Ein Klima des Schwarz-Weiss-Denkens

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Ein Klima des Schwarz-Weiss-Denkens

Von Journal21, 28.01.2011

In der Schweizer Politik werde heute „differenziertes Denken nicht belohnt“. Erwartet und honoriert würden „simplifizierte Wahrheiten“. Mit diesen Worten beschloss am Donnerstagabend der Stadtpräsident von Solothurn die diesjährigen Solothurner Filmtage. Kurt Fluri, FDP, sagte, gerade in dieser Zeit müsse sich die Kultur als "Hüterin und Pflegerin des öffentlichen Diskurses zeigen und bewähren. Der SVP spricht Fluri ab, eine Kulturpolitik zu haben. „Journal 21“ publiziert hier Auszüge aus der mit viel Applaus honorierten Rede.

Die Solothurner Filmtage und die Kultur im allgemeinen stellen gerade im Falle unserer Stadt und Region einen wichtigen Aspekt bei der Beurteilung der Standortattraktivität dar. Die damit verbundene Publizität und die hohe wirtschaftliche Wertschöpfung sind uns selbstverständlich hoch willkommen.

Selbstverständlich darf man als Kulturschaffende auch auf diese wirtschaftlichen Aspekte hinweisen. Nie aber dürfen diese im Mittelpunkt der Begründung für eine öffentliche Unterstützung stehen.

Die Kultur ist nicht einfach ein Mittel zur Verbesserung der Standortgunst oder der wirtschaftlichen Erträge. Sie ist überhaupt kein Mittel zum Zweck, sie ist Zweck selbst.

Simplifizierende Wahrheiten

Gerade in einer politischen Landschaft, welche argumentativ zusehends verarmt und differenziertes Denken nicht belohnt, sondern im Gegenteil simplifizierende Wahrheiten erwartet und honoriert, und in einem Land, dessen Medienlandschaft zwar von einer nominellen Titelvielfalt, aber mehr und mehr von einem Eigentumsoligopol und vom Trendjournalismus dominiert wird und welche offensichtlich eigene wirtschaftliche Interessen vor die Interessen der Res publica stellt, in dieser Situation ist es die Kultur, welche sich mehr und mehr als Hüterin und Pflegerin des öffentlichen Diskurses zeigen und bewähren muss.

Eine pluralistische, individualistische Gesellschaft, welche in Volksentscheiden so abstimmt, als sei sie nach wie vor das idyllisch homogene Volk der fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts, hat es dringend nötig, dass ihr Kulturschaffende drängende Fragen stellen und vermeintlich klare Sachverhalte hinterfragen.

"Uns droht der Humanismus abhanden zu kommen"

Kultur ist eben nicht Sache der Kultur, wie die zurzeit grösste Partei unseres Landes behauptet und damit gleichzeitig bezeugt, dass sie keine Kulturpolitik hat. Kultur ist eben gerade aus den genannten Gründen eine öffentliche Aufgabe.

Die Bereitschaft, Andersdenkende zu verstehen und mit ihnen ganz ohne Einigungszwang eine sachliche Diskussion zu führen, ist in einer direkten Demokratie staatsbürgerliche und staatspolitische Pflicht. Droht dies aus den verschiedensten Gründen unters Eis zu geraten, muss die Kultur einen Teil dieser Aufgabe übernehmen. Darin ist sie zu unterstützen.

Und droht einer Gesellschaft der Humanismus und das humanistische Gedankengut abhanden zu kommen, wie dies zwangsläufig in einem Klima des Schwarz-Weiss-Denkens der Fall ist, ist es wiederum gerade Sache der öffentlichen Hand, die Pflege des humanistischen Gedankengutes und der humanistischen Weltanschauung zu fördern.

Die Förderung des Denkens und Handelns im Bewusstsein der Würde des Menschen und das Streben nach Menschlichkeit im innerstaatlichen und zwischenstaatlichen Umgang muss eine öffentliche Aufgabe sein. Deshalb unterstützen Kanton und Stadt mit ihrem Beitrag an den „Prix de Soleure“ das humanistische Filmschaffen.

SRF Archiv

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