Ein Museum sucht seine Bilder

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Ein Museum sucht seine Bilder

Von Urs Meier, 25.10.2018

Das Haus konstruktiv macht Handicaps zu Assets: Ihm fehlen die Bilder, denen es sich widmet. Dennoch erweist es die Aktualität der Zürcher Konkreten, Bill, Loewensberg, Graeser, Lohse.

Vier visionäre Persönlichkeiten haben Zürich auf die Weltkarte der modernen Kunst gesetzt. Sie bildeten keine Künstlergruppe, begründeten auch nicht einen neuen Stil, wiesen aber in ihrem Schaffen Gemeinsamkeiten auf. So wurden sie denn irgendwann als „Zürcher Konkrete“ bezeichnet, und dieser Begriff ist als eine der ganz wichtigen Markierungen in die jüngere Kunstgeschichte eingegangen, obschon er bei den von ihm Gemeinten nicht unumstritten war.

Die als „Zürcher Konkrete“ Bezeichneten waren – nach Alter gruppiert – Camille Graeser (1892–1980), Richard Paul Lohse (1902–1988), Max Bill (1908–1994) und Verena Loewensberg (1912–1986). Ihre Bezeichnung als „Konkrete“ ist nur zu verstehen vor dem Hintergrund damaliger Theoriediskussionen: Der Begriff des Konkreten vor allem in Malerei und Poetik drückte aus, dass die verwendeten Elemente – Form, Farbe, Linie in der bildenden Kunst; Laute, Wörter, Schriftbilder in der Lyrik – nie als Abbild oder Zeichen für etwas von ihnen Dargestelltes stehen, sondern stets lediglich für sie selbst. Eine Linie ist ausschliesslich eine Linie, und nicht beispielsweise die Darstellung eines Horizonts. Die so verstandene Linie ist in dem Sinne „konkret“, dass sie genau das meint, was sie ist – eben ein Bildelement.

Konstruierte Bilder

Ohne solche Umwege verständlich ist dagegen der von den „Zürcher Konkreten“ vielfach bevorzugte Begriff des Konstruktiven. Er bezieht sich auf den künstlerischen Prozess und das zugrunde liegende Bildverständnis: Die Bilder sind Konstruktionen, oft auf mathematisch-aleatorischer Grundlage, mit geometrischen reinfarbigen Elementen. Diese Bild-Bauteile weisen keinerlei Pinselspuren auf. Freie zeichnerische oder malerische Gestik hat keinen Platz. Konstruktive Bilder zeigen mit kühler technischer Perfektion die ihnen zugrunde liegenden Bauprinzipien.

Diese in den 1930er-Jahren entwickelte konkret-konstruktive Bildsprache hat Vorläufer im russischen Suprematismus wie auch in der holländischen De-Stijl-Bewegung der 1910er-Jahre, unterscheidet sich aber von diesen zumeist durch ihre methodische Konsequenz. Die logische Idee der Konstruktion ist für den Betrachter lesbar. Die Bilder haben oft etwas Demonstratives, und da liegt natürlich die Welt der Gebrauchsgrafik nah. Doch mit ihrem Rigorismus distanzieren sich die Zürcher Konkreten auch wieder von solchen Bezügen. Das reine Spiel ihrer Bilder und Objekte geht von abstrakten Gedanken aus.

Es ist eben diese Radikalität, die den Zürcher Konkreten nicht nur eine herausgehobene Position in der Moderne des 20. Jahrhundert zuweist, sondern sie zu Impulsgebern für die gesamte zeitgenössische Kunst gemacht hat. Dies ist denn auch der Grund, weshalb 1986 in Zürich das Museum Haus konstruktiv eröffnet wurde: Es widmet sich den Zürcher Konkreten und dient als Laboratorium der produktiven Auseinandersetzung mit ihnen.

No image is available

Nur besitzt das Haus konstruktiv leider gar nicht viele Werke von Graeser, Lohse, Bill und Loewensberg. Das hat diverse Ursachen, so die 1986 eigentlich viel zu spät erfolgte Gründung des Hauses (da waren die Vier schon arg teuer geworden). Erschwerend kommen die bei Bill und Lohse schwierigen Umstände der Nachlassbetreuung hinzu. So kann das Museum wegen rechtlicher Schwierigkeiten in seiner Online-Sammlung bei Letzteren statt der digitalen Abbildungen hauseigener Werke lediglich graue Kacheln mit dem Text „Sorry, for copyright reasons no image is available of this work“ zeigen.

Es könnte eigentlich zum Verzweifeln sein. Doch Direktorin und Kuratorin Sabine Schaschl ist es jetzt gelungen, das berühmte Zürcher Quartett mit einer vollständig aus Leihgaben bestückten Ausstellung zu präsentieren. Sie nennt dies „Das Museum der Wünsche“ und greift damit auf ein Format zurück, das Pontus Hultén, Gründungsdirektor des Moderna Museet, 1963 in Stockholm erstmals realisierte und das seither da und dort wieder aufgegriffen wurde: Man zeigt mittels Leihgaben, was man als Museum gerne in der Sammlung hätte und winkt den Mäzenen und Sponsoren ein bisschen mit dem Zaunpfahl. Es soll bei der Premiere in Stockholm funktioniert haben, und gleiches erhofft sich nun das Haus konstruktiv.

Vier Bilderräume als Wunschkatalog

Was Sabine Schaschl auf der vierten Etage ihres Hauses als Wunschkatalog zeigt, hat es in sich. In je einem Raum sind die Zürcher Konkreten mit hochkarätigen Werkgruppen präsent. So ist eine packende und instruktive Schau zusammengekommen. Die Eigenständigkeit jeder der vier Künstlerpersönlichkeiten wird dabei genauso sichtbar wie ihre sachliche Nähe, die sie trotz bewusst vermiedener Gruppenbildung verbindet. Ein Mut zur Klarheit zeichnet sie aus, ein Vertrauen auf die Richtigkeit ihrer jeweiligen künstlerischen Entscheidungen. Sobald man in diese Räume kommt, spürt man die Kraft dieser Werke. Sie haben nach einem halben Jahrhundert keinen Staub angesetzt, sondern wirken unmittelbar zeitgenössisch, gehören unzweifelhaft zu „unserer“ jetzigen Kunst.

Camille Graeser ist der Poetisch-Musikalische. Wiederholt beschäftigt er sich mit der Transposition von Bildelementen: Das „dislozierte Quadrat“ ist nicht nur als Form unterwegs, sondern kann sich beim Verschieben auch selber verändern. Die Logik solcher Vorgänge ist bei Graeser klar erkennbar, verläuft aber nicht im deterministischen Korsett. Die konstruktiven Bewegungen haben spielerischen Charakter.

Anders Richard Paul Lohse mit seiner fast schon unerbittlichen Strenge: Seine Bilder sind Maschinen, in denen klar vorgegebene kombinatorische Prozesse ablaufen. Deren Regeln sind beim einzelnen Bild mehr oder weniger leicht ablesbar. Lohse hat stets das „Demokratische“ seiner Kunst betont, vermutlich mit Blick auf die Stringenz der Konstruktionslogiken. Sie versetzen den Betrachter im Prinzip in die Lage, Lohses Bildideen einwandfrei zu rekonstruieren.

Max Bill ist der Meister der Variationen. Er experimentiert mit Formen, etwa der Spirale, und zwar in Bild und Skulptur. Gegenüber den eigenen konstruktiven Ausgangskonstellationen ist er immer wieder bemerkenswert souverän. Er baut zwar Bildmechanismen, unterwirft sich ihnen aber nicht. Viel zu sehr interessieren ihn die Intervention ins eigene Setting und das Durchprobieren von Möglichkeiten. So sind seine Werke vor allem dies: Realisationen, die auch anders sein könnten.

Den freiesten Umgang mit den selbstgeschaffenen Gesetzmässigkeiten pflegt Verena Loewensberg, Jüngste des Quartetts und dessen einzige Frau. Regelbasiert sind auch ihre Bilder, aber oft stehen da verschiedene Regeln im Widerstreit, oder es fliegen fremde Objekte in die Bilder ein und werden in einem (scheinbaren) Zufallsmoment festgehalten. Verena Loewensberg zeigt sich auch als Erforscherin von Farbkombinationen, indem sie Töne nebeneinander stellt, die man für unvereinbar halten würde, gäbe es nicht dank Loewensbergs kühnen Experimenten den Beweis, dass die Möglichkeiten der Farbe noch immer Terra incognita sind.

Weiterführungen des konstruktiven Ansatzes

Die vier Räume des „Museums der Wünsche“ liefern einmal mehr den Beweis für die phänomenale Vitalität und Relevanz der Zürcher Konkreten. Im Haus konstruktiv wäre man glücklich, sie dauerhaft auf einer breiteren Sammlungsbasis demonstrieren zu können. Denn diese Kunst ist einfach zu wichtig, um vorwiegend verstreut und vereinzelt vorzukommen, in Privatsammlungen und Depots zu dämmern und so über kurz oder lang in Vergessenheit zu geraten. Die Zürcher Konkreten brauchen eine konzentrierte Präsenz in einer öffentlichen Institution mit Strahlkraft. Es muss einen Ort geben, der die aktuelle künstlerische Auseinandersetzung mit dieser eminenten Tradition pflegt.

Genau dies leistet das Haus konstruktiv trotz schwieriger Bedingungen auf beachtlichem Niveau. Das Museum lädt immer wieder Künstlerinnen und Künstler zu Ausstellungen ein, in denen eigenständige Weiterführungen des konstruktiven Ansatzes gezeigt werden. Das ist auch jetzt gerade der Fall mit der Österreicherin Helga Philipp (1939–2002), einer Vertreterin der Op-Art und der kinetischen Kunst. „Kinetisch“ sind ihre Objekte, weil die vorbeigehenden Betrachter dank wechselnden Blickwinkels eine Illusion von Bewegung bekommen.

Helga Philipp: Kinetisches Objekt, 1971, © Estate Helga Philipp (Photo: Helmut Kedro)
Helga Philipp: Kinetisches Objekt, 1971, © Estate Helga Philipp (Photo: Helmut Kedro)

Die konstruktiven Ansätze bei Helga Philipp beruhen stets auf spielerischer Kombinatorik, sei es mit Reihungen massiver Platten, monochrom mit dick aufgetragenem Pinselstrich, sei es durch Block-Anordnung von Druckgrafiken mit variierten Strukturen in leuchtenden Primärfarben, sei es durch eine Domino-Kette, die sich über mehrere Wände erstreckt oder durch sieben kleinformatige „leere“ Bilder, die nichts zeigen als eine Sequenz allmählich breiter aufgeteilter vertikaler Prägelinien im weichen Papier.

Die früh verstorbene Helga Philipp hatte in der Kunstszene ihres Landes, die generell viel stärker dem Expressiven, Barocken, Sinnlichen zuneigt als dem Konstruktiven, Kühlen, Intellektuellen eine Randposition inne. Sie hat die Interaktion zwischen Betrachter und Werk stets direkt in ihr Schaffen einbezogen. Bei manchen ihrer Artefakte sind Auswahl und Platzierung der Werkbestandteile den Ausstellungsmachern überlassen. Die Werke sind also nicht „fertig“, nicht von der Künstlerin festgelegt. Sie bestehen aus Teilen, die nur dadurch zum Werk werden, dass Macherinnen und Betrachterinnen sich auf das Spiel des Mit-Schaffens einlassen.

Das Konstruktive als Signal gegen Anarchie

Eine weitere Werkschau gilt dem Träger des diesjährigen Zurich Art Prize. Der in Berlin und Johannesburg arbeitende Südafrikaner Robin Rhode zeigt neben Unausgereiftem und bemüht Originellem auch die eindrückliche fotografische Dokumentation seiner Street-Art-Aktionen in Johannesburg.

Robin Rhode: Delta, 2018, C-Print, 4 parts Courtesy the artist and kamel mennour, Paris/London
Robin Rhode: Delta, 2018, C-Print, 4 parts Courtesy the artist and kamel mennour, Paris/London

Rhode inszeniert Tänzerinnen und Tänzer vor grossen konstruktiven Bildern, die er zuvor mit Beteiligung jugendlicher Drogenabhängiger und Delinquenten an zerfallenden Mauern aufgebracht hat. Der Künstler hat in Zürich erklärt, die Aktionen seien in dem von endemischer Kriminalität völlig destabilisierten Stadtviertel Johannesburgs nur unter permanenter Bewachung durch drei bewaffnete Sicherheitsleute möglich gewesen. Robin Rhode sieht in seinen durchgestylten Tanzszenen vor den streng konstruierten Wandbildern eine symbolische Gegenkraft zur in Südafrika omnipräsenten Anarchie.

Museum Haus konstruktiv, Zürich:

Alle Ausstellungen dauern vom 25. Oktober bis 13. Januar 2019 und wurden kuratiert von Sabine Schaschl.

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