Was pädagogische Leidenschaft bewirken kann

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Was pädagogische Leidenschaft bewirken kann

Von Carl Bossard, 05.03.2017

Wer in Biografien blättert und bei Schriftstellern schmökert, spürt sie immer wieder: die pädagogische Leidenschaft. Auf Spurensuche nach einem vergessenen Begriff.

In seinen „Schulmeistereien“ erzählt Peter Bichsel, wie er augenblicklich in seine Erstklasslehrerin verliebt gewesen sei. Der kleine Knirps mochte sie, die passionierte Person, und noch Jahre später konnte er ihr Kleid beschreiben. [1] Das sei für ihn, so Bichsel, die einzige Erklärung, warum er kein Schulversager wurde. Vielen erging es ähnlich. Auch dem grossen Philosophen Sir Karl R. Popper. Darum widmete er die Autobiografie seiner Lehrerin Emma Goldberger. Ihr und ihrer pädagogischen Leidenschaft verdanke er sein ganzes Denken und damit eigentlich alles, schreibt er.

Von dem, was immer gilt

Eines wird bei beiden Lehrerinnen sofort spürbar: das leidenschaftliche pädagogische Ethos für ihren Beruf und die jungen Menschen oder – vielleicht etwas pathetisch formuliert – die Liebe zur Aufgabe. Die zwei Geschichten erzählen vom inneren Impetus, der diese Pädagoginnen zu ihrem Handeln bewegt.

Es sind veraltete Begriffe, entsorgt in der pädagogischen Mottenkiste. Die aktuelle Bildungssprache kennt sie kaum; im Diskurs um die professionellen Lehrer-Kompetenzen kommen sie nicht vor. Doch es sind Werte ohne Verfallsdatum – alt zwar, das sei zugegeben, doch unbeschadet ihres Alters nicht veraltet. Ganz im Gegenteil. Aktuelle Studien aus der Wirkungsforschung und der Neurobiologie rehabilitieren sie.

Der unterschätzte Einfluss der Lehrkräfte

Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie untersuchte über viele Jahre rund 800 Metastudien. Sie alle kreisen um die kardinale Frage, welches die wichtigsten Grössen für guten Unterricht sind. Der Hochschullehrer ordnet den einzelnen Faktoren Effektwerte zu. Die Sprengkraft erhält Hatties Studie „Visible Learning“ zum einen aus ihrer einmaligen wissenschaftlichen Breite: Hatties Forscherarbeit liegen mehr als 80‘000 Einzelstudien zugrunde. In seine Ergebnisse fliessen die Erfahrungen mit 250 Millionen Schülern ein. Darum kann er empirisch nachweisen, was er normativ einfordert. [2]

Zum anderen zeigt sich eine fast schon verwirrende Klarheit an Ergebnissen, die Hatties Mammut-Studie zutage fördert. Die Euphorie um eigenverantwortliches Arbeiten oder ums Lernen ohne Lehrperson (LoL) ist kritisch zu hinterfragen. Was zählt, ist die einzelne Lehrkraft, sagt John Hattie, die vital präsente Lehrerin, der vertrauenswürdige Lehrer und ihr Unterricht. Wie bereiten sie den Stoff auf? Erreichen sie die Kinder und ermutigen sie? Wie stringent lenkt die Lehrerin durch die Lektion, und wie genau gibt sie Feedback? Kann sich der Lehrer für das, was er unterrichtet, selber begeistern?

Der Praxistest

Wem dies zu theoretisch klingt, frage bei Dichtern nach. Auch bei ihnen taucht es immer wieder auf, dieses Zauberwort: begeistern, entflammen. „Ansteckend [und] mitreissend“ sei er gewesen, schreibt der Zuger Schriftsteller Thomas Hürlimann über seinen Physiklehrer an der Stiftsschule Einsiedeln, Pater Kassian Etter, „verliebt [und] verbohrt in sein Fach“. Darum verstand er es, „sogar mich für physikalische Vorgängen und Formeln zu begeistern. Er war ein exzellenter Lehrer, weil er uns mit seiner Leidenschaft ansteckte.“ [3] Und Hürlimann fügt bei: P. Kassian führte uns Jugendliche „aus Platons Höhle nach oben, zu den Sternen, zu den Göttern.“

Das Geheimnis dieses Erfolgs lässt sich wahrscheinlich auch neurologisch erklären – mit den Spiegelneuronen. Der Hirnforscher und Mediziner Joachim Bauer schreibt, die Motivationssysteme des menschlichen Gehirns würden in erster Linie durch „Beachtung, Interesse, Zuwendung und Sympathie anderer Menschen aktiviert. Die stärkste Motivationsdroge für den Menschen ist der andere Mensch.“ [4]

Von der Leidenschaft für die Welt

Die Leidenschaft für den pädagogischen Auftrag resultiere aus der Leidenschaft für die Welt und aus einem lebendigen Interesse an der Sache und am jungen Menschen. Davon war Hannah Arendt, die kluge Politphilosophin und Publizistin, zutiefst überzeugt. Das lebte und verkörperte der Physiklehrer P. Kassian.

In dieser Leidenschaft zeigt sich die alte Idee der Pädagogik: die Lehrerin als Brückenbauerin zur Welt, der Lehrer als Expeditionsleiter, als Chauffeur ins Leben. Denn es gehört zu den Merkwürdigkeiten der modernen Medien, dass die vielen Informationen nicht unbedingt das Verständnis fördern. Im Gegenteil! Es braucht Personen, die uns zu Verstehenden machen und uns die Welt nahebringen.

Pädagogisches Ethos als Triebfeder

Emma Goldberger wie P. Kassian würden ihren lernwirksamen und schülergerechten Unterricht ganz ohne spiegelneuronalen Überbau erklären, sonst aber ziemlich das Gleiche sagen wie der Wissenschaftler Joachim Bauer: Entscheidend für ihr Wirken seien fachlicher Anspruch und charmante Autorität, Energie und Empathie, Leidenschaft und Liebe gewesen, eben: spürbare Passion für ihren Beruf und wertschätzender Respekt den Schülerinnen und Schülern gegenüber.

Bichsels und Camus‘ leidenschaftliche Lehrer

Ein solches Lehrerporträt zeichnet der Literaturnobelpreisträger Albert Camus in seinem autobiografischen Werk „Der erste Mensch“. Von Monsieur Bernard sagt Camus, er sei „aus dem einfachen Grund, dass er seinen Beruf leidenschaftlich liebte, ständig interessant“ gewesen. In seiner Klasse fühlten die Kinder „zum ersten Mal, dass sie existierten und Gegenstand höchster Achtung waren: Man hielt sie für würdig, die Welt zu entdecken.“ Monsieur Bernards Methode bestand darin, „im Betragen nichts durchgehen zu lassen und seinen Unterricht lebendig und amüsant zu machen“. [5] Straff-locker war dieser Unterricht, eingebettet in ein unterstützendes Lernklima, geleitet von einer lehrerzentrierten Schülerorientierung.

Albert Camus verehrte seinen Lehrer; Peter Bichsel war in seine Lehrerin verliebt und Thomas Hürlimann vom Physikdozenten fasziniert. Camus‘ Lehrer, Bichsels Lehrerin und Hürlimanns Pater wirkten auf ihre Schülerinnen und Schüler. Und wie! Auf sie kam es an und auf ihren Unterricht. Die drei Porträts machen es sichtbar, wie wirksam sie mit ihrer Leidenschaft für die Welt und die jungen Menschen waren. Solche Lehrer würde jede Schulleitung engagieren, und John Hattie gäbe allen drei maximale Werte. Von den Kindern und Jugendlichen ganz zu schweigen.

Leidenschaft – ein veralteter Begriff, doch zeitlos und darum zeitgemäss.

[1] Peter Bichsel (1985). Schulmeistereien. Darmstadt: Hermann Luchterhand Verlag, p. 15

[2] John A. C. Hattie (2014), Lernen sichtbar machen. Überarbeitete und erweiterte deutschsprachige Ausgabe von "Visible Learning", besorgt von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren

[3] „Die pädagogische Provinz“, in: Thomas Hürlimann (2008), Der Sprung in den Papierkorb. Geschichten, Gedanken und Notizen am Rand. Zürich: Amann Verlag, p. 109f.

[4] Ludger Kowal-Summek (2016), Neurowissenschaften und Musikpädagogik. Klärungsversuche und Praxisbezüge. Köln: Springer, p. 141

[5] in: Albert Camus, Der erste Mensch. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH 1997, p. 125, 128

Kommentare

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Leidenschaft kann auch als Facette dessen gesehen werden, was der Soziologe Hartmut Rosa als Resonanz bezeichnet. Resonanz als Form zweiseitig antwortender Weltbeziehungen, die auf intrinsischer Motivation und Selbstwirksamkeitserwartungen und -erfahrungen beruhen. Resonanz als Gegenbegriff zum Begriff der Entfremdung, einer Atmosphäre, die durch das Fehlen von Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns gekennzeichnet ist. Lehrer zweifeln an Schülern, Schüler verstehen den Lehrer nicht, der behandelte Stoff scheint Lehrern und Schülern fremd. Unsere alltägliche Normalität ist voll von Entfremdungserfahrungen wie Stress, Zynismus und Burn-out. Leidenschaft und Resonanz gepaart mit intellektueller Redlichkeit könnten hier Wunder wirken.

Austrocknung …. wo die Liebe fehlt! Routine führt zu Dehydrierung, manchmal zum Verdursten.
Lange Nacht in den Museen! Man stelle sich vor, Besuch im museumpädagogischen Alltag. Überall hingen nur noch die Rahmen, die Bilder wohlgeschützt in unterirdischen Räumen. Die Führung vermittelt uns zwar hier hinge die Mona Lisa, die kennt ihr ja! Schön nicht? Gehen wir zum nächsten Bild, sprich nur Rahmen. Nun, diesen Inhalt kennt ihr auch oder er würde uns schnell kalt vermittelt, aber das Bild würde fehlen. Die Strahlkraft des Bildes macht es doch aus, darum nennt man es Bildung. Heraufholen wäre angesagt, eine Präsentation der Bilder des wirklichen Lebens. Befreiung aus den Katakomben der Dunkelheit. Kinder und Jugendliche erahnen das Licht, die Wucht der Ausstrahlung von Realität und einer Wirklichkeit vor der sich viele Erwachsene ängstigen. Es bräuchte ein wenig Mut Kinderfragen ehrlich zu beantworten, sie zu begeistern und ihren Forschungstrieb zu aktivieren, würde sie aber mit Sicherheit stärken. Die schaffen das, besser als man denkt. Gwundrig machen nennt man das, wie alles zusammenhängt, warum alles Eins ist. Da bekommst du immerhin einen gut gefüllten Werkzeugkasten, aber die Aufträge fehlen. Begeisterung kommt von Geist und Liebe, wird zum Motor, zum Antrieb für ein erfülltes Leben…. cathari

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