André Gide hat ein weit gespanntes literarisches Werk geschaffen. In seinen Romanen und essayistischen Betrachtungen widmete er sich vornehmlich den inneren Konflikten in den Zeiten der Umbrüche im vergangenen Jahrhundert. Anders als Sartre vermied er plakative Zuspitzungen. Aber seine Tiefenschürfungen führten auch dazu, dass die katholische Kirche seine Werke ächtete und entsprechend auf den Index der verbotenen Bücher setzte.
Auch einem Denker wie André Gide unterlaufen bisweilen gravierende Irrtümer. Einer seiner grössten war, wie er selbst später eingestand, dass er als Verlagslektor den ersten Band von Marcels Prousts «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» ablehnte. Später entschuldigte er sich bei Proust dafür.
Was könnte man heute noch lesen, um einen Einstieg in das literarische Schaffen und die weit gespannte Gedankenwelt von André Gide zu finden? Zu den bis heute bekanntesten Werken gehören «Die Falschmünzer» (1925), «Die Schule der Frauen» (1929) und die «Verliese des Vatikan» (1914). Darin gestand er in verschlüsselter Form seine homoerotische Neigung.
Nach einer Reise durch die französischen Kolonien 1926 und 1927 prangerte Gide die französische Kolonialpolitik an, was ihm starke Anfeindungen nationalistischer Kreise eintrug. Zu seiner bis heute am meisten beeindruckenden Leistung gehört die 1936 geäusserte Kritik an Stalin und seinen verbrecherischen Praktiken. Zu dieser Zeit hatte Stalin im Westen noch viele Sympathisanten, die die Realität des Hungers und der Lager in der Sowjetunion nicht sehen wollten.
Während des Zweiten Weltkrieges schwenkte Gide nach einer anfänglichen Sympathie für das Vichy-Regime entschieden in das Lager de Gaulles und der Résistance um. In den Nachkriegsjahren genoss André Gide nicht nur in Frankreich höchstes Ansehen. Im Jahr 1947 wurde ihm der Literaturnobelpreis verliehen, 1949 die Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main. André Gide starb vor 75 Jahren am 19. Februar 1951.
Das Bild zeigt ihn mit seiner Tochter im April 1947 in Ascona.
(Journal 21)