„Asad behandelte uns wie Nutzvieh“

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„Asad behandelte uns wie Nutzvieh“

Von Arnold Hottinger, 26.11.2018

Raed Fares, ein im ganzen Land beliebter pazifistischer Widerstandskämpfer, ist ermordet worden.

Kafranbel, eine Kleinstadt in der Provinz Idlib, nahe beim Provinzhauptort – ebenfalls Idlib genannt –, ist in ganz Syrien bekannt als der Ort, in dem sich die Revolution mit Humor verbunden hat. Oftmals war es natürlich Galgenhumor. Die Person, die immer wieder versuchte, den Humor nicht zu verlieren, war Raed Fares, ein Revolutionär gegen das Asad-Regime der ersten Stunde vom Frühling 2011, Aktivist und Betreiber einer lokalen Radiostation, „Radio Fresh“ in Kafranbel.

Raed Fares ist am vergangenen Freitag auf der Strasse, zusammen mit seinem Mitarbeiter, Hamoud Jneed, erschossen worden. Ein Militärfahrzeug mit aufmontiertem Maschinengewehr fuhr an ihnen vorbei und ein maskierter Mörder eröffnete das Feuer. Beide Opfer waren sofort tot. Kafranbel wird von HTS dominiert (Hay’at Tahrir Suriya), der früheren Nusra-Front. Die Kämpfer von HTS errichten Strassensperren an den Eingängen und Ausgängen der Ortschaft. Man kann deshalb vermuten, dass es HTS-Kämpfer waren, die die Mordtat begingen. Doch eine Verantwortlichkeitserklärung erfolgte nicht, und wird vielleicht nie erfolgen, denn Raed Fares war ein beliebter Mann in seiner Heimatstadt.

Er gehörte zu jenen Opponenten gegen Asad, die auf Gewaltlosigkeit setzten und auf die Zusammenarbeit aller Syrer gegen sein tyrannisches Regime, ohne Spaltungen durch Religion oder Partei. Die beiden Vorbedingungen, Gewaltlosigkeit und Einigkeit aller Teile des syrischen Volkes, gingen schon im Verlauf des ersten Jahres der Revolution in die Brüche. Doch Raed Fares hat nie eine Waffe getragen, und er hat sich erlaubt, sowohl gegen das Regime Asads wie auch gegen die islamistischen Fanatiker anzukämpfen, die Kafranbel von 2014 an besetzten, nachdem sich die Stadt 2011 befreit und eine eigene Stadtverwaltung eingerichtet hatte.

„Revolution ist Veränderung der Mentalitäten“

Er war überzeugt und wiederholte seinen Grundsatz unermüdlich, nach dem das Volk selbst sich verändern müsse, damit die demokratische Revolution gelinge. „Radio Fresh“ wollte dazu beitragen. Weil es sich erlaubte, neben den grausamen auch die lächerlichen Seiten des Regimes und die seiner islamistischen Gegenspieler hervorzukehren, war es in ganz Syrien bekannt und beliebt.

Nachdem die HTS-Fanatiker Kafranbel „besetzt“ hatten, wollten sie „Radio Fresh“ verbieten, Musik zu spielen und Frauen als Ansagerinnen einzusetzen. Das Radio antwortete darauf, indem es allerhand Tierstimmen statt der musikalischen Zwischenspiele und Begleitmusik verwendete, Hühnergegacker, Ziegenmeckern und Pferdegewieher. Manchmal gab es auch Überraschungsgeräusche, etwa den Ton einer Explosion. Die Ansagerinnen blieben hinter dem Mikrophon, doch es gab ein spezielles Durchsagegerät, das ihre Stimmen wie Männerstimmen färbte.

„Ich werde das Land nicht ihnen überlassen!“

Als 2015 die Russen auf Seiten Asads eingriffen, wurde Kafranbel bombardiert. Doch die Radiostation überlebte, zunächst mit Hilfe relativ kleiner Summen aus den USA, sogenannter Stabilisationshilfe, bis Trump diese Summen strich. Hauptgrund für die Massnahme Trumps war wohl, dass diese Gelder von Obama gewährt worden waren.

Raed Fares quittierte dies, indem er im vergangenen Juni in der Washington Post schrieb: „Ohne Gruppen wie Radio Fresh, die alternative Botschaften liefern, wird eine neue Generation zu den Waffen greifen und die zweite und dritte Auflage des Islamischen Staates vorlegen. ...  Wir erhalten auch finanzielle Hilfe aus anderen Quellen, etwa von internationalen Quellen wie der ‚Human Rights Foundation‘. Aber es ist nicht genug. Wir sind angewiesen auf die Unterstützung aus den USA. Wenn die Trump-Verwaltung die verbleibenden Budget-Beträge für ‚Human Rights Gruppen‘ nicht frei gibt, werden die  Amerikaner Billionen von Dollar mehr ausgeben müssen, um ihre Verbündeten und sogar sich selbst vor neuen Bedrohungen zu beschützen.“

Ziel von Anschlägen

Raed Fares war auch bekannt dafür, dass er grosse Plakate schrieb, die von seinen Freunden, Mitarbeitern und Mitdemonstranten in Kafranbel getragen und gezeigt wurden. Er stellte sie ins Internet. Sie unterstrichen stets, dass das syrische Volk die Revolution trage, in der man sich befinde, und baten um politische, nicht bloss finanzielle Unterstützung für sie.

Der Aktivist war mehrmals das Ziel von Anschlägen und Entführungen gewesen. Er hatte Folterungen erlitten. Vor vier Jahren schon hatten Schüsse, damals vielleicht vom IS abgegeben, seine Lunge durchlöchert. Viele seiner Freunde baten ihn immer wieder, Syrien zu verlassen. Doch er weigerte sich. „Was können sie tun?“, fragte er zurück. „Mich töten? Also gut, lasst sie mich umbringen! Ich will nicht weggehen und ihnen das Land überlassen!“ Hinter den Scherzworten stand eine eiserne Entschlossenheit und bitterer Ernst.

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Auszüge aus einem Interview, das Esther Saoub am 6. Juni 2016 in Kafranbel mit Raed Fares führte. Aus dem Arabischen ins Englische übersetzt von Abd Almoeen Dandoush; vom Englischen ins Deutsche übertragen von Werner Kruck.

Herr Raed, wie ist ihre Organisation entstanden?

Ganz am Anfang, während der ersten paar Tage der Revolution und der ersten Demonstrationen in der Stadt Kafranbel, haben ein paar Freiwillige die Ereignisse gefilmt und über die Forderungen der Leute berichtet, indem Videos ins Internet gestellt wurden. Mit Hilfe einer anderen Person habe ich das selber erledigt, nur mit ganz einfachen Mitteln ausgestattet wie Mobiltelefonen und langsamem Internet. Wir waren die Basis des Nachrichten-(Informations-)Büros, das später daraus erwuchs.

Als Asads Streitkräfte in den Ort eindrangen, flohen etwa 50 bis 60 aktive Oppositionelle in die nahe gelegenen Dörfer Jabalah, Maert Hirma, Maert Zaeta und andere Regionen in der Umgebung. Daraufhin wurden sie obdachlos und verloren ihre Arbeit, gerieten also in Not. Dieser Umstand veranlasste einige Auswanderer unseres Ortes in Saudi-Arabien für die Unterstützung der Obdachlosen kleine Geldbeträge zu sammeln. Dieser Schritt führte zur Gründung des zweiten Büros, dem Büro für die Finanzen bzw. des Geldes. Es wurde anfänglich von nur drei Personen geführt, die Spenden im Land und ausserhalb sammelten und unter die Notleidenden wie folgt verteilten: verheirateten Personen standen 5000 SP zu, Alleinstehenden 3000 SP. Dieser Vorgang führte zur Gründung des Büros für Finanzen.

Binnen kurzer Zeit wuchs die Zahl der Notleidenden und mehr Leute verloren durch die Übergriffe der Armee ihre Arbeit. Doch gleichzeitig stieg auch die Summe der gesammelten Geldspenden, und wir erhielten auch Nahrungsmittelspenden. Dies führte zur Bildung des dritten Büros, dem „Büro für Hilfeleistungen“. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir also drei Büros. Im Juli und August 2012 war es noch Aufgabe des Informationsbüros, die gewaltsamen Übergriffe der Armee zu registrieren, wie auch die Namen der Verwundeten, Getöteten und Verhafteten. Doch durch die steigende Zahl der Übergriffe seitens der Armee ergab sich die Notwendigkeit eines eigenen Büros, spezialisiert auf die Registrierung dieser Ereignisse; so entstand das vierte Büro, das „Büro für statistische Erhebungen“.

Nach einer kurzen Zeit, Anfang August des gleichen Jahres, wurde die Stadt durch Kämpfe von der Armee des Regimes befreit. Wir als revoltierende Opposition dachten, wir wären in der Lage, die Verwaltung der Stadt zu übernehmen, also regierende Kraft zu werden. Wir haben es mehrfach versucht, vom 10.08.2012 an über einen Monat hinweg, aber wir sind vollkommen gescheitert mit unseren Versuchen, die politische oder administrative Macht zu übernehmen. Also haben wir diese Versuche aufgegeben und die Aufgaben einem örtlichen Verwaltungsrat überlassen, eine völlig neue und noch nie zuvor dagewesene Idee, durch die jetzt die Führung der Stadtverwaltung aus Akademikern und anderen gut ausgebildeten Leuten besteht.

Wir, die vier unter einer Führung vereinigten Büros, legten das Fundament für eine zivilgesellschaftliche Organisation, die der Absicherung der Grundbedürfnisse einer Gesellschaft dient.

Bedenkt man die 50 Jahre falscher Erziehung, die 50-jährige Kultivierung falscher Lehren, dann ergeben sich daraus fehlgeleitete Auffassungen in der Bevölkerung, eine Indoktrination, die es insbesondere Bashar Al-Asads Regime und der Al-Baeth-Partei im allgemeinen ermöglichte, in jeden Bürger Syriens einen kleinen Diktator zu pflanzen. Wenn sich die Gelegenheit bietet, kann dieser Diktator ausbrechen, die Herrschaft übernehmen und möglicherweise schlimmer sein als Asad selber. So kamen wir darauf, eine Organisation zu gründen mit dem Auftrag, die Gesellschaft als Ganzes und den Einzelnen als Individuum durch kulturelle und praktische Aufklärung und Bildung weiterzuentwickeln, aber auch die Art und Weise des Denkens zu verändern, weg von der negativen, mehr zur positiven Seite.

Das letztendliche Ziel unserer Organisation besteht darin, die Basis für eine zivile Gesellschaft zu legen, für einen Staat der Gerechtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz, einen Staat, der die Bürgerrechte gewährt und garantiert, unabhängig von der Religion und konfessionellen Zugehörigkeit. Es bedarf vieler Schritte, um die Idee eines gerechten Staates zu erfüllen, beginnend mit dem Sturz des tyrannischen Regimes und der gleichzeitigen Hebung des kulturellen Bildungsstandes aller Bewohner.

Aus diesem Grund müssen wir mit den kulturellen Projekten ebenso Entwicklungs- und Serviceprojekte anbieten, damit wir von der Bevölkerung akzeptiert werden. Das ist die Grundidee und Vorstellung unserer Arbeit auf zwei Seiten, erstens der Bildung und Kultur und zweitens die Entwicklungshilfe, die auch der Sicherung von Beschäftigungsmöglichkeiten dienen kann, um die Gesellschaft nach vorne zu bringen und die Ziele zu erreichen. Wir hatten viele Projekte zu dieser Zeit. Die amerikanische Organisation Democracy of California Council spendete uns in einem Hilfsprojekt Lebensmittel und Weiterbildungskurse im Wert von 371’000 Dollar..

Dies ist in Kürze unsere Geschichte, wie wir begonnen haben.

Wie kam es zu der Idee mit den Karikaturen, die im Internet als Botschaften veröffentlicht werden?

Aufgrund des absoluten Mangels an offenen Informationsmedien hatten wir nicht nur die Idee mit den Karikaturen, sondern ebenso mit den Plakaten. So wollten wir der Welt zeigen, was in Syrien passiert. Wir malten auf Kartons und schrieben auf Kleidungsstücke. Das war der Beginn der Verwendung von Karikaturen und Plakaten am 15.04.2011.

Wir haben sie in Englisch wie auch in Arabisch geschrieben. Die erste Karikatur war eine Zeichnung von Bashar Al-Assad, wie er mit seinen Füssen auf dem Planeten steht und den Kopf keck in die Höhe hält; dies sollte eine Anspielung sein auf seine Arroganz und seinen Hochmut. Diese Karikatur wurde sehr gut aufgenommen, von den TV-Sendern und den Demonstranten selber in dem Sinne, das sie sehr erfreut waren, diese zu tragen. Also haben wir beschlossen, mindestens eine Karikatur auf jeder Demonstration zu zeigen, um unsere aktuelle Situation auszudrücken.

Ausserdem müssen wir bei den Karikaturen nichts erklären angesichts ihrer Universalität, denn jeder Mensch, egal welcher Nationalität, egal ob er/sie Europäer, Chinese, Russe oder Araber ist, kann die Karikaturen sehen und richtig verstehen, ohne weitere Erklärung.

Wer zeichnet diese Karikaturen?

Ahmad Jalal hat diese Aufgabe von Beginn der Revolution an übernommen, eigentlich ist er kein Künstler, er arbeitet in einem Dentallabor und hat sich in diese Kunst eingearbeitet. Er hat das künstlerische Talent seiner Familie, die Familie Jalal, die als Künstler-Familie weltweit bekannt ist. Zum Beispiel lebt Abraham Jalal in Frankreich und ist seit 1982 ein bekannter Künstler. Ein anderer bekannter Karikaturist ist Khaled Jalal, der in den Vereinigten Arabischen Emiraten lebt. Es ist eine von Natur aus talentierte Familie.

Wir diskutieren die Idee jeder Karikatur mit Ahmad, damit die Botschaft, die wir vermitteln wollen, klar ist. Ein Mädchen, sie heisst Iman Al-Ahmad, hat ebenfalls Anfang 2012 mit uns als Karikaturistin gearbeitet, aber sie hat damit aufgehört und ist im gleichen Jahr nach Schweden ausgewandert. Ahmad zeichnet unverändert Karikaturen und bringt sie bis heute zum Demonstrationsplatz.

Welche Projekte unterhalten Sie im Detail?

Wie bereits bemerkt, haben wir zeitgleich mit dem Hilfsprojekt die Radiostation aufgebaut. Wir begannen im Juni 2013 mit einer Mannschaft aus fünf Leuten und sind jetzt 132, davon 28 Frauen. Das Radio sendet ununterbrochen täglich 24 Stunden ohne Pause. Durch das Radio können wir alle Leute erreichen.

In der letzten statistischen Untersuchung im Oktober 2015 durch das amerikanische Institut Navanty über die in Syrien anzutreffenden Massenmedien stand unser Radio auf dem ersten Platz mit 45% bezogen auf die Anzahl der Leute, die unser Radio hören und beachten. Unsere Position ist doppelt so gut wie die von Radio Orient, die auf dem zweiten Platz stehen mit 22%. Ich glaube es ist eine grosse Ehre, die Nummer eins zu sein, noch vor einer so grossen Institution wie Radio Orient, wenn man bedenkt das unsere Ausgaben für das Radio unter 10’000 US Dollar pro Monat liegen während Radio Orient über eine Millionen pro Monat zur Verfügung hat. Zudem ist die Reichweite von Radio Orient viel grösser als die Reichweite unseres Radios, das lediglich die Regierungsbezirke von Idlib und Teile von Hama erreicht, dennoch stehen wir auf dem ersten Platz.

Im Juli 2013 starteten wir das erste Frauenprojekt mit dem Namen „Mazaya“ mit dem vorrangigen Ziel, die Fähigkeiten der Frauen zu stärken und zu entwickeln. Die Kosten werden direkt vom URB (Union of Revolutionary Bureaus, Vereinigung der Revolutionären Büros) getragen. Im Februar 2013 haben wir das erste Kinderschutzzentrum eröffnet, wir nannten es „Dignity Bus“ (Bus der Würde), und im siebten Monat des gleichen Jahres wurde daraus ein festes Zentrum.

Wie gesagt, haben wir deswegen beide Projektbereiche gleichzeitig vorangetrieben, Entwicklung und Service. Diese Projekte werden ständig weiterentwickelt; im Augenblick haben wir acht Niederlassungen von beiden, Mazaya und Dignity Bus, nicht nur verteilt über die Stadt Kafranbel, sondern ebenso in den Nachbarorten wie Maert Al-Noueman, Maert Hirma, Jabalah und den Siedlungen von Mount Al-Zawiya. Wir arbeiten in einem sehr weitläufigen geografischen Gebiet mit mehr als einer Millionen Einwohnern; 405’000 davon hören Radio Fresh.

Wir habe ebenso eine Einrichtung mit dem Namen „Anwälte für Gerechtigkeit“. Ihre Aufgabe besteht darin, Rechtsverletzungen zu bezeugen und Ereignisse zu registrieren sowie Weiterbildungen im Bereich des Rechtes anzubieten.

Ein anderes Projekt besteht darin, unsere Stadt und zwei weitere Orte mit frischem Wasser zu versorgen. Die Ausgaben dafür liegen bei 371’000 Dollar. Ein ähnliches Projekt gab es in dem Ort Babouleen im Osten von Maert Al-Noueman, wodurch fünf nahe gelegene Orte mit Frischwasser und Strom versorgt werden.

Wir haben noch jede Menge kleinere Projekte, zum Beispiel drei Zeitschriften für Kinder und Erwachsene, eine Frauenberatungsstelle und mobile Krankenstationen (zwei Fahrzeuge mit medizinischem Personal, die kranke Personen behandeln, insbesondere Kinder und Frauen in Regionen, die keine Krankenhäuser oder Apotheken haben.) Sie behandeln zwischen 80 und 125 Patienten jeden Tag und geben zudem die benötigten Medikamente kostenlos ab.

Wir haben eine zentrale Blutbank eingerichtet, die die Krankenhäuser in den Provinzen Idlib und Hama versorgt. Zudem haben wir ein Entlastungssystem eingerichtet; die Einheit besteht aus sieben Krankenwagen, die Verwundete und Verletzte von Idlib und Hama zur türkischen Grenze bringen.

Es gibt noch viele kleine Projekte, die wir hier nicht alle erwähnen können. Wir setzen unsere Arbeit fort, um unser Ziel zu erreichen, den Wandel, denn Revolution bedeutet Änderung. Wir haben bislang einige Erfolge errungen und es hat sich eine Vertrauensbasis herausgebildet zwischen uns als Organisation und den Leuten jenseits der fehlgeleiteten Vorstellungen, die bei einigen verbreitet sind. Beispielsweise haben uns einige des Diebstahls bezichtigt (die Revolutionsdiebe), andere sagen, wir seien Götzenanbeter des Geldes.

Ich persönlich finde das normal. Bei all dem Chaos in der gegenwärtigen Lage ist es okay, wenn uns beispielsweise zehn Leute kritisieren und zwei gut über uns sprechen und uns verteidigen. Aber irgendwann, ich denke in nicht allzu weiter Ferne, werden die Leute die Wahrheit wissen darüber, was wir getan haben. Ich bin sicher, in naher Zukunft werden alle Leute wissen, wer wir sind und was wir tun. Die Wahrheit wird sich sicher von alleine offenbaren.

Wie hoffen Sie, wird die syrische Gesellschaft in Zukunft aussehen?

In der Hauptsache will das syrische Volk mit dieser Revolution zeigen, dass wir als Syrer in jeder Hinsicht nicht weniger wichtig sind als andere Gesellschaften: die Kraft von Geist und Körper, wir sind Menschen wie andere Menschen in Amerika, Europa oder an irgendeinem anderen Ort der Welt.

Wir wurden als Bürger behandelt wie Sklaven, Sklavenarbeiter auf einer grossen Farm der herrschenden Familie, der Asad-Familie. Wir waren wie Nutzvieh, Schafe oder Kühe, deren Besitzer diese melken und die Milch zum eigenen Nutzen verkaufen kann. Wir haben jeden Tag hart gearbeitet, aber die Familie Asad und ihre Anhänger haben unsere Einkommen und Erzeugnisse gestohlen.

Unser Traum ist weiter nichts, als so zu leben wie andere Gesellschaften auch. Ein befreites Land, eine freie Gesellschaft in der man über den richtigen Weg nachdenken kann und sagen darf, was man will, ohne all die Repressionen, eine Gesellschaft deren Bürger ihre Würde wahren können und ihre Regierung wählen dürfen, eine Gesellschaft, die sich selber regiert und nicht gefesselt und gebunden ist durch all die ihr auferlegten Repressionen und Beschränkungen, eine Gesellschaft, deren Meinung gehört wird. Im Grunde besteht alles, wovon wir Träumen darin, wie Menschen behandelt zu werden und nicht wie Tiere. Das ist alles und um mehr geht es nicht.

Herr Raed, warum haben Sie die unbewaffnete, friedliche revolutionäre Bewegung bis heute fortgesetzt und sind nicht zur bewaffneten Konfrontation übergegangen wie andere Personen und Kräfte?

Nun, wie ich bereits am Anfang des Interviews sagte, ist Revolution ein Wechsel. Eine Gesellschaft kann man nur mit friedlichen zivilen Mitteln verändern. Die Revolution war vollkommen gewaltfrei und friedlich in den ersten paar Monaten. Jene, die Waffen mit ins Spiel gebracht haben, und jene, die sich von der syrischen Armee losgesagt haben, um die Freie Syrische Armee zu bilden, taten dies in der Absicht, die Revolution zu beschützen; sie sind nicht die Revolution.

Unglücklicherweise hat sich eine falsche Auffassung durchgesetzt, wonach jene, die da kämpfen, die Revolution seien, aber tatsächlich sind sie das nicht. Die echte Revolution ist das Friedliche, die unbewaffneten Proteste und Oppositionellen. Die friedlichen Leute haben sich selber in Bewegung gesetzt, um ihr Bedürfnis nach Würde und Freiheit zu verwirklichen. Also sind sie es, die die Revolution verkörpern und die Bewaffneten sind Freiwillige, die ihr Volk verteidigen. Bedauerlicherweise ist die wahre Sicht der Dinge gegenwärtig nicht so klar. Die Idee ist, dass das Volk revoltiert, und die Bewaffneten dienen, um das Volk zu verteidigen.

Die vorherrschende, falsche Auffassung meint, die Kämpfer verkörpern die Revolution, aber diese Auffassung ist völlig falsch. Die echte Revolution ist das Volk, und nur dieses ist in der Lage, die Gesellschaft durch eine friedliche zivile Bewegung von innen zu verändert. Jene, die bewaffnet sind, können uns auf gleiche Weise wie das Regime beherrschen und unterdrücken, aber niemals die Gesellschaft verändern. Wir sind unverändert friedlich, weil wir an die friedlichen Aktivitäten glauben.

Wir stehen wegen dieser Haltung auch in der Kritik bei Leuten die uns sagen: Warum demonstriert ihr immer noch? Andere sagen: Warum schliessen sie sich nicht dem Kampf an der Front an? Unsere Arbeit ist das Fundament und jene, die an der Front kämpfen, sind da, um uns zu beschützen. Wir würdigen die Bedeutung jener nicht herab, die uns beschützen, im Gegenteil danken wir ihnen, weil sie sich kümmern um die Revolution und das Volk, damit die Gesellschaft vorwärts schreiten kann in die richtige Richtung.

Die zivile Arbeit und die militärische Arbeit bewegen sich parallel zueinander, nicht weil wir die militärische Arbeit mögen, sondern weil sie uns auferlegt wurde durch die Gewalt des Regimes gegen uns; die unglaubliche, beispiellose Gewalt; das unglaubliche, beispiellose Morden; die unfassbare Art und Weise des Mordens, die unerhört hohe Zahl der brutal, auf herzzerreissende Weise Ermordeten, wie es das nie zuvor gegeben hat.

All dies hat zu der Gegengewalt geführt, um uns zu verteidigen. Die Verteidiger hatten nicht die militärischen Fähigkeiten, die es ihnen ermöglicht hätten, der Armee entgegenzutreten und diese abzuwehren. Aber wenn jemand dich und deine Familie umbringen will und dafür zum Beispiel einen Panzer benutzt, dann wirst du dich und deine Familie verteidigen mit allem was du hast, und wenn es nur eine Türklinke ist.

Kurzum, der Hauptgedanke ist, dass die friedliche zivile Bewegung die Basis der Revolution ist und das Militärische dem Schutz der Revolution dient.

Wie gehen Sie mit der Armee der Eroberung (Jaysh al-Fatah) oder der Unterstützungsfront für das syrische Volk (al-Nusra Front/Jabhet al-Nusra) um?

Jabhet al-Nusra und Jaysh al-Fatah sind wie die zwei Seiten einer Medaille. Wenn wir Jabhet al-Nusra definieren wollen, müssen wir ISIS definieren (Islamischer Staat des Iraks und Syriens) einige Politiker verwenden „Levante“ statt „Syrien“, oder „Ahrar ash-Sham“. Jeder militärische Hervorkömmling versucht, das Volk mit seinen Waffen zu beherrschen und denkt auf die gleiche Weise wie das Regime. Das Regime selber regiert mit Waffengewalt. Also denkt jede andere Gruppe, sie müsste es genauso machen, ist genau wie das Regime und möglicherweise schlimmer.

Auf der anderen Seite belästigt uns die Existenz der Jabhet al-Nusra nicht; sie sind eine Kraft der Verteidigung in unserer Region und das können wir nicht missachten. Wir berücksichtigen das bei unserer Arbeit für die Gesellschaft, nicht weil wir Angst hätten vor Jabhet al-Nusra, sondern weil wir sie respektieren.

Unsere Gesellschaft ist strikt geschlossen und konventionell. Bereits vor der Revolution waren viele Faktoren und Aspekte der Trennung zwischen Mann und Frau gegeben. Also müssen wir einlenken in die Trennung, um die Struktur unserer Gesellschaft zu bewahren. Wenn du eine Gesellschaft entwickeln willst, musst du die Bänder und den Kitt des Vertrauens der Menschen in dieser Gesellschaft beschützen, indem du ihre Gefühle berücksichtigst und die Strukturen ihrer Gemeinschaften unversehrt belässt. Folglich berücksichtigen wir in unserer Arbeit die Gesellschaft stärker als die bewaffneten Gruppen; die Gesellschaft steht an erster Stelle und was dann noch bleibt ist alles Weitere.

Wir wurden mehrfach angegriffen. Auf mich als Person wurde ein Attentat verübt. Zwei maskierte Personen schossen an der Türe meines Hauses auf mich und ich wurde schwer verwundet. Es dauerte einige Monate, um zu genesen. Dann legten Unbekannte eine Mine neben meinen Wagen. Das gleiche ereignete sich kurze Zeit später erneut. Danach wurde ich festgenommen von Jabhet al-Nusra und entführt von Jund al-Aqsa. Solche Dinge können schnell passieren, weil jene, die Waffen tragen, denken, dass sie alle Leute beherrschen können. Aber sie beendeten ihre Einschüchterungsversuche, nachdem sie mit der Reaktion der Bevölkerung und der Medien konfrontiert wurden. Insofern erhalten wir unsere Macht durch die gesellschaftlichen Umstände, in denen wir leben. Worte sind immer stärker als Gewehre.

Wie ich bemerkte, zu Verhaftungen und Besetzungen kann es immer wieder kommen und manchmal nimmt das zu und dann wieder ab, je nach dem. Aber egal, wir gehen unseren Weg weiter, nicht nur, weil es uns gibt, so wie es sie gibt, sondern weil wir einen Vorteil haben, der in unseren Bindungen besteht, zu unserem Land, zu unseren Familien, Verwandten und Nachbarn. Kurz gefasst sind wir die Gesellschaft vom Anfang bis zum Ende, während sie keine Vorteile haben ausser ihren Gewehren.

Welche Botschaft haben Sie für die westlichen Länder (den Westen)?

Meine Botschaft an den Westen lautet: Dies ist eine Revolution im ganzen Sinne des Wortes. Es ist die Revolution einer Gesellschaft, die gegen ein tyrannisches Regime rebelliert zur Erlangung ihrer Freiheit und Würde, doch diese Gesellschaft wird mit grosser Gewalt konfrontiert, und noch mehr Gewalt kam hinzu, als das Regime die Idee verbreitete, der ISIS sei ein Verbündeter der Revolution.

Diese Idee eines Bündnisses ist vollkommen falsch, sie ist nicht wahr und vielmehr eine grosse Lüge, weil wir unter dem ISIS genau so leiden wie unter dem Terrorismus des Regimes. Beide bringen uns um, und wir sind die Opfer dieser kämpfenden Mächte.

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