Unverständliche Juristensprache

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Unverständliche Juristensprache

Von Urs Meier, 11.10.2019

Texte von Verwaltungen und Instanzen der Justiz sind selbst für sprachlich Normalbegabte oft kaum zu verstehen.

Fachdisziplinen haben vielfach nicht nur spezifische Terminologien, sondern eigentliche Binnensprachen, die für Nichtfachleute nur schwer verständlich sind. Das ist in den meisten Fällen kein grösseres Problem. Ein medizinischer Bericht ist, so sollte man jedenfalls annehmen, für all diejenigen, die damit arbeiten müssen, sprachlich zugänglich. Der Patient wird im Gespräch informiert und muss kein Doktorchinesisch können. Texte etwa aus der Analytischen Philosophie richten sich an Spezialisten unter den philosophisch Gebildeten und erheben keinen Anspruch auf allgemeine Verständlichkeit. Da macht es nicht so viel, wenn Nichtphilosophen nur Bahnhof verstehen.

Etwas anders liegen die Dinge bei der Verwaltungs- und Juristensprache. Hier werden Dinge geregelt und Sachverhalte beurteilt, die alle betreffen können. Deshalb müssten Texte aus Verwaltungen, Gerichten oder Strafverfolgungsbehörden eigentlich zwingend allgemein verständlich sein. Davon ist jedoch ein Grossteil dessen, was solche Instanzen schriftlich von sich geben, weit entfernt.

Wenn selbst durchaus sprachgewandte Leute bei juristischen Texten vielfach am Berg stehen, stimmt etwas nicht mit der Sprachpraxis der Rechtspflege. Das Recht darf nicht Sache einer exklusiven Expertenzunft sein; es ist buchstäblich die Angelegenheit aller. Jedermann muss diese Sprache verstehen können und die Gewissheit haben, sich ohne Vermittlung durch Spezialisten in Rechtssachen wenn nötig auch selbst äussern zu können.

Prekär steht es mit der Verständlichkeit des Verwaltungs- und Juristendeutschs für Personen mit schwächeren Sprachfähigkeiten oder für Menschen mit fremder Muttersprache. Das müsste nicht sein, und es gibt inzwischen viele offizielle Stellen, die ihre Text neben der Standardform auch in Leichter Sprache oder Einfacher Sprache anbieten – beides sind seit Jahrzehnten in verschiedenen Sprachen etablierte Regelwerke für möglichst barrierefreie Texte.

Diese primär auf handicapierte Zielgruppen ausgerichteten Sprachvarianten sind so wichtig wie rollstuhlgängige Strassen und Gebäude oder Markierungen für Sehbehinderte. Leichte Sprache als Alternative anzubieten, dient der Inklusion und sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Doch auch die Standardtexte der Verwaltungen und der Justiz könnten verständlicher sein. Es geht nicht allein darum, rekurssicher und gerichtsfest zu formulieren, sondern es braucht ein aktives Bemühen um allgemeine Verständlichkeit.

Kommentare

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Wer klar denkt, spricht und schreibt klar.

Danke, Herr Meier, Sie sprechen mir aus dem Herzen. Dabei kommt mir auch ein von meinem Vater, einem Juristen, viel zitierter Satz in den Sinn: "Unwissenheit schuetzt vor Strafe nicht". Was aber, wenn ich mich wegen dem Rechts-Chinesisch nicht korrekt informieren kann, obwohl ich mich ehrlich darum bemuehe.
Regula De Luca

"Leichte Sprache als Alternative anzubieten, dient der Inklusion und sollte eine Selbstverständlichkeit sein." Jawohl, und man hofft, dass Juristen und Nicht-Juristen bei so einem wichtigen Satz nicht die entsprechende Gewohnheit von Journalisten oder Soziologen antreffen.
Vieles ist in den letzten Jahren besser geworden in der Sprache der Justiz. So werden heutzutage beispielsweise die Prozesskosten nicht mehr wettgeschlagen (ein Wort, das man vor 20-30 Jahren, als es noch im Gebrauch war, auch im Duden nicht fand) sondern (bedeutungsgleich) von den Parteien je zur Hälfte getragen, wenn der Prozessausgang dies gebietet.
Eine Grundproblematik bleibt allerdings: Viele Textbausteine in Gerichtsurteilen sind hochgradig standardisiert und daher dank Copy-Paste immer wieder anzutreffen. Veränderungen derselben können daher auch Fragen auslösen, nicht nur deren Beibehaltung.

Urs Meier macht darauf aufmerksam, dass es eine Standardform auch in Leichter Sprache oder Einfacher Sprache gibt – beides sei seit Jahrzehnten in verschiedenen Sprachen etablierte Regelwerke für möglichst barrierefreie Texte.

In Finnland werden solche Texte in einfacher Sprache verwendet auch in Nachrichtensendungen des Rundfunks YLE. Täglich wird von YLE eine Sendung in einfacher Sprache von etwa fünf Minuten auf dem Internet gesendet. Abrufbar unter:
https://yle.fi/uutiset/osasto/selkouutiset/.
Schwierige Wörter kann an in diesen Texten anklicken. Sie werden dann in einem Kästchen in einfachen Worten erklärt.

Die normale Nachrichtensendung des YLE TV verstehe ich kaum, aber die Nachrichten bei Selkouutiset (leichte Sprache) meistens sehr gut.

Auch amtliche Formulare und Verlautbarungen sollen in Finnland in der leichten Sprache veröffentlicht werden, wie ich las. Auch Bücher erscheinen in dieser einfachen Sprache. Es ist allgemein bekannt, dass viele Zeitungstexte viele Menschen nicht verstehen, nicht nur Ausländer und Kinder. Darauf sollten die Profis Rücksicht nehmen, nicht nur beim Blick.

Juristische Sachverhalte sind halt oft sehr kompliziert, weshalb sie mit nur noch komplizierteren Beschreibungen richtig dargestellt werden können. Dafür gibt es auch die vielen Juristinnen und Juristen und Rechtsanwälte, die uns Rechtsunkundigen nach ihrem entbehrungsreichen Studium für angemessenes Entgelt beistehen, nötigenfalls auch unentgeltlich, sollten die persönlichen Verhälnisse eine Finanzierung der Kosten nicht zulassen. Und sonst können wie in meinem Fall dann halt alte Witze wieder wahr werden, und man muss mit dem zufrieden sein, was man nicht hat. Das macht schön bescheiden, demütig und frei. Wie Arbeit.

Richtig so. Ich weise jeweils an mich gerichtete, geschwurbelte, bewusst kaum verständliche Papiere zurück und verlange eine deutsch und deutliche Version. Stelle dann jeweils einige Skurrilitäten an den Pranger. Lohnt sich,. es wirkt, meistens merken die Verfasser dieser Unleserlichkeiten, wer Kunde/Bürger/Nettosteuerzahler ist. Tertiärbildung.

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