Italiener sind heute gern gesehen – das war nicht immer so

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Italiener sind heute gern gesehen – das war nicht immer so

Von Beat Allenbach, 19.10.2019

Afrikaner und Menschen aus dem Mittleren Osten, ob sie schon lange hier leben oder Flüchtlinge sind, begegnen heute demselben Misstrauen und Missbehagen wie die Italiener in den 60er Jahren.

“Pst … sonst holt dich Schwarzenbach!”, das war die Warnung der Mamma, als der kleine Concetto Vecchio in Lenzburg in den 70er Jahren auf dem Heimweg vom Kindergarten laut buchstabierte, was er auf  Plakaten sah. Inzwischen arbeitet dieser in der Schweiz geborene Sizilianer als Journalist bei der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“, seine Eltern waren 1985 mit ihrem damals 14-jährigen Sohn nach Sizilien zurückgekehrt. Im vergangenen Jahr ist er in die Schweiz gereist, um die Stimmung in unserem Land in den heissen Jahren der Volksinitiativen besser kennen zu lernen, welche gegen die Fremdarbeiter gerichtet waren. Aufgrund seiner Nachforschungen in  Archiven und  per Internet sowie vieler Gespräche mit Zeitzeugen hat er ein Buch mit dem Titel „Jagt sie weg!“ veröffentlicht. (*).

Erschrocken über den Fremdenhass in Italien

Heute ist Concetto Vecchio besorgt über die Feindschaft in Italien gegenüber den Einwanderern, die vor allem aus Konflikt- und Kriegsgebieten Afrikas, des Mittleren Ostens und Asiens stammen; manchmal ist sie auch gewalttätig. Vecchio ist empört über die Art und Weise wie Matteo Salvini, bis vor kurzem Innenminister, gegen die Einwanderer hetzt, als wären alle Nichtsnutze oder Kriminelle. Der als Emigrant geborenen Journalist will seine Landsleute daran erinnern, dass vor rund fünfzig Jahren „wir die Emigranten waren“.  Für uns Schweizer enthält das Buch, in dem der Aufstieg von James Schwarzenbach und seiner Gefolgsleute voller Groll und Zorn gegenüber den Fremdarbeitern beschrieben ist, keine Neuigkeiten.

Es ist für uns aber schon etwas peinlich, nochmals zu lesen, wie wir die Fremdarbeiter, damals waren es vorwiegend Italiener und Italienerinnen, schlecht  behandelt haben. Die Saisonarbeiter lebten meistens in Baracken in prekären hygienischen Verhältnissen, nach neun Monaten mussten sie heimkehren, waren aber nicht sicher, ob sie im darauffolgenden Jahr wieder einen Arbeitsvertrag erhalten würden; jene mit einer Jahresaufenthalterbewilligung durften während ein paar Jahren weder den Arbeitgeber, noch den Beruf oder den Kanton wechseln. Und nicht zu vergessen: Es waren vielfach Mitarbeiter von  Schweizer Firmen, die in den Dörfern des Südens bis nach Sizilien und Sardinien junge Männer und Frauen als billige Arbeitskräfte rekrutierten. Gewiss, viele Menschen waren froh, eine Arbeit und einen Lohn in der Schweiz zu erhalten, denn zu Hause in ihren Dörfern herrschte Armut, und wer eine Arbeit fand, musste meistens schwarz arbeiten, Beiträge an die Sozialversicherungen wurden nicht einbezahlt. Das alles ist im Buch des italienischen Journalisten nachzulesen.

Die Mutter mahnt, die Schweiz nicht zu kritisieren

Bevor er sein Werk beendete, hat er mit seinen Eltern gesprochen. Am Telefon bat seine Mutter ihn, nicht schlecht über die Schweiz zu sprechen. Da sie darauf beharrte, fragte Vecchio seine Mutter, weshalb ihr das so wichtig sei. Ihre Antwort: „Jetzt, da ich  alt bin, bleibt mir von  jener Zeit eine gute Erinnerung. Ich habe mich dort emanzipiert. Alles was ich heute bin, habe ich in jenen Jahren gelernt. Wäre ich in meinem Dorf geblieben, hätte ich bloss eine dürftige Pension. Ist dir das klar, ja?“ Danach meldete sich der Vater und sagte: „Deine Mutter hat recht, sie haben uns immer regelässig bezahlt. Es ist uns gut gegangen.“

Heute sind die Italienerinnen und die Italiener in der schweizerischen Gesellschaft gut integriert und geschätzt. Jene Personen, die heute auf Misstrauen und Ablehnung stossen, sind von der Gewalt, den Attentaten, dem Krieg und dem Elend geflüchtet, sie kommen aus Afrika, dem Mittleren Osten, aus Afghanistan und andern Staaten in Asien und stellen Gesuche um Asyl. Die meisten wollen arbeiten, aber viele finden keine Stelle, auch weil die Arbeitgeber den provisorischen Bewilligungen der Asylsuchenden nicht trauen. Für die Menschen, die nicht aus der EU stammen, ist es zudem kaum möglich, in die Schweiz einzureisen und eine Arbeitsbewilligung zu erhalten, sofern sie nicht hochqualifiziert sind. Zudem: heute feindet nicht eine kleine Bewegung wie damals die Nationale Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat sowie James Schwarzenbach die massive Präsenz von Ausländern und Asylbewerbern an, sondern die wählerstärkste Partei des Landes, die SVP, sowie im Tessin die populäre Lega dei Ticinesi.

Festung Europa

In den letzten Jahrzehnten sind ausländerfeindliche Bewegungen in allen europäischen Ländern erstarkt. Das Schliessen der Aussengrenzen der Europäischen Union (EU) hat ihre Wirkung: Es ist die Festung Europa entstanden. In letzter Zeit haben viel weniger junge Leute, Familien mit Kindern, schwangere Frauen und alte Menschen Europa erreicht. Das war anders als 2015/2016: im Flüchtlingslager Idomeni, an der Grenze zwischen Griechenland und Nordmazedonien waren mehrere Tausend zusammengepfercht, die nur einen dringenden Wunsch hatten, die Grenze zu überqueren um alles in der Welt und nach Norden zu wandern auf der Suche nach einem neuen Leben, einem Land, wo es einen Rechtsstaat gibt, wo nicht Willkür und Verfolgung droht. Sie sind vor dem Krieg, vor Gewalt geflohen und haben einen Überlebenswillen, wie wir ihn nicht mehr kennen. In einem bewegenden Gedicht beschreibt das die Griechin Niki Giannari, und ein erklärender und weiterführenden Text stammt von Georges Didi-Hubman. (**)

Menschenrechte werden missachtet

Der Autor unterstreicht den Widerspruch zwischen dem freudigen, ungestörten Überschreiten der Grenzen der Touristen, der Geschäftsleute, der Studenten und der Verhinderung, die Grenzen zu überwinden, für jene Menschen, welche ihr Haus verlassen mussten, diese armen Unglücklichen, die von vielen als gefährliche Elemente, als Eindringlinge bezeichnet werden. In ihrem Gedicht schämt sich die junge Griechin für dieses ungastliche Europa. Der Konvention von Genf, welche das Recht garantiert, um Asyl nachzusuchen – nicht Asyl zu erhalten – wird allzu oft nicht Folge geleistet. Verrät Europa nicht seine Werte, welche die Staaten nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg sich in der Europäischen Menschenrechtskonvention gegeben haben? Überdies ist es unzulässig, das Verbot für Rettungsschiffe zu rechtfertigen, in italienischen Häfen anlegen zu dürfen – viele Menschen ertrinken zu lassen, deren Boote Schiffbruch  erleiden, bevor sie mit den Flüchtlingen die italienische Küste erreicht haben.

(*) Concetto Vecchio: Cacciateli! Quando i migranti eravamo noi. Edizioni Feltrinelli.

(**) Georges Didi-Huberman, Niki Giannari: Passare a ogni costo. Edizioni Casagrande, Bellinzona.

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Es kommen nicht weniger Flüchtlinge nach Österreich, Deutschland und der Schweiz, weil die EU ihre Grenzen geschlossen hat, sondern weil die EU das Problem der Türkei überlassen hat. Die Flüchtlingsströme werden dort aufgehalten. Im übrigen ist das Problem wohl unlösbar. Unter Einhaltung humanitärer Gesichtspunkte.

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