Von der Verantwortung der Meinungsfreiheit

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Von der Verantwortung der Meinungsfreiheit

Von Max Winiger, 08.01.2015

Wo hört die uneingeschränkte Freiheit der Meinungsäusserung auf? Wo beginnt die Verantwortung für Gesagtes, Geschriebenes, Gezeichnetes in der Öffentlichkeit?

... und warum ist der Zürcher Tages-Anzeiger ausgerechnet heute ein Paradebeispiel für hervorragenden und umfassenden Journalismus?

Zuerst und in aller Deutlichkeit: Die Ermordung des Herausgebers und von Mitarbeitern des Magazins «Charlie Hebdo» in Paris ist furchtbar. Genau so furchtbar wie die Ermordung irgendeines Menschen auf unserem Planeten. Egal aus welchem Grund. Es ist stets ein Akt der Feigheit, pervers und mit nichts zu entschuldigen.

Der Blick schreibt heute auf der Titelseite von einem «Angriff auf unsere Freiheit. Res Strehle nennt die Ermordeten im Zürcher Tages Anzeiger «Märtyrer für die freie Meinung». Weltweit bekunden Spitzenpolitiker ihre Abscheu für diese Tat. Menschen demonstrieren und bekunden ihre Trauer.

Ich lese Zeitungen, Statements und Kommentare und bin teilweise irritiert. Mir wird fast schlecht, wenn ich ausgerechnet in der NZZ lese, wie ein Journalist eiskalt begründet, dass dies in Frankreich der blutigste Anschlag seit dem 19. Jahrhundert gewesen sei. Zwar habe es bei einer islamistischen Terrorwelle 1986 auch zwölf Todesopfer gegeben und rund 200 Verletzte. Aber das waren damals zwölf Anschläge, macht also nur ein Todesopfer pro Anschlag. Und es zählen ja nur die Todesopfer. Der Anschlag 1995 auf eine Pariser Bahnstation in Saint-Michel habe acht Menschenleben gefordert und 120 Personen verletzt.

2014 wurden weltweit 89 Journalisten ermordet.

Damit sind wir bei einem ersten wesentlichen Punkt. Ich formuliere ihn als Frage: Wie wären die Reaktionen ausgefallen, hätte es «nur» drei Tote geben oder «nur» Verletzte (von denen dann vielleicht die Hälfte später gestorben wäre)? Ich möchte auch nicht die Frage vertiefen, wie schockiert die Weltöffentlichkeit und die Medien reagiert haben als in Nordnigeria hunderte von Schulmädchen entführt worden sind (und vielleicht noch immer entführt werden), als ebenfalls in Nigeria über 1000 Menschen von Terroristen umgebracht worden sind. Hier geht es ja nicht um Schulmädchen im afrikanischen Busch, sondern um Medienvertreter. 2014 wurden laut dem Comittee to Protect Journalism (CPJ) weltweit 89 Journalistinnen und Journalisten ermordet. In Russland sind laut CPJ 32 Journalistmorde zwischen 1992 und 2014 unaufgeklärt. Interessiert das jemanden? Irgendjemanden?

Zweiter wesentlicher Punkt: Sicher war das rhetorisch komplett daneben, was sich Bundesrätin Leuthard geleistet hat, respektive was wohl ihre Pressestelle formuliert hat. In einem solchen Augenblick als Regierungsmitglied eines Landes eine Reaktion mit dem Satz «Satire ist kein Freipass.» zu beginnen, ist im besten Fall unglücklich. Aber die Worte sind nicht falsch. Sie stehen nur am falschen Ort. Res Strehle schreibt heute im Tagi-Leitartikel in Zusammenhang mit dem Einsatz satirischenr Zeichnungen und Texte: «...Auf religionsspezifische, allgemein akzeptierte Gebote soll dabei durchaus Rücksicht genommen werden, speziell in einer emotional aufgeheizten Situation wie heute. Wir zeigen deshalb beispielsweise keine Mohammed-Karikaturen...» Überhaupt möchte ich dem Tagi ein Kränzchen winden. Er berichtet sehr viel ganzheitlicher über das Thema als die meisten anderen Zeitungen. Interessant auch das Statement von Marco Ratschiller, Chefredaktor der Schweizer Satirezeitschrift «Nebelspalter» in einem Gastbeitrag in der «Schweiz am Sonntag» vor zwei Jahren. Gute Satire bringe nicht fremde Wertsysteme, sondern eigene Denkschablonen ins Wanken, mit Nadelstichen, die so gekonnt dosiert seien, dass man sich der Kritik nicht verschliesse, sondern gerne ausliefere.

In der Schweiz gibt’s die Beugehaft für Journalisten

Bundesrätin Leuthard hat leider Recht, wenn Sie schreibt, dass Satire kein Freipass ist. Aber mit diesem Satz hat sie auch eine losgetretene Herde von heulenden Journalisten gegen sich aufgehetzt, die sich gerade über den «Angriff auf unsere Pressefreiheit» gegenseitig in totale Hysterie hochschaukelte. Das ist insbesondere in der Schweiz ein kniffliges Thema.

Denn bei uns kann die Staatsanwaltschaft auch gegen Journalisten Beugehaft beantragen, um einen angeklagten Journalisten dazu zu bringen, seine Informationsquellen preiszugeben. Gemäss Zitierungen des Medienrechtsexperten Professor Urs Saxer erlösche der journalistische Anspruch auf den Schutz der Quelle erst bei schweren Verbrechen. Aber laut Saxer ist schon eine komplexe Frage, ob es sich bei der Weitergabe vertraulicher Dokumente an einen Journalisten um ein schweres Verbrechen handle.

Ausgerechnet die Medien heulen nun auf, welche seit Monaten und bald Jahren extremistische Taten Einzelner auf die Titelseiten und in die Tagesschau-Hauptausgaben rücken und damit immer mehr den Eindruck erwecken, Menschen, die nach dem Koran leben, seien Monster, dabei leben die allermeisten von ihnen friedfertig oder möchten in Frieden leben, genau so wie die allermeisten Christen, Buddhisten oder Anhänger anderer Glaubensrichtungen auch. Dadurch schüren diese Medien zunehmend extremistische Gedanken auch bei uns, fördern Kräfte, die nur ein Ziel haben: unsere sozialen und politischen an sich stabilen Strukturen aus dem Gleichgewicht zu bringen und für Chaos und Terror die Voraussetzungen zu verbessern. Ich behaupte, dass heute das Echo in den Medien bei einem Anschlag bedeutend geringer ausfallen würde, wenn die Täter Angehörige einer anderen Religion wären.

Wie weit darf Provokation gehen?

Darf Satire wirklich alles? Ist es förderlich, konstruktiv, Angehörige einer Religion zu diffamieren? Egal, wieviele Menschen wegen dieser «Satire» schon umgekommen sind? Gemäss Constantin Seibt (auch im Tagi von heute) waren das im Fall der Mohammed-Karikaturen schon vor dem Attentat in Paris über 100 Menschen.

Was soll das alles? Haben wir nicht selber genug Probleme, bei denen es sich lohnt, mit dosierten Nadelstichen, die Gemüter zu bewegen, konstruktive Kritik zu fördern? Könnten die Medien nicht endlich mal aufhören, jede Blutspur auf die Titelseite zu hieven und sich an Gewehrsalven aufzugeilen? Nochmals: Die Zusammenfassung und die Hintergrundinformationen im heutigen Tages-Anzeiger sind für mich ein Paradebeispiel für ausgezeichneten Journalismus.

Freiheit hat mit Verantwortung zu tun. Meinungsfreiheit noch mehr, denn die Verbreitung einer Meinung beeinflusst die Meinung anderer. Meinungsfreiheit ist eines der wertvollsten Güter innerhalb einer Gesellschaft, die Visitenkarte sozusagen. Ich denke nicht, dass die Bluttat in Paris ein Angriff auf unsere Meinungsfreiheit gewesen ist. Es war ein barbarischer Akt fanatischer Islamisten, von Mördern. Es war kein Akt einer Religionsgemeinschaft. Es war kein Angriff auf die westliche Demokratie. Es war ein Akt von Feiglingen, Kriminellen, von menschlichem Abschaum. 

Aber es war auch die Reaktion auf jahrelange Provokationen, bewusste Verletzungen und Verleumdungen. Durchgeführt von Menschen die ich gerne mal gefragt hätte, warum sie das tun? Nun sind sie tot, werden als Märtyrer gelobt, obwohl sie bis gestern ihrerseits grundlos andere Menschen immer und immer wieder mit teilweise primitivsten Zeichnungen gereizt haben. Unter dem Deckmantel der Satire und mit Verweis auf die Meinungsfreiheit. Die sie vielleicht auch ganz einfach missbraucht haben.

Wir sollten vorsichtiger damit umgehen. 

Kommentare

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Toller, differenzierter Bericht. Danke!

Die Science Busters, eine östreichische Physiker-Komikertruppe haben ein Video produziert, in dem sich der Komiker und Physikprofessor Heinz Oberhummer über das katholische Verständnis der Auferstehung von Jesus lustig macht. Auf eine strikt physikalische aber hoch provokative Art, die sich durchaus mit den Karikaturen von Charlie Hebdo vergleichen lässt. Die Reaktion der rechts-katholischen Videowebsite war, dass sie dieses Video veröffentlicht. Ein offensiver, vergnüglicher Umgang mit Provokation von einer Seite, die bisher nicht unbedingt durch Humor auffiel.

Ein ähnliches Video über das Aufsteigen Mohammeds in den Himmel wäre wohl potentiell lebensgefährlich für die Produzenten.

Aus dem Umstand, dass Anhänger von strikten Formen des Islams, sich sofort provoziert fühlen und selbst harmlose Literaten wie Salman Rushdie ständig um ihre Leben fürchten müssen eine Forderung nach Selbstzensur abzuleiten ist völlig verfehlt und eine Verhöhnung der Ermordeten.

Die Gewalt geht sehr einseitig von islamistischer Seite aus. Unterstützt von Regimes, die nichts mehr fürchten als eine funktionierende Zivilgesellschaft. Bezeichnend ist die Reaktion Saudi Arabiens. Der Terroranschlag vom Paris wurde noch am Mittwoch verurteilt, am Freitag wurden dem Blogger Raif Badawi 50 von 1000 gerichtlich angeordnete Peitschenhiebe verabreicht. Badawi wird langsam zu Tode geprügelt, weil er die wahabitische Interpretation des Islams kritisierte.

Wer die Ursachen des islamistischen Terrors - unter dem übrigens vor allem Moslems leiden - im Westen sucht liegt völlig falsch. Die Argumentation von Max Winiger folgt dem Schema: Frauen sind selbst schuld wenn sie vergewaltigt werden, da sie sich so aufreizend kleiden.

Ja, Freiheit hat mit Verantwortung zu tun, aber auch mit Mut. Ich verneige mich deshalb mit grossem Respekt vor den Journalisten, welche ihr Leben aufs Spiel setzen um zu informieren, aufzurütteln und auch um zu provozieren.

Richtig ist, dass das Morden von JournalistInnen seit Jahren an der Tagesordnung ist. Die Internationale Journalisten-Föderation nennt für 2014 135 inklusive aller Medienschaffenden.
Siehe dazu und für Kommentar-Übersichten zu Charlie-Hebdo auch ifj.org und ifj-safety.org

Werner T. Meyer

Laizismus in Frankreich, um das geht es... ich werde auch immer wieder von den Religiösen in unserem Land 'provoziert', es stört mich das ob es Juden, Christen, Hindus, Moslem usw. sind, das die diese Leute in der Öffentlichkeit Ihre Religion zur Schau stellen, um ihre Sache werben. DOCH ich würde nie und nimmer Leute umbringen deswegen Herr Winiger, finde daher ihr Rechtfertigungsgrund das Provokationen zu Tötungen früher oder später nach sich ziehen und daher sich alle diesen Gruppierungen unterzuordnen haben sehr beschämend für eine moderne Gesellschaft… beschämend für einen Journalisten… Wie viele Männer haben schon ihre Ehefrauen getötet weil Sie Verbal ‚provoziert‘ wurden, und da ist sich die Gesellschaft einige dass es nicht OK ist, warum den bei den Religionen? Vor was hat man Angst?

HART: heute im Zug sagte die Bistrobedienung dazu nru 2 Worte: Selbst schuld. Und das war keine Muslima.
Wenn wir nicht begreifen, dass wir das Recht, alles und jeden zu mobben und zu beleidigen, längst mit dem, was Meinungsfreiheit mal war (!) - und längst nicht mehr ist - verwechseln, dann ist uns nicht mehr zu helfen. Uns ist nicht mehr zu helfen!

Ist Ihr Text Realsatire, Herr Winiger? Bitte weiter heulen!

Endlich schreibt einer die Wahrheit!

Ich empfinde es als ausgesprochen zynisch, sich moralisch über die Opfer zu erheben und sie auch noch zu Tätern zu machen. Ich mag geschmacklose Karikaturen auch nicht. Trotzdem ist es meiner Ansicht nach unerlässlich, dass die Satire grundsätzlich alles in Frage stellen darf/soll. Mit ihren Mitteln. Das ist nun mal die Provokation. Denn ohne Provokation bewegt sich nichts. Karikatur soll zum Denken anregen und das tut sie sehr viel eindringlicher, wenn sie schmerzhaft provoziert. Und selbst wenn sie ab und zu daneben schiesst oder die Schamgrenze überschreitet, sie richtet damit keinen Schaden an. Denn jeder weiss, es ist Satire. Im Gegensatz zu den Demagogen in diesem Land, die Schaden anrichten, weil ihre Aussagen eins zu eins übernommen werden. Ich habe in der Diskussion verschiedentlich den Begriff "Konsenskarikatur" gelesen (offenbar eine Schweizer Spezialität). Das kann das Wesen der Karikatur nicht sein.

Vielen Dank für diesen guten Kommentar. Ich bin selbst erbost über die vielen relativierenden Kommentare. Über sich selbst lachen können, bedeutet Stärke. Wer diese Stärke besitzt erträgt auch die Satire.
Meine Meinung ist, dass Satire sich über die eigene Qualität definiert. Eine Zeichnung im Comicgewand, welche nirgends einen Lacher erzeugt, ist keine Satire, so einfach ist die Definition.
Aber die Satire selbst braucht es unbedingt in ihrer ganzen Blüte.

Meine Lebensansichten, mein Lebensstil wird in der Satire häufig aufs Korn genommen. Ich finds gut und amüsiere mich dabei.

Auch Interessant: In der Debatte über Satire ging es schon so weit, dass man von einer Quasi-Religion oder Ideologie ausging. Und in der Tat vielleicht gibt es auf diesem Planeten tatsächlich sozusagen 2 Religionen, 2 unterschiedliche Weltansichten! Vielleicht gibt es nämlich die Menschen, die nur Ernst sind, und eben die Menschen, die das ganze Ernste auch mal mit einer Prise Humor auflockern wollen. Ab sofort missioniere ich für letztere Weltansicht. Lasset uns lachen statt beten.

Bitte weitergehen, Leute, nicht stehenbleiben. Hier ist nichts passiert besonderes passiert, das hatten wir schon viel schlimmer. Und dieses Aufheulen der Medien ist nur, weil da ein paar Islamisten (die gar nichts mit dem Islam zu tun haben) waren.
Wäre interessant, Herrn Winiger zu lesen, wenn es Angehörige des nicht minder verpotteten FN gewesen wären.

Das Tagi - Publikum ist für allgemein - Charlie Hebdo eher für spezifisches.
Ich meine beide Seiten sind notwendig, ansonsten werden ja die Medien noch mehr zu einem Einheitsbrei, was ja leider bereits geschieht.

Statement Salman Rushdie:
"Religion, eine mittelalterliche Form der Unvernunft, wird, wenn sie kombiniert mit moderner Waffentechnik ist, zu einer wirklichen Bedrohung unserer Freiheiten. Dieser religiöse Totalitarismus hat eine tödliche Mutation im Herzen des Islam verursacht und wir sehen die tragischen Konsequenzen heute in Paris. Ich stehe auf für Charlie Hebdo, wie wir es alle müssen, um die Kunst der Satire zu verteidigen, die immer schon eine Streitmacht für Freiheit und gegen Tyrannei, Verlogenheit und Dummheit war. “Respekt vor Religion" ist ein Code geworden, der "Angst vor Religion" bedeutet. Religionen, wie alle anderen Ideen, verdienen Kritik, Satire und, ja, unsere furchtlose Respektlosigkeit."

Den Artikel finde ich sehr gut - auch Satire hat eine Verantwortung.

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