Der Glanz des Reichtums hat eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Übermässige Prunksucht mag zwar gegen den guten Geschmack verstossen, aber wer fragt schon nach Geschmack, wenn er profitieren kann? Übel wird es aber, wenn Forderungen gestellt werden, die die moralischen Fundamente der nicht so Betuchten einreissen.
In einem gewissen Schweizer Wintersportort wurde kürzlich die Macht des Reichtums zelebriert. Aber im Blick auf eine Insel beachtlichen Ausmasses weit im Norden wurden Begehrlichkeiten geäussert, die nur äussern kann, wer allein seine Macht kennt und sonst gar nichts.
Dass sehr reiche Leute alte Rechnungen begleichen möchten, mag verwundern, aber vielleicht wurden sie ja nur deswegen so reich, weil diese Rechnungen ihnen zeit ihres Lebens keine Ruhe gelassen haben. Vor 70 Jahren wurde am Zürcher Schauspielhaus «Der Besuch der alten Dame» von Friedrich Dürrenmatt uraufgeführt. Ein junges Mädchen wird von einem Jugendfreund geschwängert und muss unter Schimpf und Schande ihr Dorf verlassen. Als schwerreiche alte Dame kehrt sie in dieses Dorf zurück, in dem ihr ehemaliger Jugendfreund noch lebt.
Sie bietet den Dorfbewohnern sehr viel von ihrem Vermögen an, wenn sie bereit sind, diesen ehemaligen Jugendfreund zu ermorden. Natürlich weisen alle dieses unmoralische Angebot entrüstet zurück, aber in dem Masse, wie sie alle schon mal stückchenweise von dem Reichtum profitieren, fallen ihnen fabelhafte Argumente ein, die die Gegenleistung für die alte Dame ganz so unmoralisch nun auch wieder nicht mehr erscheinen lassen. Am Ende liegt der ehemalige Jugendfreund tot am Boden.
Bis heute wird «Der Besuch der alten Dame» wieder und wieder aufgeführt. Er hat nichts von seiner Frische verloren. Er ist ein Lehrstück über Verführbarkeit.
Das Bild stammt von einer Aufführung im Zürcher Schauspielhaus vom 23. Januar 1995 und zeigt die deutsche Schauspielerin Maria Becker in der Rolle der Claire Zachanassian und den Schweizer Schauspieler Mathias Gnädinger als einen Bürger, der von der Versuchung sichtlich durchgeschüttelt wird.
(Journal 21)