Nelson Mandela – (k)ein Heiliger?

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Nelson Mandela – (k)ein Heiliger?

Von Urs Meier, 10.12.2013

Kaum eine Zuschreibung kommt in Zusammenhang mit Mandela so oft vor wie «Heiliger», meist abgrenzend: er sei keiner gewesen. Versteht sich das denn nicht von selbst? Nein.

Mandela selbst sah sich schon während seiner Zeit als politischer Gefangener des Apartheidregimes genötigt, sich von einem Heiligen- oder Quasi-Heiligen-Status zu distanzieren. Zum Nennwert wird er den Begriff kaum genommen haben. Spätestens in seinen reiferen Jahren war er dem Schalk und der Selbstironie nicht abgeneigt, und so darf man denn bei seinem Diktum, er sei Zeit seines Lebens kein Heiliger gewesen, ein kleines Augenzwinkern vermuten.

Der fremdartige Typus des Heiligen

Vermutlich weiss niemand ausserhalb des vatikanischen Apparats so recht, was ein Heiliger ist. Gemeinhin verbindet man mit dem Begriff ein makelloses Leben in reinstem Altruismus und bedingungsloser Devotion. Umgangssprachlich jedoch ist die Sache komplizierter und spannender. Einerseits schillert das Wort im Grenzbereich zwischen Verehrung und Mitleid: Was landläufig einen Heiligen ausmacht, kann eben auch bedenklich harmlose Güte sein. «Kein Heiliger» zu sein, ist deshalb nicht ehrenrührig. Es drückt durchaus Stolz auf ein robustes Ego aus. Andererseits aber gibt, wer von sich so redet, zugleich eine leise Verwunderung darüber zu erkennen, dass mit einem bei «Heiligen» entliehenen Wertekompass manches im Leben wohl anders gehen könnte – mitmenschlicher, gradliniger, weniger selbstbezogen.

Den Typus des Heiligen umgibt ein Geheimnis. Selbst im flapsigsten Gebrauch des Wortes scheint es noch durch: Heilige verwirklichen angeblich, was Menschen sein sollten – aber nicht können. Sie sind biographische Wunder, Spuren des Göttlichen, oder einfacher: unerklärliche Ausnahmeerscheinungen.

Metapher für die Ausnahmeerscheinung Mandela

Eine solche haben viele in Nelson Mandela erblickt. Er kommt nach 27 Jahren Gefangenschaft ohne Verbitterung und Hass aus dem Kerker, blickt unverwandt nach vorn, kämpft für eine gerechte Gesellschaft und geht auch auf seine Unterdrücker zu. Das war im selben Mass übermenschlich, wie es notwendig war. Es brauchte Mandela und einige weitere Persönlichkeiten ähnlichen Kalibers, um das angeblich Menschenunmögliche in Gang zu bringen.

Für diese Lebensleistung wird Madiba weit über sein Land hinaus hoch geachtet. Manche greifen zum Begriff des Heiligen, um ihren tiefen Respekt auszudrücken. Richtigerweise haben viele Medienberichte anlässlich Mandelas Tod dies erwähnt: Mandela wird in weiten Kreisen «wie ein Heiliger» verehrt, wobei das «wie ein» gelegentlich auch wegfällt. Wer da eine Grenzüberschreitung sieht, begreift wahrscheinlich die Mechanismen des Verehrens nicht: Wer wie ein Heiliger ist, der ist eben einer.

Pseudo-Aufklärung

An dieser religiösen Metapher haben sich zahlreiche Medienberichte gerieben. Es fällt einfach auf, wie oft betont wurde, Mandela sei zu Unrecht ein Heiliger genannt worden, da er explizit keiner habe sein wollen und auch nicht jederzeit in seinem Leben «moralisch untadelig» geblieben sei. Festgemacht wird letzteres bezeichnenderweise an seinen Frauengeschichten.

An diesem zum Stereotyp anvancierten Medien-Narrativ haftet der Ruch pseudo-aufklärerischer Rechthaberei. Es unterstellt, das Heiligkeits-Attribut entspringe der Vorstellung einer fundamentalen Andersartigkeit dieses zu würdigenden Lebens. Die Berichte erheben mehr oder weniger explizit die Behauptung, in der sich religiös artikulierenden Mandela-Verehrung stecke ein handfester Heiligenkult. Dagegen treten sie mit ihren Routinen der Entschleierung an – und haben leichte Beute.

Einfühlende, ihrem Gegenstand gemässe Berichterstattung würde sich dadurch auszeichnen, solche in einem aufgeklärten Kontext fremdartige Redeweisen nicht nur zu rapportieren und – falls tatsächlich Auswüchse einer Heiligenmagie und -vermarktung auftreten sollten – zu kritisieren, sondern vor allem auch verständlich zu vermitteln: Was vielen als «heilig» gilt an Mandelas Person und Leben, das ist seine Hingabe an das «Menschenunmögliche» der Versöhnung und Zukunftsausrichtung nach Jahrzehnten schwerster Menschenverachtung in der Apartheid.

Statt zu betonen, Mandela sei kein Heiliger gewesen, obschon er von vielen als solcher verehrt wird, käme es möglicherweise der Sache näher, zu sagen: Wir wissen nicht genau, was ein Heiliger ist und ob es sie wirklich gibt; aber Mandela könnte einer gewesen sein.

Die Spekulation darüber, ob Mandela ein Heiliger gewesen sei oder nicht, dünkt mich müssig. Man lasse die Tatsachen sprechen: Er war während 27 Jahren eingesperrt, wobei die Gründe dafür einmal erörtert werden müssten. Dann verfügte er gegenüber seinen Anhängern - und vermutlich auch gegenüber seinen Gegnern - über ein erhebliches Mass an Anerkennung und Autorität. Mehr kann man von einem Menschen eigentlich nicht erwarten oder gar verlangen. Dass man heute mit Achtung auf sein Leben zurückblickt, ist verständlich und auch begründet. Es gab vermutlich auch Zeiten, in denen man über ihn anders urteilte als heute.

Die Sache um Mandelas "Heiligkeit" ist relativ einfach. (Wobei das Schwerste in der Einfachheit verborgen liegt.) Das Gegenteil von heilig ist profan = alltäglich, weltlich, unheilig. Den Massstab, der Mandela durch seine Tugenden wie Vergebung, Liebe zu seinem ganzen Volk, Selbstlosigkeit, Klug- und Weisheit etc. gelebt hat, gehört zum "göttlichen" Prinzip. Ergo waren seine Aktivitäten "heilig" (der Zweck heiligt im wahren Sinn die Mittel !) und eben nicht profan.

Danke Schöpfer, dass du auch solch intelligente, stringente und vergebende Menschen erschaffen hast und hoffentlich weiter erschaffen wirst. Mandela war einer, der sich an einer menschlichen Grenze bewegte und sie kaum je überschritt, bis sie am Ende gefallen war. Das "Weiche" siegte über das "Harte" und das inspiriert hoffentlich die Menschen weltweit in ihrem Kampf gegen die vermeintlich mächtigen Übermenschen, von denen wir aber bloss zu deren Eigennutz unterdrückt werden. Danke Madiba! Ruhe in Frieden.

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