Das Unlesbare lesen

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Das Unlesbare lesen

Von Christoph Kuhn, 15.01.2021

Wer erinnert sich noch an «Zettel’s Traum»? An Arno Schmidt? Ein Lesebuch hilft auf die Sprünge.

Vor fünfzig Jahren wurde in Deutschland in kleiner Auflage ein kostbares und entsprechend teures Werk publiziert. Es handelte sich um ein nahezu unlesbares Faksimile-Buch: 1334 dreispaltig beschriftete Din-A3-Seiten. Das Ding wog neun Kilogramm, was schon rein physisch ein strapaziöses Lesen versprach. Der Autor benutzte eine eigene, phonetisch inspirierte Sprache, die sich in sogenannten «Etyms» manifestierte und eine Unmenge an Satzzeichen, Interpunktion, eine eigene Rechtschreibung benötigte.

Die einzelnen Seiten sahen aus wie von einem starken Erdbeben zerstörte Städte. Flüssig lesen konnte man sie nicht, aber ganz unlesbar waren sie auch nicht. Die phonetische Schreibweise legte ein akustisches, ein lautes Lesen nahe. Wer genügend neugierig war, sich Zeit nehmen konnte, über ein Stehpult verfügte, um das 9-kg-Ding zu placieren, der vermochte sich (vielleicht) einzulesen, zu vertiefen, dem mochte es schliesslich gelingen, Textteile zu verstehen und, warum nicht, zu geniessen, darüber zu lachen. «Zettel’s Traum» ist ein humoristischer Roman. Er strotzt förmlich vor subtiler, derber und öfters auch unfreiwilliger Komik. Um sich und uns zu amüsieren, scheut der Autor keinen Aufwand – und keinen Kalauer.

Narrativer Wildwuchs

Das Buch heisst «Zettel’s Traum», sein Autor Arno Schmidt (1914–1979), der nach jahrelangen Mühen sein Opus magnum verfasst hatte. Der Titel verweist einerseits auf Shakespeares «Sommernachtstraum», in dem Zettel (Bottom im Original) der Weber eine wichtige Rolle spielt, und anderseits auf die 120’000  Zettel, Materialsammlungen, derer sich der Autor bei der Arbeit bediente.

Noch im Jahr des Erscheinens, 1970, publizierte ein Untergrundverlag einen Raubdruck, der das Werk um die Hälfte verkleinerte und so schon aus technischen Gründen weitgehend unlesbar machte. Seit 2010 gibt es «Zettel’s Traum» auch als gesetztes Buch. Fachkundige Schmidt-Begeisterte haben nach jahrelangen Bemühungen ein Buchprodukt geschaffen, das lesbarer ist als das Faksimile-Original, ohne allzuviel Authentizitätsverlust zu erleiden.

Im fiktiven Dorf Oedingen in der Lüneburger Heide, wo Schmidt tatsächlich lebte, empfängt der Schriftsteller Daniel Pagenstecher das Ehepaar Jacobi und deren 16-jährige Tochter Franziska. Das Leben, Schreiben und Wirken des Edgar Allen Poe ist das Thema, das die drei Erwachsenen verbindet – ihm gehen sie nach, 1334 Seiten weit. Die Liebesgeschichte zwischen dem alternden Schriftsteller und dem Teenager, das zweite durchgehende Thema, bleibt unerfüllt. Diese Erzählung beansprucht die mittlere Spalte und sie wird ausstaffiert mit einer unabsehbaren Menge von Stoffen, Fantasien, Metamorphosen. Narrativer Wildwuchs: die Protagonisten kommen vom Hundertsten ins Tausendste, erfinden und beleben immer neue Welten, während sie sich in Wirklichkeit in kleinstem zeitlichen und räumlichen Radius bewegen.

Die «Etyms»

In der ersten Spalte wird Edgar Allen Poe behandelt, in englischer Sprache, kenntnisreich natürlich, literaturhistorisch so gut wie anekdotisch. In der dritten Spalte schliesslich dominieren Gedanken und Gedankenspiele, abwegige und einleuchtende Reflexionen, Theorien, Spekulationen, wie sie Arno Schmidt und seinen Figuren in den Sinn kommen.

Schmidt war ein acharnierter Freudianer. Er hat Freuds Theorien, die Traumdeutung zum Beispiel, vor allem aber die Erforschung und Etablierung des Unbewussten in Literatur umgesetzt. «Zettel’s Traum» erweist sich durchgängig als doppelbödig: Entziffert man mühsam das, was geschrieben steht, legt man immer auch ein Unterfutter, einen Subtext frei, der das Gelesene bestärkt oder umdeutet, wobei (was bei Schmidts Freud-Faszination nicht erstaunt) sexuelle Anspielungen eine zentrale Rolle spielen.

Das literarische Transportmittel dieser zweigleisigen Schmidtschen Prosa findet sich in den oben erwähnten «Etyms». Die «Etyms» sind Wörter, die verschiedene, oft divergierende Bedeutungen enthalten, die sich beim lauten Lesen offenbaren. Sie stimulieren den Text, machen ihn bunter, lassen ihn mal widersprüchlich, mal geheimnisvoll und, wenn es bös kommt, unverständlich erscheinen. Die «Etyms» durchwirken des Webers Traum und machen aus Schmidts Roman eine gigantische Wundertüte, aus der sich jedes nur erdenkliche Erzählelement ziehen lässt.

Wer von Schmidts Monsterroman gehört hat, wer mit dem Gedanken spielt, sich darauf einzulassen, dem sei ein vergleichsweise bescheidenes, nur grad 250 Seiten umfassendes Lesebuch empfohlen, das 2020 erschienen ist. Herausgegeben hat es Bernd Rauschenbach als Edition der Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag. Ihm und seiner Kollegin Susanne Fischer ist es  gelungen, auf ebenso verständliche wie sachgerechte Art in den Roman einzuführen. Die einzelnen Textpassagen aus «Zettel’s Traum» werden in gängigem Seiten- und Schriftbild publiziert und jeweils von Inhaltsangaben und Analysen begleitet. Im Anhang finden sich Dokumente aus der Zeit der Entstehung und Publikation des Romans. Ausgiebig kommt Schmidt selber zu Wort, sei es im Interview, sei es als Erklärer seiner Methoden und literarischen Instrumente.

Unlesbares lesen? Könnte sich lohnen. Das Lesebuch ermuntert einen. Und Zeit? Zeit zum Lesen, Mutmassen, Enträtseln müssten wir eigentlich gerade jetzt zur Genüge haben.

Arno Schmidts Zettel’s Traum. Ein Lesebuch. Suhrkamp Verlag, 2020.

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gut hingewiesen. Es gibt noch so ein Buch: Ulysses von Joyce. Ich habe in meinem langen Leben noch keinen , auch mit Muttersprache englisch, kennengelernt, der dies Buch zu Ende gelesen hat.

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