Wladyslaw Szpilman - Der Pianist (1946)

Urs Bitterli's picture

Wladyslaw Szpilman - Der Pianist (1946)

Von Urs Bitterli, 07.03.2013

Niemand, der das Buch gelesen hat, wird diese Episode je vergessen. Der Berichterstatter, ein Jude, der dem Getto entkommen ist und sich vor den feindlichen Besatzern in Warschau versteckt hat, wird, halb verhungert, von einem deutschen Offizier entdeckt.

Der Jude weiss, dass dies sein Ende bedeutet. „Machen Sie mit mir, was sie wollen“, sagt er zum Offizier, „ich rühr mich nicht mehr vom Fleck.“ Der Deutsche fragt den Juden nach seinem Beruf und erfährt, dass dieser Pianist ist. Darauf heisst er ihn, ihm auf einem Klavier etwas vorzuspielen.

“Sie müssen durchhalten“

Der Erzähler berichtet: „Ich hatte zweieinhalb Jahre nicht mehr geübt, meine Finger waren steif, mit einer dicken Schmutzschicht bedeckt, die Fingernägel ungeschnitten seit dem Brand des Hauses, in dem ich mich versteckt hielt. Dazu stand das Klavier in einem Zimmer ohne Fensterscheiben, sodass der Mechanismus vor Feuchtigkeit aufgequollen war und auf den Tastendruck widerspenstig reagierte. Ich spielte Chopins Nocturne cis-Moll. Der gläserne klirrende Ton, den die verstimmten Saiten hervorbrachten, hallte in der leeren Wohnung und im Treppenhaus wider, flog auf die andere Strassenseite durch die Ruinen der Villa und kehrte als gedämpftes, wehmütiges Echo zurück.“

Darauf kommt es zwischen dem Deutschen und dem Musiker zu einem kurzen Gespräch. „Ich bin Deutscher“, sagt der Offizier, „und nach all dem, was geschehen ist, schäme ich mich dafür.“ Und weiter: „Sie müssen durchhalten! Hören Sie?“ In den folgenden Tagen versorgt der Deutsche den Juden mit Nahrungsmitteln und rettet ihn vor dem sicheren Hungertod. Dann verlassen die Deutschen Warschau vor den heranrückenden Russen. „Da Sie über fünf Jahre diese Hölle durchgestanden haben“, sagt der Offizier bei der letzten Begegnung mit dem Juden, "ist es offenbar göttlicher Wille, dass wir überleben. Man muss daran glauben.“

Flucht vor dem Abtransport im letzten Augenblick

Die obige Begebenheit bildet den Schluss des Buches „Der Pianist“ von Wladiyslaw Szpilman. Der Autor, Sohn musikalischer Eltern, wurde im Jahre 1911 geboren. Er studierte in Warschau und Berlin Klavier und Komposition und wurde im Jahre 1935 Hauspianist beim Warschauer Radio. Bekannt wurde er durch die Komposition von Filmmusik und beliebten Schlagern. Sein Chopin-Rezital vom September 1939 war die letzte Live-Sendung, die der polnische Rundfunk vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht ausstrahlte. Vom November 1940 bis Juli 1942 lebte Wladyslaw Szpilman im Warschauer Getto.

Es war eine schlimme Zeit der Entbehrung und Bedrohung. Man konnte jeden Tag ohne erkennbaren Anlass von den deutschen Bewachern ergriffen, erschlagen, erschossen oder deportiert werden. In seinem Buch gibt Szpilman eine beklemmend eindrückliche Beschreibung des Alltags im Getto. Als Pianist in Kaffeehäusern und als Arbeitssklave der Deutschen gelingt es ihm, seinen Eltern und Geschwistern eine notdürftige Existenz zu sichern. Im Sommer 1942 wird Szpilmans Familie in Viehwaggons nach Treblinka deportiert, und ihm selbst gelingt es im letzten Augenblick, dem gleichen Schicksal zu entrinnen.

Im Dachboden eines Wohnblocks

Unvergesslich bleibt die Stelle, wo Szpilman die Abfahrt des Todeszugs beschreibt: „Ich wandte mich ab und wankte, laut weinend, mitten auf der menschenleeren Strasse einher, verfolgt von dem immer leiser werdenden Schrei der in den Waggons Eingeschlossenen, der wie das Piepsen in Käfigen zusammengepferchter Vögel in Todesnot klang.“

Noch vor dem Aufstand vom April 1943 gelingt es Szpilman, aus dem Getto zu fliehen. Doch seine Lage ist weiterhin höchst prekär. Er hat kaum Geld für Lebensmittel, und es ist fast unmöglich, bei Bekannten Unterschlupf zu finden; denn wer Juden versteckt, riskiert die Todesstrafe. Im Dachboden eines Wohnblocks, dessen Bewohner vertrieben worden sind und der in Brand geschossen worden ist, gelingt es Szpilman schliesslich, sich zu verstecken. Er ist allein in einem grossen Quartier, dessen Bewohner abgezogen sind.

Er versucht, sich mit Tabletten umzubringen, was misslingt. Da und dort findet er Nahrungsreste und trinkt das verschmutzte Wasser aus herumstehenden Löscheimern. Seine Kleider sind Lumpen, sein einziger wertvoller Besitz sind eine „Vorkriegs-Omega“ und ein Füllfederhalter. Er erschrickt, als er eine Spiegelscherbe findet und sich darin betrachtet: „Im ersten Moment wollte ich einfach nicht glauben, dass ich die abscheuliche Fratze war, die ich da sah: seit Monaten ungeschnittenes Haar, unrasiert, ungewaschen, mein Kopf war mit dichter verfilzter Haarwolle überwuchert, das Gesicht beinahe zugewachsen mit schwarzem Haar...“

Frei von Ressentiments

Szpilmann überlebt auch den Aufstand der polnischen Widerstandsarmee vom Sommer 1944, der von den Deutschen brutal niedergeschlagen wird, und überblickt von seinem Versteck aus eine tote, zerstörte Stadt. Dann kommt es zum erwähnten rettenden Zusammentreffen mit dem deutschen Offizier.

Wladyslaw Szpilmann verfasste seinen Bericht kurz nach Kriegsende. Er schrieb ihn nicht für die Öffentlichkeit, sondern in der Hoffnung, seine traumatischen Erinnerungen zu verarbeiten. Der Autor hatte keinerlei literarische Ambitionen, es ging ihm bloss darum, nüchtern zu berichten. Der Text ist frei von Ressentiments und Anschuldigungen; aber man glaubt zwischen den Zeilen etwas von der entsetzten Verwunderung des Autors darüber zu spüren, dass all das möglich war, was er beschrieb. Im Gespräch mit dem Liedermacher Wolf Biermann, der sich für die deutsche Ausgabe seines Berichts einsetzte, bemerkte Szpilman: „Ich habe als junger Mann in Berlin zwei Jahre Musik studiert. Ich kann das nicht verstehen von den Deutschen – die waren doch immer sooo musikalisch.“

Vorlage für Polanski

Das Buch wurde 1946 zuerst in polnischer Sprache veröffentlicht und fand damals wenig Widerhall. In englischen und amerikanischen Ausgaben wurde es 1999, ein Jahr vor Szpilmans Tod, zum Bestseller. Heute liegt der Bericht in 38 Sprachen vor und wird in Deutschland, Polen und den USA als Schullektüre studiert. Im Jahre 2003 wurde Roman Polanskis Film „Der Pianist“, der sich auf das Buch stützt, mit einem „Oscar“ für die beste Regie ausgezeichnet. Eine illustrierte Neuauflage des Werks, versehen mit einem Vorwort vom Sohn des Verfassers, Andrzej, und einem Nachwort von Wolf Biermann, ist eben herausgekommen.

Dass während des Zweiten Weltkrieges einzelne Menschen verfolgten Juden das Leben retteten, indem sie ihnen falsche Papiere beschafften, sie mit Nahrungsmitteln versorgten oder versteckt hielten, ist hin und wieder vorgekommen. Dass aber die Namen dieser Retter bekannt sind und ihre Biographien rekonstruiert werden können, ist selten. Im Falle von Szpilman wissen wir jedoch, wie der Retter hiess und wer er war: Wilm Hosenfeld, Dorfschullehrer in einem kleinen Ort im heutigen Landkreis Fulda, geboren im Jahre 1895. Fünf Jahre nach Kriegsende gelang es dem Musiker, den Namen Hosenfelds, der sich in russischer Gefangenschaft befand, zu ermitteln. Der Versuch, ihn freizubekommen, misslang.

Retter stirbt in russischer Gefangenschaft

Anlässlich eines Konzerts in Deutschland suchte Szpilman die Familie seines Retters auf und erfuhr, dass dieser in russischer Gefangenschaft gestorben war. Seinen Briefen und Tagebuchaufzeichnungen liess sich entnehmen, dass der Deutsche während seines Kriegseinsatzes in Polen über ein Dutzend Menschen vor Folter und Tod gerettet hatte.

Hosenfeld hatte als überzeugter Nationalsozialist den Polenfeldzug mitgemacht. Er wurde als Hauptmann mit der Aufsicht über die Sportanlagen in Warschau betraut. Hier erfuhr er von den Verbrechen, die hinter der Front und in den Vernichtungslagern an Polen und Juden verübt wurden und wandte sich vom Nationalsozialismus ab. „Wenn das wahr ist“, schreibt er am 25. Juli 1942 in sein Tagebuch, „was in der Stadt erzählt wird, und zwar von glaubwürdigen Menschen, dann ist es keine Ehre, deutscher Offizier zu sein, dann kann man nicht mehr mitmachen, aber ich kann es nicht glauben.“ Und ein Jahr später findet sich der Eintrag: „Eine untilgbare Schande, einen unauslöschlichen Fluch haben wir auf uns gebracht. Wir verdienen keine Gnade, wir sind alle mitschuldig. Ich schäme mich, in die Stadt zu gehen, jeder Pole hat das Recht, vor unsereinem auszuspucken.“

Wieder beim Warschauer Rundfunk

Wir wissen nicht, unter welchen Umständen Hosenfeld in russische Kriegsgefangenschaft geriet. Er wurde der Spionage verdächtigt und von einem russischen Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Im August 1952 starb Wilm Hosenfeld in einem Gefängnisspital in Stalingrad. Im Jahre 2007 wurde er für seine Verdienste für die Verteidigung der Menschenwürde mit einer polnischen Medaille ausgezeichnet, und ein Jahr später ehrte ihn die israelische Schoah-Gedenkstätte „Yad Vashem“ mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“.

Wladyslaw Szpilman nahm nach der Befreiung Polens seine Tätigkeit beim Warschauer Rundfunk wieder auf. Er konzertierte oft im Ausland, häufig zusammen mit dem berühmten Geiger polnischer Abstammung Bronislaw Gimpel. Zusammen mit diesem Künstler gründete er das Warschauer Klavierquintett, das 1963 auf eine viel beachtete Welttournee ging. Als Szpilman nach Kriegsende zum ersten Mal wieder im Rundfunk auftrat, spielte er Chopins Nocture in cis-Moll.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren