Peter Rosegger - Als ich noch der Waldbauernbub war (1902)

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Peter Rosegger - Als ich noch der Waldbauernbub war (1902)

Von Urs Bitterli, 04.07.2014

Als Reaktion auf die Industrialisierung wurde um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert der „Heimatroman“ Mode. In Österreich war Peter Rosegger der wichtigste Vertreter dieser literarischen Gattung.

Unsere Urgrossväter und Grossväter haben ihn mit Bestimmtheit gekannt: den österreichischen Heimatschriftsteller Peter Rosegger. Seine Gedichte, Erzählungen und Romane fanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts weite Verbreitung. Man druckte seine Arbeiten in Schulbüchern, Kalendern und Zeitschriften ab und versprach sich von ihnen nicht nur gute Unterhaltung, sondern auch eine wohltätige volkserzieherische Wirkung.

Zur Stör als Schneidergeselle

Roseggers Novellenzyklus „Als ich noch der Waldbauernbub war“ erschien zwischen 1900 und 1902 in drei Bänden und zählt zu den grössten deutschsprachigen Bucherfolgen des 20. Jahrhunderts. Noch 1947 kam im Verlag des „Schweizerischen Vereins abstinenter Lehrer und Lehrerinnen“ eine kurze Biografie aus der Feder des Aargauer Lehrers und Schriftstellers Adolf Haller heraus. Die Biografie endete mit dem Satz: „Muss nicht ein solcher Tröster und Wegweiser uns auch heute noch herzlich willkommen sein?“ Heute ist Peter Rosegger bei uns vergessen; unsere Zeit, so will es scheinen, bedarf seiner Tröstungen nicht mehr.

Peter Rosegger wurde 1843 als ältestes von sieben Kindern auf dem Bauernhof eines abgelegenen Weilers in der Steiermark geboren. Der körperlich schwache Knabe eignete sich schlecht zum Bauern; auch war seine Familie mausarm und ausserstande, seine Schulbildung zu finanzieren. So wurde Rosegger zum Schneidergesellen. Mit seinem Meister zog er zur Stör von Hof zu Hof und lernte das Alpenland immer besser kennen, dem er bis zum Tod eng verbunden blieb.

Ein Autodidakt wie Ulrich Bräker

Der Schriftleiter der Grazer „Tagespost“ entdeckte Roseggers literarisches Talent, und Gönner unterstützten ihn und ermöglichten ihm den Eintritt in eine Handelsschule. Aber Rosegger blieb, ähnlich wie der Schweizer Ulrich Bräker ein Jahrhundert vor ihm, im Grunde ein Autodidakt. Ein erster Band mit Mundartgedichten unter dem Titel „Zither und Hackbrett“ fand Anklang. Ein staatliches Stipendium ermöglichte einen längeren Auslandaufenthalt. Mit den Erzählungen „Geschichten aus der Steiermark“, die 1871 erschienen, wurde Rosegger regional bekannt. Die Heirat mit einer Fabrikantentochter und der Erfolg weiterer Werke erlaubte ihm eine Existenz als frei schaffender, sehr produktiver Schriftsteller.

Dorfgeschichten ohne idyllische Verbrämung

Rosegger schrieb keine Gesellschaftsromane wie John Galsworthy oder Emile Zola, und das Bürgertum der Grossstädte blieb ihm ebenso fremd wie die Arbeiterschaft der Vorstädte. Am überzeugendsten ist Roseggers Werk dort, wo er Dorfgeschichten erzählt, und der „Waldbauernbub“ ist eine Sammlung solcher Geschichten. In der Familie des Schriftstellers konnte nur die Mutter Gedrucktes lesen. Der Knabe las seinem Vater Geschichten aus der Bibel vor und erledigte für ihn Schreibarbeiten. Seinen Geschwistern verkürzte er die langen Winterabende, indem er ihnen Märchen, Sagen und die Schilderungen unerhörter Vorfälle vortrug, wie sie von reisenden Krämern verbreitet wurden.

Rosegger stellt seine Kindheit ohne Beschönigung, aber nicht selten humorvoll dar. Seine Geschichten sind weit weg von den Hirten- und Schäferidyllen, wie sie am französischen Hof im 18. Jahrhundert unter dem Einfluss Rousseaus in Mode kamen. Das Leben auf den einsamen Höfen, wie es im „Waldbauernbub“ geschildert wird, ist hart und aufreibend. Die Winter sind lang und streng. Man lebt ausschliesslich von dem, was man produziert und vorrätig hält, und nur selten bedarf man der Hilfe eines Handwerkers aus einem grösseren Ort.

Man ist ganz abhängig von der Gunst der Witterung. Gewitterstürme, Hagelschlag oder Trockenheit können ganze Ernten zerstören; Murgänge, Feuersbrünste und Unfälle beim Holzschlag bedrohen Leib und Leben. Die Lebenserwartung liegt unter fünfzig Jahren, und wenn bei Krankheiten der Arzt nicht helfen kann, sucht man Hilfe bei den Quacksalbern.

Familiensinn und archaischer Katholizismus

Wenn die Not zur Seelennot wird, helfen Familiensinn und Gottvertrauen. Die Bevölkerung ist von einem archaischen Katholizismus erfüllt, der keinen Zweifel duldet. Es wird viel gebetet in Roseggers Erzählungen; das Tischgebet und der abendliche Rosenkranz gehören zum bäuerlichen Alltag. Das Kind erfährt beim Anblick des Sternenhimmels die Allgegenwart Gottes. „Ich nahm mir wohl vor“, schreibt Rosegger, „recht brav und folgsam zu sein, besonders bei Nacht, wenn Gott da oben seine hunderttausend Augen auftut und die guten Kinder zählt und die bösen sucht und recht scharf ansieht, auf dass er sie kennt am Jüngsten Tage.“ Die Monotonie des Alltags wird fast nur durch den Kirchgang und die christlichen Feiertage unterbrochen. Berühmt ist Roseggers Schilderung eines Weihnachtsfests im Kapitel „In der Christnacht“.

Doch das Gottvertrauen bleibt nicht unangefochten. Es gibt das Unglück und die Schicksalsschläge, welche völlig unerwartet jemanden treffen können. Da ist denn die Rede vom unerforschlichen Ratschluss Gottes; aber sie spendet nur geringen Trost. Oder war es wohl, fragt man sich auch, die verdiente Strafe, die den Schuldigen traf? Als der Blitz ins Haus des wackeren Bauern Klein-Maxel einschlägt, verweigert ein Nachbar die Hilfeleistung mit den Worten: „Der Mensch soll unserem Herrgott nicht entgegenarbeiten, und wenn der einmal einen Blitz aufs Haus wirft, so wird er auch wollen, dass es brennen soll“.

„Der Herr Wachtler vom Schlosse Hohenwang“

Dem Gottesglauben des Christenmenschen steht auch eine ganze dunkle Welt entgegen, in der böse Geister ihr Unwesen treiben und den Seelenfrieden bedrohen. Eine unbestimmte Angst ist unter Roseggers Bauern weit verbreitet, Angst vor Örtlichkeiten, wo es spuken soll, und Angst vor Vorzeichen, die Übles ankündigen. Zuweilen will es gar scheinen, als ob sich diese dunkle Welt in merkwürdigen Sonderlingen verkörpere, die von der bäuerlichen Gesellschaft ausgegrenzt werden.

Im einfachen Leben dieser Bauern gibt es keine soziale Gerechtigkeit. Es gibt die gescheiterten Existenzen, die dem Ruin entgegen gehen, ihr Ansehen einbüssen und sich dem Trunk ergeben. Es gibt die Erfolgreichen, die ihren Besitz zu mehren wissen und auf die Gescheiterten herabsehen. Und es gibt den Grossgrundbesitzer, dem die tägliche Sorge um sein Fortkommen fremd ist.

Im „Waldbauernbub“ schildert Rosegger eine solche Persönlichkeit: „...der Herr Wachtler vom Schlosse Hohenwang sass im Schlitten, über und über in Pelze gehüllt und eine Zigarre rauchend. Ich blieb stehen, schaute dem dicht vorüberrutschenden Zug eine Weile nach und dachte: Etwas krumm ist es doch eingerichtet auf dieser Welt; da sitzt ein starker Mann drin und lässt sich hinziehen mit so viel überschüssiger Kraft, und ich vermag mein Bündel kaum zu schleppen.“

Die Ungleichheit ist gottgegeben

Der Gedanke, an solchen sozialen Ungleichheiten etwas ändern zu wollen, drängt sich diesen Bauern nicht auf; man nimmt die Ungleichheit vielmehr als gottgegeben hin. Oder man tröstet sich mit dem Blick aufs Jenseits, das die Tugendhaftigkeit des Christenmenschen dereinst fürstlich belohnen wird. Und schliesslich, so sagt man sich, hat auch die Armut ihren eigenen Wert und ihre schlichte Würde. „Und wie reich war ich doch damals“, schreibt der Erfolgsschriftsteller Rosegger im Rückblick, „als ich arm war.“

Die Wohltaten der Industrialisierung setzten sich in den einsamen Alpentälern nur langsam durch. Die konservative Mentalität der Bauern begegnete allem Neuen mit Skepsis und Misstrauen. Zwar nahmen in der Gegend Eisenbergbau und Eisenverarbeitung ihren Aufschwung, und aus der Ferne mochte hin und wieder das Signal einer Lokomotive zu hören sein. Die Landflucht führte den neuen Industrien ihre Arbeiter zu; doch die Verwandlung des Bauern in einen Fabrikarbeiter wurde als sozialer Abstieg empfunden.

Die Eisenbahn als Teufelsspuk

Mit ungläubigem Staunen beobachten die beiden, wie sich eine Lokomotive mit ihren Bahnwagen nähert und in einem Tunnel verschwindet. Rosegger schreibt: „‚Kreuz Gottes!‘, rief mein Pate, ‚da hängen ja ganze Häuser dran!‘ Und wahrhaftig, wenn wir sonst gedacht hatten, an das Lokomotiv wären ein paar Steierwäglein gespannt, so sahen wir nun einen ganzen Marktflecken mit vielen Fenstern heranrollen und zu den Fenstern schauten lebendige Menschenköpfe heraus, und schrecklich schnell ging’s und ein solches Brausen war, dass einem der Verstand stillstand. Das bringt kein Herrgott mehr zum Stehen! fiel’s mir noch ein. Da hub der Pate die beiden Hände empor und rief mit verzweifelter Stimme: ‚Jessas, jetzt fahren sie richtig ins Loch!‘ Und schon war das Ungeheuer mit seinen hundert Rädern in der Tiefe; die Rückseite des letzten Wagens schrumpfte zusammen; nur ein Lichtlein davon sah man noch eine Weile‚ dann war alles verschwunden; bloss der Boden dröhnte, und aus dem Loche stieg still und träge der Rauch.“

So stark ist der Eindruck, dass der Pate des Nachts keinen Schlaf finden kann. Am nächsten Tag können sie der Versuchung nicht widerstehen, selbst einmal Bahn zu fahren. Doch der Pate wird den Eindruck nicht los, etwas sei hier nicht mit rechten Dingen zugegangen. Rosegger schreibt: „Als wir durch den Ausgang des Bahnhofs schlichen, murmelte mein Pate: ‚Beim Dampfwagen da – s’ist doch der Teufel dabei!‘“

Bäuerliche Lebensgemeinschaft gegen Grosstadt-Hektik

Peter Roseggers „Als ich noch der Waldbauernbub war“ stellt eine in sich geschlossene Welt vor dem Eintritt in die Moderne dar. Der Autor war kein grundsätzlicher Gegner der Industrialisierung. Er setzte sich sehr für die Volksbildung ein, liebte die Eisenbahn und  begrüsste den Einsatz neuer technischer Mittel dort, wo dies dazu beitrug, das Los des Bauern zu erleichtern. Gleichzeitig befürchtete er, dass die Industrialisierung einen tiefgreifenden Mentalitätswandel herbeiführen könnte, der Sinn und Wert der traditionellen bäuerlichen Lebensgemeinschaft zerstören würde.

Mit solchen Befürchtungen stand Rosegger nicht allein. Zur selben Zeit gab es auch in Deutschland und der Schweiz eine sehr erfolgreiche „Heimatliteratur“, - man denke nur an Autoren wie Ludwig Ganghofer, Jakob Christoph Heer und Ernst Zahn. Die Werke dieser Schriftsteller schufen eine positive Gegenwelt zur Grossstadt, in der man alle negativen Aspekte der Industrialisierung verwirklicht sah. Die Hektik, den Lärm, das Profitstreben und die durch Arbeitsteilung erzeugten Unübersichtlichkeit der Grossstadt konfrontierten die Heimatdichter mit dem einfachen Leben des Land- oder Gebirgsbewohners.

Fremd gegenüber demokratischen Auseinandersetzungen

Dieser Mensch blieb sich selber und seiner Scholle treu und kannte keine Entfremdung. Seinem redlichen Charakter war das gierige Streben nach Gewinn und Fortschritt, der ganze „Amerikanismus“ der Neuzeit, zuwider. Mit Staunen verfolgte dieser Mensch das Gezänk der politischen Parteien und die Nervosität intellektueller Auseinandersetzungen. Was ausserhalb seines Gesichtskreises geschah, interessierte ihn wenig. Der „Heimatliteratur“ lag eine konservative Haltung zugrunde; sie appellierte stärker an das Gefühl als an die Vernunft, und sie beschwor ein diffuses Gemeinschaftsgefühl, dem die  demokratische Auseinandersetzung im Grunde fremd war.

Im Alter wandte sich Peter Rosegger mehr und mehr antiliberalem und nationalistischem Denken zu. Während des Ersten Weltkriegs nahm er, seinen früheren Pazifismus verleugnend, eine militant patriotische Haltung ein und schrieb peinliche Gedichte. Seine Söhne wurden überzeugte Nationalsozialisten, und sein Werk wurde von der Volkstumspropaganda ausgebeutet.

 

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