Der Schöpferwille Gottes

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Der Schöpferwille Gottes

Von Klara Obermüller, 25.11.2019

Christliche Fundis bringen sich gegen die Ehe für alle und gegen ein Diskriminierungsverbot sexueller Minderheiten in Stellung. Sie irren fundamental.

Nächstes Jahr stehen in der Schweiz zwei Abstimmungen an, die christliche Fundis in arge Bedrängnis bringen: die Ehe für alle und die Erweiterung der Rassismus-Strafnorm. In beiden Fällen geht es um Homosexualität und darum, was die Bibel angeblich dazu zu sagen hat.

Wenn es um Homosexualität geht, kennen christliche Fundis kein Pardon. Widernatürlich sei sie und von Gott in seinem Schöpferwillen nicht vorgesehen, behaupten sie und stellen sich deshalb sowohl der zivilrechtlichen wie auch der strafrechtlichen Gesetzesänderung entgegen. Im Falle der Homo-Ehe argumentieren sie mit dem Willen Gottes, im Falle eines Diskriminierungsverbots mit der Meinungsfreiheit, die das Zitieren einschlägiger Bibelstellen schützen soll. In beiden Fällen liegen sie falsch.

In der Bibel kommt die Homo-Ehe nicht vor, ganz einfach, weil es sie zur Zeit ihrer Niederschrift noch nicht gab. Die gerne zitierten Äusserungen beziehen sich nicht auf eine dauerhafte Beziehung liebender Paare, sondern lediglich auf gewisse homosexuelle Praktiken sowie auf den Tatbestand der Vergewaltigung. Darüber hinaus sind sie in höchstem Masse gesellschaftlich bedingt und schon deshalb, losgelöst von ihrem historischen Kontext, auf die heutige Diskussion nicht anwendbar. Dies zu wissen, genügen ein paar Semester an einer theologischen Fakultät – oder auch der gesunde Menschenverstand.

Doch eben dies scheinen all jene Pfarrpersonen vergessen zu haben, die sich jetzt, egal ob landeskirchlich oder freikirchlich orientiert, gegen die Ehe für alle und gegen ein Diskriminierungsverbot sexueller Minderheiten zur Wehr setzen. Sie argumentieren weiterhin munter mit der Bibel als wörtlicher Offenbarung Gottes und berufen sich auf eine Meinungsfreiheit, die allem Anschein nach auch vor der Herabsetzung Andersdenkender und Andersfühlender nicht Halt macht.

Ja, manche nehmen gar für sich in Anspruch, den göttlichen Schöpferwillen zu kennen, und glauben, mit diesem Argument aller Diskussion ein Ende setzen zu können. Dass sie nicht erklären können, warum es in eben dieser Schöpfung homo- wie heterosexuell empfindende Menschen gibt, stört sie offensichtlich nicht. Eine Begründung, warum Minderheiten nicht vor Diskriminierung geschützt und liebende Paare ihrer sexuellen Orientierung wegen nicht gesegnet werden sollten, haben sie keine. Aber sie wissen Gott auf ihrer Seite, sie kennen seinen Plan: eine Überheblichkeit, die im günstigsten Fall naiv, im schlimmeren aber blasphemisch zu nennen ist.

Dass sich der Schweizerische Evangelische Kirchenbund dieser Auffassung klar entgegengestellt hat, ist tröstlich. Von katholischer Seite steht ein klares Wort noch aus. Dass es vage ausfällt oder ganz ausleibt, ist zu befürchten.

Kommentare

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Liebe Frau Obermüller
Es gäbe viel zu antworten auf ihren Artikel. Hier die mir am wichtigsten erscheinenden Punkte: Ja, die Homoehe kommt nicht vor in der Bibel, dass nur Männer in Bezug auf Homosexualität erwähnt sind, ist aber schlicht falsch. Frauen sind in Römer 1 Vers 26 erwähnt. Sie sprechen an, die Bibel sei ort- und zeitgebunden. Es gibt jedoch viele Argumente, die gegen die historisch-kritische Lesart der Bibel sprechen. Diese als einzig gültige Lesart zu bezeichnen ist mehr als nur überheblich. Sie halten sich für klüger als viele Theologen. Die besagten paar Semester Theologiestudium haben Sie offenbar nicht absolviert, sonst würden Sie obige Bibelstelle kennen und sich differenzierter äussern. (Oder sie hatten einen Fensterplatz). Die Bibelworte dienen nicht zur Herabsetzung anders fühlender oder denkender Menschen. Sie aber setzen anders Denkende Menschen herab in ihrem Artikel, unterstellen ihnen Naivität, Verblendung, gar Blasphemie! Ihre unbequeme Frage, wie es kommt, dass es Menschen mit anderen Gefühlen gibt, beantworten Sie bitte gleich selber. Zu Ende gedacht heisst dieses Argument nämlich: alles, was es an Schöpfung so gibt, muss Gott also auch gewollt haben. Hat Gott Behinderung gewollt? Sie müssten vehemente Abtreibungsgegnerin sein, Gott hat in ihren Augen ja alles Leben gewollt! Sie müssten vehemente Euthanasiegegnerin sein. Gott hat ja schliesslich auch Krankheit gewollt und Bakterien und Viren geschaffen. Für diese beiden Fälle müsste die Schweizer Gesetzgebung verändert werden, wenn Ihr Argument richtig wäre und für Gesetze herangezogen werden könnte! Sie merken, so einfach ist das eben nicht. Oder: Was ist mit der Vielehe? Oder die Ehe mit Tieren oder Maschinen? Schliesslich gibt es viele Formen der „Liebe“, die ihrem Argument zu folge ja gottgewollt sein müssten. Wo ziehen wir da die Grenze? Moral und Ethik ohne Bezugsnorm wird beliebig. Das kann fatale Folgen haben.

Die Ehe ist meiner Meinung nach ein Vertrag zwischen zwei Geschlechtern, der in der Schweiz privatrechtlich geschlossen wird. Meine Sohn und Tochter haben «nur» zivil geheiratet, wie die meisten ihrer Freunde. Die Kirchen können heute zwei Menschen, auch gleichgeschlechtliche, segnen, aber nicht verheiraten. Die Kirche sollte sich daher nicht einmischen in künftige Regelungen für gleichgeschlechtliche Paare. Es gibt dazu viele ungelösten Folgen im Staat (wie die Rechte zur künstlichen Fortpflanzung der Menschen).
Ich bin für die Freundschaft aber gegen eine Heirat für alle, trotzdem ich nie homosexuelle oder lesbische Paare irgendwie verurteilt oder schräg angesehen habe. Viele Gay-Auftritte allerdings finde ich völlig daneben. Ich halte auch nichts von veralteten Bibeltexten gegen Homosexualität.
Die Pfarrherren sind im allgemeinen offener als K.O. das sieht: In unserer Gemeinde ist der homosexuelle Pfarrer zugleich Dekan. Und ein zweiter Pfarrherr lebt in aktueller (zweiter?) Beziehung ehelos mit Frau und Kind zusammen. Wozu die Kirche «Ehe für alle» propagiert, ist mir unklar.

Je länger ich von Europa entfernt in einem nicht christlichen Land mit freien Religionen lebe, desto grotesker erscheinen mir die Einflüsse eines 2000 Jahre alten Buches aus dem Nahen Osten auf den Glauben, die Kultur, die Traditionen, die Politik und das Zivilrecht von Europäern und hier speziell von den Schweizern, die über die Ehe für alle und die Erweiterung der Rassismus-Strafnorm abstimmen werden. Man sollte nur wissenschaftliche Erkenntnisse und die Menschenrechte als Richtschnur nehmen, aber sicher nicht Stimmen aus diesem alten Märchen-Schunken, wobei "christliche Grundwerte" ja schon okay sind, sofern sich jemand daran hält.

Wenn die Ehe für alle dem neuzeitlichen Fortschritt geschuldet ist, dann ist sie nichts wert. "Liebende Paare" und "gewisse homosexuelle Praktiken" gibt's da "gewisse" Unterschiede? Hat dieses "gewisse" auch etwas mit "Gewissen" zu tun? Gewiss: mit menschlichem Wissen.
Die Ehe als natürliche Verbindung zwischen Mann und Frau hat etwas mit göttlicher Weisheit zu tun. Zwischen Wissen und Weisheit
gibt's "gewisse" Unterschiede.

@pat meyer, ich verstehe nicht worauf Sie hinaus wollen. Sie lavieren und jonglieren hier mit Worten um Ihrem Unverständnis Ausdruck zu verleihen. Sie spielen hier mit Worten um Homophobie zu kaschieren oder gar zu verniedlichen. Die Ehe ist keine "natürliche" Verbindung sondern ein künstliches, gesellschaftliches Konstrukt welches das Zusammenleben in immer grösser werdenen Gesellschaften regeln sollte. Oder wollen sie heute noch ins Nachbardorf fahren um da um eine Frau zu kämpfen oder eine zu "kaufen" und dafür ihr eigenes Leben zu riskieren? Zu ihrer Einführung war die Ehe also dem neuzeitlichen Fortschritt geschuldet. War sie deshalb nichts wert? Die Gesellschaften verändern sich auch heute noch. Im Unterschied zu früher bekommen wir heute durch die Vernetzung und andere Faktoren viel mehr Veränderungen mit. Die Ehe für alle ist gemessen an unseren Gesellschaften mit grosser "Verspätung" unterwegs. Wird diese endlich eingeführt dann ist sie durch die Dauer ihrer Einführung wohl eher umso mehr wert.
Wie müsste dann "Ehe für alle sein", damit diese in Augen von jemandem wie Ihnen etwas "wert" ist?

Noch immer kann der Sinn des Lebens für `zig Millionen von Frauen und Männern - zumindest in unseren westlichen Ländern - die Gründung einer Familie sein - natürlicher Kinderwunsch inklusive.
"Jemand wie Sie", Herr Moreno, möchte dann wohl auch zum "regeln immer grösser werdender Gesellschaften" die traditionelle Familie abschaffen.
Genau dies möchte ich nicht, denn Traditionen, Sitten und Gebräuche haben für mich individuellen wie staatspolitischen wert per se.

Herr Meyer, Sie begründen hier einen religiösen Standpunkt mit Biologie. Kein Widerspruch in sich aber doch etwas "schizophren". Gleichzeitig schliessen hier grosse Teile der Gesellschaft einfach auf Grund Ihrer sexuellen Orientierung aus und argumentieren mit Traditionen, Sitten und Gebräuche haben aber offensichtlich kein Interesse an deren Ursprung. Traditionen, Sitten und Gebräuche sind 3 Worte für ein und dasselbe, Althergebrachtes. Bis vor 30-40 Jahren war es je nach Region in der Schweiz ein Problem als katholisches jemanden reformiertes zu heiraten und umgekehrt auch. Dies war Brauchtum. Heute besteht es wenn überhaupt kaum noch. Traditionen, Sitten und Gebräuche verändern sich konstant, das heute Neue und Moderne kann morgen schon Tradition sein.
Und nein Herr Meyer ich möchte definitiv nicht die traditionelle Familie abschaffen. Aber Herr Meyer ich würde es begrüssen wenn man die Familie erweitert und den zeitgenössischen Erfordernissen anpasst. Die Menschen verändern sich mit der Zeit wie auch Gesellschaften und so kann es auch die Familie.
Vielfalt und nicht Abgrenzung bringt uns weiter Herr Meyer. Familie, Liebe und Toleranz sollten doch Werte sein welche Ihnen zusagen oder gestehen Sie diese nur "gewissen" Menschen mit "gewissen" Überzeugungen zu?

Sie haben recht, Herr Moreno, ich möchte die traditionelle Familie tatsächlich nicht erweitern und den zeitgenössischen Erfordernissen anpassen - auf die Gefahr hin, etwas schizophren zu sein...

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