Sommerbücher

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Sommerbücher

Von Journal21, 04.07.2017

Die Sommerferien nahen. Was werden Sie lesen? Journal21-Autorinnen und -Autoren empfehlen Bücher für den Strandkorb und die Insel.
  • Stephan Wehowsky empfiehlt

Jeffrey Archer: Die Clifton-Saga

Im Jahr 2011 kam der der erste Teil der Clifton-Saga heraus und wurde sofort zu einem internationalen Bestseller. Jeffrey Archer hat dieses Opus auf zehn Bände angelegt. Bis jetzt sind sechs davon erschienen. Der Zyklus beginnt kurz nach dem 1. Weltkrieg in England. Archer versteht es meisterhaft, immer die Spannung zu halten. Als ehemaliger Politiker der Konservativen, der wegen Meineids eine Gefängnisstrafe absitzen musste, kann er aus dem Vollen schöpfen. Die Hörbücher sind fabelhaft gelesen und nehmen auch dem längsten Urlaubsstau seinen Schrecken.

Jeffrey Archer: Die Clifton-Saga. Bis jetzt sechs Bände von zehn mit je eigenem Titel, Heyne Verlag, München. Alle Bände als Hörbücher und E-Books erhältlich.

Albert M. Debrunner: „Zu Hause im 20. Jahrhundert“, Hermann Kesten.

Ein Phänomen sondergleichen: Hermann Kesten war einer der berühmtesten und meistgelesenen deutschen Autoren im vergangenen Jahrhundert und ist heute nahezu vergessen. Die gerade erschienene Biographie vermittelt die Faszination, die von diesem regen Geist ausging. Kesten war Emigrant und Weltbürger zugleich – und ein Genie der Freundschaft. Als Lektor entdeckte und förderte er Autoren wie Joseph Roth, und als Autor war er ein wichtiger Diagnostiker des Zeitgeistes. Die schön gestaltete Biographie enthält neben zahlreichen Bildern auch Gedichte und Textausschnitte von Kesten.

Biographie, 448 Seiten, Nimbus. Kunst und Bücher, Wädenswil 2017

  • Klara Obermüller empfiehlt

Viveca Sten: Mörderisches Ufer

Sommer, Segeln, Strand – etwas anderes scheint es im Schärengarten, Schwedens Inselparadies vor den Toren Stockholms, nicht zu geben. Doch ausgerechnet hier hat Viveca Sten ihre Kriminalgeschichten angesiedelt. Schon zum achten Mal setzt sie Thomas Andreasson auf einen Fall an, der ihm ebenso viel kriminalistisches Geschick wie psychologisches Einfühlungsvermögen abverlangt. Um ein verschwundenes Kind und einen unheimlichen Fremden, um einen labilen Betreuer und ein zerstrittenes Elternpaar geht es diesmal. Was aber steckt dahinter: Pädophilie, Erpressung, Wirtschaftskriminalität? Der Plot ist raffiniert, die Auflösung überraschend und das Familienleben des Protagonisten so kompliziert, dass ein neunter Fall unbedingt folgen muss.

Aus dem Schwedischen von Dagmar Lendt, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. 464 Seiten.

Natascha Wodin: Sie kam aus Mariupol

Als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter kam Natascha Wodin 1945 in Deutschland zur Welt. Von ihrer Herkunft wusste sie so gut wie nichts. Der Vater ging dubiosen Geschäften nach. Die Mutter brachte sich um, als die Tochter zehn Jahre alt war. Über die Vergangenheit wurde im Haus Wodin nicht gesprochen. Erst im Alter von fast 70 Jahren startet Wodin eine letzte Internet-Recherche, die wider Erwarten erfolgreich verläuft und eine Familiengeschichte zu Tage fördert, in der sich alle Schrecken des 20. Jahrhunderts spiegeln. In ihrem mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichneten Buch zeichnet die Autorin diese Recherche auf berührende Weise nach und findet dabei nicht nur zu sich selbst, sondern gibt auch der geliebten Mutter ihre aus Scham und Trauer verschwiegene Geschichte zurück.

Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 2017. 368 Seiten.

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

Dmitri Schostakowitsch war ein grossartiger Komponist, aber Mut gehörte nicht zu seinen hervorragendsten Eigenschaften. Gerade deshalb hat er vielleicht den stalinistischen Terror unbeschadet überlebt: unbeschadet, was die körperliche Unversehrtheit betraf, zutiefst verstört und beschämt, wo es um die charakterliche Integrität ging. Um die eigene Haut zu retten, hat Schostakowitsch sich der Macht gebeugt. Er ist Kompromisse eingegangen und hat Verrat geübt an sich und seiner Musik. Davon, von Schostakowitschs Angst, von seinem Opportunismus und seinem Leiden an der eigenen Schwäche, handelt Julian Barnes aufrüttelnder Roman, der den Künstler nicht verurteilt, sondern einfach nur zeigt, was aus einem Menschen – aus uns allen – werden kann, wenn man ihn zwingt, zwischen seiner Kunst und dem nackten Überleben zu wählen.

Aus dem Englischen von Gertraude Krüger, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. 256 Seiten.

  • Urs Meier empfiehlt

Helga Schütz: Sepia. Roman

Zu DDR-Zeiten war sie Teil jener bewunderten Literatur, die trotz der Fuchtel der Zensur unwillkommene Wahrheiten beschrieb. Nach der Wende hat Helga Schütz ihre literarische Arbeit mit autobiografischen Elementen fortgeführt. „Sepia“ schildert als eigentlicher Bildungsroman das Erwachsenwerden der jungen Eli, die in den frühen Sechzigerjahren als Arbeiterkind einen Quotenplatz an der Babelsberger Filmhochschule belegt. Eigenwillig hält sie an ihrem Unabhängigkeitsdrang fest. Was sie lernt, ist Treue zu sich selbst und zu den ihr freundlich Gesinnten.

Aufbau Verlag, Berlin 2012. 393 Seiten.

Warlam Schalamow: Wischera. Antiroman

Schalamow (1907–1982) verbrachte mehr als zwanzig Jahre im sowjetischen Gulag, zuletzt 17 Jahre in der berüchtigten Kolyma-Region im Nordosten Sibiriens. Der Antiroman – von Schalamow so bezeichnet, weil im Lager alle Massstäbe des Humanen und damit des schlüssigen Erzählens aufgehoben sind – handelt von der ersten Deportation Schalamows ins Uralgebiet (1929–1932). Der Gefangene erduldet den Gulag mit rebellischem Sarkasmus, um seine kommunistischen Ideale und seine persönliche Moral halbwegs über die Runden zu bringen. „Wischera“ ist eine bittere schwarze Schweijkiade.

Matthes & Seitz, Berlin 2016. 271 Seiten.

Louis Begley: Ein Leben für ein Leben. Roman

Begley-Leser werden sich über diese im James-Bond-Stil gehaltene Rächergeschichte wundern. Das soll von Louis Begley sein, den man doch als Autor gescheiter Gesellschaftsromane kennt? Doch dann entdeckt man einen versteckten Kunstgriff: Der Held ist Romanschriftsteller und schreibt an einem Buch über seine derzeitigen Erlebnisse. Wir lesen also den Roman, dessen Entstehung sich durch den Roman zieht. Der Autor hat uns in ein Spiegelkabinett gelockt, in dem wir nie wissen, was wir sehen, beziehungsweise lesen: Erzähltes? Eine Erzählung von Erzähltem? Oder eine Erzählung über das Erzählen?

Suhrkamp Verlag, Berlin 2016. 301 Seiten.

  • Christoph Kuhn empfiehlt

Paul Auster: 4321

Ein gewaltiger Schmöker, wie gemacht für Ferienlektüre. Der amerikanische Autor beschreibt in vier Variationen das Leben des Archibald Ferguson, der in den 50er Jahren in Newark aufwächst. Vier mögliche Lebensläufe zeichnen sich auf einem üppig ausgestatteten Zeitgemälde ab. Individuelles Leben in der Möglichkeitsform und eigenwillig interpretierte Zeitgeschichte verbinden sich zu einem grandiosen Romantext.

Rowohlt Verlag, aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann, Nikolaus Stingl, 2017. 1264 Seiten.

Joseph Conrad: Die Schattenlinie

Zwei kurze Romane des aus Polen stammenden britischen Autors Joseph Conrad (1857–1924) hat Göske neu übersetzt und ausführlich kommentiert. Meer-Literatur der besten Art. Straff erzählte Kapitäns- und Schiffsgeschichten, dem eigenen Erleben des Autors nachgebildet, packend und tiefgründig. Der vom Übersetzer wiederbelebte – und hinreichend erklärte – Seemannsjargon ist vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, trägt aber viel zur Authentizität der Romane bei.

Hanser Verlag, neu übersetzt von Daniel Göske, 2017. 420 Seiten.

Ilma Rakusa: Impressum: Langsames Licht

In sieben Kapiteln, jedes von einem Haiku eingeleitet, vereinigt die Schweizer Autorin Gedichte aus den letzten Jahren. Ilma Rakusa ist eine Reisende, eine Weltbürgerin, ihre Verse können Kyoto oder Odessa, Berlin oder Teheran evozieren. Im genau Angeschauten spürt man das Kosmische, das Unendliche. Wie auf Flügeln schweben Wörter und Bilder durch die Luft – überaus reizvolle Gebilde, denen nachzusinnen sich lohnt.


Droschl Verlag, Graz, 2016. 184 Seiten.

  • Reinhard Meier empfiehlt

Emmanuel Carrère: Ein russischer Roman

Dieses Buch wird entweder hoch gelobt, oder – wie neulich im „Tagesanzeiger“ – frontal zerrissen. Unbestritten ist: Carrère lässt keinen Leser kalt. Er ist der Sohn der in Frankreich hoch angesehenen Historikerin und Russland-Spezialistin Hélène Carrère d’Encausse. Wegen seiner russischen Wurzeln reist er in die sibirische Provinz, um einen Dokumentarfilm über das dortige Leben zu drehen. Aber viel heftiger interessiert ihn die vertrackte Liebesaffäre mit der damaligen Freundin Sophie und die eigene dunkle Familiengeschichte. Alle diese Fäden verstrickt Carrère zu einem fulminanten Plot, den man je nach Geschmack als egomanisch, erotomanisch oder als scharfsichtige Selbsterforschung beurteilen kann.

Aus dem Französischen von  Claudia Hamm. Matthes & Seitz, Berlin 2017. 282 Seiten.

Catherine Merridale: Lenins Zug

Am 9. April 1917 bestieg Wladimir Iljitsch Lenin im Zürcher Hauptbahnhof den berühmt gewordenen „plombierten“ Zug, der ihn – dank kalkulierter Protektion durch das deutsche Kaiserreich – in acht Tagen nach der damaligen russischen Hauptstadt Petrograd brachte. Die weltgeschichtlichen Folgen sind bekannt. Die britische Historikerin Catherine Merridale hat 100 Jahre später die legendäre Zugreise selbst zurückgelegt und schildert deren politische Hintergründe und Folgewirkungen. Über Lenins persönliches Beziehungsgeflecht – etwa zu seiner Frau Nadjeschda Krupskaja und seiner Geliebten Inessa Armand – schweigt sie sich allerdings aus.

S. Fischer, Frankfurt a.M. 2017. 284 Seiten.

  • Ignaz Staub empfiehlt

Don Winslow: The Force

Der amerikanische  Autor galt bisher als Chronist des Drogenkriegs zwischen den USA und Mexiko schlechthin. Nach „The Cartel“ wendet sich Don Winslow nun ebenso akribisch und umfassend der legendären New Yorker Stadtpolizei (N.Y.P.D.) zu, einer kampferprobten Truppe, in der sich, wie in andern mächtigen Institutionen, Gut und Bös nicht immer sauber trennen lassen. Der Thriller zeichnet ein realistisches Bild der Polizeiarbeit in einer Grossstadt, in der stets Recht und Ordnung  aufrechtzuerhalten fast ein Ding der Unmöglichkeit ist.

William Morrow and Company, New York. 479 Seiten.

Souad Mekhennet: I Was Told To Come Alone

Die Korrespondentin der „Washington Post“, Tochter einer Schiitin und eines Sunniten, berichtet seit den Anschlägen von 9/11 aus der arabischen Welt über Jihad und Jihadisten. Zum einen schildert die 39-jährige Deutsche, wie schwierig und gefährlich es ist, verlässliche Informationen über ein Phänomen zu sammeln, an dem selbst ressourcenreiche Geheimdienste mitunter verzweifeln. Zum andern porträtiert sie Gotteskrieger verschiedener Länder, die wohl nicht ganz uneigennützig die Nähe einer Journalistin zulassen, die ihre Sprache spricht und als junge Muslima einst selbst in Versuchung geriet, zum militanten Islam überzutreten.

Henry Holt and Co., New York. 354 Seiten.

Gerald Seymour: Jericho’s War

Der britische Autor, der nicht selten mit John le Carré verglichen wird, liebt es, seine Spionage-Thriller in Weltgegenden und Milieus anzusiedeln, in die vorzudringen extrem riskant ist. In Gerald Seymours jüngstem Werk, seinem 33., erhält ein Agent des MI6 den Auftrag, einen Führer der al-Qaida auszuschalten, der sich, stets auf Achse, im Süden des Jemen versteckt und raffinierte Selbstmordanschläge plant. Nur dank einer ausgeklügelten Operation und mit Hilfe eines desillusionierten britischen Jihadi gelingt es dem einzelgängerischen Protagonisten am Ende, sein Ziel zu identifizieren und suszuschalten. 

Hodder & Stoughten, London. 470 Seiten.

  • Gisela Blau empfiehlt

Werner Sonne: Wer den Sturm sät

Nein, es ist kein Insel-Krimi, auch wenn der Roman hauptsächlich auf und vor Sylt spielt. Werner Sonne schrieb wieder einmal einen Polit-Thriller, und der Autor kennt die Zusammenhänge, denn er war 40 Jahre internationaler Korrespondent der ARD. Eine tote Unternehmerin im Pool des Luxushotels, ein toter russischer Kampfschwimmer am Strand, ein gestrandetes russisches Unterseeboot – der hoch spannende Plot zwischen Kanzleramt, Polizei, Medien und Marine erinnert an die täglichen Schlagzeilen.

Edition M 2017. 266 Seiten. Taschenbuch, E-Buch, Hörbuch, Amazon Publishing

Max Lichtegg – Nur der Musik verpflichtet

Max Lichtegg war eine Lichtfigur von Operette und Oper, und sein Lieblingsschüler Alfred A. Fassbind setzte ihm ein Denkmal mit einer minutiös recherchierten Biografie, die sich liest wie ein Roman. Denn das Buch vermittelt ein unvergessliches Stück Politik-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte aus einer bewegten Zeit, von Wien über Bern bis Zürich, als Lichtegg wie ein Popstar von Fans umschwärmt war. Die zahlreichen Fotos gestatten einen hinreissenden Blick zurück in eine andere Bühnenelt.

Römerhof Verlag Zürich 2016. 560 Seiten, viele Abb. Hardcover.

Oliver Meier, Michael Feller, Stefanie Christ

Weshalb vermachte Cornelius Gurlitt seine unter merkwürdigen Umständen aufgeflogene Kunstsammlung ausgerechnet dem Kunstmuseum Bern? Die Autoren beleuchten Beziehungen der Familie Gurlitt zu Bern, die enger waren als bisher bekannt. Das Buch ist auch eine historische Darstellung der Verfolgung durch die Nationalsozialisten, ihren Raub von Kunstwerken, die oft bis heute nicht restituiert sind, vom Umgang mit Raub- und Fluchtkunst durch Kunsthändler und Kunstsammler in der Schweiz, die eine Drehscheibe war. 

Der Gurlitt-Komplex, Bern und die Raubkunst. Chronos Verlag, Zürich 2017. 408 Seiten, 74 Abb.

  • Silvia Kübler empfiehlt

Per Petterson: Pferde stehlen. Roman

„Hier wohne ich jetzt, in einem kleinen Haus an einem See … und es ist fast genau so, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Trond hat nichts übrig für Leute, die der Meinung sind, das Schicksal bestimme unser Leben – er hat sein Leben selbst erschaffen, meint er. Doch immer wieder holen den alternden Mann Erinnerungen ein an jenen Sommer vor über 50 Jahren – und ganz allein geht es auch nicht. Faszinierend sind die hochpräzisen Beschreibungen von Alltagsvorgängen und Wahrnehmungen. In die Ritzen dazwischen drängt sich die Geschichte des Jungen, der zum Mann wird.

Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt 2008. 246 Seiten.

  • Roland Jeanneret empfiehlt

Henry James: Überfahrt mit Dame, Eine Salonerzählung

„Die Seekrankheit vergeht im Allgemeinen am zweiten Tag und der Trübsinn ungefähr zur Mittagszeit des vierten. Dann beginnen die Männer zu denken, die Frauen seien doch nicht so hässlich, vulgär und geistlos, und die Frauen geben sich nicht mehr so einsilbig, wagen sich zunehmend aus ihren Schlupfwinkeln hervor, in die sie sich anfangs zurückgezogen hatten und werden umgänglicher, vielleicht sogar mehr, als sie es an Land gewesen waren. Und zwischen den Männern entstehen Bündnisse …“ Leserinnen und Leser mussten über 120 Jahre warten bis  Henry James Novelle „The Patagonia“ aus dem Jahr 1888 auf Deutsch übersetzt wurde. Jetzt ist sie bereits in der dritten Auflage erschienen. Zwei lebensnahe Seefahrten, die zur Ferienlektüre geradezu prädestiniert sind!

Aufbau Verlag, Berlin 2013. 175 Seiten.
 
Esther Pauchard: Tödliche Praxis

Krimifans warteten ungeduldig auf den zweiten Krimi der Berner Fachärztin für Psychiatrie Esther Pauchard. Kein Wunder, dass „Tödliche Praxis“ aus ihrem beruflichen Umfeld stammt: Liegt doch der streitlustige Hausarzt Franz Wasem tot im Sprechzimmer seiner Praxis.
Rasch wird seine Assistentin Melissa der Tat verdächtigt. Zum Beweis ihrer Unschuld begibt sie sich selber auf Spurensuche und kommt dem möglichen Täter immer näher. Beim Durchdringen der undurchsichtigen Affäre wird ihr diese Nähe aber selber immer mehr zur tödlichen Gefahr.

Lokwort-Verlag, Bern. 352 Seiten.
 
Georg Seesslen: TRUMP! Populismus als Politik

Das Büchlein im Kleinformat ist wie gemacht für ins Feriengepäck. Und die Analyse des bekannten deutschen Publizisten Seesslen macht verblüffende Erklärungen über den kuriosen Aufstieg Trumps zum mächtigsten Mann der Welt. Er greift dabei auf ur-amerikanische Reflexe und Traditionen zurück und landet bei seinem Vergleich u. a. beim Cowboy, der einmal edel sich fürs Gute einsetzt und dann wieder als raffinierter Gauner auftritt. Diese «Ur-Figur» prägt auch Aufstieg (und vielleicht Fall) des Donald Trump. Der Inszenierungscharakter von Trumps Auftritten wird dabei ebenso deutlich wie die irrealen, emotionalen Überschneidungen zwischen ihm und seinen Anhängern. Eine der intelligentesten Analysen in der mittlerweile bereits beachtlichen Trump-Literatur, die ich gelesen habe!

Bertz + Fischer, Berlin, 2017. 144 Seiten.

  • Heiner Hug empfiehlt

Peter Wensierkski: Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution

Helmut Kohl wird in diesen Tagen, aus aktuellem Anlass, als „Kanzler der Einheit“ gefeiert. Doch gefeiert werden sollte auch eine Gruppe mutiger junger Leute in Leipzig. Auch sie tragen grosses Verdienst an dieser „Einheit“. Peter Wensierski, der Autor des Buchs, war damals als ARD-Korrespondent dabei, als die Jungen Ende der Achtzigerjahre einen scheinbar aussichtslosen Kampf gegen das DDR-Regime begannen. Sie wurden zunehmend frecher und blamierten die SED-Grössen mehr und mehr. Ein mitreissendes Buch über junge furchtlose Aktivisten – und über das Ende der DDR.

DVA, Spiegel Buchverlag, 2017. 464 Seiten, auch als E-Book erhältlich.

Peter Brown: Der Schatz im Himmel. Der Aufstieg des Christentums und der Niedergang des Römischen Reichs

Alle sprechen vom Islam. Befassen wir uns doch wieder einmal mit unserer Religion. Der heute 81-jährige irische Althistoriker Peter Brown wirft einen faszinierenden Blick auf die Entstehung des Christentums. Es sei nicht die Bekehrung von Kaiser Konstantin gewesen, die der neuen Religion Auftrieb gab, sondern die clevere Vermarktung gegen Ende des 4. Jahrhunderts. Die Reichen wurden dazu verführt, der Kirche Geld zu geben. „Gaben an die Armen“, so Brown, „galten jetzt quasi als Anleihen an Gott. Der würde sie später mit einer unvorstellbaren Verzinsung zurückzahlen.“ So wurde die Oberschicht mit einem netten Platz im Jenseits geködert. Die Kirche wurde immer reicher, und das Christentum begann, wie ein Tsunami über das Römische Reich zu fegen. – Das Buch ist fast tausend Seiten dick. Wenn Sie in die Ferien fahren, lohnt sich wohl die E-Book-Version.

Klett-Cotta, 2017. 958 Seiten, auch als E-Book.

Und zum Schluss: Gabriel García-Márquez, reloaded

„Hundert Jahre Einsamkeit“, das Buch kennen alle. Und wer es nicht kennt, hat etwas verpasst. Vor genau 50 Jahren wurde der Roman erstmals veröffentlicht. In seinem Zentrum stehen sechs Generationen der kolumbianischen Familie Buendía. Die Geschichte wurde in 35 Sprachen übersetzt, 33 Millionen Mal verkauft und ist eines der wichtigsten Werke der lateinamerikanischen Literatur. Jetzt wurde „Hundert Jahre Einsamkeit“ neu und frisch von Dagmar Ploetz übersetzt. Und, wichtig für den Urlaub, erstmals ist der Roman des Nobelpreisträgers als Hörbuch zu haben, vorgetragen von Ulrich Noethen, der 2017 den Deutschen Hörbuchpreis erhielt.

Hörbuch Hamburg, 2017. 14 CDs, 1008 Minuten Laufzeit, kann heruntergeladen werden.

Kommentare

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