Vor der vierten Welle

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Vor der vierten Welle

Von Urs Meier, 17.08.2021

Gegen Corona hilft vor allem eins: impfen, impfen, impfen.

Vielleicht sind wir schon drin, in Welle Nummer vier. Jedenfalls steigen mal wieder die Infektionszahlen. Der Reproduktionswert liegt in der ganzen Schweiz deutlich über 1, was exponentielles Wachstum anzeigt. Fast alle neu Infizierten haben die Delta-Variante des Covid-Virus. Sie ist um den Faktor 1’000 ansteckender als die ursprüngliche. Fachleute und Verantwortliche sind sich einig, dass nur ein möglichst breites Durchimpfen die Seuche eindämmen kann. Denn spätestens seit Delta umgeht, hat man auf Dauer nur die Wahl, sich impfen zu lassen oder sich anzustecken. 

Nun gibt es zwar, etwa bei den Granden der SVP, die Meinung, letzteres sei überhaupt nicht schlimm, und deshalb solle man alle Vorschriften wie Maskenpflicht und Einschränkungen aufheben. Doch solches Laisser-faire wäre abenteuerlich. Denn es stimmt nicht, dass bei den jetzt Hauptbetroffenen der 30- bis 60-Jährigen (die anfängliche Risikogruppe der Alten und Vorerkrankten ist ja weitgehend geimpft) keine schweren Verläufe auftreten. Vielmehr gibt es sie in wachsender Zahl, und in den Intensivpflegestationen macht man sich deswegen Sorgen. 

Zudem kommt mit Long-Covid ein neues Phänomen auf Gesellschaft und Wirtschaft zu, von dem man sich noch gar kein richtiges Bild machen kann. Zehn Prozent der Infizierten sind langfristig betroffen. Lässt man der Delta-Variante freie Bahn, so kann das massenhafte Fatigue-Syndrom zu einer gewaltigen zusätzlichen Last werden.

Das einzige Mittel, das die Seuche eindämmen und ihre Folgen mildern kann, ist das Impfen. Dass es dank einer historischen und weltweiten Anstrengung überhaupt zur Verfügung steht, und zwar bereits seit einem relativ frühen Stadium der Pandemie, ist ein grossartiger Glücksfall. Diese Chance gilt es zu nutzen, und selbstverständlich muss sie schnellstmöglich allen betroffenen Ländern zugänglich gemacht werden.

Die hierzulande endlich für alle erhältliche Impfung zu verweigern oder auf sie, weil vermeintlich unnötig, zu verzichten, ist irrational und unsolidarisch. Ihr epochaler Nutzen ist belegt, ihre Unschädlichkeit nach hunderten Millionen Impfungen ebenso. Bundesrat Berset hat recht, wenn er die erlahmte Impfbereitschaft leidenschaftlich kritisiert. Wenn es nicht gelingt, der unausweichlichen vierten Welle mit einer stark erhöhten Impfquote die Wucht zu nehmen, wird das Land erneut einen hohen Preis bezahlen.

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Im Artikel steht: "Sie ist um den Faktor 1’000 ansteckender als die ursprüngliche". Das kann man so m.E. nicht sagen. gemäss den neuen Studien sei die Anfangsvirenlast etwa 1000x höher bei Delta-Infizierten, als bei der ursprünglichen Variante. Das heisst aber nicht, dass die Ansteckungen auch um den Faktor 1000 höher sind. Wenn schon, sollte man da schon halbwegs richtig einordnen.

Die Infektionszahlen steigen schon jetzt im August deutlich an. Letztes Jahr ging es mit den Ansteckungen im Oktober so richtig los. Dies zeigt deutlich, dass es wohl nur eine Frage der Zeit ist, bis die Intensivstationen wieder an den Anschlag kommen. Auch wenn - im Gegensatz zur Meinung des Autors - die Langzeitfolgen der Impfung noch nicht bekannt sein können, sollte man sich impfen lassen und darauf vertrauen, dass die Nebenwirkungen klein bleiben dürften. Ob mehr staatlicher Zwang zu einer erhöhten Impfbereitschaft führen könnte, bezweifle ich. Ich denke, dass mobile Impfwagen vor Einkaufszentren, Sportstadien, oder sogar grösseren Bahnhöfen, mehr zu einer erhöhten Impfquote beitragen könnten. Das Wichtigste jedoch scheint mir, dass die Impfungen weltweit um ein Vielfaches zunähmen, um es Mutanten schwieriger zu machen, sich zu verbreiten. Denn in den Mutanten liegt die Gefahr, dass die Wirksamkeit der Impfstoffe nachlassen könnte. Wenn reiche Länder ihre Impfstoffe vergammeln lassen würden, anstatt ärmere Länder damit zu helfen, wäre dies ein weiterer Beweis dafür, wie partiell oder nationalistisch Staaten - und dies in Zeiten einer ausufernden Globalisierung - handeln täten.

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