"Sala"

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"Sala"

Von Arnold Hottinger, 01.08.2016

Die Religionsbehörte wird immer mehr zum Werkzeug Erdoğans und gewinnt an Macht. Bei der Niederschlagung des Aufstandes spielte sie eine entscheidende Rolle.

Der versuchte Coup missriet unter anderem auch deshalb, weil Präsident Erdoğan mit seinem Handy die private Fernsehstation CNN Turk anrief und via Fernsehen die Bevölkerung zum Widerstand aufrief. Diese Tatsache ist oft erwähnt und kommentiert worden.

Doch dass es auch noch einen zweiten Weg gab, um die Bevölkerung zum Widerstand aufzurufen, wird viel seltener hervorgehoben.

Dieser zweite Weg lief über Diyanet, die staatliche Organisation zur Beaufsichtigung der islamischen Religion, die es in der Türkei seit Atatürk gibt. Diyanet wurde 1924 gegründet, um zu verhindern, dass die islamische Religion unstatthaften Einfluss auf das türkische Staatswesen nimmt. Der Staat war und wird heute noch in der Verfassung als "laizistisch" beschrieben.

Behörde zur Förderung des Islam

Diyanet untersteht dem Amt des Ministerpräsidenten. Er bestimmt den Leiter der Religionsbehörde. Sie verfügt über staatliche Gelder, um den Betrieb aller türkischen Moscheen aufrecht zu erhalten. Alle dort wirkenden Geistlichen sind Angestellte der Religionsbehörde. Die Freitagspredigt, die sie traditionsgemäss beim Mittagsgebet jeden Freitag halten, wird zentral von Diyanet verfasst und an alle Moscheen verteilt. Es wäre illegal, eine andere als diese Predigt zu halten.

Während der Atatürk-Zeit - und beinahe sieben Jahrzehnte nach ihr - diente diese Religionsbehörde in erster Linie dazu, dafür zu sorgen, dass die muslimischen Geistlichen nicht versuchten, sich in die staatliche Politik einzumischen und nicht über Gebühr Einfluss auf das öffentliche Leben nehmen. Erst als mit Erdoğan 2002 eine Partei an die Macht kam, die sich auf den Islam berief und seine Rolle in der Öffentlichkeit zu fördern suchte, änderte sich das Ziel der Religionsbehörde. Sie wurde unter einem von der AK-Partei Erdoğans ernannten neuen Chef von einer Kontrollinstanz zu einer Behörde zur Förderung des Islam.

Eine Befehl an 110'000 Geisitliche

Als der Staatsstreich begann, wies Ministerpräsident Benali Yildirim den Chef der Diyanet-Behörde, Mehmet Görmez an, allen Geistlichen in allen Moscheen zu befehlen, sie sollten von den Minaretts aus „Sala“ ausrufen lassen. "Sala" war in der Osmanischen Zeit, vor Atatürk, der Aufruf, der ein Begräbnis ankündigte. Er wurde damals auch benützt, um Kriegs- und Brandgefahr zu melden, vergleichbar unseren Sturmglocken. Doch nach der Osmanischen Zeit war "Sala" zwar nicht verboten, jedoch in den Städten ausser Gebrauch gekommen.

Noch vor Mitternacht des 15. Juli, des Putschtages, rief die Regierung 110'000 Imame (Moscheenvorsteher und Vorbeter) an. Sie wurden aufgefordert, von den 85'000 türkischen Minaretten aus, „Sala“ auszurufen. Manche der Moscheevorsteher spielten den Warn- und Notruf kontinuierlich über ihre Lautsprecher ab. Andere ergänzten ihn mit Aufrufen an die Bevölkerung, auf die Strasse zu ziehen und sich mutig den Putschisten entgegenzustellen. Sie gaben auch Versammlungspunkte für die Gegendemonstranten bekannt.

"Allahu akbar!" statt Demokratie-Rufe

Es kam vor, dass Moscheen in Istanbul und in Izmir von Pro-Putschisten angegriffen wurden, um die "Sala"-Rufe zum Schweigen zu bringen. Personen, die dies taten, wurden später festgenommen. Auch Imame, die die Weisung nicht befolgten, wurden nach dem Putsch verhaftet. Es soll 349 von ihnen gegeben haben. In den Volksquartieren war die Mobilisation über die Moscheen wichtig.

Türkische Kommentatoren hoben hervor, dass es offiziell um die Rettung der Demokratie gegangen sei. Doch die Demonstranten, die gegen den Putsch manifestierten, gingen nicht mit dem Ruf „Demokratie“ auf die Strasse, sondern mit dem traditionellen muslimischen Schlachtruf "Allahu akbar" (Gott ist am Grössten).

Massenmedien und die Stimme der Religion

Viele Türken aus den Volksquartieren berichteten, dass zwei Stimmen ihnen geholfen hätten, die Angst und Verwirrung zu vertreiben, als Schüsse auf den Strassen fielen und Kampfflugzeuge die Schallmauer über den Grossstädten Istanbul und Ankara durchbrachen: die Stimme Erdoğans, die CNN Turk verbreitete, und die „Sala“-Rufe von den Minaretten.

Diese Doppelwirkung ist bezeichnend für die Situation in der Türkei und in der gesamten islamischen Welt. Einerseits gibt es die Massenmedien mit ihrer mobilisierenden aber auch verwirrenden Wirkung in Gesellschaften und Gesellschaftsschichten, in denen die Informationen noch vor wenigen Jahrzehnten überwiegend von Mund zu Mund kursierten. Gedruckte Zeitungen waren einer Oberschicht vorbehalten. Das Radio "Saut al-Arab" (Die Stimme der Araber) war erstmals unter Nasser in den 50er Jahren zum Hauptträger der staatlichen Propaganda geworden. Andrerseits jedoch gibt es überall breite Unterschichten, denen die Stimme der Religion am wichtigsten ist – und dies sogar zwei Generationen nach der von Atatürk begründeten laizistischen Türkei.

Archaisches und Digitales

Jetzt besteht eine Verbindung zwischen dem Archaischen und dem Digitalen. Die Imame wurden über Handys mobilisiert. Umgekehrt werden archaische Religionsbotschaften und sektiererische Religionsdeformationen sowohl übers Internet wie auch über Fernsehkanäle verbreitet.

So können breite Gesellschaftsschichten sofort informiert werden. Unter ihnen befinden sich verunsicherte und labile Einzelpersonen und Minderheiten, die schnell angesprochen und motiviert werden können.

Geistliche statt Bürokraten

Die türkische Religionsbehörde wird immer mehr zu einem Werkzeug des Staates, um Einfluss auf die Bevölkerung zu nehmen. Das Jahr 2010 war entscheidend. Der "säkularistisch" ausgerichtete Präsident Ahmet Necdet Sezer beendete 2007 sein Mandat. Nach einem heftigen politischen Kampf und juristischem Ringen wurde er vom früheren Ministerpräsidenten Abdullah Gül abgelöst, einem Vertrauten des AKP-Präsidenten Erdoğan.

Der damalige Vorsteher der Behörde, Ali Bardakoglu, der seit der Zeit Sezers wirkte, überwarf sich 2010 mit Erdoğan und wurde abgesetzt. Sein Nachfolger wurde Mehmet Görmez, der als ein Anhänger Erdoğans gilt. Seither hat sich das Budget der Religionsbehörde vervierfacht. Es steht heute bei zwei Milliarden Dollar. Die Behörde beschäftigt 150’000 Personen, meist Geistliche. Das sind mehr als die Angestellten des Innenministeriums. Es sind nicht mehr wie früher staatliche Bürokraten, die Diyanet leiten, sondern mehr und mehr religiös ausgebildete Geistliche.

Koranisch indoktriniert

Die Behörde eröffnete eine eigene Fernsehstation, die heute Tag und Nacht sendet. Eine Reform des Unterrichtswesens brachte die Koran-Kurse, die bisher einer Mitaufsicht durch das Unterrichtsministerium unterstanden, unter ihre Aufsicht. Gleichzeitig wurde die früher bestehende Altersgrenze von zwölf Jahren aufgehoben, so dass nun auch jüngere Kinder koranisch indoktriniert werden können und werden.

Die Religionsbehörde erhielt auch das Recht, Internate zu führen, ebenfalls ohne untere Altersgrenze. Sie gibt Fatwas, Rechtsgutachten nach islamischem Recht, die auf Anfrage über eine kostenfreie Telefonleitung erhältlich sind. Die erteilten Antworten haben in der Türkei keinerlei rechtliche Bedeutung. Doch sie vermitteln einen islamischen Verhaltenskodex.    

Ein Instrument Erdoğans

Die Rolle, welche die Religionsbehörde bei der Niederschlagung des verfehlten Staatsstreichs gespielt hat, dürfte dazu führen, dass sie in den kommenden Jahren ihre Macht und Bedeutung noch weiter ausdehnen kann. Solange sie gewissermassen als der geistliche Flügel mit der AKP zusammenarbeitet und so die Machtposition Erdoğans stärkt, kann man ihr eine einflussreiche Zukunft verheissen.

Ja, die DITIB fördert die türkischen Parallelgesellschaften in Westeuropa. Und keine Partei wagt es, dieses Gebaren anzuprangern, geschweige denn verbieten zu versuchen. Hurra, wir kapitulieren! war ein Buch eines polnischen Juden, den man klar nicht zur Kenntnis nehmen will.

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