Vom pädagogischen Wert der Zuversicht

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Vom pädagogischen Wert der Zuversicht

Von Carl Bossard, 22.05.2019

Die Welt als gigantischer Problemberg! Diesen Eindruck erhält, wer momentane Publikationen und schulische Lehrpläne liest. Gerade darum braucht es Zuversicht.

Wer mit Kindern unterwegs ist, wer Jugendliche auf ihrem Lern- und Lebensweg begleitet, der muss ein Geschwisterpaar an seiner Hand führen: die Zuversicht auf der einen und den Optimismus auf der anderen Seite. Nicht den blinden Optimismus und nicht die naive, illusionäre Zuversicht mit dem schnell zitierten positiven Denken. Auch nicht der kitschige Blick durch die rosa-rote Brille. Nein, es ist das Aufklärungsvertrauen, die Zuversicht als menschliche Grundhaltung – für junge Menschen eine Art mentaler Lebensversicherung und damit grundlegender Treibstoff des Lebens. Seelische Ressourcen leben von dieser Antriebsenergie der Zuversicht.

„Resignatio“ ist keine schöne Gegend

Wer die aktuelle Bücherliste konsultiert und die Titel studiert, stösst auf schwere Kost mit bedrückenden Befunden: „Der Zerfall der Demokratie“, „Wie Demokratien sterben“, „Die Menschheit schafft sich ab“, „Leere Herzen“. Die Liste ist lang und der Tenor oft eher düster, der gesellschaftliche Abgesang hörbar und die Resignation spürbar. Da und dort ist es gar ein Spiel mit apokalyptischen Ängsten, mindestens mit pessimistischen Vokabeln. Doch „Resignatio“, so der scharfe politische Denker und kauzig-kluge Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller, sei „keine schöne Gegend“. (1) Das gilt auch für die Schule. Sie darf nicht einerseits eine positive Anthropologie pflegen und anderseits doch ins pessimistische Horn stossen. „Resignatio“ bedeutet für die Kinder Gift. Es wäre eine Klimakrise der andern Art. Die Schule muss gegenhalten und zur Zuversicht erziehen.

Die Welt ist mehr als nur ein Problemberg

Der Lehrplan 21 – ein Spiegelbild der Zeit? Das fragt sich, wer die 470 Seiten durchgeht und die 363 Kompetenzen mit ihren 2300 Kompetenzstufen studiert. Da wird das Rätselwesen Mensch tendenziell auf den Kompetenzbegriff zurückgestuft, und die Welt erscheint im Wesentlichen als ein gigantischer, monotoner Problemberg, an dem primär eines zu tun ist: Probleme lösen und kontrollierbare Kompetenzen erwerben. Da werden hochkomplexe Weltprobleme formuliert, verbunden mit einer Menge irgendwo abrufbarer Antworten. (2) Kompetenzorientiert und selbstgesteuert sollen sie bearbeitet werden. Jeder Schüler wird so sein eigener Lernmanager und Lernen damit der Selbsterfahrung überlassen. Diese Komplexität überfordert viele Kinder, vor allem lernschwächere und mittelstarke Schüler. Sie erleben zu wenig, wie Lernen gelingen und Freude bereiten kann und wie dabei Sinn entsteht. Genau das aber brauchen junge Menschen; das stärkt sie und vermittelt Zuversicht. (3) Nichts stimuliert so sehr wie (Lern-)Erfolg.

Natürlich, Probleme knacken können, das gehört zum menschlichen Dasein. Das ist zwingend. Doch muss man deswegen die ganze schulische Bildung aufs Können reduzieren und sie instrumental handhaben? Das aber geschieht. „Alle Ziele im Lehrplan 21 werden mit dem Verb ‚können‘ formuliert“, verkündete vor kurzem die Zuger Bildungsdirektion der Öffentlichkeit. (4) Das tönt dann beispielsweise so: „Die Schülerinnen und Schüler können ihren Körper sensomotorisch differenziert wahrnehmen, einsetzen und musikbezogen reagieren.“ Und weiter: “[Sie] können sich zu Musik im Raum und in der Gruppe orientieren.“

Es gibt eine Bildung jenseits des überprüfbaren Könnens

Wenn alles zum Problem wird, die Musik und die Poesie, auch die Kommunikation und das Ästhetische – dann vergisst die Schule, dass uns die Welt noch zu ganz anderem einlädt, nämlich zum Staunen und Unbeschwert-Sein, zur Empfänglichkeit fürs Schöne und Geheimnisvolle, zur Leidenschaft, zur Hingabe an eine Aufgabe, zur Zuversicht. Auch zum eigensinnigen Verhalten, zum Querdenken und Gegenhalten. Kompetenz ist eben nicht nur das, was man kann und weiss. Beides kann man erwerben und darüber verfügen; beides kann man unter Kontrolle halten und es testen und zertifizieren. Doch darüber hinaus gibt es noch etwas Drittes: das menschliche Sein, die humane Grundhaltung. Bin ich meine Kompetenz? Bin ich neugierig und zuverlässig, einfühlsam und engagiert, achtsam gegenüber der Mit- und Umwelt, zuversichtlich?

Die Welt lieben und ihr Sorge tragen

Es gibt die Pflicht zur Zuversicht, schrieb Immanuel Kant. Gerade in prekären Zeiten. Kinder müssen dies von den Erwachsenen vorgelebt erhalten. Auch in der Schule. Unterricht, so sagt die Wirksamkeitsforschung, ist eine Begegnung von Mensch zu Mensch, ein dialogisches Geschehen. Das wissen alle sokratischen Pädagogen. Entscheidend sind die Kompetenz und Haltung der Lehrperson – ihr Vertrauen und Zutrauen, ihr Vorbild und ihre Erwartungshaltung, ihre Zuversicht und ihre Leidenschaft für die Welt. (5) Daraus entsteht die Leidenschaft für die Pädagogik und den Unterricht.

Nicht umsonst sagte die Politphilosophin Hannah Arendt: „In der Erziehung entscheidet sich, ob wir die Welt genug lieben, um die Verantwortung für sie zu übernehmen.“ (6) Die Welt lieben, um ihr mitverantwortlich Sorge zu tragen. Vielleicht trifft der französische Dichter Romain Rolland mit seinem Satz aus dem Michelangelo-Roman das Gemeinte: „Es gibt keinen anderen Heroismus, als die Welt zu sehen, wie sie ist, und sie dennoch zu lieben.“ Wie trivial das ist! Und doch so schwer.

Kinder brauchen menschliche Brückenköpfe

Gerade lernschwächere Schülerinnen und Schüler brauchen Lehrpersonen, die sie ermutigen und ihnen so eine Brücke zum Gelingen bauen – und damit zur Zuversicht und zur Einsicht: „Ich kann es!“ Oft sind diese Brückenköpfe eben nicht die Köpfe, sondern die Herzen. Was in der Schule zwischen Lehrerin und Schüler, zwischen Schülerin und Lehrer läuft, passiert nicht zuerst von Hirn zu Hirn, sondern von Auge zu Auge, von Sinn zu Sinn. Also körperlich und seelisch. Auch die Ermutigung und das Vorleben der Zuversicht. Die pädagogische Pflicht zur Zuversicht steht heute ganz weit vorne.

Die Welt braucht Menschen, die sich hinauswagen in die Welt und sie mittragen, Menschen, die wie Faust zuversichtlich sagen: „Ich fühle Mut, mich in die Welt zu wagen, / Der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen.“

(1) Karl Pestalozzi (2018), Gottfried Keller. Kursorische Lektüren und Interpretationen. Basel: Schwabe Verlag, S. 237.
(2) Vgl. Jürgen Kaube, Illusionen der Pädagogik, in: FAZaS, 19.05.2019, S. 33.
(3) Vgl. Ulrich Schnabel (2018), Zuversicht. Die Kraft der inneren Freiheit und warum sie heute wichtiger ist denn je. München: Blessing Verlag.
(4) Endspurt für den Lehrplan 21 in den Zuger Gemeinden. In: Zuger Zeitung, 22.04.2019, S. 21.
(5) John Hattie & Klaus Zierer (2018), VISIBLE LEARNING. Auf den Punkt gebracht. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren, S. 146f.
(6) Hannah Arendt (1994), Die Krise der Erziehung. In: Dies., Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I. München: Piper, S. 276.

Kommentare

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Ich war keine lernschwache Schülerin. Trotz häufiger asthmabedingter Ausfälle habe ich den Lernstoff spielend gemeistert. Buchstaben und Zahlen machten mir keine Mühe. Die Lehrerin war aber oft beschäftigt mit auffälligen Bubenspässen, was den Unterricht nicht interessanter machte. Damals war mir das nicht bewusst.
Von aussen gab es wenig Motivation und Anregung, die 50iger-Jahre waren karg. Das ist keine Entschuldigung für wenig persönlichen Antrieb.
Man kann leider keinen zweiten Versuch machen mit dem Leben und der Schule, aber man kann teilnehmen daran, wie sich heute Bildung und Schule gestalten.

Die Schule wird zum Chamäleon!
Mit Zuversicht die Welt zu lieben gehört jedenfalls dazu. Wie sie auch sein mag diese Welt, wir leben auf ihr, haben keine zweite. Es finden jedoch schon lange und überall heftige Machtkämpfe statt. Auch beim Lehrpersonal, von undurchschaubaren Kräften angeregt und motiviert in Sachen: Ich weiss und nur ich weiss was richtig und falsch ist. So kommt es halt auch da zu Reibereien. Väter bestimmten früher die Toleranzgrenzen und wegen gefühlter Ungleichheit wurden nun diese Machtkämpfe bis in die Schule getragen. Mädchen oder Frauenförderungen so gut und nötig sie sind, werden und so höre ich oft, übertrieben. Wenn offene Ablehnung oder sogar Feinddenken unreflektiert durch diffuse Angstgefühle erzeugt, durch militantes Denken anderer einfach übernommen wird, dienen sie niemandem und erzeugen nur neue Hassgefühle. Feinfühliges und individuelles hineinversetzen, sprich Empathie-Fähigkeit zu Kindern, eben Mädchen und Buben sollten Voraussetzung sein. Eigene Probleme müssten eher durch Fachleute kuriert werden. Miteinander schaffen wir das! Aber niemals durch Ideen eines besseren oder schlechteren Geschlechts, wie es heutzutage zu oft suggeriert wird. Ein Volk, eine Seele, nur gemeinsam bleiben wir stark. Kreierte Feindbilder helfen nur Dritten, die auch problemlos weit weg sein können und sich ins Fäustchen lachen. Uns ständig Vorgaben initiieren in verschiedensten Bereichen, an die sie sich selbst noch nie gehalten haben. Wir übernehmen längst fast alles, auch erkennbaren Unsinn, Hauptsache umgestalten. …cathari

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