Fliessende Identitätssuche

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Fliessende Identitätssuche

Von Ruth Enzler, 31.12.2014

„Ich kenne mich so gar nicht! Das bin nicht ich!“ Sagt eine Freundin, die seit einigen Jahren ein Verhältnis mit ihrem verheirateten Chef pflegt.

Wer ist sie dann? Und welcher Anteil von sich hat sie vielleicht übersehen oder verdrängt? Und wie viele Anteile haben wir denn und wie viele und wie zahlreich sind jene, von denen wir nichts wissen oder vor allem nichts wissen wollen? Psychologen, wie zum Beispiel Schulz von Thun, stellen das menschliche Innenleben als inneres Team oder innere Bühne dar, auf der sich die unterschiedlichsten Darsteller und Stimmen präsentieren. Und wer übernimmt die Steuerung der Teammitglieder? Wahrscheinlich muss es eine „Zentralstelle“ oder eine Leitfigur geben, die diese einzelnen Anteile steuert, moderiert und koordiniert, in Schach hält und ihnen bestimmte Kompetenzen und Orte zuerkennt. Vielleicht findet die Leitfigur ein Teammitglied unsympathisch, ist mit ihm nicht einverstanden und übergeht dieses deshalb über längere Zeit. Handelt es sich dabei um ein starkes Mitglied, so lässt es sich erfahrungsgemäss nicht über ein ganzes Leben unterdrücken.  Vorausgesetzt, ein Leben dauert genügend lange, ist es sehr wahrscheinlich, dass sich das ignorierte Mitglied immer lauter meldet und es dazu kommt, dass es ausbricht, die Leitfigur verdrängt und das Steuer übernimmt. Daraus folgen Handlungen, die die verdrängte Zentralstelle an den Rand des noch Verstehbaren bringen und diese den Kopf schütteln lässt: „Nein, so eine bin ich nicht!“ Aussenstehende, die nichts von diesem Verdrängungskampf ahnen, beobachten nur das äussere Verhalten und entgegnen demzufolge achselzuckend: „Nun, seit zwei Jahren ein Verhältnis mit Deinem verheirateten Chef, lässt doch darauf schliessen, dass Du dies eben auch bist! Wie der Mensch ist, sieht man daran, wie er handelt.“

Inneres Zwiegespräch als Entwicklungsschritt des Selbst

Im günstigen Fall kommt es durch diese widersprüchlichen Signale von Zentralstelle und ausscherendem Teammitglied zu einem Zwiegespräch. Wir nennen das Selbstreflexion. Wer reflektiert da? Das „Ich“ mit meinem „Selbst“. Es braucht also mindestens zwei innere Gesprächspartner. Oder eben zwei Anteile. Die Zentralstelle und Leitfigur meint: „So eine bin ich nicht!“ Die andere Stimme meint hingegen: „Doch das bin ich auch, Du traust Dich nur nicht, das zuzugeben – Du bist eben so fürchterlich angepasst und wohl erzogen, ich aber habe von dieser Angepasstheit genug!“ Das innere Zwiegespräch führt meist dazu, dass wir neu entdeckte Anteile oder Bedürfnisse von uns integrieren müssen und die Zentralstelle zu akzeptieren hat, dass sie einen Entwicklungsschritt vollziehen und das Teammitglied anhören und mit ihm verhandeln muss. Geschieht das partout nicht, wird der unterdrückte innere Anteil lauter und dominanter, kann das zu inneren und äusseren Konflikten und Verwirrungen auslösen und womöglich in eine existenzielle Krise führen. Meine Freundin hat begriffen, dass sie ihre Identität neu definieren bzw. ergänzen muss. Den ersten Schritt hat sie gemacht, indem sie anerkennt: „Ja, ich habe eine Seite, die sich nicht gemäss meiner Erziehung und nicht konform zu den gesellschaftlichen Regeln verhält. Ich spiele - in einer mir an sich sehr wichtigen Sache - ein Versteckspiel und unterstütze Intransparenz und ein Doppelspiel meines Freundes. Ich akzeptiere, dass ich in seinem Leben die zweite Geige spiele und richte mich nach seinen Wünschen. Nach ihm richte ich mich und es ist paradox, ihm passe mich an, weil er unglaublich schöne Komplimente macht und er mich für meine berufliche Leistung lobt und belohnt.“ Das innere Gespräch hat begonnen. Die Themen Beruf und Leistung, Abhängigkeit von Komplimenten und Partnerschaft auf Augenhöhe werden kontrovers diskutiert und eine neue Position wird entwickelt. Die Identität verändert sich.

Identitätsbildung im Zeitalter der „flüchtigen Moderne“

Generell stelle ich fest, dass sich die Identitätssuche im Zeitalter der „flüchtigen Moderne“ (Zygmunt Bauman), als komplex und paradox gestaltet. Soziale Bindungen werden kaum mehr mit dem Ziel „bis dass der Tod euch scheidet“, sondern eher projektbezogen eingegangen, das Kapital befreit sich zunehmend von seiner Bindung an die Arbeit und eine kohärente Sinnbildung wird zunehmend schwierig.

Orientierungshilfen, sichere Erfolgsrezepte oder Planungshilfen gibt es kaum mehr. Meine Freundin war überrascht, dass wir sie in unserem engsten Freundeskreis nicht verurteilt haben. Dass keine ihrer Freundinnen ihr eine „Moralpredigt“ gehalten hat. Dies wäre im Zeitalter der „schweren Moderne“ (Zygmunt Bauman) nicht unbedingt möglich gewesen, weil Normen, Autoritäten und gesellschaftlichen Verhaltensweisen klar definiert, beständig und verfestigt waren. In der heutigen „flüchtigen Moderne“ aber sind viele Lebenskonzepte möglich und die Bildung der Identität gestaltet sich als fliessend, flexibel und wandelbar. Das heisst, dass das innere Zwiegespräch mit sich selbst immer wichtiger wird, um sich im Wandel der heutigen Zeit immer wieder neu zu positionieren, damit die eigene Identität sich nicht verflüchtigt oder gar auflöst.

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