Wie in einem Spiegel

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Wie in einem Spiegel

Von Klara Obermüller, 04.05.2021

Mit der Kamera in der Hand begibt sich die Basler Künstlerin Johanna Faust auf eine Reise in die Vergangenheit ihrer Familie und auf die Suche nach sich selbst.

Bin ich frei, mein Leben zu leben, wie ich will? Oder folge ich unbewusst familiären Mustern, die frühere Generationen mir vorgegeben haben? Solche und ähnliche Fragen stellen sich jedem denkenden Menschen irgendwann in seinem Leben, sei es in der Pubertät, bei der Partnerwahl oder im Kontext der Elternschaft. Für die Basler Künstlerin Johanna Faust war dieser Moment gekommen, als sich ihr die Möglichkeit eines Kunststipendiums in Oxford bot und sie sich entscheiden musste zwischen künstlerischer Selbstverwirklichung und der Verantwortung gegenüber ihren Kindern, ihrer Familie. Was bedeutet mir mein Mutter-Sein, fragte sie sich, und in wieweit ist dieses Verständnis von Erfahrungen geprägt, die meine Mutter an mich weitergegeben hat?

Mit der Kamera in der Hand ist Johanna Faust diesen Fragen nachgegangen und dabei tief in die Vergangenheit ihrer Familie und vor allem in die Lebensgeschichte ihrer Mutter eingetaucht. Was sie dabei entdeckt hat, ist berührend und in seiner schonungslosen Offenheit erschütternd. Es geht dabei um Prägungen, um Wiederholungen, um Muster, die sich durch die Generationen ziehen. Es geht um gesellschaftliche Konventionen und den Drang nach Freiheit, es geht um Verlassen und Verlassenwerden, und es geht um die Wunden, die solche Erfahrungen im kollektiven Familiengedächtnis hinterlassen haben.

Kathartische Wirkung

Dem Film, der aus diesen Recherchen hervorgegangen ist, hat Johanna Faust den Titel «I’ll be your mirror» gegeben und damit zum Ausdruck zu bringen versucht, wie sie die Gespräche mit ihrer Mutter erlebt hat. Schlagartig und wie in einem Spiegel erkannte sie, was von den Erfahrungen ihrer Mutter und deren Mutter in ihr weiterwirkte und sie in ihren eigenen Entscheidungen zu beeinflussen drohte. Jetzt, da sie im Begriff war, ihre Kinder für ein Jahr allein in Basel zurückzulassen, wurde ihr bewusst, dass sie ihnen damit antun würde, was auch ihrer Mutter als Kind auf so brutale Weise angetan worden war. 

Man könnte dabei von einem Wiederholungszwang, von Reinszenierung oder epigenetischer Prägung sprechen. Johanna Faust kommt in ihrer filmischen Dokumentation ohne jegliche Begrifflichkeit aus. Sie fragt nur, hört zu und zeigt, was geschieht. Eine Kamera begleitet sie dabei, unauffällig, diskret und bisweilen unbeholfen. Die Protagonistin selbst, aber auch ihre Mutter scheinen diese weitgehend vergessen zu haben. Ungeschützt, aufrichtig und schonungslos ehrlich geben sie ihre Geschichte preis und laden damit ihre Zuseherinnen – es werden wohl vornehmlich Frauen sein – ihrerseits zur Selbstbefragung ein. Manches, was in diesem Film zur Sprache kommt, mag quälend wirken, manches vielleicht auch allzu privat, der kathartischen Wirkung dieser Erkundungen kann man sich jedoch nur schwer entziehen. Am Ende ihrer langen Reise durch die familiäre Vergangenheit scheint Johanna Faust bei sich selbst angekommen zu sein und den Ausweg aus dem Dilemma zwischen künstlerischer Selbstverwirklichung und mütterlicher Verantwortung gefunden zu haben. Sie wird – so viel sei vorweggenommen – ihre Kinder nicht verlassen und damit den Bann familiärer Zwangsläufigkeit durchbrechen: eine Befreiung, die durchaus glaubwürdig erscheint. 

Kosmos (Zürich), kult.kino (Basel), Cameo (Winterthur), Kinok (St. Gallen) und Rex (Biel). Weitere Informationen auf: yourmirror-film.ch.

Früher las ich häufiger die NZZ. Heute gibt es auch im Niveau Alternativen zu dem oft arg nach ‚Rechts‘ schwankenden Journalismus der alternden NZZ. Zum Beispiel das Journal21 mit den immer profunden Kommentaren von Klara Obermüller, deren Urteil im besten Sinne bedenklich sind, das heißt zum Denken anregen.

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