„Wie eine Krake“

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„Wie eine Krake“

Von Journal21, aktualisiert - 27.02.2020

Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verbreitet sich die Seuche jetzt ausserhalb von China schneller als in China selbst. In der Schweiz gibt es bisher sechs bestätigte Fälle.

In Genf wurde ein 28-Jähriger positiv getestet. Gemäss Angaben der Tribune de Genève hatte der 28-Jährige die Fashion Week in Mailand besucht. Dort hat er sich angesteckt.

Zwei Personen wurden in Graubünden positiv getestet. Auch in Zürich gibt es eine Infizierte. Ein 30-jährige Frau, die sich in Mailand aufhielt, liegt zurzeit isoliert im Zürcher Triemli-Spital.

Wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) am Donnerstagnachmittag mitteilt, befinden sich alle drei Patienten im Spital und seien isoliert.

Daniel Koch, Leiter übertragbare Krankheiten im BAG erklärte, den Betroffenen gehe es den Umständen entsprechend gut. Alle vier haben sich in Italien angesteckt.

Nach der Medienkonferenz des BAG wurde bekannt, dass auch im Kanton Aargau ein Patient positiv getestet wurde. Er hatte sich in Norditalien aufgehalten. Drei Tage nach seiner Rückkehr traten die Symptome auf.

Laut Daniel Koch werden in der Schweiz seit Mittwoch 130 Verdachtsfälle abgeklärt. Insgesamt habe man in unserem Land schon über 500 bestätigte negative Fälle – dies neben den vier Fällen, bei denen sich der Verdacht bestätigt hat.

Der Bund will jetzt eine breit angelegte Informationskampagne lancieren. Spätestens ab nächstem Montag könnten unter www.bag-coronavirus.ch die neuesten Informationen abgerufen werden. Der Bund will auch mit Flugblättern und via Zeitungen, Radio und Fernsehen informieren.

Der Tessiner Fall

Am Dienstag hatte das gleiche Referenzlabor den Verdacht bestätigt, dass ein 70-jähriger Mann aus dem Tessin das Virus in sich trägt. Dabei handelt es sich um den ersten in der Schweiz diagnostizierten Fall. Der Mann hatte an einer Versammlung in Mailand teilgenommen und sich vermutlich dort angesteckt.

Auch nach Bekanntgabe der neuen Fälle erklärt das Bundesamt für Gesundheit (BAG), dass für die Bevölkerung nur ein „moderates Risiko“ bestehe.

Täglich pendeln fast 68'000 Grenzgänger aus Norditalien ins Tessin. Fasnachtsveranstaltungen wurden inzwischen vom Tessiner Staatsrat verboten. Hockeyspiele sollen vor leeren Zuschauerrängen stattfinden. Die Genfer Uhremesse wurde abgesagt.

Zwei Schwererkrankte in Deutschland

Aus Deutschland werden erste Fälle gemeldet. Ein 47-jähriger Mann in Nordrhein-Westfalen soll sich in einem kritischen Zustand befinden. Er weist nach Angaben der Behörden Symptome einer schweren Lungenentzündung auf. Auch seine Frau hat eine Lungenentzündung entwickelt. Trotz Beschwerden hatten die beiden noch an einer Karnevalsitzung teilgenommen. Wo sie sich angesteckt haben, ist unklar. Ihre beiden schulpflichtigen Kinder zeigen zurzeit keine Symptome.

Auch in Baden-Württemberg wird ein Fall bekannt. Ein 25-jähriger Mann hat sich vermutlich auf einer Italienreise in Mailand angesteckt. Er weist grippeähnliche Symptome auf.

Jens Spahn, der deutsche Gesundheitsminister, erklärte: „Wir befinden uns am Anfang einer Corona-Epidemie in Deutschland“. 

Ein Todesopfer in Frankreich

In der Nacht zum Mittwoch starb in Paris ein Mann. Er ist der erste Franzose, der dem Virus erlag. Es handelt sich um einen 60-jährigen Lehrer an einem Collège in Crépy-en-Valois (Oise). Wo er sich angesteckt hat, ist unklar. Er hatte sich nicht in einer kontaminierten Gegend aufgehalten.

Mitte Februar war bereits ein 80-jähriger Chinese in Frankreich am Virus gestorben. Insgesamt sind zurzeit in Frankreich 17 Fälle bekannt.

Eine Frage der Zeit

In Tirol sind zwei Personen am Coronavirus erkrankt. Dabei handelt es sich um zwei 24-jährige, aus der Lombardei stammende Italiener, die in Innsbruck leben. Die beiden seien „nicht lebensbedrohlich“ erkrankt, meldet der ORF, sondern leiden bisher nur an Fieber.

Laut Angaben von Experten ist es eine Frage der Zeit, bis das Virus in fast allen Ländern auftritt. Convid-19 breite sich zurzeit „wie eine Krake“ aus. Laut der WHO werden jetzt ausserhalb von China erstmals mehr neue Fälle registiert als in China selbst. Am drittmeisten Fälle gibt es – nach China und Südkorea – in Italien.

Brescia (Foto: Keystone/EPA/Simone Venezia)
Brescia (Foto: Keystone/EPA/Simone Venezia)

14 Tote in Italien

In zwölf der 20 italienischen Regionen wurden Menschen positiv getestet. Am meisten betroffen sind die Lombardei, das Veneto und die Emilia-Romagna. Inzwischen werden auch Fälle in den Regionen Piemont, Lazio, Sizilien, Ligurien, Toscana, Marken, Apulien, Abbruzzen und Alto Adige gemeldet.

Die Zahl der Toten stieg in Italien am Donnerstag auf 17. 650 Menschen sind vom Virus befallen. Die Zahl steigt fast stündlich.

Auch Minderjährige

Erstmals sind in Italien auch Minderjährige betroffen: Bei acht Kindern in der Lombardei und im Veneto wurde das Virus diagnostiziert. Zwei von ihnen befinden sich noch immer „in befriedigendem Zustand“ im Spital.

Ministerpräsident Giuseppe Conte erklärte, die Gefahr neuer Infizierungen werde noch tagelang weiterbestehen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zeigt sich „sehr besorgt“.

70 Prozent weniger Touristen

In Italien werden die wirtschaftlichen Schäden laut ersten Schätzungen auf Hunderte Millionen Euro geschätzt. Viele Betriebe haben die Produktion eingestellt oder heruntergefahren. Vor allem der Tourismus leidet. Viele Hotels und Restaurants sind fast leer. Zehntausende Hotelbuchungen wurden schon annulliert. Bernabò Bocca, der Präsident der Hotelvereinigung Federalberghi, fürchtet, dass es Millionen sein werden.

Die Römer Zeitung Il Messagero schreibt, die Zahl der Touristen sei um 70 Prozent zurückgegangen. Aufgrund des Virus könnte Italien erneut in eine Rezession schlittern. Der Frühjahrstourismus macht in Italien 30 Prozent des gesamten touristischen Volumens aus. Der Tourismus, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, trägt mit insgesamt rund 227 Milliarden Euro rund 13 Prozent zum italienischen Bruttoinlandsprodukt bei.  3,4 Millionen Menschen sind in der Tourismusbranche tätig, das sind gut 14 Prozent aller Beschäftigten.

Schwankende Börse

Die Mailänder Börse verlor am Montag 5,4 Prozent. „Das Virus infiziert die Börse“ schrieb am Dienstag La Repubblica. An einem Tag seien 30 Milliarden Euro verbrannt worden. Am Dienstag schloss die Mailänder Börse nach dem „Schwarzen Montag“ mit einem Minus von 1,44 Prozent.

Am Mittwoch stürzte der FTSE MIB, der italienische Leitindex, zunächst ab, erholte sich dann aber im Laufe des Tages und schloss bei 1,44 Prozent im Plus. Am Donnerstag schloss die Börse 2,6 Prozent im Minus.

„Nicht übertreiben“

95 Prozent der Angesteckten könnten geheilt werden, erklärte in Rom Walter Ricciardi, Direktor im italienischen Gesundheitsministerium und Mitglied des Executive Board der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Der grosse Alarm müsse „redimensioniert" werden. Man solle die Gefahr nicht unterschätzen, aber auch nicht übertreiben.

Auf 100 Angesteckte würden 80 spontan geheilt. 15 hätten ernsthafte Probleme, die aber im Spital erfolgreich behandelt werden könnten. 5 Prozent würden sterben. Ricciardi wies darauf hin, dass die bisher Verstorbenen bereits vorher ernsthafte gesundheitliche Probleme hatten.

Polemik

Wie in Italien nicht anders zu erwarten, löst die Verbreitung des Virus eine wüste politische Polemik aus. Die oppositionelle Lega wirft der Regierung vor, die Lage nicht im Griff zu haben und chaotisch reagiert zu haben. Ministerpräsident Giuseppe Conte seinerseits macht das Spital von Codogno dafür verantwortlich, zu spät reagiert zu haben und Verdachtsfälle nicht gemeldet oder nicht richtig behandelt zu haben. Das Spital weist die Vorwürfe vehement zurück. Conte kritisiert auch, wie die regionalen Behörden mit der Seuche umgehen und will ihnen Kompetenzen entziehen.

In den Sozialen Medien tauchen viele alarmistische Fake News auf, deren Ziel es ist, Panik zu verbreiten. So hiess es, die Schulen in ganz Italien seien geschlossen, was falsch ist. Vor allem Kreise, die der Regierung und den Behörden feindlich gesinnt sind, versuchen mit irreführenden Meldungen die Bevölkerung zu verunsichern.

Geschlossene Kirchen, geschlossene Universitäten und Schulen

Die meisten Universitäten in der Lombardei, im Veneto und im Piemont sind geschlossen, ebenso die Universität Ferrara in der Emilia-Romagna. Auch Schulen sind geschlossen – allein in der Lombardei 5'500. Alle Schulreisen sind abgesagt. Die Gerichtsbehörden in Mailand haben den Betrieb eingestellt.

Die Behörden rufen die Bevölkerung auf, Menschenansammlungen zu meiden. Messen werden in der ganzen Lombardei keine gelesen. Der Dom von Mailand ist geschlossen. Alle Katakomben in Italien können nicht besucht werden.

Pausierende Sardinen

Fussballspiele werden vermutlich auch am kommenden Sonntag abgesagt. Bereits am vergangenen Wochenende fanden die Partien der Serie A nicht statt.

Zwei geplante Demonstrationen der „Sardinen“ Anfang März in Grosseto und Florenz wurden verschoben. Der Karneval in Venedig, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, wurde abgesagt.

Venedig: Kein Karneval (Foto: Keystone/EPA)
Venedig: Kein Karneval (Foto: Keystone/EPA)

„Psychose“

Da und dort greift Panik um sich. In Rom und Mailand gibt es Menschen, die zu Fuss zur Arbeit gehen und nicht in Busse oder in die Metro steigen. Die Behörden riefen dazu auf, Menschenansammlungen zu meiden. Schülerinnen und Schüler weigern sich, zur Schule zu gehen. Laut Angaben von Römer Journalisten melden sich viele Menschen krank, um zu Hause bleiben zu können.

Bereits am Sonntag waren einige Supermärkte regelrecht überfallen und fast leergekauft worden. Schutzmasken sind kaum noch erhältlich. Nicht nur in der Lombardei decken sich Menschen mit Hamsterkäufen ein. Die Zeitung La Repubblica spricht von einer „Psychose“.

Ein Supermarkt in Pioltello bei Mailand: Leere Gestelle nach Hamsterkäufen. (Foto: Keystone/EPA/Andrea Canali)
Ein Supermarkt in Pioltello bei Mailand: Leere Gestelle nach Hamsterkäufen. (Foto: Keystone/EPA/Andrea Canali)

Die in Mailand geplanten Herbst-Winter-2020/2021-Modeschauen von Laura Biagiotti und Giorgio Armani waren annulliert worden.

Eine Apothekerin bedient eine Kundin in Codogno in der Lombardei. (Foto: Keystone/EPA/Ansa/Matteo Corner)
Eine Apothekerin bedient eine Kundin in Codogno in der Lombardei. (Foto: Keystone/EPA/Ansa/Matteo Corner)

Elf Gemeinden in der Region Casalpusterlengo, Codogno, Lodi, Piacenza und Cremona wurden unter Quarantäne gestellt. Die Polizei hat Strassensperren errichtet. 50'000 Bürgerinnen und Bürgern ist es verboten, ihre Gemeinde zu verlassen. Besucher dürfen das Gebiet nicht betreten. In Casalpusterlengo bei Codogno wurden die Bürgerinnen und Bürger aufgefordert, zu Hause zu bleiben.

Casalpusterlengo
Casalpusterlengo

(J21)

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Kommentare

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Gutes Titelbild, an welches archetypisches Bild erinnert uns der Herr mit den Handschuhen noch gleich, aber mit einer Spitzmaske? Und merci für den Hinweis auf Israel und Wikipedia: "Am 25. Februar 2020 wurde bekannt, dass der stellvertretende iranische Minister für Gesundheit Iraj Harirchi, der tags zuvor bestritten hatte, das Ausmaß des Ausbruchs zu vertuschen, sowie ein iranisches Parlamentsmitglied positiv auf das Coronavirus getestet wurden." Scheinbar verbreitet sich das Virus also sogar telepathisch und durch aktive Imagination. Wer hätte "es" dazu auch noch mal so richtig verdient? Leider nimmt das Virus keine Rücksicht auf Parteizugehörigkeit, Gesinnungsgenossenschaft und ungesühnte Verbrechen. Schade, die hätten das verdient, aber könnten tot halt nicht mehr zu Einsicht, Reue, Wiedergutmachung und Verbesserung gelangen. Hoffen wir also weiter auf das Gute im Menschen.

Man kann allen Betroffenen nur gute Besserung wünschen und hoffen, dass bald ein Heilmittel gefunden wird. Und man ist froh, dass es endlich wieder ein neues Thema gibt, an dem sich die Sensationspresse wochenlang als das aktuelle Weltuntergangsthema abarbeiten kann. Trump, Syrien und Klima taugten nach der langen Zeit einfach nicht mehr.

Mehr Sorgen als Italien macht derzeit der Iran. Entweder ist das Virus dort mutiert und deutlich tödlicher geworden oder man hat dort viel mehr infizierte Menschen als offiziell angegeben wird. Klar ist jedenfalls, dass die Zahlen nicht mit dem übereinstimmen, was man woanders beobachten kann.

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