Ein Film ist ein Film ist ein Film

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Ein Film ist ein Film ist ein Film

Von Hans-Ulrich Schlumpf, 09.02.2017

Warum der Begriff „Dokumentationen“ für Dokumentarfilme grundfalsch ist.

Ein Film ist ein Film ist ein Film
Jean-Luc Godard

Vermehrt wird in Filmrezensionen und Festivalberichten der Ausdruck „Dokumentation“ für Dokumentarfilm verwendet. Das ist oberflächlich, ja geradezu falsch. Viele der Schreibenden mögen sich nicht bewusst sein, dass dies einer Entwertung von Dokumentarfilmen gleich kommt. Denn auch Dokumentarfilme sind Filme, wie der Begriff sagt.

Fiktiver Charakter

Eine Dokumentation ist hingegen kein Film, sondern eine Faktensammlung. Sie kann aus Beschreibungen, Inventaren, Objekten, aufgespiessten Schmetterlingen oder was immer bestehen; und kann – als Gegensatz zur Fiktion – allenfalls auch eine filmische Faktensammlung sein. Aber das verkennt den zutiefst fiktiven Charakter einer filmischen Faktensammlung, die – wie alle Filme – ein Konstrukt aus Bildern, Tönen, Produktions- und Projektionswerkzeugen ist, das vom Zuschauer, der Zuschauerin gelesen werden muss.

Universelle Filmsprache

Der Dokumentarfilm und auch jede Zusammenstellung von gefilmten „Fakten“ spricht wie der Spielfilm die Filmsprache, welche je nach Qualität des Ausdrucks vom Publikum gut oder schlecht verstanden wird. Die Filmsprache ist eine äusserst reiche Sprache, die sich wie die gesprochene und geschriebene Sprache ständig verändert und weiter entwickelt. Massgeblichen Anteil an der Entwicklung dieser globalen Sprache haben die Amerikaner.

Natürlich kann man auch von ihren Regeln abweichen, aber auch diese referieren schliesslich immer auf die Populärsprache aus den USA. So wie der Spielfilm diese Sprache benutzt und mit ihr spielt, tut es auch der Dokumentarfilm. Gerade im Filmischen, oder – um einen den aus der Mode gekommenen Begriff zu verwenden – im Cinematographischen sind die beiden Gattungen Zwillinge. Drillinge, wenn man den Animationsfilm dazu nimmt. Eine Inkunabel des Dokumentarfilmes, Nanook of the North, ist über weite Strecken „inszeniert“.

Robert J. Flaherty, Nanook of the North 1922
Robert J. Flaherty, Nanook of the North 1922

Point de vue documenté

Schon eine einzelne Einstellung ist weit mehr als ein Faktum der Realität, sie ist als Arrangement des Herstellers bereits ein komplexes fiktives Produkt, das sich aus unzähligen Parametern zusammensetzt. Neben der Wahl des Standortes, der Blickrichtung, der technischen Mittel wie Brennweite etc., sind vor allem das Ein- und Ausschalten des Aufnahmeapparates massive Eingriffe in die Wirklichkeit, welche zwar Fakten schaffen, aber es sind immer filmische Fakten. Deshalb sagt Jean Vigos Diktum vom „point de vue documenté“ alles. Es ist derjenige oder diejenige, welche die Kamera steuert, welche die neuen Filmfakten schafft. Und wenn man nur schon zwei Einstellungen zusammenhängt, entsteht eine Geschichte. Wir erkennen deshalb im Dokumentarfilm wie im Spielfilm vor allem die Handschrift der Herstellenden, auch Autoren oder Produzenten genannt.

Chris Marker, Sans Soleil 1983
Chris Marker, Sans Soleil 1983

Chris Marker, Sans Soleil 1983

Das Fernsehen, der grosse Normalisator

Begonnen hat die Sprachverwirrung mit dem Begriff des „DOK“, eine vom Fernsehen angeschriebene Schublade, in die man alles stecken konnte, was schlecht oder gar nicht in die quotengesteuerte Prime Time passte. Und dem man mit diesem flapsigen Label auch noch einen unverbindlich modernen Anstrich geben konnte. Wie immer versteckt sich hinter dieser Sprachänderung der Faulen und Schlauen mehr. Man erspart sich damit eine Qualitätsdiskussion: war ja kein Film, also auch „keine Kunst“, vor der man sich beim Fernsehen bekanntlich ganz besonders fürchtet. Ist alles DOK, ob es sich nun um Taucher- oder Büsifilme handelt, um „Nanook of the North“ oder „Sans Soleil“. Mit „SRF bi de Lüüt“ ist in dieser Hinsicht ein endgültiger Tiefpunkt erreicht. Hauptsache es ist schnell, billig und managmenttauglich. Nicht Autoren stehen dann hinter den Filmen, sondern Equipen, beliebig verschiebbare Teams, die meist nicht wissen, warum sie das tun, was sie tun. Und eine herzige Moderatorin oder ein sympathischer Kerl mit Bart stehen im Mittelpunkt.

Yves Yersin, Die letzten Heimposamenter, 1972
Yves Yersin, Die letzten Heimposamenter, 1972

Der Dokumentarfilm der Schweiz eine Erfolgsgeschichte

Die Schweiz hat im Dokumentarfilm Erfolg gehabt und auch Geschichte geschrieben. Dazu wäre es nicht gekommen, wenn es sich um „Dokumentationen“ gehandelt hätte. Das Renommee hat seinen Ursprung in der Tatsache, dass es Filme sind, welche die Leute bewegen, berühren und auch erschüttern. Dass es Filme sind mit Menschen, nicht mit Statisten. Es ist eine Spezialität dieser Dokumentarfilme, dass sie auch im Kino gezeigt werden und Erfolg haben wie Spielfilme. Weil es eben Filme sind.

Zum Glück gibt es auch beim Fernsehen noch eine Minderheit, welche qualitativ hochstehende Dokumentarfilme dreht. Und über den Pacte audiovisuel auch immer wieder in frei produzierte Filme investiert. Man muss ehrlicherweise beifügen, dass ohne das Schweizer Fernsehen die meisten freien Dokumentarfilm-Produktionen nicht zustande kämen. Aber während diese oft den Zorn der Rechten provozieren (weil sie z. B. soziale Realität vermitteln) und deshalb irgendwann um Mitternacht verbraten werden, dankt es das so genannte Mehrheitenpublikum den Fernsehbossen an der Urne kaum, dass diese es mit seichtester Landfrauenküche füttert. Es wird – wie's aussieht – den Einbläsern von der FDP und der SVP, den Biglers, Ricklins und Brunners folgen und helfen, eine der erfolgreichsten Institutionen der Idée Suisse zu schwächen.

Fredi M. Murer, Wir Bergler in den Bergen sind eigentlich nicht schuld, dass wir da sind... 1974
Fredi M. Murer, Wir Bergler in den Bergen sind eigentlich nicht schuld, dass wir da sind ... 1974

Daran ist das Fernsehen weitgehend selber schuld: es käme, wie in der Haute Cuisine, auf den Mix an, auf die Gewürze, auf die frischen und nachhaltigen Zutaten, auf die richtige Zubereitung. Diese Balance ist massiv gestört! Die Umbenennung der Idée Suisse zu „die Schweiz im Herzen“ folgt demselben Muster des Neusprech wie die Umbenennung von Dokumentarfilmen in „Dokumentationen“. Die eine verwandelt ein einendes Ziel in ein diffuses Gefühl; die andere entwertet eine Kunstform zur Beliebigkeit.

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