Wissenschaft stellt in Frage

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Wissenschaft stellt in Frage

Von Dieter Imboden, 06.02.2014

Die Studie des Swiss Medical Board (SMB) zum Mammografie Screening ist wertvoll. Wer hier mit dem Wort ‚Verunsicherung’ reagiert, entmündigt seine Mitmenschen.

Nur wer Fragen stellt, findet Antworten. Wissenschaftlicher Erkenntnisgewinn entsteht durch das fortwährende Hinterfragen vermeintlicher unverrückbarer Wahrheiten. Der Motor des Fortschrittes ist der Zweifel am bisherigen Wissen. Die primäre Aufgabe der Wissenschaft ist nicht das Schaffen von Sicherheit, sondern das stetige Testen unseres Wissens, auch wenn das in Frage Stellen zu unbequemen, mit Unsicherheit verbundenen neuen Erkenntnissen führen kann.

Keine letzten Antworten

Im Gegensatz dazu fordert die Gesellschaft von der Wissenschaft oft fälschlicherweise unverrückbare letzte Antworten auf ihre Fragen; sie erwartet Sicherheit, nicht wissenschaftliche Dispute und schon gar kein Umstossen bisheriger Wahrheiten.

Das weit verbreitete Missverständnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ist vor kurzem einmal mehr evident geworden, als das Swiss Medical Board (SMB) seine Studie über Sinn und Nutzen der generellen vorsorglichen Mammografie veröffentlichte. Interessant beim ausgelösten heftigen Disput waren zwei Punkte.

Zur Wahrheit können auch Unsicherheiten gehören

Erstens wurde – insbesondere von Seiten jener medizinischen Kreise, welche am Mammografie Screening beteiligt sind – argumentiert, die Publikation der Studie führe zur Verunsicherung der betroffenen Frauen. Zweitens ging angesichts dieser vehementen Kritik beinahe unter, dass die vom SMB benützten Daten und das verwendete statistische Verfahren zu deren Auswertung von beiden Seiten nicht grundsätzlich in Frage gestellt worden waren.

Dieser Befund lässt aufhorchen, weil er weder der Wissenschaft noch der Gesellschaft gerecht wird. Er zeugt einerseits von einer eklatanten Missachtung der Mündigkeit der Gesellschaft, wenn dieser  kritische Äusserungen über ein Problem vorenthalten werden sollen, weil diese zu Unsicherheit führen könnten. Jeder Mensch hat das Recht auf Eigenverantwortung, und dazu gehört ganz zentral, dass man ihm die volle ‚Wahrheit’ vermittelt und zumutet, auch wenn diese unsicher ist und sich als Folge neuer Erkenntnisse verändern kann.

Der Kern des Disputs sind nicht die Zahlen

Andererseits darf die Wissenschaft nicht in einen elitären Elfenbeinturm gesperrt werden, aus dem an Informationen nur herauskommt, was von selbsternannten Zensoren als gesellschaftlich zumutbar eingestuft worden ist. Der wissenschaftliche Diskurs muss, genau so wie andere Diskurse auch, in der Öffentlichkeit stattfinden – stattfinden können.
Wie gesagt: Mit dem Vorwurf der Verunsicherung sind die Fakten beinahe auf der Strecke geblieben.

Der Kern des Disputes liegt offensichtlich nicht in den Zahlen an sich, sondern in deren ‚gesellschaftlicher’ Interpretation, einer Aufgabe, welche nicht der Wissenschaft allein zusteht, sondern der Gesellschaft. Sie – oder besser – jede einzelne Frau muss die Abwägung zwischen dem Nutzen (durch die Vermeidung von letal verlaufenden Krebserkrankungen und dem Risiko (hervorgerufen durch Fehldiagnosen und Fehlbehandlungen) durchführen -  und das kann nur dann geschehen, wenn die Medizin ihre Fakten auf den Tisch legt, auch wenn sie dabei einen Teil ihrer Autorität zu verlieren droht.

Das Mammografie Screening ist nur ein Beispiel für eine faktenbasierte kritische Analyse der medizinischen Praxis. Es warten noch viele andere Herausforderungen auf das SMB.

Kommentare

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liegt offensichtlich nicht in den Zahlen an sich, auch nicht in deren "gesellschaftlicher" Interpretation, sondern in den finanziellen Einbussen, die die "Pharmazie/Medizin" durch die Abwägung jeder einzelnen Frau erleiden könnte.

Einen Autoritätsverlust durch "Fakten auf den Tisch" steckt die Medizin locker weg (was die Betroffenen denken ...), nur eben nicht die Konsequenzen für ihren Geldbeutel (da schreien sie schon nach Subventionen bevor auch nur 1 Cent "Gewinn-Verlust" zu verbuchen wäre).

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Das Historische Bild

Vor 50 Jahren, am 28. September 1966, starb André Breton. Er gilt als der wichtigste Vertreter des Surrealismus in Frankreich. Im 9. Arrondissement in Paris trägt ein Platz seinen Namen. Ursprünglich wollte André Breton, geboren 1896, Arzt werden. Aber seine Begegnungen mit Paul Valéry, Stéphane Mallarmé und Guillaume Apollinaire führten dazu, dass er sein Medizinstudium abbrach, um freier Schriftsteller zu werden. 1919 gründete er zusammen mit Louis Aragon und Philippe Soupault die Zeitschrift Littérature, die sich zunehmend dem Dadaismus öffnete. 1924 verfasste Breton auch unter dem Einfluss surrealistischer Maler wie Max Ernst und Salvatore Dali das „Manifest des Surrealismus“. Ursprünglich stand diese Bewegung dem Sozialismus nahe, aber 1935 brachen Breton und einige seiner Freunde mit der kommunistischen Partei Frankreichs. Während des 2. Weltkrieges emigrierte Breton mit finanzieller Unterstützung von Peggy Guggenheim zusammen mit seiner 2. Frau, der Malerin Jacqueline Lamba, nach New York. Der Begegnung mit ihr widmete Breton sein vielleicht erfolgreichstes literarisches Werk, L´Amour fou. Nach dem Krieg kehrte Breton nach Paris zurück und blieb dem Surrealismus, der bereits seinen Zenit überschritten hatte, verbunden. André Breton trug im Laufe seines Lebens die bedeutendste Privatsammlung surrealistischer Kunst zusammen. Nach seinem Tod wurden zahlreiche Werke versteigert. Das Centre Pompidou hat einen Teil der Sammlung erworben und stellt sie in einem eigens dafür eingerichteten Raum aus. (Foto: Keystone/STR) Mehr…