Am 4. August 1988 wird Ex-Brigadier Jean-Louis Jeanmaire aus dem Gefängnis Bellechasse in Sugiez im Kanton Freiburg entlassen und lächelt den Fotografen zu. 1977 war er wegen Spionage für die Sowjetunion zu 18 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Als Brigadier war er im 20. Jahrhundert der ranghöchste Schweizer, der wegen Landesverrats ins Gefängnis musste. Bis zu seinem Tod kämpfte er um seine Rehabilitierung.
Ins Rollen gebracht hatte die Affäre die CIA. Daraufhin wurde Jeanmaire streng observiert. Am 16. August 1976 – vor 50 Jahren – wurde er verhaftet. Er und seine Frau Marie-Louise pflegten enge Beziehungen mit dem sowjetischen Oberst Wassili Denissenko. Dieser arbeitete in der sowjetischen Botschaft in Bern. Marie-Louise ging gar eine Liebschaft mit Denissenko ein.
Untersuchungen ergaben, dass Jeanmaire Denissenko sowie den nachfolgenden Militärattachés Victor Issajew, Wladimir Strelbitzki und Wladimir Davidoff «geheim» klassifizierte Angaben über die Schweizer Armee zukommen liess. Er überreichte Denissenko auch eine klassifizierte Karte mit den Standorten der Schweizer Luftschutztruppen (heute Rettungstruppen). Im Gegenzug erhielt der joviale und trinkfreudige Jeanmaire Wodka, Zinngeschirr, Schmuck und einen Fernseher.
Das Material, das Jeanmaire den Sowjets übergab, war teilweise veraltet und von niedriger Geheimhaltungsstufe. Zugang zu streng geheimen Dokumenten hatte er nicht. Die Bundespolizei erklärte deshalb, man könne kaum von «Landesverrat» sprechen.
Das harte Urteil gegen Jeanmaire ist mit der damals herrschenden antisowjetischen Hysterie zu erklären. Angeheizt wurde diese auch von Bundesrat Kurt Furgler, der Jeanmaire im Parlament aufs Schwerste beschuldigte und ihn «einen Landesverräter, wie es noch keinen gab» nannte – ohne dafür Beweise vorzulegen. FDP-Nationalrat Karl Flubacher aus Baselland verlangte gar die Todesstrafe für Jeanmaire. Die Armee und die Wirtschaft fürchteten offenbar, von Spitzentechnologie aus den USA und Europa ausgeschlossen zu werden. Der Historiker (und Journal21-Autor) Jürg Schoch und der Journalist Urs Rauber gehen davon aus, dass Jeanmaire mutmasslich der guten Beziehungen zu den Nato-Staaten wegen geopfert wurde.
Wikipedia schreibt: «Andere Historiker gehen von einem Justizskandal aus und dass die Strafe von 18 Jahren in keinem Verhältnis zur Schwere des Vergehens stand. Der Schweizer Militärhistoriker Bruno Lezzi hielt Jeanmaire zwar für eine tragische Figur, erachtete aber das Urteil als völlig übertrieben.»
1988 wurde Jeanmaire nach 12 Jahren wegen guter Führung vorzeitig aus der Haft entlassen. Er starb 1992.