Surrealismus ohne Skandal

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Surrealismus ohne Skandal

Von Urs Meier, 26.05.2013

Der Surrealismus der 1920er Jahre wollte den Affront des Bürgertums. Heute ist er kunsthistorisch kanonisiert. Geschadet hat dies nicht. Die Begegnung mit Max Ernsts Werken ist ein Ereignis.

Impressionismus, Kubismus und viele weitere «Ismen» der modernen Malerei entfachten bei ihrem Auftreten in der Kunstwelt heftige Skandale. So auch der Surrealismus, der im Paris der frühen 1920er Jahre entstand, zunächst vor allem als literarische Bewegung mit den Hauptexponenten André Breton und Guillaume Apollinaire. Doch anders als etwa im Kubismus, der sich primär als ein neuer Stil verstand und dessen gesellschaftliche Skandale quasi die Kollateralschäden einer ästhetischen Umwälzung waren, herrschte im Surrealismus ein genuiner Geist der Revolte. Die surrealistischen Dichter, Dramatiker, Choreographen, Maler und Plastiker wollten den Aufruhr. Sie provozierten das Bürgertum, das in ihren Augen total abgewirtschaftet hatte. Dessen Leere hinter biederen Fassaden zu denunzieren, das Grauen aufzudecken, welches hinter verlogenen hehren Werten lauerte: diese Absichten standen am Ursprung der neuen Bewegung.

Von Dada zum Surrealismus

Direkter Vorläufer und mit dem Surrealismus anfänglich eng verbunden ist der Dadaismus, der 1916 in Zürich erfunden wurde. Dada ist die poetische Revolte gegen die Katastrophe des Ersten Weltkriegs und die gesamte bürgerliche Kultur. Zornig und lustvoll verabschiedeten die Dadaisten das 19. Jahrhundert. Die verschworene Gruppe war sich im Klaren, dass sie keine Revolution anzetteln würde und widmete sich umso freier ihren ästhetischen Experimenten. Jeder Eklat bestätigte ihnen die eigene Avantgarde-Position; im Rückblick übrigens zu Recht: Dada war eine Brutstätte für Neuerungen in Kunst und Design, deren Wirkungen bis in die Gegenwart reichen.

Max Ernst: Beim ersten klaren Wort, 1923, Öl auf Gips, auf Leinwand übertragen, 232 × 167 cm , Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf © 2013, ProLitteris, Zürich (Foto: Walter Klein, Düsseldorf)
Max Ernst: Beim ersten klaren Wort, 1923, Öl auf Gips, auf Leinwand übertragen, 232 × 167 cm , Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf © 2013, ProLitteris, Zürich (Foto: Walter Klein, Düsseldorf)

Max Ernst (1891-1976) gründete 1919 mit Hans Arp die Kölner Dada-Gruppe. 1922 übersiedelte er nach Paris und war fortan mitten drin im ungeheuren Kraftzentrum, wo sich die Grossen der bildenden Kunst gegenseitig beeinflussten und antrieben. Bald wurde Ernst nicht nur zu einem der Pioniere des Surrealismus, sondern auch zu dessen einflussreichem Theoretiker. Als «gelehrter Künstler» – Max Ernst hatte in Bonn Kunstgeschichte, Philosophie, Psychologie und Psychiatrie studiert – war er immer an der Reflexion des künstlerischen Tuns und der gesellschaftlichen Funktionen der Kunst interessiert. Auch auf dem intellektuellen Feld etablierte er den Surrealismus als Provokation. «Wenn die Kunst ein Spiegel der Zeit ist, muss sie wahnsinnig sein.» Ein mehrdeutiger Vexier-Satz: Um die gegenwärtige Zeit richtig widerzuspiegeln, muss die Kunst wahnsinnig sein. Aber auch: Ist es tatsächlich die Gegenwart, die da im Spiegel der Kunst zu sehen ist, so muss es sich um eine wahnsinnige Zeit handeln.

Das Phantastische und die innere Wahrheit

Um die Kunst in dieser Weise zum Spiegel zu machen, suchte Max Ernst stets neue irritierende Bildwelten: seltsam in sich verschlossene Raumperspektiven, traumartig verfremdeter Realismus, phantastische Chimären von Mensch, Tier, Pflanze und Gestein, schwankende Sujets zwischen Abbildung und Abstraktion. Explizit knüpfte er an Hieronymus Bosch (1450-1516) an, dessen berühmte «Versuchung des Heiligen Antonius» er 1945 im amerikanischen Exil mit einem Ölgemälde gleichen Titels in imitierendem Malstil frei paraphrasiert. Boschs spätmittelalterliche Höllenpanoramen waren in ihrer drastischen Phantastik für Max Ernst eine Inspiration bei seinem Bemühen, unbewusste innere Bilder auf die Leinwand zu bringen.

Über seine Malerei sagte Max Ernst: «Was die meisten Menschen als phantastisch betrachten, halte ich für das innere Wesen der Wahrheit.» Dieses allerdings entzieht sich der eindeutigen Benennung. Es hat vorbewussten Charakter, äussert sich in Gefühlen, kann nicht festgehalten werden. Das künstlerische Ringen um die flüchtige Wahrheit äussert sich auch darin, dass es dauernd neue Ausdrucksformen sucht: «Ein Maler ist verloren, wenn er sich findet.» Diese berühmt gewordene Selbstaussage Max Ernsts ist durchaus keine Koketterie, sondern vielmehr beglaubigt durch seine künstlerische Vita. Er hat sich immer wieder neue Sujets, Malstile und Techniken erobert, hat schreiende und stille Bilder gemalt, Skurriles und Monumentales, Verspieltes und streng Verschlüsseltes.

Grosse Retrospektive

Die mit 160 Bildern, Objekten und Skulpturen reich dotierte Ausstellung in der Fondation Beyeler bietet eine Übersicht über Max Ernsts gesamtes Schaffen und dokumentiert dieses mit einer hochkarätigen Auswahl. Beeindruckend ist nur schon die Anordnung der Bilder, welche das lebenslange Suchen und unablässige Neu-Erfinden surrealistischer Malweisen erlebbar macht. Die Schau ist in Bildergruppen gegliedert, die jeweils einer Schaffensperiode angehören, gleiche oder ähnliche Sujets aufgreifen und sich bestimmter Maltechniken bedienen. Berühmt sind die 1929/30 geschaffenen Collagen aus der Serie «La femme 100 têtes» («Collageroman» genannt), mit denen Max Ernst das Genre der Collage ganz neu definiert und mit der Technik der im Bild unsichtbaren Skalpell-Schnitte zu einer handwerklichen Höchstform gebracht hat. Mittels Grattage, einer Technik, bei der mehrere Farbschichten von einer mit Gittern oder ähnlichem unterlegten Leinwand abgeschabt und –gekratzt werden, erzeugte er um 1927 Bilder von traumartigen, oft apokalyptischen Landschaften oder phantastischen Vögeln und Blumen.

Max Ernst: Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Éluard und dem Maler, 1926, Öl auf Leinwand, 196 × 130 cm, Museum Ludwig, Köln, © 2013, ProLitteris, Zürich (Foto: Peter Willi/ Artothek)
Max Ernst: Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen: André Breton, Paul Éluard und dem Maler, 1926, Öl auf Leinwand, 196 × 130 cm, Museum Ludwig, Köln, © 2013, ProLitteris, Zürich (Foto: Peter Willi/ Artothek)

Mit mehr oder minder verschlüsselten Bildern programmatischen Inhalts wie «Beim ersten klaren Wort» und «Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind...» bewegte Max Ernst sich am ehesten auf dem von der Gruppe der Surrealisten (neben ihm selbst vor allem Giorgio de Chirico und Salvador Dalí) gemeinsam bespielten Terrain einer «über-realistischen» oder «metaphysischen» Bildsprache. In seinem Gesamtwerk sind sie aber nur eine Facette neben anderen.

Eine ganz andere Spielart des Surrealen zeigen die düsteren Wald-Sujets von 1927, mit denen Max Ernst an die dunkle Romantik etwa eines Arnold Böcklin anknüpft. Ein Jahrzehnt später beschäftigt er sich mit üppig bunten Pflanzenszenen, in denen sich allerhand Tiere und Fabelwesen tummeln. Im Spätwerk schliesslich, wieder zurück in Frankreich, entstehen Bilder mit elementaren, oft abstrakten Formen. In einzelnen dieser Werke – so in «Das ununterbrochene Schweigen» (1968) – kann man einen deutlichen Abschied vom Surrealismus sehen. Max Ernst hat sich offenbar als 77-Jähriger einmal mehr sich an die Devise gehalten, dass man sich als Künstler nie endgültig finden kann.

Surrealismus im Zeitalter der Computerbilder

Wie die meisten Stilrichtungen der modernen Malerei hat auch der Surrealismus zahlreiche Echos in der Populärkultur hervorgerufen. Seit Filmbilder aus dem Computer kommen, hat sich im Mainstream-Kino hierfür ein weites Feld aufgetan. Weltraum-Epen und Fantasy bedienen sich in manchen Fällen grosszügig bei den vom Surrealismus geschaffenen Sujets. Was vor bald hundert Jahren die Betrachter schockierte und aufwühlte, wird in seinen modernen Abwandlungen kühl als Special Effects aus Hollywoods Traumfabriken begutachtet. Die Bilderkonsumenten der Jetztzeit sind weitgehend verblüffungsresistent geworden.

Max Ernst: Die ganze Stadt, 1935/36, Öl auf Leinwand, 60 × 81 cm, Kunsthaus Zürich, © 2013, ProLitteris, Zürich (Foto: Kunsthaus Zürich)
Max Ernst: Die ganze Stadt, 1935/36, Öl auf Leinwand, 60 × 81 cm, Kunsthaus Zürich, © 2013, ProLitteris, Zürich (Foto: Kunsthaus Zürich)

Surrealistische Malerei hat für heutige Augen das vordergründig Provozierende ihrer «unmöglichen» Bildgegenstände gewiss verloren. Mit Skandal ist da nichts mehr. Obschon der Surrealismus, anders als etwa der Kubismus, den Aufruhr gewollt hatte, ist er der gleichen Historisierung anheim gefallen. Heute ist er einer der vielen Ismen, die einst Skandal gemacht hatten und nun längst zum Kanon der Kunst zählen. Die Schau in der Fondation Beyeler zeigt, dass das Werk von Max Ernst auch ohne skandalträchtigen Kontext in sich selbst Bestand hat. Es vermag Menschen im 21. Jahrhundert zu faszinieren und zu begeistern.


Max Ernst Retrospektive: 26. Mai bis 8. September 2013 in der Fondation Beyeler, Riehen/Basel

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