Wie der verstorbene Lega-Chef das Tessin verändert hat

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Wie der verstorbene Lega-Chef das Tessin verändert hat

Von Barbara Hofmann, Contone - 22.03.2013

Er war der personifizierte Regelverstoss und einer der bekanntesten Politiker des Tessins: Giuliano Bignasca. Wie kaum ein anderer hat er die helvetische „Sonnenstube“ in den letzten zwei Jahrzehnten verändert.

Diese Woche hat das Tessiner Verwaltungsgericht entschieden, dass der tote Präsident auf Lebenszeit Giuliano Bignasca auf der Liste der Luganeser Stadtratswahlen bleiben darf. Dies, ebenso wie die vehemente Debatte zuvor und die Tausende Besucher seiner Beerdigung waren der letzte Coup des Lega-Präsidenten. Titel: Hauptsache Aufmerksamkeit.

Eine lebende Provokation

Er selber starb mausallein in seiner kleinen Wohnung bei Lugano. Nachdem er noch einen lustigen Abend mit Freunden und Kollegen verbracht hatte, erlag der Präsident der Lega die Ticinesi, völlig überraschend im Alter von 67 Jahren einem Herzstillstand. Die Trauer im Tessin war und ist noch immer riesengroß – und Knall auf Fall hat sich Bignasca auch wieder ins Deutschschweizer Bewusstsein befördert.

Ausserhalb des Tessin reibt man sich wieder mal nur verwundert die Augen: Was faszinierte so viele TessinerInnen so sehr an „Nano“, dem Zwerg, wie er landläufig genannt wurde? Sein Aussehen und seine derbe, oft verletzende Sprache, sein Kokainkonsum und seine Vorstrafen – der Mann war eine lebende Provokation. Wie kommt es, dass an seiner Beerdigung nochmals Tausende für ihn auf die Straße gingen, dass gestandene, im Politgeschäft knallhart agierende, Männer sich ob seines Todes fassungslos weinend umarmten? Weshalb hängt man im Tessin so sehr an ihm – oder ist es tatsächlich nur Stimmenfängerei, wenn sein Name nun post mortem auf der Kandidatenliste für die Luganeser Stadtratswahlen bleiben soll?

Den Kanton verändert ohne regiert zu haben

Bignasca wäre sicherlich alles recht - Hauptsache es erregt Aufsehen und verhilft seiner Bewegung zu steter Öffentlichkeit. Der Mann prägte 22 Jahre lang das Tessin, wie wohl niemand vor ihm, er wurde zu einem unauslöschlichen Teil der Tessiner Identität. „Er veränderte das Tessin ohne es regiert zu haben“, wie ein Tessiner Journalist anlässlich eines Nachrufs titelte.

Als er vor zweiundzwanzig Jahren zusammen mit dem Journalisten und Kabarettisten Flavio Maspoli und einem weiteren Gleichgesinnten die Lega dei Ticinesi gründete, ernannten ihn die beiden zum Präsidenten auf Lebenszeit, und er sie umgekehrt zum Vizepräsidenten, respektive Sekretär. Ihre Bewegung Lega dei Ticinesi (Liga der Tessiner)entstand zu einer Zeit, als im Tessin die etablierten Parteien - FDP, CVP und auch die SP - die Macht, die Ämter, den Einfluss und oft auch die beruflichen Chancen fein säuberlich unter sich aufgeteilt hatten. Ein Grossteil der Bürgerinnen und Bürger sah sich aber völlig von der Verteilung des Kuchens ausgeschlossen.

Ein grober Keil auf einen groben Klotz

Familiäre Bande hielten das politische Netz fest zusammen, jeder Neugeborene erhielt mit dem Geburtsschein auch bereits das Parteibuch, berufliche Karrieren waren ohne die richtige Parteizugehörigkeit fast nicht möglich, Staatsposten und gute Aufträge teilte man „unter sich“ auf, auch die Freizeit verbrachte man unter Seinesgleichen.

Wer Fehler machte, wurde von der eigenen Partei geschützt, bestechungsähnliche „Belohnungen“ waren an der Tagesordnung. Für die Tessiner Bevölkerung schienen die Verhältnisse in Stein gemeisselt, Änderung war nicht in Sicht. Die zuvor sehr lebendige Linke hatte 1987 einen Regierungssitz erobert und benahm sich von da an systemkonform, um eifrig ihr politisches Verantwortungsbewusstsein zu demonstrieren.

In diese versteinerte Situation kam der gelernte Steinmetz Giuliano Bignasca, setzte einen groben Keil auf einen groben Klotz und entwickelte sofort eine enorme Sprengkraft.

Grobe Beschimpfungen in der Gratiszeitung

Im März 1990 gründete er zuerst den „Mattino della Domenica“; eine Gratiszeitung, die im pressereichen Tessin gleich die grösste Auflage erreichte. Dort wurden nicht nur Politiker, Chefbeamte und Staatsräte in Dialekt aufs Gröbste beschimpft, oder in deftigen Karikaturen und Wortspielen der Lächerlichkeit preisgegeben - dort wurden auch konkrete Forderungen gestellt, wie eine Einheitskrankenkasse fürs Tessin, niedrigere Hypothekarzinsen oder ein Stopp der restriktiven Geldpolitik der Schweizer Nationalbank.

Die stammtischsprachliche Kritik an den oberen Tessiner Schichten ließ quasi einen lang eingesperrten Tessiner Flaschengeist frei. Das Gratisblatt fand reissenden Absatz, wurde gelesen und diskutiert. Als Bignasca nach kurzer Zeit feststellte, dass mit einer Zeitung allein noch keine politische Veränderung zu bewirken war, gründete er die Bewegung „Lega dei Ticinesi“. Das Gründungsprotokoll der Lega umfasst nicht mal ein Dutzend Zeilen, es gibt keine Statuten, es gibt keine Parteitage und auch keine regelmäßigen Sitzungen. Wahlkampf findet bei der Lega grundsätzlich immer statt. Das Leitmedium dafür blieb das Sonntagsblatt Mattino della Domenica, das Bignasca weithin selber finanzierte.

Fast immer jenseits des guten Geschmacks

Dort wurden weiterhin Politiker verunglimpft, fremdenfeindliche Parolen geschwungen, abstruseste Forderungen kundgetan. Manchmal rhetorisch brillant, oft in Fäkalsprache; fast immer jenseits jedes guten Geschmacks. Das Blatt kanalisierte den latenten Zorn all derer, die im Tessin überzeugt sind, nichts zu sagen zu haben und sich einer diffusen Fremdbestimmung unterworfen sehen. Die Lega wiederum versammelte eine bunte Mischung an Menschen hinter sich, die sich in den klassischen Parteien nicht zuhause fühlten.

So ein buntes Sammelsurium an Forderungen kam gut an in einem Kanton, der eine der höchsten Arbeitslosenquoten und sogenannter „working poor“ aufweist, und wo Tausende, die ihre Krankenkassenprämien nicht mehr bezahlen können, regelmässig das Sozialdepartement beschäftigen.

Die Bewegung, die sich wie eine Partei gebärdet, ist derartig gestaltlos, dass sie es schafft, gleichzeitig fremdenfeindliche Positionen einzunehmen, sich reflexhaft gegen alles zu wenden, was mit Europa zu tun hat, für eine 13. AHV-Rente zu kämpfen, eine Einheitskrankenkasse und niedrigere Krankenkassenprämien zu fordern und das Bankgeheimnis ebenso wie den Finanzplatz zu verteidigen. Sie will keine Kohle zur Energiegewinnung, mehr Arbeitsplätze für Junge, mehr Sicherheit an der Grenze und keine italienischen Grenzgänger.

Viele Male totgesagt

Die Lega nimmt sich aller wunden Punkte der Tessiner an und offeriert Lösungen – oft absurd anmutende, wie die einer fünf Meter hohen Mauer, die der Bauunternehmer Bignasca an der Grenze zu Italien errichten wollte.

Die Partei, die eigentlich eine Bewegung ist, wurde viel Male totgesagt, erhob sich aber immer wieder wie Phönix aus der Asche und wurde zur stärksten Partei des Kantons. Jenseits des Gotthards wurde sie nie ernst genommen – was allerdings auch mit dem klassischen, leicht herablassenden Deutschschweizer Verhältnis zur „Sonnenstube“ zu tun haben dürfte.

Gegen Grenzgänger und die EU

Für FDP-Nationalrat Ignazio Cassis ist der Südschweizer Störfaktor Lega Teil eines internationalen Phänomens. „Auch in Italien, in Frankreich, in Nordeuropa gibt es solche Bewegungen. Sie greifen die Ängste der Bevölkerung auf, während die andern Parteien sich – wie auch im Tessin – den Luxus erlauben, darüber zu streiten „welches Geschlecht die Engel haben“ – das heißt, völlig an den Leuten vorbei zu politisieren.“ Die Globalisierung erzeugt wie überall in Randregionen wachsende Ängste, so die die Publizistin Monica Piffaretti, ehemalige Direktorin der Tageszeitung „La Regione“. Sie ortet ein generelles Unbehagen im Kanton, das aber eigentlich schlimmer sei als die reale Lage.

Dieses Unbehagen griff im Tessin die Lega die Ticinesi auf und kochte daraus ihr eigenes politisches Süppchen. Chefkoch war unbestritten der polternde, mit Fäkalausdrücken um sich werfende und jegliche Konvention missachtende Giuliano Bignasca. Über die Jahre entwickelte sich ein zunehmend rauer Umgangston in der gesamten Tessiner Politik.

Auch der früher nur latent vorhandene Rassismus brach sich Bahn, da sich die Lega generell gegen die Präsenz von Ausländern wandte, insbesondere aber die Frontalieri, die Grenzgänger, bekämpfte. Dass die Tessiner sich letztlich strikt gegen die EU und die bilateralen Verträge stellten, ist ebenfalls Bignasca und Co zuzuschreiben. Sie gaben hier wie auch in anderen politischen Fragen den offenen oder versteckten Ängsten der Bevölkerung eine Stimme.

Bauunternehmer und Zeitungsmacher

Ich erinnere mich an eines der letzten Male, als ich Bignasca begegnete. Klein, voluminös, zur Unterstützung der immer schnellen Bewegungen mit den Armen rudernd ,quetschte er mich, die Journalistin, die ihm politisch immer konträr gegenüberstand, zur Begrüssung unvermittelt an die Brust, küsst die etwas derangiert nach Luft Schnappende herzhaft auf beide Wangen. „Ciao cara, hab dich lange nicht gesehen!“

Er legte seiner Spontaneität und seinen Sympathien nie Zügel an, der Bauunternehmer aus dem Luganeser Quartier Molino Nuovo. Im Sitzungszimmer der Luganeser Via Monte Boglia 3, dem Sitz der Bauunternehmung A.u.G. Bignasca, einer der grössten Bauunternehmungen des Kanton Tessin, wird die Politik der Lega gedrechselt und der Mattino zusammen gebaut. Wobei das A. für Bruder Attilio Bignasca steht, der für das Tessin auch im Nationalrat sass.

Im Erdgeschoss arbeitet die Redaktion von Giuliano Bignascas Sonntagszeitung „Mattino della domenica“. Im ersten Stock residierte der Bauunternehmer und Verleger Giuliano Bignasca selbst. Er diskutierte engagiert mit der Redaktion, skizzierte, schrieb Zahlen auf, war immer in Bewegung, die Leibesfülle maskierte kaum den stets agilen Verstand des 67jährigen, zu dessen Markenzeichen offen-legere Poloshirts und nicht immer frisch gewaschene lange graue Haare gehörten. An der Wand hingen ausdrucksstarke abstrakte Gemälde und auch die Bilder der Grosseltern Bignasca. Die Familie war seit Jahrhunderten im Tessin als Natursteinhändler aktiv.

Mit Charisma Bewegung nach rechts

Doch dann brachte er die Probleme des Tessin schnell auf den Punkt: „Die Leute brauchen Arbeit. Dann müssen sie auch keine staatliche Unterstützung beantragen und sind weniger depressiv – das heißt, sie brauchen weniger Psychologen. So sparen wir mehrfach: Bei der Arbeitslosenkasse, bei der Krankenkasse und bei der Invalidenversicherung“. Es macht keinen Sinn alle Arbeit an die Grenzgänger zu geben.

Seine Sprache und seine Schlussfolgerungen verstand jeder. Die Ventilfunktion dieses Mannes und seiner Bewegung politisierte somit viele, die sich zuvor nie mit Politik beschäftigt hatten, sondern nur „die Faust im Sack „ machten. Hätte die Linke eine ebenso charismatische Führerfigur gehabt, wäre sicherlich ein Grossteil dieser Menschen nicht so stark nach rechts geschwappt.

Eine Ahnung davon bekam man beim Streik der Bahnarbeiter 2008 als der linke Bähnler Giovanni Frizzo Tausende Menschen auf die Strasse brachte und es schaffte, dass die SBB ob des massiven Widerstands gegen eine Schliessung der SBB-Werkstätten in Bellinzona klein beigeben mussten.

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