Zum Tod Peter Schellenbergs

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Zum Tod Peter Schellenbergs

Von Urs Meier, 19.04.2021

Im Januar 2003, als die Ablösung des jetzt am 15. April verstorbenen einstigen Fernsehdirektors bekanntgegeben wurde, erschien die folgende Würdigung. Journal 21 bringt sie anstelle eines Nachrufs.

Der Direktorenposten beim Fernsehen DRS ist nicht nur einer der wichtigsten Jobs der einheimischen Medienszene, sondern auch eine prominente Position, deren Inhaber fast permanent im Fokus der Öffentlichkeit steht. Medien und Veranstalter von Events aller Art haben «den Schälli» zu einer nationalen Figur gemacht – mit einem Bekanntheitsgrad, den sonst nur herausragende Sportidole und wenige charismatische Persönlichkeiten aus der Politik erreichen. 

Identitätsstiftendes Programm

Darin spiegelt sich die Bedeutung des Service-Public-Fernsehens. Es hat in der Deutschschweiz als Schweizerdeutsch sprechendes Medium mit umfassenden Programmleistungen eine identitätsstiftende Funktion. In allen Wirren und Kämpfen der Marktöffnung konnte es sich trotz gewaltig gewachsener Konkurrenz stets unangefochten in der Leaderposition behaupten. Ein überraschend grosser Teil der Bevölkerung bleibt den Programmen von SF DRS treu. Man schimpft zwar gelegentlich (längst nicht mehr so viel wie auch schon), doch man kennt sich halt bei diesem Sender aus, man ist ihn gewohnt, und meist bringt er ja, was man mag. 

Peter Schellenberg hat das entscheidende Verdienst, die Popularität des «Schweizer Fernsehens», wie es trotz allen Designs und Namings nach wie vor genannt wird, unter völlig veränderten medienpolitischen Bedingungen und in einem heftig bewegten Markt erhalten zu haben. Er schaffte sogar das Kunststück, die Marktanteile trotz wachsender internationaler und inländischer Konkurrenz zu konsolidieren.

Dabei hielt er im Allgemeinen einen klaren Kurs. Schellenberg gab sich nicht zu Schmuddeleien her, wie sie bei fast allen privaten und nicht wenigen öffentlich-rechtlichen Anbietern in Europa inzwischen üblich geworden waren. Er verzichtete darauf, mit Peep-Show-Programmen wie Softpornos und «Big Brother» Quote zu machen, er drehte nicht mit an der Seelenstriptease-Schraube der täglichen Enthüllungs-Talkshows, er setzte nicht auf kompromissloses Ausreizen eines skandalisierenden Entlarvungsjournalismus. Unter Schellenberg blieb SF DRS in seinen journalistischen Methoden und programmlichen Moden relativ konservativ. Es gab wenig Experimente und Innovationen, und es gab vergleichsweise selten Fehlgriffe und Verirrungen. 

Gewiefter Stratege

Schellenbergs Stärke lag nicht so sehr in der Programmentwicklung; hier hat er im Allgemeinen die Dinge in gewissen Schranken und in bewährten Bahnen laufen lassen – durchaus auch zum Vorteil des Programms. Seine Personalpolitik ist kein unbeflecktes Ruhmesblatt. Schellenberg hat in einigen Fällen mehr taktisch-politisch operiert als Kompetenz an Bord geholt.

Seine Meisterleistungen hat er auf einem anderen Feld erbracht. Der Direktor von SF DRS hat sein Unternehmen medienpolitisch klug geführt, ja mehr noch, er war in der Periode der Ausweitung und Öffnung des Schweizer Radio- und Fernsehmarktes der entscheidende Player. Mit seiner dickköpfigen Zielstrebigkeit hat Schellenberg es beispielsweise geschafft, sein Konzept «ein Programm auf zwei Kanälen» gegen die von SRG-Generaldirektion und Bundesbern zunächst erzwungene Selbständigkeit des zweiten Deutschschweizer Fernsehkanals durchzudrücken. Damit hat er der medienpolitisch und ökonomisch vernünftigeren Option zum Durchbruch verholfen. 

Schellenberg war ein linker Patron. Die einen mochten ihn, weil er ein Linker war, die anderen schätzten seine autoritäre Attitüde. Bestimmt gab es auch welche, die ihn für das eine oder andere von beidem hassten. Was ihm aber auf allen Seiten grosse Anerkennung eintrug, war sein untrüglicher Riecher für die richtige strategische und programmliche Positionierung. Schellenberg erfasste die Vorgänge im Medienmarkt sehr präzis, und er brachte seine Beurteilungen mit stupender Treffsicherheit immer wieder auf knappe, einleuchtende Formeln. Hinter den genüsslich oder gelangweilt gespielten Schälli-Rollen – leutseliger bärbeissiger Promi, nölender abgebrühter Zyniker, altgedienter ausgebuffter Macher – durfte man nie den scharfen Denker, gewieften Taktiker und energisch vorgehenden Strategen verkennen. 

Ausnahmeerscheinung in der Medienszene

Prominenz und Format waren in diesem Fall für einmal deckungsgleich. Peter Schellenberg war in der Schweizer Medienlandschaft eine Ausnahmeerscheinung. Kein Chefredaktor, kein Verleger, kein Pionier der Privatradio- und Fernsehszene, kein Bundesrat, Politiker, SRG-Generaldirektor und Bakom-Direktor konnte sich mit seinem Einfluss messen. Er hat den entscheidenden Anteil dafür geleistet, dass die SRG eine unangefochtene und dominierende Position erlangte. 

Die Schwäche und das spurlose Verschwinden der inländischen TV-Konkurrenz auf dem sprachregionalen Level waren nicht, wie von deren Exponenten oft beklagt, auf hinderliche politische Rahmenbedingungen zurückzuführen. Grund war vielmehr die starke Verankerung des SRG-Fernsehens beim Publikum und im Werbemarkt. Mit seinem unternehmerischen Erfolg hat Schellenberg die schweizerische Medienpolitik stärker geprägt als das gesetzgebende Parlament, die lenkende Regierung und das administrierende Bundesamt. Er machte das Unternehmen SF DRS innerhalb der nationalen SRG nicht nur zum quantitativen Schwergewicht, sondern auch zum strategischen Vortrupp, imagebildenden Aushängeschild und politischen Akzeptanzbeschaffer. 

Dieser Text ist ein Auszug aus Urs Meiers Artikel «Von Schellenberg zu Deltenre – Zum Führungswechsel beim Schweizer Fernsehen DRS», der im Januar 2003 in der Fachpublikation «Medienheft» erschien.

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