Die 68er im behäbigen Bern

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Die 68er im behäbigen Bern

Von Roland Jeanneret, 08.06.2018

Historiker und Soziologen sind sich zunehmend unsicher: Was genau ereignete sich 1968 in der Schweiz, was im Politzentrum Bern? Und was bleibt heute noch?

Gleich drei Buchpublikationen aus Bern sind in letzter Zeit erschienen, die einzuordnen versuchen, was zur «Revolte» von 1968/69 geführt hat. War es ein Aufstand einer jungen Generation, das undefinierbare Aufbegehren gegen ein allzu konventionelles Wohlstands-Establishment, gegen den Krieg in Vietnam, die Niederschlagung des Prager Frühlings, Protest gegen Gewalt, Empörung über die Ermordung von Robert Kennedy und Martin Luther King? Wollten die Frauen mehr Selbstbestimmung, Ausbruch aus traditionellen Rollen, Gleichberechtigung in Bezug auf Beruf, Familie und Sexualität? Oder handelte es sich um eine neue Kultur, um Hoffnungen auf eine Welt voller Flower-Power, Drogen und Popmusik? Waren es die Aufstände und Strassenschlachten in Berkeley, Paris, Berlin, welche letztlich Signale auch in Zürich, Basel, Bern, Lausanne und Genf sowie Protestaktionen wie den Lehrerstreik in Locarno auslösten?

Wann beginnt 1968?

Im Historischen Museum Bern wird zurzeit eine umfangreich dokumentierte Ausstellung zu den 68er-Ereignissen gezeigt und so eingeordnet:

«Wann beginnt 1968? Wann hört es auf? Die heute mit einer Jahreszahl benannten gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umbrüche sind nicht präzis datierbar. (…) In den 1950er und 1960er Jahren setzt ein nie dagewesener Aufschwung ein: Einstige Luxusgüter wie Kühlschränke oder Staubsauger, aber auch Freizeit oder gar Urlaubsreisen werden zum Allgemeingut. Die Massenmotorisierung hält Einzug. Es entsteht eine Konsumkultur, die besonders die Jugend erfasst. Sie kauft modische Kleider und Schallplatten und grenzt sich damit von der Elterngeneration ab.»

Später wird darauf hingewiesen, dass – obwohl sich eher wenige Beteiligte den Protestaktionen anschliessen – die 68er-Ereignisse durch die Verbreitung der Massenmedien, vor allem durch das neu aufgekommene Fernsehen, eine starke Resonanz erhalten.

Die Eskalation

Weniger harmlos geht es an anderen Brennpunkten in Europa zu. Von Bedeutung wird, was in unseren Nachbarländern Frankreich und Deutschland abläuft. In seinem Buch «Das Jahr der Träume – 1968 und die Welt von heute» stellt Benedikt Weibel detailreich recherchiert die Eskalation der Studentenunruhen dar, die Wochen später in Paris in Strassenschlachten ausarten: Eine vorerst bescheidene Protestaktion gegen den Vietnamkrieg vor dem Sitz von American Express greift auf die Universität Nanterre und, nach deren Schliessung, kurz später auf die Sorbonne über. Die Behörden sind überfordert, verweigern jeglichen Dialog mit den Studierenden und versuchen mit massiven Polizeieinsätzen die Lage in den Griff zu bekommen. Die mittlerweile kriegsartigen Auseinandersetzungen führen zu hunderten von Verhaftungen und dutzenden von Verletzten auf beiden Seiten.

Noch heute bin ich im Besitz einer Sonderausgabe der «Spécial Etudiants», wo die brutalen Szenen beschrieben, dokumentiert und weitherum bekannt gemacht wurden. Ein Grossteil der Bevölkerung solidarisiert sich mit den Protestierenden. An einem Generalstreik beteiligen sich über zehn Millionen Menschen. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen wird im Parlament gar die Absetzung von Präsident General De Gaulle gefordert, der überstürzt Neuwahlen verspricht.

Auch in Berlin kommt es zu hitzigen 68er-Demonstrationen, die primär auf partei-ideologischer Ebene ausgetragen werden. Es sind Auseinandersetzungen zwischen den marxistisch-leninistischen Traditionellen und den Antiautoritären. Letztere sind für Selbstorganisation und sehen die Revolution eher auf anarchistischem Weg. Zwischen den beiden Strömungen kommen immer wieder Diskussionen über den «realen Sozialismus» und damit die politischen Grundlagen in der DDR auf.

Wichtige Figur in dieser Auseinandersetzung ist der «DDR-Abhauer» Rudi Dutschke, der als Studentenführer – nicht zur Freude aller – langsam Kult-Charakter annimmt. Am 11. April 1968 wird Dutschke, mit dem Fahrrad unterwegs, auf offener Strasse angeschossen. Dies führt in mehreren Städten Deutschlands, vor allem in Frankfurt, zu schweren Strassenkämpfen, welche sich primär gegen die Berichterstattung des Verlagshaus Springer richten.

68er in Bern

Kein Vergleich dazu die 68er-Unruhen in Bern: Aufsehenerregend und für einige fast ein Schock war, als eines Morgens zuoberst am Berner Münster eine Vietcong-Fahne angebracht war. Auch in der Bundeshauptstadt wurden der Vietnamkrieg und das Niedertrampeln des Prager Frühlings als Provokationen empfunden. Besonders brodelte es in Bern an der Universität, wo sich Linke und Rechte im Studentenrat bissige Wortgefechte  lieferten. Hofers historische Vorlesungen wurden boykottiert und es kam mehrmals zu Dekanats-Besetzungen.

Markantestes Ereignis war wohl die grosse Demo vor der russischen Botschaft, wo viele SchülerInnen, Jugendliche und Studierende lauthals mit «Dubcek Svoboda»-Rufen gegen die Invasion der russischen Panzer in Prag protestierten. Als die Demonstration zu eskalieren drohte, erklärte die Polizei per Megaphon den Anlass für beendet – mit dem Resultat, dass sich die Menge nun gegen die Polizei wendete. Auch ich erfuhr dabei erstmals die Wirkung von Tränengas.

Neben einigen Sitzstreiks auf den Tramschienen und politischem Gezerre zwischen Uni-Leitung und Studentenschaft (wo einmal mehr die Zwangsmitgliedschaft debattiert wurde), waren öffentliche Kundgebungen in Bern eher selten. Im Gegensatz zu den Globus-Krawallen in Zürich flogen in Bern kaum einmal Pflastersteine. Hier kämpften die 68er zurückhaltender: Beat Schneider «der promovierte Theologe mit der Denkerstirn» von der neugegründeten POCH sass im Stadtrat und Grossen Rat und «kämpfte mit Motionen, Petitionen und Initiativen – aber auch mit Demonstrationen, Mieterstreik und Hausbesetzungen» als Politiker. Neue gemeinschaftliche Wohnformen, die WGs, installierten sich, funktionierten aber nicht immer erfolgreich.

Junkere 37, Kunsthalle

Dass die Welt am sich Verändern war, wurde eher in kulturellen Kreisen manifest. «Brutstätte» war damals der Altstadtkeller «Junkere 37», wo vor allem der Künstler Franz Gertsch und der «progressive Heimatkundler» Sergius Golowin auftraten. «Als Ort unzähliger Vorträge, als Diskussionsraum und literarisches Labor hat dieses Podium wesentlich mitgeholfen, dem Nonkonformismus und der 68er-Bewegung in der Schweiz ein Gesicht zu geben», schreibt Georg Weber in seinem von ihm herausgegebenen Buch «Rebellion unter Laubenbögen».

Ebenfalls eine neue Kulturbewegung inszenierte der Chansonnier Bernhard Stirnemann in seinem neugegründeten Kellertheater «Die Rampe». Von «Rebellion» oder gar «Revolution» sei in seinen Kreisen kaum gesprochen worden, und er habe dies auch nie als Aufstand, sondern eher als Neugestaltung empfunden, sagt heute Heinz Daepp, Journalist und bekannter Satiriker, der sich bereits in jungen Jahren in den progressiven Kreisen bewegte. Von Gewalt habe er kaum etwas gespürt, und er hätte da auch nie mitgezogen, bilanziert er seine 68er-Zeit.

Eine weitere Kunstszene gruppierte sich damals um die Kunsthalle Bern, wo Harald Szeemann von 1961 bis 1969 eine wichtige Rolle spielte. Er war international in Verbindung mit zahlreichen nonkonformistischen Künstlern. Zum 50. Jubiläum 1968 liess er die Berner Kunsthalle von Christo und Jeanne-Claude mit 2430 Quadratmetern verstärktem Polyäthylen einpacken – für Christo eine Premiere und für Bern eine Kunst-Provokation.

Für viele Jugendliche zeigte sich der Geist der 68er in der Musikszene und weniger in rein politischem Aufbegehren. «Make love – not war» wurde zur geflügelten Metapher. Heintje, Udo Jürgens und und Roy Black rutschen auf den Hitparaden nach hinten und müssen den Rolling Stones, Bee Gees und Beatles Platz machen. Flower-Power, Hippies, Drogen, dank Verhütung freier Sex sind in, und 1969 treffen sich rund 400’000 Jugendliche zum Woodstock-Festival. Das war eine ganz andere Rebellion, fern von Strassenschlachten und Pflastersteinen.

Der damals 17-jährige Kantonsschüler und heutige Apotheker Silvio Ballinari meint im Buch «Revolte, Rausch und Razzien»: «Wir glaubten, dass wir besser waren als die früheren Generationen. Dass man alles ausprobieren durfte. Dass man sich ausgeflippt gebärden konnte. Musik, Bart, lange Haare, runde Brillengläser, die Pille. Alles war ok. Und es entsprach dem natürlichen Drang der Jugendlichen, ihren eigenen Weg zu finden – und dabei eben nicht in der Generation der Eltern nach Anerkennung zu suchen.»

Und was bleibt?

Auch da gehen die Meinungen ziemlich auseinander: Während die einen glauben, dass mit den 68er Jahren eine neue Zeitepoche angebrochen sei, stellen andere fest, dass sich seither zwar viel verändert hat, dies jedoch mit der 68er-Bewegung wenig zu tun habe. Der Soziologe Ueli Mäder spricht von damaligen Utopien, von denen einige doch in die Realität integriert werden konnten. An einem Podiumsgespräch vor kurzem in der Berner Nydeggkirche wurde betont, dass auch die Kirchen in jenen Jahren und seither recht viel zu den progressiven Entwicklungen beigetragen haben.

Einigen Frauen ist offensichtlich ein eindrückliches Referat der niederländischen Theologin Catharina Halkes in Erinnerung, die für wohl viele erstmals über den «Abschied vom Männergott» sprach. In der Theologie an unseren Hochschulen habe sich vieles verändert. Eine Öffnung für Ökumene, Andersdenkende und fremde Religionen habe stattgefunden. Die Kirchen engagierten sich stärker in sozialen Aufgaben. Frauen als Theologinnen sind in der Ausbildung heute oft in der Mehrzahl.

Überhaupt, fand die Journalistin Rita Jost, hätten primär die Frauen seit 1968 am meisten von positiven Veränderungen profitiert: 1972 kam das Stimm- und Wahlrecht, in der Berufsbildung hat sich vieles zugunsten der Frau bewegt, die Abhängigkeit vom Mann hat massiv abgenommen, Lebensgestaltung, Finanzautonomie, Rollenverteilung im Haushalt, Ehe, Sexualität – viele dieser Bereiche haben stark an Eigenständigkeit gewonnen. Zumindest teilweise sei die 68er-Bewegung dafür verantwortlich. Der «bodenständige Mystiker» (im Buch «Revolte, Rausch und Razzien»), der sich regelmässig auf die Suche von Kraftorten macht, meint zum Thema, was heute von jener Zeit geblieben sei: «Wer über die 68er-Zeit lästert, weiss nicht, wie verklemmt, wie uniformiert, wie gleichgeschaltet das Leben vorher war.»

Erwähnte Bücher:

Samuel Geiser/Bernhard Giger/Rita Jost/Heidi Kronenberg: Revolte, Rausch und Razzien – Neunzehn 1968er blicken zurück, Stämpfli-Verlag 2017.

Georg Weber (Hg): Rebellion unter Laubenbögen – Die Berner 1968er Bewegung, Zytglogge Verlag 2017.

Benedikt Weibel: Das Jahr der Träume – 1968 und die Welt von heute NZZ Libro 2017.

Die erwähnte Ausstellung im Bernischen Historischen Museum: 1968 Schweiz – nur noch bis 17. Juni

Kommentare

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Ich mag diesen Ausdruck der Revolte nicht. Er eignet sich nicht die soziologische Dynamik heraus zu arbeiten. Das Infrage stellen der Autoritätsgläubigkeit treibt bisweilen seltsame Blüten. Mein Verständnis wandelte sich mit der Einsicht zur sozialen Gelehrtheit Jahrzehnte zuvor. Das sieht man zum Beispiel bei e-periodica (Danke fuer das Recht auf Erinnerung) hier: http://dx.doi.org/10.5169/seals-310429

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