Der Islam – eine blutrünstige Religion​?

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Der Islam – eine blutrünstige Religion​?

Von Arnold Hottinger, 11.01.2015

Polemiker missbrauchen den Koran, reissen einzelne Verse heraus, die ihnen in ihre Argumentation passen - und ignorieren den Rest.

Einfachstes Grundwissen über den Koran:  

Manche Kritiker des Islams zitieren ausgewählte Passagen aus dem Koran, um die Religion als eine blutrünstige Religion darzustellen. Beliebt ist zu diesem Zweck Koran 2/187 in der deutschen Übersetzung von Max Hennig:

"Und erschlagt sie, wo immer ihr auf sie stosst und vertreibt sie von wannen sie euch vertrieben; denn Verführung ist schlimmer als Totschlag. Bekämpft sie jedoch nicht bei der heiligen Moschee, es sei denn sie bekämpfen euch in ihr. Greifen sie jedoch an, schlagt sie tot. Also ist der Lohn der Ungläubigen. 2/188 So sie jedoch ablassen, siehe, so ist Allah verzeihend und barmherzig."

Der diesen beiden Versen vorausgehende Vers (2/186) wird meist ausgelassen, gehört aber auch in den Zusammenhang.

"Und kämpft in Allahs Pfad, doch übertretet nicht: siehe Allah liebt nicht die Übertreter."

Auch im Koran steht: (5/35) Im Zusammenhang mit der Geschichte von Kain und Abel:

"Aus diesem Grunde haben Wir den Kindern Israel verordnet, dass wer eine Seele ermordet, ohne dass er einen Mord oder eine Gewalttat begangen hat, soll sein wie einer, der die ganze Menschheit ermordet hat. Und wer einen am Leben erhält, soll sein als hätte er die ganze Menschheit am Leben erhalten."

Widersprüche

Die beiden Passagen widersprechen sich nicht vollständig, doch sie weisen deutlich entgegengesetzte Ausrichtungen auf: Aufforderung zu Kampf und Töten einerseits; Gebot das Menschenleben zu bewahren andrerseits. Es ist nicht das einzige Beispiel für derartige Gegensätze innerhalb des Korans. Sie sind den Koranauslegern aller Zeiten natürlich nicht verborgen geblieben. Diese haben eine Methode entwickelt, wie mit den Widersprüchen umzugehen sei.

Der Koran ist bekanntlich stückweise in vielen Einzeloffenbarungen über eine Dauer von 22 Jahren dem Propheten "enthüllt" oder eingegeben worden. Man kennt die Ereignisse, die sich in jener Zeit im Leben des Propheten abgespielt haben.

Zeitgebunden und allgemeingültig

Die Suren des Korans sind zwei Hauptepochen zugeteilt, jener von Mekka und jener von Medina. Die kurzen kosmischen Visionen waren der Beginn der prophetischen Laufbahn. Sie stehen am Ende des Korans, weil dieser nach der Länge der Suren (Kapitel) mechanisch geordnet ist. Die langen Kapitel stehen am Anfang, sie sind hauptsächlich der späteren Zeit zuzuordnen, und sie enthalten oftmals Weisungen darüber, wie die Gemeinschaft der Gläubigen zu ordnen sei und wie sie sich von den anderen Religionen des einen Gottes unterscheide.

Sie gehören in die Zeit, in der Mohammed in Medina als Staatsmann zu wirken begann. (Nach der Hijra von 622). Dies war auch die Zeit, in der die junge Gemeinschaft der Gläubigen Krieg führte mit den Mächtigen von Mekka, die den Propheten aus seiner Heimatstadt vertrieben hatten.

Krieg zwischen Medina und Mekka

Die Ausleger des Korans unterscheiden zwischen Offenbarungen, die dem Propheten eingegeben wurden, um in bestimmten konkreten Situationen sein Verhalten zu lenken, kurz: lagebedingte Inspirationen einerseits, und andrerseits allgemein gültige Regeln und Aussagen, das heisst solche, die jederzeit für alle Gläubigen gelten sollen.
Allgemeinverbindliches Tötungsverbot

Nun ist sehr deutlich, die zuerst zitierten Verse sind lagebedingt, sie beziehen sich auf die Kriegssituation, die zwischen Medina und Mekka bestand, und in der die Gläubigen aufgerufen waren, gegen das Heer von Mekka zu kämpfen, um schliesslich ihre Heimkehr nach Mekka zu erstreiten. Diese kam dann 632 vermittels eines Vertrages mit den Mekkanern tatsächlich zustande.

Den Koran als Ganzes lesen

Die zweite Stelle hingegen, mit dem Tötungsverbot, ist allgemein verbindlich. Sie wird verstärkt durch die vorausgehende biblische Geschichte von Kain und Abel (in einer von der biblischen leicht abweichenden Version). Die Trennung in zeitgebunden und allgemeingültig gilt für den ganzen Koran. Sie ist einer der Gründe dafür, dass der Koran als Ganzes aufgefasst und gelesen werden muss. Im Idealfall sollte er auswendig beherrscht werden, um ihn vollständig und als Ganzes im Gedächtnis zu tragen.

Einen Teil davon herauszupicken und ihn als alleinverbindlich zu proklamieren ist unzulässig, weil es der gesamten Natur des Heiligen Buches widerspricht. Der Koran ist eine Sammlung von Inspirationen, die für den Gläubigen natürlich von Gott herkommen. Sie müssen verstanden und ausgelegt werden, um zur Führung der Gläubigen zu dienen. Der Koran selbst differenziert an einer Stelle (3/5) folgendermassen:

"ER ist's, der auf dich herabsandte das Buch. In ihm sind evidente Verse, sie die Mutter des Buches, und andere dunkle. Diejenigen nun, in deren Herzen die Neigung zum Irren ist, die folgen dem Dunklen in ihm, im Trachten nach Spaltung und im Trachten nach seiner Deutung. Seine Deutung weiss jedoch niemand als Allah. Und die Festen im Wissen sprechen: Wir glauben es; alles ist von unserem Herrn. - Aber nur die Verständigen beherzigen es."

Missbrauch des Korans

Aus alledem geht hervor, die Polemiker gegen den Koran unter den westlichen Islamophoben und die extremistischen Islamisten von IS oder al-Qaeda tun gegenüber dem Koran das gleiche. Sie reissen einzelne Verse heraus, die ihnen in ihre Argumentation passen, und sie ignorieren den Rest.

Bezeichnenderweise wählen beide Gruppen mit Vorliebe die gleichen Passagen aus. Den einen dienen sie fälschlicherweise zur Anklage des Korans und der Muslime, den anderen ebenso falsch als Rechtfertigung ihres Blutvergiessens. Wer immer das tut, öffnet ein Tor zum Missbrauch des Korans und zur Entstellung der Religion des Islams.

Liebe Blogger - wie ist das mit dem Balken im eigenen Auge? Mögen Sie sich noch an die 10 Gebote erinnern? Schlagen Sie einmal nach: da stehen Tierhaltungsvorschriften über SKLAVEN. Und ein Verbot, Gott beim Verfassen solcher zeitlosen Texte zu knipsen. Nichts da - Bibel zu. Koran auf, weiter über Muslime öden !!!!

Werner T. Meyer

Eben höre ich in der Tagesschau, man sei "in Davos gegen den Islamischen Terror gerüstet". Das entsetzt mich.
Ich mache mir viele Gedanken, zum Umgang der Muslime in der Schweiz. Diese Formulierung finde ich ziemlich schlimm. Die Polizei will Menschen vor Gewaltangriffen schützen. Die Gewalt könnte verschiedene Gründe und Auslöser haben. Mit Ihrer Formulierung weisen Sie aber eine solche mögliche Tat den Muslimen zu und setzen sie und ihre Religion in eine negative Position, verbinden sie direkt mit Terror. Genau so etwas unterstützt die Islamophobie, die Pegida-Bewegung, die Isolierung der Muslime.

Stellen Sie sich vor, man hätte formuliert, man sei gegen den jüdischen oder den christlichen Terror gerüstet. Auch wenn es Terroristen überall auf der Welt gibt, hängt man eigentlich nur den Muslimen die Religion an, den Christen und den Juden nicht, obschon es auch solche gibt.

Im heutigen Sprachgebrauch redet man von einem islamistischen Terror, damit sind gewalttätige Muslime gemeint, die die Religion des Islam für ihre kriminellen kriegerischen Zwecke missbrauchen.

Bitte seien Sie ganz sorgfältig in diesem Bereich. Ich werde das mail ans journal21 senden.
Besten Dank

Ruth Vischherr

Es ist wirklich bemühend, wenn eine solche intellektuelle Akrobatik nötig ist, um ein Buch, das vor Aufrufen zur Gewalt nur so strotzt, einigermassen weichzuspülen. Kein Wunder, gibt es 'Missverständnisse'. Und da es so interpretationsbedürftig ist - wozu es natürlich 'Gelehrte' braucht, wer hat dann die Deutungshoheit?

Lieber Renato, haben Sie noch nie unsere Bibel gelesen? _Auch dort gibt es ähnliche Sätze. Aber natürlich wissen Sie dann, worum es geht.
Sie verstehen nicht einmal im Ansatz, was Arnold Hottinger in seinem Artikel meint.

herr hottinger
was sagt der koran über nicht-gläubige? sprich:atheisten?

"Heilige Schriften" sind Kulturgut und kein Freipass für irgendwelche Handlungen. Die Glaubensfreiheit ist individuelles Recht und beschränkt auf die geistige Beziehung zur Schöpfung und dem Schöpfer. Was darüber hinausgeht gehört nicht dazu.

.

Religiöse Schriften werden seit jeher missbraucht, denn sie eignen sich hervorragend zur Rosinenpickerei. Das ist so mit dem Koran und mit beiden Testamenten der Bibel.
Aber macht es den heutigen islamistischen Terror besser verständlich, je entschuldigt es ihn gar?. Genau so wenig wie die Verbrechen der Kreuzritter an Juden und Katharer.

Lieber Herr Paul Rudolf, hier muss es gesagt werden! Damals in Anlehnung an heute, auch die Templer küssten die Kleriker von hinten! (überlieferte Satiredarstellungen) Tempelritter und Katharer-Albigenser waren keine Feinde. 1233 beauftragte Gregor IX die Dominikaner mit jener Verfolgung und Inquisition wegen Anspruch auf den Reichtum der Templer. Philipp IV war bei den Templern hoch verschuldet. 1244 beim Fall von Montsegur konnten einige wenige Katharer und Templer noch flüchten. Christen, Muslime, Juden, Albigenser-Katharer lebten mit den Templern in Frieden und in einer für damalige Verhältnisse blühenden Landschaft. Resultat Neid, Verfolgung, Mord ein Krieg….cathari

Der Islam/Koran teilt die Menschheit ein in Gäubige (Paradies inklusive) und Ungläubige (Verdammnis garantiert) ein, oder etwa nicht?
Christen sind Schweine, Juden sind Affen (Sure 5). Oder, wie es in den 1930er Jahren nicht weit von hier hiess: ,,, sind Ungeziefer.
Ich weiss nicht, was da interpretationbedürftig ist oder ein Islamstudium nötig machen würde.

In Sure 5 steht, dass Allah die, denen er zürnte, in Affen und Schweine verwandelt habe. Damit sind jene Schriftbesitzer gemeint, die ihren Glauben verraten haben - die also nicht glauben.
Mal angenommen, der Gott, der den Juden, den Christen und den Muslimen gemeinsam (!) ist, wäre tatsächlich so humorlos, dass er von seinen Gläubigen den Glauben verlangt, angenommen, das wäre wirklich die Strafe. Das wäre dann natürlich dumm gelaufen, und so ganz ohne dass man zuvor abgstimmt hätte haben können. Tja.

Herr Ariel Shalom absolut richtig dem gibt es nichts hinzu zu fügen.

Wozu brauchen zivilisierte Menschen überhaupt den Koran oder andere "heilige" Schriften?

Ich frage mich das auch. Niemand wird sein gutes Handeln mit heiligen Texten rechtfertigen, wohl aber sein schlechtes. Um zu entscheiden, was moralisches Handeln ist, braucht es keine Bibel/Koran. Das weiss jeder auch so. Ich töte nicht deswegen nicht, weil es in irgendeinem Buch steht.

Wenn du rein juristisch denkst, kann ich als Muslim dir größtenteils zustimmen, aber der Koran ist primär ein Buch der Spiritualität für uns. Gott präsentiert sich in diesem Buch und beschreibt, wie man auf dieser Welt seine Nähe erlangen kann.

Den Vers über die "dunklen" Verse hab ich unter 3/7 gefunden. Möglicherweise Tippfehler?

Unter 3/7 finde ich:
Er ist es, Der das Buch zu dir herabgesandt hat; darin sind Verse von entscheidender Bedeutung - sie sind die Grundlage des Buches und andere, die verschiedener Deutung fähig sind. Die aber, in deren Herzen Verderbnis wohnt, suchen gerade jene heraus, die verschiedener Deutung fähig sind, im Trachten nach Zwiespalt und im Trachten nach Deutelei. Doch keiner kennt ihre Deutung als Allah und diejenigen, die fest gegründet im Wissen sind, die sprechen: "Wir glauben daran; das Ganze ist von unserem Herrn" - und niemand beherzigt es, außer den mit Verständnis Begabten -

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