Metaphern in Zeiten der Pandemie

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Metaphern in Zeiten der Pandemie

Von Urs Meier, 27.03.2020

Bildhafte Ausdrücke dienen dem sprachlichen Umgang mit Unbekanntem. Das ist zwar nützlich, aber manchmal unzureichend.

Das Verb «anstecken» ist das Wort der Stunde. Es ist ein bildhaftes Wort, bei dem allerdings zu fragen ist, welche Vorstellung eigentlich dahintersteckt. Der Vorgang einer Übertragung von Krankheitserregern ist ja nicht zu sehen. Wird er bildhaft beschrieben, so haben wir es mit einer Metapher zu tun. Die Sprache benützt ein anschauliches Objekt, um von etwas Unanschaulichem zu reden. Das eine wird auf das andere übertragen (griech. metaphorein, anderswo hintragen).

«Anstecken» ist ein Partikelverb: Das Tätigkeitswort «stecken» – nahe verwandt und in der Sprachgeschichte teilweise gleichbedeutend mit «stechen» – wird durch das vorangestellte «an» zur Bezeichnung eines konkreten Vorgangs: ein Fass anstecken/anstechen, einen Orden ans Revers anstecken. 

Doch das heute so virulente «anstecken» leitet sich nicht vom eben genannten Bedeutungsstrang ab, sondern von einem sprachgeschichtlich vermutlich älteren. Dieser andere Sinngehalt ist synonym zu «anzünden»: eine Pfeife oder ein Haus anstecken. Der Ausdruck verfügt in hohem Mass über die bei Metaphern so gefragte Anschaulichkeit und Bildhaftigkeit. Sie liegt im Weitergeben des Funkens an einen brennbaren Gegenstand, das Feuer wird sozusagen in diesen hineingesteckt – eben «angesteckt». Als hiervon entlehntes Wort für die Weitergabe von Krankheiten lag «anstecken» gewiss auch deshalb nahe, weil letztere sich oft als Entzündung und mit erhöhter Körpertemperatur zeigen.

Die Sprache gewinnt mit der Verwendung der Wortfamilie «anstecken»/«Ansteckung» eine anschauliche Ausdrucksweise für das einst gar nicht und heute oft unvollständig verständliche Geschehen der Ausbreitung von Krankheiten. – So funktionieren Metaphern: Sie vereinfachen Komplexes, holen Unbekanntes quasi zurück ins Vertraute und machen Ungreifbares handhabbar. 

Damit ist nun aber die Gefahr verbunden, dass allzu weitgehende Vereinfachungen zu Täuschungen führen und dass die so eingängige Bildhaftigkeit eine falsche Sicherheit erzeugt. Die Rede vom Anstecken ist – zumindest in der gegenwärtigen Pandemie – so ein Fall. Sie richtet den Fokus auf die einzelne Übertragungssituation und auf das Ansteckungsrisiko, das dem Einzelnen droht. Das Gefährliche der pandemischen Dynamik, nämlich die exponentielle Ausbreitung des Virus, liegt ausserhalb des Rahmens der Ansteckungs-Metapher.

Zurzeit visualisieren die überall publizierten Grafiken mit ihren steil aufschiessenden Kurven die Ausbreitung der Krankheit. Es sind mathematisch-abstrakte Bilder eines Geschehens, für das unser an konkrete Dinge, lineare Verläufe und additive Prozesse gewöhntes Vorstellungs- und Sprachvermögen nicht konditioniert ist. Vermutlich lernen wir nun unter dem unbarmherzigen Druck der Fakten eine neue Bedeutungsdimension von «anstecken». Die mathematischen Diagramme führen uns vor Augen, dass der bildhafte Ausdruck nicht mehr mit dem häuslichen Anfeuern eines Ofens zu verbinden ist, sondern eher mit der Wirkung einer brennenden Zigarette im Benzinlager.

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