Das Tocqueville-Paradox

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Das Tocqueville-Paradox

Von Reinhard Meier, 11.07.2019

Warum wird in der Öffentlichkeit so viel Wut artikuliert, obwohl wir nachweislich besser und in mancher Hinsicht demokratischer leben? Das Phänomen war schon dem Historiker Tocqueville aufgefallen.

Ich lese in den Zeitungen öfters Leserbriefe, weil man sich da immer wieder wundern kann, was in den vielgescholtenen Mainstream-Medien, die angeblich nur Einheitsbrei anbieten, so alles an Meinungsvielfalt zum Ausdruck kommt. Unlängst schrieb ein Leser in der «Zeit» im Zusammenhang mit dem millionenfach konsumierten Anklage-Video des deutschen Wutbloggers Rezo: Dem Publikum werde dauernd eingeredet: «Macht euch bloss keine Sorgen! Alles ist halb so schlimm und die Politik kümmert sich schon darum, dass nichts schiefläuft.» Doch genau das Gegenteil sei der Fall. «Es läuft so gut wie alles schief und niemand kümmert sich um das Gemeinwohl.»

«Was genau war früher besser?»

Einverstanden, es gibt zu diesen medialen Gesängen der pauschal Empörten und Frustrierten auch viele Gegenstimmen, die mit ebenso viel Verve dem lärmigen Narrativ vom Jammertal der heutigen Welt und ihren so gut wie unaufhaltsamen Katastrophen auch andere, erfreulichere Perspektiven entgegenhalten. Dazu zählt etwa das Büchlein des unlängst im hohen Alter verstorbenen französischen Soziologen Michel Serres mit dem zum Nachdenken provozierenden Titel «Was genau war früher besser?»

Der Autor, der seine Schrift als «optimistischen Wutanfall» bezeichnet, erinnert an die erst ein paar Jahrzehnte zurückliegenden Diktaturen von Hitler, Stalin, Mussolini, Franco, Ceausescu. Oder daran, wie es vor zwei oder drei Generationen mit der medizinischen Versorgung stand, mit der durchschnittlichen Lebenserwartung, mit den Zugverbindungen, mit dem Bildungsangebot und den Möglichkeiten, die eigene Stimme in die Öffentlichkeit zu bringen.

Wie erklärt man sich die Diskrepanzen zwischen den statistisch kaum bestreitbaren materiellen und sozialen Fortschritten in vielen Lebensbereichen und den medial ständig anschwellenden Protestwellen individueller und kollektiver Frustration über angeblich unerträgliche und ungerechte gesellschaftliche Verhältnisse?

Der Hunger kommt mit dem Essen

Mit diesen Fragen hat sich schon der französische Historiker Alexis de Tocqueville beschäftigt, der mit seinem 1840 erschienen Buch «Über die Demokratie in Amerika» berühmt wurde, das bis auf den heutigen Tag zu den Klassikern der historischen Literatur zählt. Tocqueville bemerkt in seiner Studie über den noch jungen amerikanischen Staat mit seiner damals neuartigen demokratischen Verfassung (die allerdings die im Süden weitverbreitete Sklaverei nicht verhinderte): «Der Hass, den die Menschen gegenüber Privilegien empfinden, wächst im Verhältnis zur Abnahme dieser Privilegien, so dass die demokratischen Leidenschaften am heftigsten zu lodern scheinen, wenn sie am wenigsten Brennmaterial haben.» Wenn überall Ungleichheit herrsche, so nehme man keine einzelne davon besonders wahr. Demgegenüber werde die geringste Ungleichheit in einem Umfeld allgemeiner Gleichheit als besonders hassenswert empfunden.

Man kann dieses von Tocqueville erkannte Paradox auch auf die altbekannte Volksweisheit «L’appetit vient en mangeant» verkürzen. Hätten unsere Grossväter oder Urgrossväter sich vorstellen können, mit wie viel Komfort und welchen sozialen Sicherungssystemen die grosse Mehrheit in den meisten westlichen Demokratien lebt, so hätten sie sich wahrscheinlich gewundert über die weitverbreitete Wut auf den Status quo und die oft pauschale Verachtung gegenüber dem sogenannten politischen Establishment.

Der Umkehrschluss

Doch man kann den Spiess auch umdrehen. Denn streng nach der Logik von Tocquevilles Beobachtung lässt sich argumentieren, dass die in der Öffentlichkeit schärfer und schriller aufbrandenden Proteste letzten Endes ein Beweis dafür sind, dass unsere Gesellschaften demokratischer geworden und die sozialen Ungerechtigkeiten insgesamt im Abnehmen begriffen sind.

Werden die Wutbürger und Protestblogger sich von diesem Umkehrschluss beeindrucken lassen? Damit ist kaum zu rechnen. Ihr Verstummen würde ja im Sinne der Tocqueville-Logik Stillstand oder Rückschritt des sozialen Fortschritts bedeuten.

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Kommentare

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Ich könnte der Analyse zustimmen, wenn es sich bei diesen Wutbürgerlichen um Einzelpersonen handeln würde, aber genau das bezweifle ich je länger je mehr, denn wenn man sich anschaut wie gut orchestriert und oft gleichlautend diese Wut wellenweise auftritt, kommen bei mir Zweifel auf.
Leider lässt der Artikel völlig ausser Acht, dass es starke politische Bewegungen gibt, die oft über bedeutende finanzielle Mittel und die entsprechenden Agitations- und Propagandamöglichkeiten verfügen und sich als "Alternativen" oder ähnlich bezeichnen.
Diese "Bewegungen" bzw. deren Propagandaabteilungen sind nach meiner Meinung massgeblich daran beteiligt, dass diese "Wut" sich derart massiv manifestiert. Ziel ist es dabei, einen richtig grossen Popanz aufzublasen, der suggerieren soll, wie schlecht alles ist und wie viele dies so sehen und dass alles nur gerettet werden kann, wenn sie sich mit ihren radikalen Ideen durchsetzen.
Vielleicht fällt das in der Schweiz schon gar nicht mehr auf, da wir uns hier ja schon zu sehr, an diese Form der Gehirnwäsche gewöhnt haben, aber es ist doch erstaunlich, dass sich genau eine grosse Partei als Sammelbecken dieser "Empörten" anbietet und man denen inzwischen selbst rassistische und rechtsextremistische "Ausfälle" durchgehen lässt, weil jedesmal die Erklärung folg, dies sei ein bedauerlicher "Einzelfall".
Jedoch ist die Häufung von "Einzelfällen" irgendwann Normalität und somit sind diese Einzelfälle inzwischen normal für die Parteimitglieder und Politiker, die durch ihre eigene Agitation aufgehetzt wurden und das schlimmste ist, dass es immer gröberen Tabubrüchen bedarf, um die Empörten bei der Stange zu halten, - Auch dass ist inzwischen Normalität geworden in dieser Partei. Leider!

Was genau war früher besser?»
Darf ich an dieser Stelle bitte nochmals auf die voll-öko-bio "Amisch People" hinweisen, die wie im vorletzten Jahrhundert leben und dopelt so gesund sind, wie die nächst gesunde aller in ganz USA untersuchten Bevölkerungsgruppen? In einem einzigen Jahrhundert hat die Menschheit den Planeten Erde so stark beschädigt und die Artenvielfalt so massiv reduziert, wie noch nie ein katastrophales Ereignis seit dem Aussterben aller Dinosaurier und dem grössten Teil der Bio-Diversität durch einen Meteoriten-Einschlag im Golf von Mexiko. Aus purer Habgier und Sadismus.und entgegen besserem Wissen und Gewissen schreitet die Zerstörung ungehindert voran.
Was genau früher besser war? Sie machen Witze!

Danke für diesen anregenden Artikel. Denn man wundert sich wirklich oft über den Ton in den Medien, sowohl bei den Artikeln selber, wie auch bei den Kommentaren. Und oft fragt man sich, welche Empörung nun gerechtfertigt ist und welche nicht. Deshalb ist diese "alte" Analyse der Proteste spannend.

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