Das Bild ist hundert Jahre alt. Es zeigt einen Bettler, der kein Bettler ist. Und eine junge Frau, die ihn nicht kennt, ihn aber kennen sollte.
Der Bettler ist Emil Jannings, der in Rorschach geborene und in der Schweiz aufgewachsene deutsche Schauspieler, der 1929 bei der ersten Oscar-Verleihung in Hollywood den ersten Oscar erhielt. Ausgezeichnet wurde er für seine Rollen in den Filmen The Last Command und The Way of All Flesh.
Schon früh ging er nach Hollywood. Dort spielte er in einem Film die Rolle eines heruntergekommenen hohen Bankbeamten, der zum Strolch, zum Bettler wurde. Die Bettlermaske, die man anfertigte, war so echt, dass niemand dahinter Emil Jannings erkannte.
Selbst Jannings’ eigene Frau würde ihn hinter der Maske nicht erkennen, sagte Regisseur Victor Fleming. Jannings war da nicht so sicher. Die beiden schlossen eine Wette ab.
Als nun Frau Jannings eines Nachmittags ihren Gatten vom Atelier abholen wollte, trat ihr in einem Park ein zerlumpter, alter, erbärmlich aussehender Mann entgegen, der mit zitternden Händen seinen Hut flehend ausstreckte. Frau Jannings, die Mitleid mit diesem Alten hatte, warf ein 50-Cent-Stück in seinen Hut und ging eilig vorüber, ohne ihren Gatten in der Maske des Bettlers erkannt zu haben. Beim Abendessen lachten sich beide halbtot über diesen gelungenen Scherz.
Weltberühmt wurde Jannings dann 1930 mit dem Film «Der blaue Engel» (mit Marlène Dietrich). Nach turbulenten, erfolgreichen Jahren ging es bergab mit ihm. Er unterwarf sich den Nazis und wurde von Hitler und Goebbels hofiert. Im NS-Staat gehörte er zu den am besten verdienenden Schauspielern. Nach dem Krieg belegten ihn die Alliierten mit einem lebenslangen Auftrittsverbot.