Zwei Ex-Botschafter auf geopolitischer Weltreise

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Zwei Ex-Botschafter auf geopolitischer Weltreise

Von Reinhard Meier, 10.09.2021

Philippe Welti und Daniel Woker, zwei frühere Botschafter der Schweiz, analysieren die wirtschaftlichen und politischen Entwicklungslinien im 21. Jahrhundert. Hauptthema: der Hegemonialanspruch des Aufsteigers China.

Der Anspruch der beiden Autoren, die als Botschafter in Asien tätig waren, ist es, dem interessierten Leser einen Überblick über die wesentlichen geopolitischen Entwicklungstendenzen im 21. Jahrhundert zu bieten. Geopolitik definieren sie als «Analyse von Entwicklungen in Politik und Wirtschaft». Beide miteinander verknüpften Faktoren können nur vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und kultureller Zusammenhänge verstanden werden. Wer diesen geopolitischen Kontext studiert und begreift, so die Botschaft von Welti und Woker, kann auch auf soliderer Grundlage zukunftsgerichtete wirtschaftliche und politische Entscheide fällen.

Das asiatische Jahrhundert?

Den Schwerpunkt ihres geopolitischen Tour d’Horizon konzentrieren die Autoren auf den Grossraum Asien-Pazifik, zu dem neben China und Japan und anderen Anrainern auch die Westküste Amerikas zählt. Wenn das 20. Jahrhundert als das atlantische in die Geschichte eingegangen sei, so werde das 21. vom Geschehen in Asien dominiert werden. Und der «definierende Konflikt» des laufenden Jahrhunderts werde die Auseinandersetzung zwischen der bisher einzigen globalen Supermacht und der geopolitisch rasant aufsteigenden und expandierenden Grossmacht China sein, erklären die beiden Exbotschafter.

Das Verhältnis zwischen diesen beiden Mächten mit hegemonialen Ansprüchen ist seit einigen Jahren und besonders akzentuiert seit der Präsidentschaft Trumps in Washington und der zunehmend diktatorisch werdenden Herrschaft Xi Jinpings deutlich konfrontativer geworden. Als mögliche Brennpunkte einer verschärften Auseinandersetzung mit China erwähnen Welti und Woker die Unterdrückung der vertraglich vereinbarten Selbstbestimmungsrechte in Hongkong, die territorialen Ansprüche Pekings im südchinesischen Meer und auf Taiwan. Längerfristig sehen die Autoren auch grössere Probleme im Zusammenhang mit der Pekinger Belt-and-Road-Initiative (BRI), jener Vielzahl von Infrastruktur- and anderen Geschäftsprojekten, die China im Ausland lanciert und manche Empfängerländer in enorme finanzielle Abhängigkeiten bringt.

Als eine Reaktion auf den chinesischen Expansionsdrang in Asien bezeichnen die Autoren die Bildung der sogenannten Quad-Guppe (quadrilateral security dialogue), an der die vier indo-pazifischen Staaten USA, Japan, Indien und Australien beteiligt sind. Diese vier Mächte verbinde eine «klar erkennbare Frontstellung» gegen Chinas Machtausgreifen. Allerdings ist der Quad kein Verteidigungsbündnis und verfügt vorläufig auch nicht über eigene Organisationsstrukturen, doch das intensivierte Gespräch zwischen diesen ungleichen pazifischen Mächten dürfte in Peking zumindest aufmerksam beobachtet werden.

Ein eigenes Kapitel dieser geostrategischen Rundschau behandelt die Rolle Indiens. Unter der Regierung von Narendra Modi bekenne sich Indien «heute offen und unzweideutig zur antichinesischen Ausrichtung des Quad», liest man in der Publikation von Welti und Woker. Kritischer wird dagegen Modis Innenpolitik beurteilt. Dieser Machthaber sei im Begriff, «das Erbe der säkularen und demokratisch legitimierten Republik Indien zu zerstören». Es sei daher eine offene Frage, wie weit der heute wichtigste strategische Partner USA sowie Japan und Australien bereit seien, «aus einer antichinesischen Logik heraus die innenpolitische Tragödie in Indien zu dulden».

EU-Mitglieder – mit am Tisch der Grossen?

Im Kapitel über die geostrategischen Perspektiven in Europa und der Mittelmeer-Region äussern sich die beiden Autoren kritisch über die in verschiedenen Ländern von konservativ-reaktionären Kräften zur mitunter in überheblichem Brustton propagierten These von der absoluten Souveränität des Nationalstaates. Sie charakterisieren solche überholten Parolen als blosse Rückzugsgefechte. Den Mitgliedern des Staatenverbundes EU werde «im Gegenzug zu geteilter Souveränität» neben wirtschaftlichem Fortschritt auch die Möglichkeit geboten, «als Ganzes am Tisch der Grossen zu sitzen im 21. und asiatischen Jahrhundert».

Der Euro, bei dem vor einigen Jahren noch etliche Auguren das Sterbeglöcklein hören wollten, sei zu einem festen Bestandteil der «Unionisierung» im Euroraum geworden und werde mit hoher Wahrscheinlich nicht mehr verschwinden. Für Grossbritannien, das unter Boris Johnson aus der EU ausgetreten ist, sehen Welti und Woker mittelfristig eher einen «Schrumpfprozess» voraus, weil nach ihrer Prognose Schottland sich für die Unabhängigkeit entscheiden dürfte und Nordirland im Zuge einer Vereinigung mit Irland in die EU zurückkehren könnte.

Kritisch beurteilen die beiden Ex-Botschafter auch die Distanz der Schweiz zum «langen Prozess der Unionisierung Europas», die durch den Berner Abbruch der Verhandlungen über einen Rahmenvertrag mit der EU besonders schroff betont worden ist. Es sei «rational nicht nachzuvollziehen», dass sich die Schweiz an der Bewältigung der europäischen Herausforderungen nicht direkt beteilige. Stattdessen «steckt unsere Europapolitik im Limbo fest zwischen verzweifeltem Nachvollzug und trotziger Selbstbehauptung».

Das Narrativ vom Hegemon und dem Emporkömmling

Im Prolog zu dem Büchlein von Welti und Woker greift Mark Dittli, der Gründer des Finanzmarktportals «The Market» zur Erklärung der aktuellen amerikanisch-chinesischen Konfrontationen weit zurück in die griechische Antike. Den grossen Historiker Thukydides und seine Geschichte des Peleponnesischen Krieges zwischen Sparta und dem expandierenden Athen zitierend, meint er, der Hegemon USA reagiere auf das aufstrebende China so, wie in der Weltgeschichte schon viele Hegemonialmächte in ähnlichen Situationen reagiert hätten: indem sie «den Emporkömmling mit allen Mitteln» einzudämmen versuchen.

Dieses Narrativ, schreibt Dittli, sei derzeit vor allem in Peking sehr beliebt. Was nicht bedeuten muss, wie der britisch-amerikanische Historiker Niall Ferguson diese Woche bei einem Vortrag an der Uni Zürich betonte, dass die chinesische Prämisse über die absehbare Ablösung Amerikas als dominierende Weltmacht tatsächlich zutreffend sein wird.

Politische Entwicklungen sind, wie uns die Geschichte lehrt, meist ziemlich unberechenbar. Deshalb ist auch die Aussage im Prolog, die Autoren Welti und Woker lieferten mit ihrem schmalen Band «den geopolitischen Schlüssel zur praxisbezogenen Ausleuchtung» der amerikanischen-chinesischen Rivalität und anderer zukünftiger Konflikte im 21. Jahrhundert, mit einigen Körnchen Salz zu geniessen. Zur schnellen Orientierung in dem Buch wäre bei einer weiteren Auflage ein Inhalts- und ein Stichwortverzeichnis von hohem Nutzen.

Philippe Welti, Daniel Woker: Meere und Märkte. Mit einem Prolog von Mark Dittli, The Market NZZ, 124 Seiten. Bezugsquelle: go.themarket.ch/smartbook, CHF 29.00.  

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