„Wir sterben wie die Hunde“

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„Wir sterben wie die Hunde“

Von Armin Wertz, 09.04.2013

Mit dem Sturz und der Ermordung Präsident Francisco Ignacio Maderos begann vor 100 Jahren die blutigste Epoche in der Geschichte Mexikos.

„Raus, Arschloch“, bellte der Major, als sie im Gefängnis in der Calle Lecumberri angekommen waren. Kaum war der kleine Mann aus der Protos-Limousine, in der er hierher gebracht worden war, ausgestiegen, schoss ihn der Major mit seiner Pistole in den Hinterkopf.

Der Reformer und die USA

Zwei Jahre zuvor hatten die Revolutionäre um Francisco Ignacio Madero den langjährigen Diktator José de la Cruz Porfirio Díaz besiegt und ins Pariser Exil gezwungen. Zwar war Madero, Absolvent der École des Haute Études Commerciales in Frankreich sowie eines agrarwissenschaftlichen Studiums an der Universität in Berkeley, Zeitungsherausgeber, Autor einer Reihe von Büchern über den Zustand Mexikos und Sohn einer der reichsten Familien des Landes, weit moderater als seine Mitstreiter Emiliano Zapata und Francisco „Pancho“ Villa gewesen, die er gelegentlich sogar bekämpft hatte.

Doch seine Reformen in der Arbeitsgesetzgebung, in der Behandlung der Yaqui, die unter Díaz brutalen Repressionen ausgesetzt gewesen waren, weil sie amerikanischen Bergwerksinteressen im Wege gestanden hatten, die Rückführung der entwurzelten Indianer in ihre heimatlichen Siedlungsgebiete, die Mexikanisierung der überwiegend mit amerikanischem Personal betriebenen Eisenbahn und vor allem seine neuen Steuergesetze für ausländische Ölgesellschaften hatten ihn bald auf Kollisionskurs mit den USA gebracht.

Tragische zehn Tage

Angespornt und geführt vom amerikanischen Botschafter Henry Lane Wilson hatte der Oberkommandierende der Streitkräfte, General Victoriano Huerta, seinen Sturz vorbereitet, während US-Kriegsschiffe in den Häfen von Veracruz, Tampico, Acapulco und Mazatlán festgemacht hatten, „um zu beobachten und zu berichten“. Zehn Tage lang, die „Tragischen zehn Tage“, als die sie in die Geschichte Mexikos eingegangen sind, hatten sich die rebellischen Truppen unter General Felix Díaz, die sich in La Ciudadela (eine ehemalige Tabakfabrik, die später als Kaserne und Gefängnis diente und heute die Biblioteca de México beherbergt) verschanzt hatten, und die Regierungsverbände unter ihrem Oberkommandierenden untätig gegenübergelegen.

Dann vermittelte Botschafter Wilson zwischen den beiden Generälen, bis sie schliesslich in der US-Botschaft den sogenannten Pacto de la Embajada (Der Botschaftsvertrag) unterzeichnet hatten, in dem die Entsendung Maderos ins Exil und Huertas Machtübernahme beschlossen worden war.

Zerstrittene Revolutionäre

Einen Tag nach Unterzeichnung des Abkommens in der amerikanischen Botschaft, am 18. Februar 1913, zwang Huerta Madero zum Rücktritt und übernahm die Präsidentschaft. Vier Tage später wurde Madero im Alter von 39 Jahren hingerichtet. Huertas Machtergreifung stiess auf erbitterten Widerstand. Im Nordwesten des Landes operierten Alvaro Obregóns Truppen, im Norden rückte Pancho Villas División del Norte vor, und den Süden kontrollierte die Bauernarmee Emiliano Zapatas, während Venustiano Carranza manipulierte und manövrierte und ebenfalls eine Armee sammelte.

Alle mit Ausnahme Zapatas waren Grossgrundbesitzer. Zunächst marschierten sie noch gemeinsam und machten Carranza zum „primer jefe“, dem ersten Boss. Doch es gelang ihnen nicht, ihre unterschiedlichen Ziele und Auffassungen zu vereinen, und so bekämpften sie sich bald gegenseitig. „Wo immer Carranza hinging, hemmten Uneinigkeit, Zögerlichkeit und Langsamkeit die Revolution“, kritisierte ihn damals der Philosoph, Schriftsteller und spätere Bildungsminister José Vasconcelos. Solange sie ihm nützlich waren, solange hofierte Carranza Villa und sogar Zapata, dessen Bauern er wie schon Porfirio Díaz und Huerta vor ihm als „blutrünstige Barbaren“ schmähte. Der Bruch war unvermeidlich.

Der Zorn des „primer jefe“

Im Machtkampf um die Präsidentschaft konnte Carranza mit der Hilfe Obregóns, der Villa in den Schlachten von Torreón, Celaya und León besiegte, den härtesten Konkurrenten ausschalten. Villa konnte sich von den verheerenden Niederlagen nie wieder erholen. (Jahre später, am 20. Juni 1923, wurde er vermutlich auf Anweisung General Elías Calles‘ in Parral ermordet.) 1917 wurde Carranza zum Präsidenten gewählt. Und die USA schwankten, wem sie ihre Unterstützung geben sollten. Villa hatten sie fallen gelassen, nachdem der das Grenzstädtchen Columbus überfallen hatte, um Waffen zu besorgen. Also wandten sie sich Carranza zu, wenngleich ihm ebenfalls nicht zu trauen war, weil er gerne den Einflüsterungen deutscher Gesandter und Agenten lauschte.

Als nächster zog Emiliano Zapata den Zorn des „primer jefe“ auf sich. Zunächst war er mit Obregón eine Allianz gegen Carranza eingegangen. Dann hatte er in einem „offenen Brief“ den Präsidenten scharf angegriffen. Die Banken seien geplündert, das Land überflutet von wertlosem Papiergeld, Bergbau und Landwirtschaft lägen infolge von erzwungenen Abgaben brach, die Armen vegetierten im Elend dahin, Gewerkschaften seien durch politische Eingriffe zur Bedeutungslosigkeit verurteilt.

Carranzas einziges Vermächtnis

Das Land war nicht an besitzlosen Bauern verteilt worden, wofür Zapata hauptsächlich kämpfte. „Die alten Latifundisten sind von modernen Grundbesitzern mit Epauletten und Pistolen im Gürtel ersetzt…“ Carranza befahl, den Aufrührer gefangen zu nehmen oder zu töten. Ein Verräter und ein Oberst lockten Zapata in eine Falle und töteten ihn. Den Oberst erhob Carranza dafür in den Generalsrang.

1920 begannen sich die alten Revolutionsveteranen, die noch übrig waren, zur Wehr zu setzen und rückten gegen die Hauptstadt vor. Von allen verlassen, sogar von seinem Schwiegersohn, wurde der einstige Erste Boss am 21. Mai 1920 auf der Flucht erschossen. Carranza hatte keines der Ziele der Revolution verwirklicht. Die liberale Verfassung von 1917 war „ein totes Dokument“ geblieben. Es gab keinen kostenlosen Schulunterricht, keine Pressefreiheit, die Gewerkschaften waren von Generälen und Gouverneuren kontrolliert.

Das einzige Vermächtnis, das Carranza hinterliess, und weswegen er immer noch in Mexiko verehrt wird, waren ein paar Sätze in seiner jährlichen Ansprache an den mexikanischen Kongress am 1. September 1919: Er werde die Monroe-Doktrin nicht anerkennen, „weil sie gegen den Willen der Völker Amerikas eine Regelung begründet, zu der sie nicht befragt wurden… Diese Doktrin greift die Souveränität und Unabhängigkeit Mexikos an und würde allen Nationen Amerikas die Vormundschaft (der USA) aufzwingen.“

Die Entmachtung der Kirche

Die neue, 1917 geschriebene Verfassung hatte die (katholische) Kirche als Institution im Land abgeschafft. Doch erst Präsident Plutarco Elías Calles (1924-1928), der schon 1915 als Gouverneur von Sonora alle Priester seines Bundesstaates ausweisen liess, setzte die Verfassung durch und erliess die entsprechenden Gesetze. Die katholische Kirche, bis dahin der reichste Grundbesitzer des Landes (1), wurde enteignet und durfte offiziell über keinen Landbesitz verfügen. Religionsunterricht, kirchliche Schulen, Mönchsorden oder religiöse Zeremonien unter freiem Himmel waren verboten. Priester mussten mexikanischer Nationalität, mindestens vierzig Jahre alt und verheiratet sein. 189 ausländische Priester wurden des Landes verwiesen, später auch alle Bischöfe und Erzbischöfe.

Papst Pius XI. verdammte in einer Enzyklika Mexikos „grösste Perversion staatlicher Autorität“. Mit der Rückendeckung Roms trat Mexikos Klerus in den Streik, suspendierte Gottesdienste, die Erteilung der Sakramente und rief zum Boykott des Staates auf. Fanatische Glaubensanhänger Roms rebellierten mit der Gründung von „Einheiten der Liga zur Verteidigung der Religionsfreiheit“. „Wir sterben wie die Hunde“, zitierte Graham Greene einen Mexikaner in seinem „Gesetzlose Strassen“, einem Untersuchungsbericht, den er noch 1938 im Auftrag der katholischen Kirche verfasste: „Es gab keine geheimen Messen mehr in Privathäusern, nur noch eine schauerliche Lethargie, in der die Katholiken langsam ausstarben – ohne Beichte, ohne Sakramente, die Kinder ungetauft, der Sterbende ohne letzte Ölung.“ (2)

Im „katholischsten aller katholischen Länder“, als das sich Mexiko gerne rühmt, formierte sich der Widerstand, besonders in den Bundesstaaten Colima, Zacatecas, Michoacán, Aguascalientes, San Luis Potosí, Guanajuato, Querétaro sowie Jalisco, wo die Aufständischen zeitweilig sogar eine Gegenregierung ausgerufen hatten.

Bürgerkrieg ohne Ende

Die Kämpfe zwischen der Nationalen Befreiungsarmee, den sogenannten „cristeros“ (Soldaten Christi), und der Regierung, wurden mit unglaublicher Brutalität geführt. Die USA schickten Calles militärische Ausrüstung, Waffen und Militärberater. Während Regierungstruppen Cristeros oder Verdächtige im Dutzend an Telegraphenmasten aufhängten, zerstörten die Rebellen staatliche Schulen und ermordeten Hunderte junger Lehrer, die aufs Land geschickt worden waren, um den Bauern und Kindern dort Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen.

„Die Soldaten haben damals viele Priester an den Bäumen der Alameda aufgehängt“, erzählte eine alte Frau, die von ihrem Vater regelmässig „im Brunnen versteckt“ worden war, wenn die Kämpfe nach Tepatitlán kamen. „Wenn die Soldaten wieder fort waren, kamen die Cristeros. Sie brachten alle um, die nicht ihren Ideen folgten. Einmal riegelten die Cristeros ganz Tepatitlán drei Tage lang ab“, erinnerte sie sich, „ehe Regierungstruppen die Umklammerung durchbrachen. Wer versuchte, den Ort zu verlassen, den erschossen sie.“

Zehn Millionen Tote

Erst Mitte der dreissiger Jahre und nach rund einer Million Todesopfer (zehn Prozent der Bevölkerung) sollten Revolution, Rebellionen, Mordanschläge und die blutige Konterrevolution der Cristeros, der im Juli 1928 auch der letzte der grossen Vier, Álvaro Óbregon, zum Opfer fiel, unter dem wohl herausragendsten Präsidenten Mexikos, unter Lázaro Cárdenas, ein Ende finden. Doch die Ziele der Revolution sind bis heute nicht erreicht.

Literatur: Martín Luis Guzmán, “Memoirs of Pancho Villa”, University of Texas Press, Austin, 1975 William Weber Johnson, „Heroic Mexico“, HBJ Book, San Diego, New York, 1984 Jim Tuck, “The Holy War in Los Altos”, University of Arizona Press, Tuscon, 1982 John Womack jr., “Zapata and the Mexican Revolution”, Vintage Books, New York, 1969

(1) 1790 gehörten vier von sieben Häusern in Mexiko-Stadt der Kirche. Dieselben Besitzverhältnisse galten auch auf dem Land. Die Reformen der Präsidenten Benito Juárez (1858-1864 und 1867-1872) und Sebastián Lerdo de Tejada (1872-1876) schränkten zum ersten Mal die Macht und den Reichtum der Kirche in Mexiko ein, die in den Amtszeiten Porfirio Díaz‘ (1877-1880 und 1884-1911) wieder zunahm, so dass ihr Vermögen wieder auf 800 Millionen Pesos (400 Millionen Dollar) angestiegen war.

(2) Greene, Graham, “The Lawless Roads”, Penguin Books, London, 1987, S. 123

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