Der globalisierte Terror

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Der globalisierte Terror

Von Taoufik Ouanes, Genf - 27.06.2015

Taoufik Ouanes ist Wirtschaftsanwalt in Tunis und Genf und Professor für internationales Recht. Er war lange Zeit Funktionär bei der Uno. Journal21 spricht mit ihm über den „schwarzen Freitag“.

Journal21: Die jüngsten Anschläge waren offenbar eine koordinierte Aktion der Terroristen des „Islamischen Staats“. Weshalb gerade jetzt?

Taoufik Ouanes: Das Timing der Anschläge in Sousse, Kuweit und Frankreich hat Symbolcharakter. Genau vor einem Jahr, an einem Freitag, wurde der sogenannt „Islamische Staat“ (IS) offiziell ausgerufen. Mit den jüngsten Attentaten haben die Terroristen ihre Stärke beweisen wollen. Sie haben demonstriert, dass sie fast überall, wo sie wollen, zuschlagen können.

Dieser „Staat“ ist innerhalb eines Jahres wirklich zu einem Staat mit festen Strukturen herangewachsen. Zehn Millionen Menschen leben in ihm, in Syrien und im Irak. Es gibt ein funktionierendes Wirtschaftssystem, es gibt Spitäler, in denen selbst westliche Ärzte arbeiten. Sogar ein eigenes islamisches Geld wurde eingeführt. Der „Islamische Staat“ ist viel mächtiger und gefährlicher als es al-Qaeda von Bin Laden war.

Gefährlicher als al-Qaeda?

Ja, nach der Globalisierung der Wirtschaft müssen wir akzeptieren, dass es einen globalisierten Terror gibt. Die Terroristen können und werden wohl überall zuschlagen, auch in Europa, auch bei uns. Viele glauben noch immer, der Terror sei ein länderspezifisches Problem: ein Problem von Syrien, des Irak, von Mali, Saudi-Arabien, Kuweit, Nigeria, Somalia und Frankreich. Aber der Terrorismus wird immer mehr zu einem transnationalen Problem. Es gibt heute eine „Internationale des Terrors“.

Der Papst sprach vom Beginn eines dritten Weltkrieges.

Der Papst hatte recht: Der dritte Weltkrieg hat begonnen. Er beginnt schleichend. Im Westen glauben immer noch viele, dass es sich um einen Religionskrieg handle. Das ist falsch. Es ist auch kein Krieg von Sunniten gegen Schiiten, wie immer wieder behauptet wird. Es ist kein islamo-islamistischer Krieg wie zu Chomenis Zeiten. Es ist ein Krieg zwischen zwei grundverschiedenen Zivilisationen. Ein Krieg zwischen Ideologien. Die Terroristen kämpfen gegen die westliche Zivilisation. Die Anschläge der sunnitischen IS-Terroristen auf schiitische Moscheen haben nur den Zweck, einen Bürgerkrieg zu provozieren, die Länder zu destabilisieren und letztlich die pro-westlichen Regierungen zu stürzen.

Was kann Europa tun?

Leider tut Europa kaum etwas Konstruktives gegen den Terrorismus. Die Europäer beschäftigen sich seit Monaten nur mit Griechenland. Immer nur Griechenland. Als ob es keine anderen Themen gäbe. Auch wenn Griechenland die Euro-Zone verlässt, wird Europa überleben. Wenn aber Europa sich nicht endlich bewusst wird, dass es vom Terror arg bedroht ist, wird es vielleicht nicht überleben. Man muss es offen sagen: Europa ist bedroht.

Im europäischen Haus lodert das Feuer. Man soll den Teufel nicht an die Wand malen, doch viele sind sich dessen noch nicht bewusst. Das Feuer im Haus lodert, und was tut Europa? Es nervt sich, weil ein Nachbar das Fenster geöffnet hat und laute Musik macht.

Gäbe es eine einfache Strategie gegen den Terror, würde man sie wohl einsetzen.

Kein Staat kann allein den Terrorismus bekämpfen. Doch noch immer fehlt eine internationale Strategie. Das klingt zwar simpel, aber es ist so. In Europa reduziert man alles auf das Thema Migration. Man tut alles, um die Flüchtlingswelle einzudämmen. Die EU will Boote am libyschen Strand bombardieren; das ist ja lächerlich. Aber man tut zu wenig, um die Ursachen der Migration zu erkennen. Nicht die Migration schafft hauptsächlich den Terror, sondern umgekehrt: Der Terror schafft die Migration. Die ersten Opfer des „Islamischen Staats“ sind die Muslime.

Europa glaubt, wenn man die Flüchtlingswelle bekämpfe, kämen auch keine Terroristen in den Norden. Das ist falsch. Es gibt heute in Europa überall schlummernde Terroristenzellen. Viele sind bereit, bald zuzuschlagen, andere Zellen sind im Aufbau. Die Mitglieder dieser Gruppen sind grösstenteils Zweit- oder Drittgeborene von Einwanderern. Doch nicht nur. Es gibt auch Europäer die dabei sind.

Was also tun?

Fragen wir uns doch: Weshalb ist der „Islamische Staat“ so reich und verfügt über modernste Waffen? Wer verkauft die Waffen an den „Islamischen Staat“? Westliche Länder sind es. Teils direkt oder über mehrere Zwischenhändler gelangt modernstes Kriegsgerät in die Hände der Terroristen. Und der Westen kauft, auch direkt oder über Zwischenhändler, das Rohöl, das der „Islamische Staat“ im Irak oder in Syrien fördert.

Es wäre schon gut, wenn sich Europa wirklich der Gefahren bewusst würde. Noch hat jeder Staat seine eigenen Rezepte, doch zwingend ist, dass man zusammenarbeitet. Und zwar nicht nur in Europa selbst. Es braucht eine Art Nord-Süd-Achse. Wenn der Westen den Ländern im Nahen Osten nicht vermehrt unter die Arme greift, wird der Terror immer mehr blühen. Den Terror kann man nur bekämpfen, wenn man eng mit den Staaten zusammenarbeitet, in denen der Terror entsteht, mit Irak, Syrien und so weiter.

Also zum Beispiel eine Zusammenarbeit des Westens mit Asad?

Warum nicht! Man muss sich die Frage stellen: Will man Asad oder den „Islamischen Staat“?

Soll man Russland ins Boot holen?

Europa gelingt es nicht, mit Russland zu verhandeln. Man versteht sich nicht. Sicher soll Europa gegen die expansionistische Politik Putins bestimmt auftreten. Aber auch Putin hat Interesse daran, den Terrorismus zu bekämpfen. Vielleicht ist Russland das nächste Aktionsfeld des „Islamischen Staats“. Blockiert wird ein gemeinsamer westlich-russischer Kampf gegen den Terrorismus, weil man Syrien gegen die Ukraine ausspielt – und umgekehrt.

Sie sind Tunesier, Sie stammen aus Sousse. Welche Bedeutung hat der Anschlag auf Ihr Land?

Er hat nicht nur katastrophale wirtschaftliche Konsequenzen. Viele Touristen werden nicht mehr kommen. Die Tunesier sind wütend und tief deprimiert, denn sie wissen: Der Anschlag in Sousse ist mehr als ein Anschlag auf ein Hotel. Es ist ein Anschlag auf das tunesische Modell, in das die Tunesier so viele Hoffnung setzen. So hat das Attentat wichtigen Symbolcharakter.

In Tunesien begann der Arabische Frühling. Tunesien ist das einzige arabische Land, dem es gelang, demokratische Strukturen nach westlichem Vorbild zu errichten. Auch wenn dieses demokratische Gebilde noch schwach ist, es ist da. Und dieses westliche Modell wollen die Terroristen zerstören. Für den „Islamischen Staat“ ist der Westen korrupt, dekadent, ungläubig, kolonialistisch. All das will man bekämpfen. Der Anschlag auf das Bardo-Nationalmuseum in Tunis im März war nur der Auftakt. Die tuneische Regierung ist schwach. Auch wenn die Zahl der Sicherheitskräfte verdoppelt würde, gegen diese Art Terror, wie sie jetzt in Sousse stattfand, gibt es kaum ein Rezept.

Mit Taoufik Ouanes sprach Heiner Hug

Kommentare

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Herr Asad gestaltet selbst ein Reich des Schreckens. Es gibt keinen Grund, mit ihm zu teilen. Besser, man teilt mit jenen, denen er grossen Schaden zugefügt hat. Ihre Art wirkt freundlicher und intelligenter.

Bravo für dieses Interview

Ein geniales Interview. Endlich sagt es einer.

"Weshalb ist der „Islamische Staat“ so reich und verfügt über modernste Waffen? Wer verkauft die Waffen an den „Islamischen Staat“? Westliche Länder sind es."
Genau! Die westlichen multinationalen Gesellschaften, der militärisch-industrielle Komplex und die Banken, Wallstreet, City of London, Frankfurt und Zürich mit Israel an erster Stelle sind im Hintergrund mit Mossad und CIA, MI6 und ihren internationalen Geheimkabalen die Fäden am ziehen und haben diesen "Islamischen Staat" des Krieges und Terror geplant und ausgestattet. Dazu werden alle Beteiligten auch mit Mind Control - Remote Neural Monitoring elektronisch verstandesmanipuliert. Sicher wurde das Spektrum muslimischer Gehirnwellen-Profile in extremen Not- Wut- und Ausnahmezuständen in den Foltergefängnissen von Afghanistan, über Abu Graib bis Guantanamo gesammelt, um es zur Schaffung von ganz „bösen und brutalen, muslimischen Terroristen verwenden zu können.
"Durch eine äußere Anregung des Gehirns durch elektromagnetische Wellen können die Gehirnwellen überlagert oder in Phase zu diesen äußeren Wellen gebracht werden. Die vorherrschenden Gehirnwellen können durch diese äußere Anregung in einen neuen Frequenzbereich gezwungen werden. Oder anders ausgedrückt, durch einen äußeren Signalgeber oder Impulsgenerator werden die normalen Gehirnwellen überlagert, was zur Veränderung der Gehirnwellen führt. Hierdurch kommt es dann zu Veränderungen der chemischen Reaktionen im Gehirn, was zu Veränderungen der Gedanken, der Gefühle und des körperlichen Zustands führt. Eine Manipulation des Gehirns kann sich neutral, vorteilhaft oder negativ auf die betroffene Person auswirken. Durch verschiedene Frequenzen werden präzise chemische Reaktionen im Gehirn ausgelöst.“ Dr. Nick Begich.
Und die dazugehörigen Gedanken werden durch elektronisch übermittelte subliminale Hypnosestimmen, mit sogenanntem „voice to skull“ manipuliert, so dass die Betroffenen glauben, sie denken und wollen das selber.

Die Menschen der westlichen Welt werden gezielt in permanenter Angst und Schrecken gehalten und stimmen dadurch ihren Regierungen im endlosen "Krieg gegen den Terror" und allen einhergehenden, einschränkenden Massnahmen und Aufrüsten weiter zu. Durch das ständige mit Krieg und Terror Ängste schüren und in Panik behalten, kann die traditionelle Machtausübung der westlichen imperialistisch-faschistischen Raubmörder-Systeme auch nicht in Frage gestellt werden. Sonst käme vielleicht mal jemand auf die Idee, auch den muslimischen Menschen zuerst Frieden, Gerechtigkeit, Arbeit, Essen, ein Dach über dem Kopf und moderne menschenrechtliche Bildung und Ethik zu vermitteln. Hingegen riesige Profite abwerfen würde das zuerst mal nicht. Der Afghanistankrieg als Beispiel, hat bis heute über EINE BILLION (Eintausend Milliarden) US$ und mehr als 100'000 unschuldige Menschenleben gekostet, aber besiegt wurde niemand. Und "der Feind", die Taliban, die ja niemanden, die USA nicht und auch nicht Deutschland oder England angegriffen hatten, sind immer noch da. Dass aber die bei den Taliban fast ausgemerzte Opium--Heroin Produktion nun unter der Kontrolle des US-Militärs und weltweiten Vertriebes durch die CIA neue Rekord-Umsätze in die schwarzen Kassen generiert und die Überflutung der westlichen Drogenmärkte mit Verelendung und Schwächung ganzer Schichten junger Gesellschaften apokalypsen-strategisch (ja wann kommt er denn endlich, der echte prophezeite Messias?) auch so geplant ist, sollte Wahrheitsrechercheuren jetzt hinlänglich bekannt sein.
Dass so eine Organisation wie dieser „Islamische Staat“ im Zeitalter der absoluten Totalüberwachung von Internet, Kommunikation und der Finanztransaktionen unbemerkt, irgendwie von selber und „einfach so“ durch irakische Ex-Militärs entstehen konnte, glaubt ja nicht jemand wirklich, oder? (Und btw: Remember building 7, 9/11 was an inside job...und Saddam Hussein hatte keine Massenvernichtungswaffen...)

Wer recherchiert ist eindeutig im Vorteil; sorry, muss natürlich heissen; Kriegskosten Irak-Afganistan bis heute, etwa 4,4 Billionen (Trillion) US$.
Das hat eingeschenkt...

Diese dümmlichen Verschwörungentheorien sprechen für sich. Wer kann solchen Unsinn nur mit gutem Gewissen vertreten? Dieser Anti-Amerikanismus (inkl. Judenhass etc.) ist so unendlich dumm, dass es einem fast den Atem verschlägt. Nur schon die Idee, dass 9/11 eine Insidejob sei erinnert an die Verstandsverdreher des 3. Reiches, dessen Erben, die arabischen Islamisten (geschichtlich reich dokumentiert, im Gegensatz zu den oben breitgeschlagenen Antiamerikanismen). Leute wie Daniel Kälin müssen einem leid tun, sie sollten ihr irgendwo abgegebenes Hirn zurückholen.

Was Taoufik Ouanes zu sagen hat fährt ein. Ich bin jedoch der Meinung, dass auch Regierungen der freien westlichen Welt wissen um was es geht. Doch Profitgier, gepaart mit Feigheit behalten die Oberhand. Gerade die letzten Reportagen über IS-Brutalitäten, wie das Ertränken von Gefangenen, das Massen-Köpfen von ganzen Gruppen, die Vernichtung von Christen, Yesiden und anderer Minderheiten im Mittleren Osten und weitere Schandtaten, die man nicht einmal Israel "anlasten" kann, obwohl schon über jüdische Finanzierung der IS zu lesen ist. Juden hassende Psychopaten gibt es halt überall, doch das nur so nebenbei. Was auch immer, endlich einmal ein realistischer Artikel im J21 über den Mittleren Osten, statt antiisraelischen Hassausbrüchen. Seit Paul Uri Russak darin nicht mehr schreibt, ist das J21 in dieser Hinsicht noch einseitiger proislamistisch geworden, auch wenn es Ausnahmen, wie der vorliegende Artikel gibt.

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