„Alles muss ich sehen!“

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„Alles muss ich sehen!“

Von Urs Meier, 01.12.2016

Das Zeppelinmuseum in Friedrichshafen zeigt den Maler Otto Dix. Die Ausstellung ist wie er: ausufernd, schräg, abstossend, faszinierend.

Weil sie ein Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie war, wurde die Stadt Friedrichshafen am Bodensee 1943 und 44 durch Bombenangriffe der Alliierten weitgehend vernichtet. Zerstört wurde auch das städtische Bodenseemuseum mit seiner Sammlung von Kunst seit der Gotik. Von ihr sind keine Spuren übriggeblieben; man weiss nicht einmal, was sie enthielt.

In der Nachkriegszeit wurde nicht nur die Stadt, sondern auch die Kunstsammlung neu aufgebaut, die dann 1996 zusammen mit der Sammlung zu dem am Ort einst dominierenden Thema Luftschifffahrt in den umgebauten Hafenbahnhof zog. Seither besitzt Friedrichshafen das Zeppelinmuseum für Technik und Kunst – ein zwar zufälliges, aber durchaus reizvolles Kombinationskonzept. Die Kunstabteilung besteht aus Werken mit Bezug zum Bodenseeraum. Einer ihrer wichtigen Künstler ist Otto Dix (1891–1969), der von 1936 bis zu seinem Tod am Bodensee gelebt hat.

Maler des Kriegs

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war der 22-jährige Otto Dix Student an der Königlichen Kunstgewerbeschule in Dresden. Wie so viele seiner Generation meldete er sich als Freiwilliger zum Militärdienst. Dazu schrieb er später: „Der Krieg war eine scheussliche Sache, aber trotzdem etwas Gewaltiges, das durfte ich auf keinen Fall versäumen! Man muss den Menschen in diesem entfesselten Zustand gesehen haben, um etwas über den Menschen zu wissen.“

Offenbar war auch Dix selber „entfesselt“, denn in einem weiteren Brief von ihm heisst es: „Du kannst dir das nicht vorstellen, was es für ein Gefühl ist, wenn du einem andern das Bajonett in den Wanst rammeln kannst.“ – Die schockierende Äusserung stellt seine malerische Auseinandersetzung mit dem Krieg, für die er berühmt ist, ins Zwielicht. Zwar kann der in Friedrichshafen zu sehende expressionistische Radierungszyklus von 1924 „Der Krieg“ kaum anders denn als flammende Anklage gegen den Wahnsinn des Grossen Kriegs gedeutet werden. Nicht anders auch sein berühmtes Dresdener Triptychon gleichen Titels, das von 1929 bis 1932 entstand und als Dix’ Hauptwerk gilt. (Eine kleine Vorstudie ist in Friedrichshafen ausgestellt.)

Der gleiche Dix aber war ein richtiges Frontschwein und hat sich dem Kriegstaumel rückhaltlos hingegeben. Distanz fand er anscheinend allein durch seine Kunst. 1923 malte er das Bild „Schützengraben“ – auch hierzu hat die Ausstellung eine Skizze zu bieten. Es wurde alsbald der antimilitaristischen Propaganda bezichtigt, und der Direktor des Wallraff-Richartz-Museums, der das Gemälde angekauft hatte, musste deswegen 1924 zurücktreten. Das Bild ist verschollen.

Otto Dix, Frau Otto Mueller, 1923, Lithographie auf Maschinen-Bütten, 58,5 x 39,5 cm, Zeppelin Museum, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Otto Dix, Frau Otto Mueller, 1923, Lithographie auf Maschinen-Bütten, 58,5 x 39,5 cm, Zeppelin Museum, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Ähnlich ambivalent wie seine Einstellung zum Krieg scheint die zu Frauen gewesen zu sein. Dix hatte parallel zwei Familien, eine im Osten, eine im Westen Deutschlands. Zu seinen zwei Frauen kamen zahlreiche Geliebte. Weder die Frauen von Freunden noch seine Modelle waren vor ihm sicher. Dix rühmte sich gern seines extensiven Frauenverbrauchs und sah keinen Anlass, seine sexuelle Gier zu zivilisieren. Er gibt ihr auch in seinen zahlreichen Frauenakten oft deutlichen Ausdruck. Männerakte kommen bei ihm übrigens nicht vor; selbst in Darstellungen von Liebesspielen sind bei ihm die Männerfiguren stets bekleidet.

Wahrheitssuche

Doch so drastisch seine Aktbilder auch sind, voyeuristisch wirken sie nicht. Er zeichnet und malt zumeist nicht „schöne“ Frauen. Ihre Gesichter und Körper sind geschunden, vielfach alt, dem Verfall nahe. Die oft grotesk grossen, hängenden Brüste und zur Schau gestellten Scheiden haben Dix wiederholt Vorwürfe und gar gerichtliche Klagen wegen Pornographie beschert. Doch die Provokation liegt wohl nicht einmal so sehr im Unzüchtigen dieser Darstellungen, sondern in der Schonungslosigkeit, mit der sie Sex und Lust in die Nähe von Gewalt und Tod rücken. Eines der Bilder tut dies in brutaler Direktheit mit der Darstellung eines Sexualmords.

Meisterschaft hat Dix in der Porträtkunst entwickelt. Geschmeichelt hat er dabei nicht, ganz besonders nicht bei Selbstporträts, die das Beste sind, was die Schau im Zeppelinmuseum zeigt. Hier erweist sich Dix als der schonungslose Wahrheitssucher, der in der Lage ist, rückhaltlose Selbsterforschung in eine überzeugende künstlerische Form zu übersetzen.

Üppiges Buffet

Das Zeppelinmuseum hat sich dafür entschieden, seinen gesamten über 400 Einheiten zählenden Bestand an Dix-Werken auszustellen. Für speziell Interessierte und Fachleute ist das luxuriös, für die meisten Museumsbesucher aber eine Strapaze. In der Ausstellung herrscht Enge, die noch mit dem Fehlgriff einer aufdringlichen Farbgestaltung der Wände verschlimmert wird. Und viele der Exponate hätten ruhig im Depot bleiben dürfen.

Soll man trotzdem hingehen? Ja, wenn man bereit ist, sich mit einer in vieler Hinsicht herausfordernden Ausstellung zu konfrontieren und sich mit einer widersprüchlichen Künstlerpersönlichkeit auseinanderzusetzen. Und wenn man fähig ist, sich an einem üppigen Buffet massvoll mit den besten Dingen zu bedienen, statt sich zu überfressen. Und dann gibt es im gleichen Haus ja auch noch Technikgeschichte zu bewundern.

Zeppelin Museum Friedrichshafen: Otto Dix – Alles muss ich sehen!  Ausstellung zum 125. Geburtstag von Otto Dix, 2. Dezember 2016 bis 17. April 2017

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