sich nie vom Imitationsprinzip gelöst oder sich diesem wieder neu angenähert haben, bleibt deren Sichtweise mit im Spiel: Alle Elemente der visuellen Gestaltung – Linie, Fläche, Körper, Farbe – haben ihre Bedeutung zunächst in sich selbst. In den 1910er-Jahren hat diese Auffassung – in der holländischen De-Stijl-Bewegung, im russischen Suprematismus – wie ein Meteor in die Kunst eingeschlagen. Zwei Jahrzehnte später haben die Zürcher Konkreten mit diesem Neuansatz zu arbeiten begonnen. Ihre individuellen Oeuvres haben dazu beigetragen, dass der konkret-konstruktive Grundgedanke in der Gegenwartskunst bis heute weiterwirkt.

Lange standen sich konstruktive und expressive Auffassungen antagonistisch gegenüber. Legendär ist der «Zürcher Kunstskandal» von 1970 mit dem Streit zwischen Max Bill und Varlin anlässlich einer Ausstellung im Helmhaus. Indessen sind die rigiden Abgrenzungen doch irgendwann überwunden worden. So erkennt man nun einerseits – etwa in der Minimal Art – die expressiven Valeurs des Konstruktiven. Andererseits werden querbeet im zeitgenössischen Schaffen die konstruktiven Voraussetzungen des Expressiven herausgestellt. Besonders in der heute dominierenden Konzeptkunst, die mit Gestik, Aktion und Multimedialität, aber auch mit dem selbstkritischen, oft selbstironischen Blick auf das Kunstgeschehen neue Dimensionen hereingenommen hat, finden konstruktive Sichtweisen vielfältige Weiterführungen.

Haus Konstruktiv hat zeitgenössischen Fortschreibungen konstruktiver Ansätze immer wieder Raum gegeben. Unter dem Label «Reset» geschieht das einmal mehr. Der Anschluss an die Tradition der Grossen Vier darf dabei durchaus hintergründig, ja, muss nicht einmal direkt intendiert sein.

Dada und Konkrete: Sophie Taeuber-Arp

Bei der von Sophie Taeuber-Arp 1926–1928 in Strassburg mit Hans Arp und Theo van Doesburg gestalteten Bar Aubette – die Rekonstruktion ist eines der Highlights der Sammlung – wird die enge Verwandtschaft des Dadaismus mit der konstruktiv-konkreten Kunst allerdings deutlich.

Sophie Taeuber-Arp (1889–1943): Bar Aubette (Rekonstruktion), 1926–1928/1998; Holz, MDF-Platten, Farbe; 326x507x347 cm; Ausstellungsansicht; Foto: Museum Haus Konstruktiv, Stefan Altenburger
Sophie Taeuber-Arp (1889–1943): Bar Aubette (Rekonstruktion), 1926–1928/1998; Holz, MDF-Platten, Farbe; 326x507x347 cm; Ausstellungsansicht; Foto: Museum Haus Konstruktiv, Stefan Altenburger

Einen unmittelbaren Anschluss ans Konstruktive zeigt Carsten Nicolais «Perfect Square», eine Spiegel- und Glasarbeit, die ein mathematisches Gesetz visualisiert: Teilt man ein Quadrat in lauter unterschiedlich grosse Einzelquadrate auf, so sind dafür mindestens 21 Einzelquadrate notwendig – was 1978 mathematisch bewiesen werden konnte. Nicolai bildet die das perfekte Quadrat ergebenden Einzelquadrate aus parallel montierten Glasflächen, die auf dem Boden über einem Spiegel liegen. Die faszinierende Installation ergibt reizvolle, die benachbarten Bilder einbeziehende Reflexe.

Carsten Nicolai (*1965): Perfect Square, 2004; Glas, Aluminium, Holz, Gummi, Bühnenelemente; 400x400x50 cm
und Beat Huber (*1956): Mega Screen (2 Bilder), 1992; 220x190 cm
Ausstellungsansicht; Foto: Museum Haus Konstruktiv, Stefan Altenburger
Carsten Nicolai (*1965): Perfect Square, 2004; Glas, Aluminium, Holz, Gummi, Bühnenelemente; 400x400x50 cm
und Beat Huber (*1956): Mega Screen (2 Bilder), 1992; 220x190 cm
Ausstellungsansicht; Foto: Museum Haus Konstruktiv, Stefan Altenburger

Im vierten Stock des Hauses an der Sihl bespielen vier jüngere Kunstschaffende unter der Rubrik «Spotlight» je einen Raum mit Auftragsarbeiten. Sie gehen mit den Hausgöttern sehr frei um und lassen dabei mit unterschiedlicher Deutlichkeit Bezüge erkennen.

Guillaume Pilet und Ana Strika

Guillaume Pilet nennt seine Installation «Palimpseste». Sie besteht aus einem von Corbusiers Proportionenmodell Modulor abgeleiteten Wandfries, einem in die Ecke gebogenen Panoramabild, einem aus grellbunten Kuben gebildeten Podest sowie einer Video-Miniatur mit einem sich farblich laufend anpassenden Chamäleon. 

Das Panoramabild ist bei einer mehrtägigen Performance am Ort entstanden. Ein Video auf der Website des Museums zeigt Ausschnitte der Aktion des mit einem Bodypainting bekleideten Künstlers. Seine Körperbemalung, die Grundstruktur des Panoramabildes und weitere Details stehen in einem Bezug zum Modulor, dieweil das Ganze dem Betrachter primär als ekstatisches Geschehen erscheint. – Ein starkes Statement, das diskret auf das Konstruierte im Expressiven hindeutet. 

Guillaume Pilet (*1984): Palimpseste, 2021; Installation mit Wandmalerei, gebogener Leinwand, bemalten Holzobjekten, Performance, Video; Ausstellungsansicht; Foto: Museum Haus Konstruktiv, Stefan Altenburger
Guillaume Pilet (*1984): Palimpseste, 2021; Installation mit Wandmalerei, gebogener Leinwand, bemalten Holzobjekten, Performance, Video; Ausstellungsansicht; Foto: Museum Haus Konstruktiv, Stefan Altenburger

Der letzte der vier Spotlight-Räume ist der grösste und gehört Ana Strika. «Eins nach dem andern» nennt sie ihre Installation, die sich den Wänden entlangzieht und aus lauter Objets trouvés, man könnte auch sagen: aus Gerümpel, besteht. Gerümpel – ein schweizerisches Wort ohne Entsprechung im Hochdeutschen – ist ja etwas ganz anderes als Müll. Letzterer ist das, was wegkann; das Gerümpel hingegen hebt man (wenigstens vorläufig) auf. Es besteht aus Dingen, die vielleicht noch etwas bedeuten können, die in einem Zwischenstadium sind: nicht mehr in Gebrauch und noch nicht endgültig aussortiert.

Ana Strika (*1981): Eins nach dem andern, 2021; Installation mit verschiedenen Materialien; Ausstellungsansicht; Foto: Museum Haus Konstruktiv, Stefan Altenburger
Ana Strika (*1981): Eins nach dem andern, 2021; Installation mit verschiedenen Materialien; Ausstellungsansicht; Foto: Museum Haus Konstruktiv, Stefan Altenburger

Zu dem schrillen Auftritt Guillaume Pilets setzt Ana Strikas Installation einen stillen poetischen Gegenakzent. Die meisten Gegenstände sind ein wenig geheimnisvoll. Sie sind an die Wand gelehnt, aufgehängt oder zu Boden gelegt, zeigen zumeist schwärzliche oder Non-colour-Töne. 

Wer in diesen Raum gelangt, wird ihn zu lesen versuchen, da wir ja nichts sehen können, ohne nach Bedeutungen zu fragen. Jede und jeder wird dabei eigene Erfahrungen machen. Diejenige des Berichterstatters läuft darauf hinaus, dass in diesem Fall nicht die Gegenstände etwas sagen, wohl aber der Raum: Dieser lässt erkennen, was ein Museum ist, nämlich ein Ort (oder vielleicht eher ein Kontext), der ausgestellten Objekten eine angereicherte Aufmerksamkeit zukommen lässt. Das Sehen wird aufgeladen mit Erwartungen, es stellt Verbindungen zu früheren Begegnungen mit Kunst her und greift tief hinein in den persönlichen Fundus von Erinnerungen und vielleicht auch von Träumen.

Die Schau als Ganze geht weniger aufs Träumen als aufs genaue und kompetente Betrachten aus. Sie fördert letzteres mit Informationen, die auf den Täfelchen mit den Werkangaben mittels QR-Codes aufs Handy abrufbar sind. Besucherinnen und Besucher lernen so die Intentionen der Kuratorinnen kennen und nehmen teil am Forschen im Laboratorium Haus Konstruktiv.

Museum Haus Konstruktiv, Zürich: RESET – Museum. Sammlung. Zukunft. 
2. März bis 16. Mai 2021
kuratiert von Sabine Schaschl, Evelyne Bucher, Eliza Lips

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