Weihnachtliches zu Sex und Kirche

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Weihnachtliches zu Sex und Kirche

Von Gastkommentar, 24.12.2011

Der junge Mensch werde durch die Sexualerziehung an Schweizer Schulen „von der christlichen Haltung in Fragen der Sexualität entfremdet“ und gerate „in den Sog der Abhängigkeit von seinem Geschlechtstrieb“, schreibt der Churer Bischof Vitus Huonder in seinem „Wort zum Tag der Menschenrechte vom 10. Dezember 2011“.

Es sei zwar kein Problem, wenn die Schule beispielsweise über Aids informiere, sagte er in einem vorausgehenden Interview mit der „NZZ am Sonntag“ vom 4. Dezember. „Höchst problematisch“ werde es aber, wenn als Schutzmassnahme die Verwendung von Kondomen empfohlen werde – von Keuschheit und Enthaltsamkeit sei dagegen nirgends die Rede, wie er im Hirtenbrief beifügt. Das sei ein Eingriff in die religiöse Freiheit und Erziehungshoheit der Eltern. Daraus folgert Bischof Huonder ein Widerstandsrecht der Eltern, ihre Kinder unter Umständen vom schulischen Sexualunterricht dispensieren zu lassen. Er beruft sich dafür auf vatikanische Dokumente und auf das göttliche Recht, das allen Menschenrechten vorausgehe.

Eher ungewöhnlich für kirchliche Verhältnisse hat sich darauf in der „Sonntagszeitung“ vom 11. Dezember der Basler Bischof Felix Gmür zu Wort gemeldet. Er versucht den scharfen Ton des Churer Hirtenbriefs zu dämpfen und sieht „keinen Grund“ für eine Abmeldung vom Sexualkundeunterricht, „wenn die Schule die verschiedenen Aspekte der Sexualität darlegt, biologische, psychische, emotionale, soziale, auch Aspekte der Macht und des Machtgefälles“. Im Unterschied zu seinem Churer Amtsbruder erwartet Bischof Gmür offensichtlich nicht, dass staatliche Schulen ausschliesslich die reine kirchliche Lehre vertreten müssten, um von katholischen Kindern besucht werden zu dürfen.

Göttliches Recht?

Hinter der Debatte der beiden Bischöfe stehen keine Differenzen über die Grundsätze der kirchlichen Sexuallehre, wohl aber über deren Verkündigung vis-à-vis einer (auch kirchlichen) Öffentlichkeit, die in sexuellen Belangen anders denkt und lebt. Der Streit erinnert an die Auseinandersetzung um die Enzyklika „Humanae vitae“ von 1968, worin Papst Paul VI. die sogenannt künstlichen Methoden der Empfängnisverhütung (Pille, Kondome, usw.) verurteilte, worauf sich die Deutsche Bischofskonferenz mit einem eigenen Schreiben an ihre Leute wandte und an die Gewissensfreiheit der Eltern erinnerte. Nicht jede Detailfrage der Ethik betrifft ja gleich die Grundfesten des Glaubens. Wer hingegen jede Regel direkt mit göttlichem Recht verknüpft, setzt jede andere Sicht und Lebensart ins Unrecht und verurteilt sie im Namen Gottes. Wenn Bischof Huonder eine staatlich verordnete Sexualerziehung anprangert, muss er sich fragen lassen, wie weit nicht er selber seine Sicht der kirchlichen Sexuallehre landesweit auf dem Verordnungsweg durchsetzen möchte.

Niemand erwartet, dass die Kirche die heute manchenorts gelebte Sexualität kritiklos gutheisst. So wirkt die mit den neuen Methoden der Empfängnisverhütung relativ sichere Trennung von geschlechtlicher Vereinigung und Fortpflanzung nicht nur befreiend. Wo schon kurzfristige Begegnungen zum sexuellen Akt führen und gleich wieder enden, wird die in der Sexualität liegende Bindekraft banalisiert. Gerade bei jugendlichen Paaren erwachsen aus der Möglichkeit scheinbar folgenloser Sexualität auch Vollzugszwänge, da ja nichts „passieren“ kann. Auch das manchenorts mit Gewalt verbundene Erscheinungsbild der Sexualität fördert das gute Image nicht. Dazu gehört der Einsatz von Vergewaltigungen als Kriegswaffe, der mit der Prostitution verbundene Frauenhandel, das Ineinander von Sex und Gewalt in vielen Filmen und anderen künstlerischen Darstellungen. Wenn die Kirche vor diesem Hintergrund Sexualität kritisch hinterfragt und deren innere Verbindung mit der Liebe als Leitmotiv hochhält, ist dies durchaus ein Schritt zur Humanisierung. Auch die Ehe als dafür passenden Ort zu bezeichnen, ist gewiss nicht abwegig.

Über alle Kritik erhaben ist aber auch die kirchliche Sexuallehre nicht. Vor allem der Kirchenlehrer Augustinus (354–430) hat mit seiner Deutung der sexuellen Lust als Übertragungsvirus der Erbsünde ein schweres Erbe hinterlassen. Eine unverkrampfte Sicht der Sexualität hat es seitdem in der Kirche schwer; ihr einzig legitimer Ort ist die Ehe im Blick auf die Fortpflanzung. Für alle anderen Lebenslagen bleibt die Enthaltsamkeit die einzig gültige Maxime.

Der eingefleischte Mensch

Die Kirche verbaut sich mit ihrer fundamental getrübten Sicht der Sexualität selbst die Chance, mit berechtigten Anliegen beachtet zu werden. Dabei kennt die kirchliche Tradition durchaus andere Stimmen. Das Geschlecht sei „die Wohnung der Liebe“, schrieb die heilige Hildegard von Bingen (1098–1179) und gab so der Sexualität eine eigene Würde gegenüber deren Verteufelung als Eingangspforte der Sünde. Sexualität als mögliche Wohnung der Liebe klingt auch offener als die Sicht der Ehe als exklusive Wohnung der Sexualität.

Auch die biblischen Quellen zeigen ein freundliches Bild der Sexualität, ohne sich den Blick für deren Verirrungen trüben zu lassen. Man denke etwa an König David, dem eines Abends zufällig die ihm vorher unbekannte Batseba ins Auge sticht. Im Wissen um seine Macht zitiert er die Frau in seinen Palast, schwängert sie und lässt darauf ihren auf einem Kriegszug befindlichen Gatten derart an die Front stellen, dass er umkommen muss. Erst als ihm der Prophet Natan die verbrecherische Seite dieses Verhaltens bewusst macht, kommt David zur Besinnung. Im selben Stil wird über Inzest und Vergewaltigungen und ihre zerstörerischen Folgen berichtet.

Dennoch geniesst die Sexualität hohe Wertschätzung. Der Mensch ist Abbild Gottes „als Mann und Frau“, hält die Schöpfungsgeschichte gleich am Anfang der Bibel fest. Das Hohelied besingt die Faszination, die Mann und Frau füreinander empfinden, in erotischen Bildern ohnegleichen. Die spätere Deutung hat darin zudem ein Gleichnis für Gottes Gefühle gegenüber seiner Schöpfung erkannt. Die Liturgie von Weihnachten greift diesen Faden auf und zitiert in einer Lesung des Heiligabends den Propheten Jesaia, der das das Verhältnis Gottes zu seinem Volk mit den Gefühlen eines Liebhabers vergleicht: „Wie der junge Mann sich mit der jungen Frau vermählt, so vermählt sich mit dir dein Schöpfer. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich Gott über dich.“ Und das Johannes-Evangelium vom Weihnachtstag spricht vom Wort Gottes, das in Jesus Christus „Fleisch geworden“ ist. Die darin begründete Inkarnationstheologie ist ein Anker gegen jede weltfremde Vergeistigung des christlichen Glaubens. Sie gehört auch zu den Grundsätzen einer biblisch begründeten Sexualmoral.

Viktor Dormann

Viktor Dormann ist katholischer Theologe und Publizist. Er war Pfarrer von Laufen (BL), hat geheiratet und das ihm anvertraute Priesteramt zurückgegeben. Er war sieben Jahre lang Chefredaktor der katholischen Wochenzeitschrift "Sonntag". Von 1995 bis 1996 gehörte er zum Team der Sendung «Wort zum Sonntag» des Schweizer Fernsehens SF.

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