Dramatische Szenen in Kabul

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Dramatische Szenen in Kabul

Von Journal21, aktualisiert - 16.08.2021

Tausende stürmen den internationalen Flughafen. Im dem Gedränge starben mindestens sieben Menschen. Schüsse waren zu hören. Die Taliban erklärten am Montag, der Krieg in Afghanistan sei zu Ende.

Inzwischen haben die Taliban rund um den Flughafen einen Sicherheitskordon errichtet und versuchen die Menge fernzuhalten.

In den Strassen der Hauptstadt patrouillierten schwer bewaffnete Taliban-Kämpfer. 

Ein Talibankämpfer am Montag vor dem Präsidentenpalast in Kabul (Foto: Keystone/AP/Rahmat Gul)
Ein Talibankämpfer am Montag vor dem Präsidentenpalast in Kabul (Foto: Keystone/AP/Rahmat Gul)

Mohammad Naeem, ein Sprecher des politischen Büros der Taliban, erklärte am Montag, die Taliban wollten nicht in Isolation leben. Die neue Regierung werde bald vorgestellt werden. Er rief zu friedlicher internationaler Zusammenarbeit auf. 

Ein hoher Beamter des afghanischen Innenministeriums hatte am Sonntag gegenüber der Agentur Reuters erklärt, Präsident Aschraf Ghani habe das Land Richtung Tadschikistan verlassen. Dort jedoch erhielt er keine Landeerlaubnis und flog weiter nach Omann.

Die Archivaufnahme zeigt Ghani bei seinem letzten Besuch in Washington am 25. Juni. (Foto: Keystone/EPA/Shawn Thew)
Die Archivaufnahme zeigt Ghani bei seinem letzten Besuch in Washington am 25. Juni. (Foto: Keystone/EPA/Shawn Thew)

Nach der Einnahme von Mazar-i-Sharif und Jalalabad am Samstag hatten die Taliban am Sonntag die Hauptstadt umzingelt und waren von allen Seiten her in die Stadt eingedrungen. Am Abend besetzten sie den Präsidentenpalast und liessen sich fotografieren. 

Taliban-Kommandanten am Sonntag im Präsidentenpalast in Kabul. (Foto: Keystone/AP/Zabi Karimi)
Taliban-Kommandanten am Sonntag im Präsidentenpalast in Kabul. (Foto: Keystone/AP/Zabi Karimi)

„Friedliche Machtübergabe“

Im Internet hatten sie zuvor eine Erklärung veröffentlicht, in der sie ihre Milizen anwiesen, die Stadt nicht mit Gewalt einzunehmen. Allen, die flüchten wollten, sicherten sie freies Geleit zu.

Es seien „Verhandlungen im Gang“, erklären die Taliban, um sicherzustellen, dass „der Übergangsprozess sicher und ohne Gefährdung des Lebens und der Ehre von irgendjemandem von Kabul abgeschlossen wird“.

In einer weiteren Erklärung versicherten die Taliban, das Eigentum und das Geld von Banken, Händlern und anderen Unternehmern sei nicht in Gefahr. 

Trotz der Online-Zusicherungen verlassen seit Mitte letzter Woche Tausende Menschen weiterhin die Stadt und versuchen, irgendwo Zuflucht zu finden.

Tausende, vor allem westliche Staatsangehörige, drängen sich schon am Freitag und Samstag am internationalen Flughafen von Kabul und versuchen, das Land zu verlassen. Die meisten westlichen Staaten haben begonnen, ihr Botschaftspersonal auszufliegen. (Foto: Keystone/AP/Tameem Akghar)
Tausende, vor allem westliche Staatsangehörige, drängen sich schon am Freitag und Samstag am internationalen Flughafen von Kabul und versuchen, das Land zu verlassen. Die meisten westlichen Staaten haben begonnen, ihr Botschaftspersonal auszufliegen. (Foto: Keystone/AP/Tameem Akghar)

Mazar-i-Sharif, Jalalabad

Am Samstag hatten die Taliban die strategisch wichtige nördliche Provinzhauptstadt Mazar-i-Sharif erobert. Am Sonntagmorgen drangen sie in Jalalabad im Osten des Landes ein. 

Mazar-i-Sharif ist die viertgrösste Stadt Afghanistans und war von der Armee mit Tausenden Soldaten und schweren Waffen verteidigt worden. Provinzrat Afzal Hadid erklärt gegenüber der Agentur Reuters, die Stadt sei fast kampflos gefallen. Auch Jalalabad wurde kampflos übergeben. 

Herat, Kandahar

Am Donnerstag waren bereits die wichtigen Provinzhauptstädte Herat und Kandahar gefallen. Die Einwohner von Herat und Kandahar zeigten sich wütend. Die afghanische Armee, von den USA ausgebildet und mit modernen Waffen versorgt, hat kaum Widerstand geleistet. Beide Städte sind in kürzester Zeit in die Hände der Radikalislamisten gefallen. „Sie haben uns buchstäblich verkauft“, sagte eine Bewohnerin von Kandahar gegenüber Al Jazeera.

Viele der Regierungssoldaten sind zu den Taliban übergelaufen, andere sind geflohen. Tausende versuchen, in die Nachbarländer Iran, Turkmenistan, Usbekistan und Tadschikistan zu gelangen. 

Einige Bewohner der eroberten Städte versuchen, sich mit den Taliban zu arrangieren. In Herat verkauft ein Mann Taliban-Flaggen.

(Foto: Keystone/AP/Hamed Sarfarazi)
(Foto: Keystone/AP/Hamed Sarfarazi)

Auch die US-Geheimdienste sind überrascht

Der Sturm der Taliban hatte im Mai begonnen, als die USA anfingen, ihre noch verbliebenen 3’000 Soldaten vom Hindukusch abzuziehen. Seither waren die islamistischen Kämpfer nicht zu bremsen. Innert weniger Tage eroberten sie Provinzhauptstadt um Provinzhauptstadt. 

Innerhalb der afghanischen Armee herrschte letzte Woche Untergangsstimmung. Auch die amerikanischen Geheimdienste sind überrascht vom stürmischen Vorstoss der Taliban. Sie hatten vorletzte Woche prophezeit, Kabul könnte innert sechs bis neun Monaten fallen. Daraus wurden sechs Tage.

(J21)

Bitte vergessen wir nicht, dass die USA nie von den Taliban, die über den pakistanischen Geheimdienst Inter-Services Intelligence ISI von der CIA/MI6 "gemacht" wurden, angegriffen worden waren, dass der Krieg illegal und ohne UNO Mandat war, dass er wie der ganze Krieg gegen den Terror auf Lügen und Betrug beruht und seit dem 9. September 2001 70'000 Zivilisten, 75'000 betroffene Einheimische, 85'000 Menschen von Militär und Polizei, alles zusammen mit den Auftragnehmern usw. etwa 240'000 Menschenleben ermordet hat. Die Kosten für den Afghanistan-Krieg betrugen von 2001 bis 2021 die unfassbare Summe ca. 2.261 Billionen (Trillion) US-Dollar.
Die relativ nüchternen Deutschen, die auch in Afghanistan waren, kommen zur Schlussfolgerung, dass es der Wirtschaft nach 20 Jahren so schlecht geht wie zuvor, und dass die Invasoren mit ihren unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten ein System einer gigantischen Korruptionsmaschinerie installiert haben, von dem die westlichen Unternehmen, die Lieferanten und die Auftragnehmer am meisten profitierten und die einheimischen Kriminellen ein bisschen.

Ich wünsche den Taliban, dass sie zuerst eine moderne Demokratie auf der Grundlage der Menschenrechte aufbauen, den Vereinten Nationen beitreten, an den Menschenrechtsräten und an den internationalen Gerichten für Kriegsverbrechen teilnehmen und dann mit allen anderen Betroffenen die ganze Kabale verklagen; die Mitglieder des ehemaligen Projekts für das neue amerikanische Jahrhundert (PNAC), George W. Bush, Tony Blair, Dick Cheney, Donald Rumsfeld post mortem, John Yoo, Jay Bybee, Alberto Gonzales, David Addington, William Haynes und Israel, so wie Malaysia es bereits erfolgreich auf dem Kuala Lumpur War Crimes Tribunal formuliert hat.

Demokratie im Verständnis des Westens und insbesondere der USA von aussen implantieren zu wollen ist eine Illusion:
80 % der Bevölkerung Afghanistans leben auf dem Land und nur 20 % in den Städten. In den letzten 20 Jahren entwickelten sich Ansätze einer "liberale Zivilgesellschaft" (auch mit einer etwas besseren Gleichstellung von Frauen), jedoch nur in den Städten. Dennoch: Frauen in den Städten tragen ausser Haus immer noch meist die Burka. Und nach wie vor können Männer ihren Frauen aus patriarchaler Sicht "unnötige" Beschäftigungen verbieten. Und Frauen dürfen das Haus nur verlassen, wenn es ihr Ehemann erlaubt. Und im März 2021 wurde - von der Regierung, nicht von den Taliban - allen Mädchen über zwölf Jahren verboten, in Anwesenheit von Männern zu singen. Ab 2001 hatten alle, vor allem auch Mädchen, zwar Zugang zu einer Schulbildung. Bei Frauen war die Analphabetenrate 2015 mit 75,8 % immer noch sehr hoch. Inwieweit das Rad jetzt von den Taliban wieder zurückgedreht wird ist ungewiss. Das würde jedoch primär die Minderheit der Zivilgesellschaft insbesondere in den Städten betreffen. Die grosse Mehrheit will vor vor allem überleben - und ist froh, wenn es mit der Herrschaft der Taliban wieder "friedlicher" wird.
Afghanistan ist immer noch - 20 Jahre nach dem Einmarsch der US-Truppen - eines der ärmsten Länder. Nur rund 12 % des Landes sind landwirtschaftlich - meistens mit künstlicher Bewässerung - nutzbar. Dennoch sind 61% der Menschen in der Landwirtschaft tätig. Die Hälfte der ländlichen Familien betreiben Selbstversorgung und können nichts verkaufen. Vom Klimawandel sind sie besonders hart betroffen.
Seit dem Einmarsch der US-Truppen 2001 hat sich für die grosse Mehrheit der Bevölkerung insbesondere "auf dem Land" kaum etwas verbessert. Im Gegenteil: Organisierte Kriminalität und Stammeskonflikte bestimmen weiterhin eine komplexe und brisante Sicherheitslage.
Dass die Hoffnung auf eine bessere Sicherheitslage bei vielen nun auf den Taliban ruht, ist nachvollziehbar.
Es kann aber sein, dass bald Konflikte innerhalb der Taliban ausbrechen. Sie sind alles andere als "ein Herz und eine Seele". Vor allem dann, wenn es um die Teilung von Macht (und Pfründen) geht.

Der Vormarsch der Taliban geht schneller als prophezeit.
Obwohl die Offiziellen bei der NATO das sicher angenommen haben. Bei den Taliban handelt es sich aber nicht um Gotteskrieger, sondern in der Führung um Verbrecher, die irgendwelchen Kleinbauern, Kleinhändlern und Landarbeitern Versprechungen gemacht haben. Es wurde sich lediglich ein islamischer Mantel umgehägt, weil man ein paar Suren auswendig kann. Sonst ist da nicht viel. Ausser Brutalität.
Von Staatsführung hat man keine Ahnung. Man wird es sehen, wenn die kitschigen Paläste mit Brausebrunnen, viel Beton und üppigen Marmor gebaut werden für die Offiziellen. Dann beginnt nämlich auch bei denen Korruption Einzug zu halten.

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