Schlacht um al-Bab

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Schlacht um al-Bab

Von Arnold Hottinger, 13.02.2017

Erdoğan und Putin bestimmen mehr und mehr das Geschehen in Syrien. Leidtragende könnten die Kurden sein.

Die türkischen Streitkräfte versuchen seit Dezember - zusammen mit ihren syrischen Verbündeten aus der FSA (Freien Syrischen Armee) -, die Stadt al-Bab einzunehmen. Dieser Ort, der rund 100’000 Einwohner zählt und 30 Kilometer nordöstlich von Aleppo liegt, war eine Hochburg des „Islamischen Staats“ (IS). Ähnlich wie in Raqqa hatten die syrischen Rebellengruppen zusammen mit IS-Milizen al-Bab 2012 eingenommen. Später jedoch vertrieb der IS die andern Rebellen und beherrschte die Stadt seit 2014 allein. Von hier aus kontrollierten die Jihadisten den Raum nordöstlich von Aleppo.

Im vergangenen August hatte die türkische Regierung beschlossen, in Nordsyrien einzugreifen, und zwar mit einem doppelten Ziel: Erstens war die Intervention gegen die Kurden gerichtet. Die Türken versuchten zu verhindern, dass es den syrischen Kurden gelingt, ihre Gebiete östlich des Euphrats mit der kurdischen Enklave von Afrin, die westliche des Euphrats an der türkischen Grenze liegt, zu einem zusammenhängenden Gebiet zu vereinen. Die Kurden wollen hier einen eigenen Staat bilden und haben ihm schon einen Namen gegeben: Rodschawa.

Keil zwischen Türken und Amerikanern

Zweitens hat die türkische Offensive, die den Namen „Euphrat-Schild“ trägt, zum Ziel, den IS zu bekämpfen. Schnell gelang es den Türken, die Stadt Dscharablus, die am Euphrat direkt an der türkischen Grenze liegt, einzunehmen. Die IS-Milizen räumten die Stadt kampflos. Auch die Stadt Rai und der Flecken Dabiq wurden ohne nennenswerten Widerstand eingenommen. Doch der Vorstoss weiter südlich nach al-Bab erwies sich als schwierig. Der IS verteidigt diese Stadt energisch und verminte ihre Zugänge.

Der IS versucht einen Keil zwischen Türken und Amerikaner zu treiben. Das Kalkül der Jihadisten sieht so aus: Solange die Türken mit ihren syrischen Verbündeten vor al-Bab kämpfen und die syrischen Kurden mit ihren syrischen Verbündeten und mit amerikanischer Hilfe weiter im Osten auf Raqqa vorstossen, bleiben die Gegensätze zwischen den Türken und den Amerikanern akut. Die Amerikaner helfen den syrischen Kurden, aber die Türken bekämpfen sie und bezeichnen sie als „Terroristen“.

Geballte Offensive

Wenn die Türken ihr Ziel erreichen und eine eigene Zone im nordsyrischen Grenzraum errichten und absichern können, kommt der Moment, in dem es zu einer Verständigung zwischen den Türken und den Amerikanern über die Frage einer gemeinsamen Endoffensive auf Raqqa kommen kann. Eine derartige Verständigung könnte ähnlich aussehen, wie sie in Mosul stattgefunden hat. Dort halfen die kurdischen Truppen im Vorfeld bei der Belagerung der Stadt, aber sie blieben dann ausserhalb der Metropole stehen und überliessen es arabisch-irakischen Einheiten, die Stadt zu erobern. Auch Raqqa ist, wie Mosul eine arabische, nicht eine kurdische Stadt.

In den letzten zwei Wochen beschloss die Führung in Ankara, die Belagerung von al-Bab energischer voranzutreiben. Türkische und russische Kampfflugzeuge unterstützten die syrischen und türkischen Bodentruppen. Mehr türkische Einheiten wurden eingesetzt. Die Amerikaner bombardierten IS-Stellungen rund um al-Bab. Auch die Asad-Armee begann, von Süden her auf die Stadt vorzudringen.

Ein Wettlauf zeichnete sich ab. Wem gelingt es zuerst, die Stadt zu besetzen? Türkische Armeesprecher erklärten, ihre Truppen hätten die westlichen Tore der Stadt erreicht. Später wurde gemeldet, die Türken würden schon innerhalb der Stadt gegen IS-Milizen kämpfen. Irrtümlich bombardierten russische Kampfflugzeuge ein Lokal, in dem sich türkische Truppen aufhielten. Drei türkische Soldaten wurden getötet. Putin entschuldigte sich bei Erdoğan für das Versehen.

Koordination zwischen Türken und Asad?

Laut der nicht-staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Dogan hat die türkische Offensive auf türkischer Seite bisher 44 Tote gefordert. Die Zahl der gefallenen FSA-Kämpfer dürfte sehr viel höher sein. Die staatliche Agentur Anadolu gibt keine Zahlen bekannt. Präsident Erdoğan erklärte, nach der Einnahme von al-Bab, werde die Stadt Membidsch angegriffen. Membidsch ist der letzte grössere Ort, den die syrischen Kurden auf der Westseite des Euphrats halten.

Die türkischen Sprecher behaupten, die Türken würden sich mit den syrischen Truppen absprechen. So sollen Zusammenstösse zwischen der Asad-Armee einerseits und den Türken und ihren FSA-Verbündeten andererseits vermieden werden. Sollte dies zutreffen, ist anzunehmen, dass es die Russen sind, die die Koordination des Zusammengehens übernehmen. Konkret dürfte dies heissen, dass die Russen dem Asad-Regime klarmachen, dass al-Bab und vielleicht auch Membidsch zunächst zumindest unter türkischem Einfluss bleiben.

Es gibt zahlreiche Anzeichen dafür, dass die Türkei und Russland darüber übereinkamen, dass Ankara seine seit langem begehrte „Schutzzone“ in Nordsyrien einrichten darf. Im Gegenzug werden Russland und die Türkei gemeinsam auf einen „Frieden“ ins Syrien hinarbeiten – unter russisch-türkischer Federführung. Das Treffen von Astana wurde zum Symbol dieser Bestrebungen.

Russisch-türkisches Übereinkommen

Schon im letzten November und Dezember gab es Berichte darüber, dass die Russen und die Türkei übereingekommen seien, den Nachschub für die syrischen Rebellen aus der Türkei zu unterbinden und Ost-Aleppo seinem Schicksal zu überlassen. Im Gegenzug habe die Türkei freie Hand nördlich von Aleppo erhalten. Nach dem Fall der Stadt haben sich diese Berichte verdichtet.

Bei einer russisch-türkischen Koordination dürften die Kurden das Nachsehen haben. Ein vereinigtes Rodschawa wird es dann nicht geben. Zurzeit werden die Kurden bei ihrem Vorstoss auf Raqqa noch von den Amerikanern energisch sowohl aus der Luft als auch mit Sondertruppen am Boden unterstützt. Dies dürfte solange der Fall bleiben, solange die Kurden gegen den IS kämpfen. Doch was geschieht, wenn die Türken Membidsch angreifen, wie Erdogan plant, und die Kurden sich dort zu verteidigen suchen? Wenn es dort zu Kämpfen kommt, stehen die Amerikaner als Freunde von zwei einander bekriegenden Kräften da. Sie müssen entweder für Frieden zwischen den beiden sorgen, oder, wenn dies nicht möglich ist, sich für den einen der beiden entscheiden.

Ist Trump Salomon?

Viel hängt nun davon ab, wer rasch gegen Raqqa vorstösst. Sollten es die Kurden zusammen mit arabischen Kräften sein, dürfte es den Amerikanern schwer fallen, den türkischen Wünschen zu entsprechen und die Kurden fallenzulassen. Umgekehrt: Sollte der kurdisch-arabische Vorstoss ins Stocken geraten, könnten sich die Amerikaner fragen, ob sie nicht der türkischen Armee Priorität gewähren sollten.

Die salomonische Lösung für Washington wäre, Ankara zu bedeuten: „Westlich des Euphrats sind wird mit euch, aber östlich und gegen Raqqa sind wird Partner der Kurden!“ Doch ist Trump Salomon?

Kommentare

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Die Länder des Nahen Ostens haben nie moderne Strukturen entwickeln können. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches wurden ihnen diese von den Kolonialmächten aufgedrückt und diese bildeten dann die Grundlage für den Staatsapparat der arabischen Despotien. Unterhalb dessen bestanden die archaischen Clanstrukturen bis heute fort.
Kollabieren dann diese Despotien, sei es durch Intervention oder aus sich heraus wie in Syrien, sichern die Clanstrukturen ein weiterfunktionieren der gesellschaftlichen Ordnung. Afghanistan ist dafür das augenfälligste Beispiel.
Man sollte dabei aber nicht übersehen, dass solange diese Clanstrukturen existieren, ein Aufbau einer stabilen modernen staatlichen Ordnung behindert wird. Deswegen wird auch Interventionismus zum Aufbau dieser Ordnung fortgesetzt scheitern.

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