Das Elend der Schweizer Banken

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Das Elend der Schweizer Banken

Von René Zeyer, 07.05.2012

Die USA arbeiten ihr Programm gegen den Finanzplatz Schweiz weiter ab. Logischerweise musste es nun eine Genfer Privatbank treffen. Die Banker sind mal wieder «überrascht».

Es ist eine banale Binsenwahrheit: Der gesamte Schweizer Finanzplatz ist kontaminiert mit nicht deklarierten Konten von US-Steuerpflichtigen. Es ist eine triviale Tatsache: Die USA haben die Qual der Wahl, gegen welche Bank sie die nächste Breitseite abfeuern wollen. Es ist eine nackte Tatsache: Der Bundesrat und die Vertreter des Finanzplatzes Schweiz gackern und hühnern und flattern aufgeregt herum. Ohne Konzept, ohne Strategie, ohne Lösungsansatz, ohne nennenswerte Gegenwehr. Immerhin: Die Häme gegen die Bank Wegelin, die sich durch einen Notverkauf dem drohenden Untergang entzogen hat, ist verstummt.

Vogel Strauss

Nachdem die UBS nur mit Kundenverrat und Rechtsbruch vor dem Untergang gerettet werden konnte, war es jedem Schweizer Banker klar, dass damit das Problem mit den USA nicht erledigt ist. Obwohl Regierung und Bankenplatz Schweiz das Gegenteil behaupteten. Selbst der dümmste Banker wusste, dass eine Untersuchung des eigenen Kundenstamms mindestens einen US-Steuerpflichtigen zu Tage fördert, der Konfliktpotenzial hat. Selbst sein sofortiger Rausschmiss löst das Problem nicht; es gelten Verjährungsfristen von mindestens zehn Jahren. Letztes Jahr erhöhten die USA die Schlagzahl und sonderten elf Banken aus, die sie nach der UBS auf die Streckbank zu legen gedenken. Und die Reaktion: aufatmen bei den (noch) nicht betroffenen Banken. Plus die Ankündigung von Bundesrätin Widmer-Schlumpf, dass bis Ende Jahr eine «Globallösung» ausgehandelt werde. Schön, dass jedes Jahr ein Ende hat. 2011, 2012, 2013 ... Vogel Strauss ist ein Anfänger dagegen.

Und jetzt Pictet

In der ominösen Liste der elf im Fegefeuer stehenden Banken fehlte auffällig ein Finanzinstitut aus Genf, immer noch das Zentrum des klassischen Schweizer Private Banking mit persönlich haftbaren Teilhabern. Der Exponent des Genfer Pochettli-Banking, Patrick Odier, zufällig auch Chef der Schweizerischen Bankiervereinigung, kritisierte scharf die Bank Wegelin und schloss aus, dass bei seiner eigenen Privatbank oder einem anderen Genfer Institut gleiche Probleme auftauchen könnten. Wenn Dummheit weh täte, müssten seine Schmerzensschreie durch die Schweiz hallen. Und die grösste Genfer Privatbank Pictet drohte noch vor Kurzem juristische Schritte gegen jedes Presseerzeugnis an, das über eine Strafklage von US-Behörden gegen sie berichten wollte. Obwohl das schon längst die Spatzen von den Dächern pfiffen.

Dummheit ist strafbar

Es muss wiederholt werden: Es geht hier nicht um die Verteidigung von Steuerhinterziehern oder eine moralische Bewertung ihrer Helfershelfer. Aber es geht darum, dass der Finanzplatz Schweiz in die grösste Krise seiner Geschichte hineintaumelt. Trotz wohlbezahlten Beraterheeren ohne Abwehrstrategie, ohne erkennbare Perspektive für die Zukunft, ohne nichts. Denn man muss ja Oswald Grübel zustimmen; der Name «Weissgeldstrategie» erstaunt, da es sich ja um keine handelt und die unüberprüfte Annahme von versteuerten Geldern, selbst wenn das möglich wäre, kein einziges Problem der Vergangenheit löst. Da wird Dummheit für ein Mal bestraft, und die Strafe misst sich in Milliardenbussen. Nachdem sich die USA gütlich getan haben, kommen Deutschland, Frankreich, Italien und alle Staaten der Welt, die die einfache Frage beantworten: Wenn das die Amis schaffen, wieso wir nicht?

Unsägliches Verhalten

Was konnten wir bisher erleben? Ableugnen, ignorieren, dann Kundenverrat, Rechtsbruch, Frohlocken, wenn der Blitz bei der Bank nebenan und nicht in der eigenen einschlägt. Dann retten die Häuptlinge der Banken ihren eigenen Federschmuck, indem sie in den USA auspacken, und lassen ihre Indianer, die Mitarbeiter, im Regen stehen, liefern deren Namen, unterstützt von der Schweizer Regierung, ohne zu zögern aus. Mitsamt Kundendaten von unbeteiligten Dritten, wie die NZZ aufdeckte. Und das alles soll Vertrauen schaffen, weltweit Anleger davon überzeugen, auch in Zukunft ihr Vermögen in der Schweiz anzulegen? Grosse Tradition, Sicherheit, Stabilität, Rechtsstaat. Ein Schweizer Banker mag seine Macken haben, aber er ist verlässlich, berechenbar, hält sein Wort, ist verschwiegen, dient dem Kunden, der ja laut Auslaufmodell Villiger «König» ist, selbst in der republikanischen Schweiz. Lachhaft, lächerlich, widerlegt.

Fort mit Schaden?

Längst geht es nicht mehr um einen Paradigmenwechsel in Sachen Steuerehrlichkeit. Längst geht es nicht mehr um das Aufrechterhalten des durchlöcherten Schweizer Bankkundengeheimnisses. Längst geht es nicht mehr darum, ob sich die beiden Schweizer Grossbanken im Investmentzockercasino in den Abgrund spekulieren. Spätestens seit Anfang 2012 geht es darum, ob und wie der Finanzplatz Schweiz überleben wird. Der Patient liegt in der Intensivstation im Koma. Die Staats- und Bankenlenker stehen um ihn herum, kratzen sich am Hinterkopf, murmeln beschwörend «Weissgeldstrategie» sowie «Abgeltungssteuer». Und wundern sich, dass der Patient nicht aufwacht und munter aus dem Bett springt.

Sehr gut, wenn es die Banker nur hören könnten, aber bei einem Planungshorizont der 'Häuptlinge' von zwei Jahren oder bis zum nächsten Bonus ist ihr Verhalten nachvollziehbar.

Uhlmann

Das wird langsam zur Klamotte. Die Politiker, die Banker, die Bürger, viele von Ihnen haben bis an die Schmerzgrenze das Mögliche für unmöglich gehalten. Das sakrosankte Bankkundengeheimnis, das sogar in die Verfassung gewünscht wurde, wird bis auf das Skelett ausgeweidet. Wir müssen uns einen anderen Mythos zulegen. Ich weiss, das wird schwierig, denn, was ausser Geld, macht das Land sonst noch reich?

Und? Ihr Vorschlag, bitte, Herr Zeyer!

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