Kulturkritik aus der Werkstatt

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Kulturkritik aus der Werkstatt

Von Stephan Wehowsky, 26.08.2011

"Ich schraube, also bin ich": Die Qualität des Buches ist durch diesen Titel nahezu perfekt getarnt. Man vermutet dahinter Trivialitäten, aber stösst auf feinsinnige Geschichten und luzide Gedankengänge.

Wie erschafft der Mensch seine Welt und wie wird er durch sie erschaffen? Im Grunde sind es ganz einfache Fragen, denen Crawford nachgeht. Indem er auch mit seinen Händen denkt, ist er auf Einsichten gestossen, die seinem Buch 2009 auf Anhieb einen Platz auf der Bestsellerliste der New York Times eingebracht haben. Dafür war der amerikanische Titel, anders als der deutsche, kein Hindernis: Shop Class for Soulcraft.

Vielleicht besteht die grösste Tragik der meisten Menschen darin, dass sie von keiner wirklichen Leidenschaft gepackt sind. Alles, was sie umgibt, ist für sie seltsam virtuell, weil sie es nicht verstehen und es sie nicht wirklich berührt. Sie schweben über den Dingen und haben keinen festen Boden unter den Füssen. Entsprechend wenig wissen sie über sich.

Abschied vom Narzissmus

Wie aber entsteht Leidenschaft? Crawford erzählt ganz einfache Geschichten. Als junger Mann war er von dem Gedanken besessen, seinen betagten und schwach motorisierten VW-Käfer zu einer Art Rennwagen aufzumotzen. Unmengen von Zeit und Mühe verwandte er darauf, hinter die Geheimnisse des altersschwachen Motors und der wackligen Karosserie zu kommen. Das ewige Scheitern brachte ihn an den Rand der Verzweiflung. Ein mitfühlender Freund fragte ihn nach Anleitungen und Konstruktionsplänen. Crawford „zischte nur“: „Konstruktion?! Niemand hat dieses Auto konstruiert.“

Sich an der Technik von Autos und Motorrädern reiben, sich buchstäblich daran stossen, wie er das schmerzhaft mit den Kickstartern uralter Motorräder erlebt hat, ist der Ausgangspunkt für eine sorgfältige, geradezu zärtliche Zuwendung. Die Technik erfordert eine bestimmte Behandlung, und der Mensch, der sich darauf einlässt, muss Abschied nehmen von Träumen eigener Grösse, also seines Narzissmus, und sich bescheiden den Notwendigkeiten der äusseren Welt aussetzen.

„Voraussetzung für den Einsatz des Urteilsvermögens scheint zu sein, dass für den Benutzer einer Maschine etwas auf dem Spiel steht, dass er ein Interesse an ihr hat. Dieses entspringt der körperlichen Auseinandersetzung mit einer harschen Wirklichkeit – mit einer Wirklichkeit von der Art, die ausschlägt. Wenn man sich solchermassen in eine Wirklichkeit vertieft, entwickelt man etwas, das wir als subethische Tugend bezeichnen können: der Benutzer fühlt sich der äusseren Wirklichkeit gegenüber verantwortlich und ist bereit, von ihr zu lernen.“

Physik und die Realität

Zu reparieren sei etwas anderes als zu konstruieren, formuliert Crawford in Anlehnung an Aristoteles. Denn der Konstrukteur erschaffe eine von ihm erdachte Welt, der reparierende Mensch habe es mit einer „Stochastik“ zu tun: Mal habe er Erfolg, mal nicht. Denn die Dinge, mit denen er es zu tun habe, seien fremd, nicht von ihm gemacht und damit unberechenbar. Das gelte auch für den Arzt und seine Patienten.

Der Vater von Matthew B. Crawford war Physiker. Der versuchte, seinem Sohn aus der Sicht des Physikers Hilfestellungen zu geben. So gilt für den Widerstand einer Zündspule eine bestimmte Formel. Die ist, wie Crawford schreibt, gültig und in ihrer Schlichtheit zeitlos schön, aber der Mechaniker hat es mit elektrischen Phänomenen zu tun, die mit Feuchtigkeit, Verschmutzung und Abnutzung zusammen hängen. Da nützen ihm keine Formeln, sondern nur die Erfahrungen, die ihm dazu verhelfen, intuitiv Muster zu erkennen.

In der Auflehnung gegen die intellektuelle Herrschaft über die Welt, die er als junger Mensch gegenüber seinem Vater durchlebt hat, erkennt Crawford jetzt ein reaktionäres Verhalten. „Diese reaktionäre Antwort ist eine natürliche Gegenreaktion auf den Allmachtsanspruch der modernen Vernunft. Es ist die unreife Reaktion eines Sohnes.“

Kein Lernen und keine Entwicklung

Packend ist es nun, wie Crawford diesen Gedanken umdreht. Moderne technische Produkte seien darauf abgestellt, den Nutzern die Auseinandersetzung mit ihnen zu ersparen. Die Bedienung erfolge „intuitiv“, was de facto doch nur heisse, dass Konstrukteure und vor allem Programmierer die Verhaltensabläufe der Konsumenten vorab abschätzen und ihre Produkte darauf abstimmten. Der Konsument fühlt sich durch dasjenige „intuitiv“ bestätigt, was andere für ihn vorgekaut haben. Sein Narzissmus wächst in dem Masse, wie die Konstrukteure ihm jede Auseinandersetzung mit ihrem Produkt ersparen und damit jede Lern- und Wachstumschance nehmen.

Entsprechend funktioniert die Werbung. Sie suggeriert eine Selbstverwirklichung, die im Konsum unverstandener Produkte besteht, nicht in der aktiven Auseinandersetzung mit ihnen. Die dadurch entstehende Leere muss mit immer neuen Produkten gefüllt werden: „Selbstverwirklichung und Freiheit gehen immer damit einher, dass man etwas Neues kauft, nie damit, dass man etwas Altes bewahrt.“

Deformation der Menschen und ihrer Sprache

Man kann das auch Wattewände nennen, und Crawford beschreibt diesen Prozess für unsere Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft insgesamt. Worin besteht der Massstab für richtiges und falsches Handeln? Im Erfolg oder Misserfolg, den jeder Handwerker, Arzt oder Techniker jeden Tag unmittelbar erlebt. Anders ist es in komplexen wirtschaftlichen Organisationen. Der Erfolg- oder Misserfolg lässt sich kaum noch einzelnen Akteuren unmittelbar zurechnen. „In Büroarbeit und Handwerk herrschen gegensätzliche Vorstellungen von der individuellen Verantwortung, die vom Vorhandensein bzw. Fehlen objektiver Kriterien abhängen.“

Daher tritt an diese Stelle der „Teamgeist“ oder andere Formen der „Identifikation“ mit dem Unternehmen. "Der moralische Orientierungssinn wird durch Feigefühl und Gewandtheit ersetzt." Dazu wird vor allem auf der Ebene des Managements jede Form einer Festlegung zu vermieden. Manager richten ihre Arbeitskraft und Arbeitszeit darauf, unter gar keinen Umständen für Misserfolge verantwortlich gemacht werden zu können. Die Deformation der Sprache und die grotesken Methoden der Trainings und Workshops beschreibt Crawford als eine progressive Entkernung der Zeitgenossen.

Das Elend des Akademikers

Crawford hätte das Ganze nicht analysieren und derart luzide beschreiben können, wenn ihm dazu nicht auch andere als rein handwerkliche Kompetenzen zur Verfügung stünden. Tatsächlich ist er promovierter Philosoph und deutet an, dass er sich während seiner Dissertation in die Details seines Forschungsgebiets ebenso verbissen hat wie andernorts in die Reparatur von Motoren.

Nachdem er promoviert war und glaubte, nun ein natürliches Recht auf die höhere Entlohnung eines Akademikers zu haben, war er Leiter eines Think Tank und Mitarbeiter in einem Unternehmen, das kommerziell Abstracts anbietet. Aber er durchschaute, dass es nicht auf sein intellektuelles Ethos ankam, sondern nur auf die Wahrung von Reputations- oder kommerziellen Rücksichten. Die von ihm schnell zu produzierenden Abstracts empfand er als Verrat an den Autoren, denn er hatte gar keine Zeit, ihre Texte wirklich zu verstehen. Dem höheren Status zog er die Freiheit des Handwerkers vor.

Crawford hat ein leidenschaftliches Buch geschrieben, das die Leser unmittelbar verändert. Denn er vermittelt Erfahrungen, die durch die "Schulweisheit" unserer Kultur verdeckt worden sind.


Matthew B. Crawford, Ich schraube, also bin ich. Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen, Ullstein / List, Berlin 2011

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