Vier Fronten im Krieg gegen den IS

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Vier Fronten im Krieg gegen den IS

Von Arnold Hottinger, 27.05.2016

Der selbst erklärte Islamische Staat (IS) wird zur Zeit an zwei Hauptfronten im Irak und an zweien in Syrien bekämpft.

Vom Norden her gibt es Druck auf Mosul im Irak und auf Raqqa in Syrien. Vom Westen aus versucht die syrische Armee, mit russischer Hilfe gegen Raqqa und gegen Deir az-Zor, weiter unten am Euphrat, vorzurücken. Im Südosten sammelten sich Truppen der irakischen Armee, Stammeskämpfer aus der sunnitischen Anbar Provinz und schiitische Milizen rund um die Stadt Falludscha und erklärten ihre Eroberung als ihr Ziel.

Zäher Widerstand der belagerten IS-Milizen

Die Angriffe, welche von allen Seiten her gleichzeitig erfolgen, verhindern, dass der IS seine bisherige Taktik aufrecht erhalten kann. Sie bestand darin, bewegliche Kämpfer auf Pickups und Lastwagen an die bedrohten Fronten des "Kalifates" zu senden, um die lokalen Besetzungstruppen jeder IS-Garnison, die angegriffen wurden, zu verstärken und um Gegenangriffe auszulösen.

Doch auch ohne diese Unterstützung erweisen sich die jeweiligen IS-Garnisonen als zähe Kämpfer. In vielen Fällen haben sie unterirdische Gänge gegraben, um den Bombardierungen zu entgehen und unerwartet dort wieder aufzutauchen, wo die feindlichen Truppen gemeint hatten, sie beherrschten das Terrain.

Sie legen Minen, die es gefährlich für die angreifenden Truppen machen, sich den Zentren der lokalen IS Macht zu nähern. Sie schrecken nicht davor zurück, die Leichen von Gefallenen mit Explosivfallen auszustatten, um diejenigen zu töten, die sie bergen wollen. Sie führen Gegenangriffe mit Selbstmordanschlägen durch, in denen mit Sprengstoff gefüllte Automobile, Lastwagen und sogar Tankwagen eingesetzt werden. Diese Kampfmethoden sind nicht nur für die angreifenden Regierungstruppen tödlich, sondern auch und noch mehr für die Zivilbevölkerung, der es nicht gelungen ist, aus den belagerten Ortschaften und Städten zu fliehen.

Präzedenzfall Ramadi

Die irakische Stadt Ramadi hatte einst 375´000 Einwohner. Sie wurde in einer Belagerung und Beschiessung, die insgesamt sechs Monate dauerte - Oktober 2015 bis Mai 2016 – nahezu vollkommen zerstört. In der Schlussphase der Belagerung gab es noch geschätzte 200´000 Zivilisten in Ramadi. Ein Teil von ihnen floh während der letzten Kämpfe. Die Stadt ist noch immer unbewohnbar und kann auch nicht wieder aufgebaut werden, solange nicht alle Minen entfernt worden sind. Bisher konnten die Flüchtlinge aus Ramadi nicht wieder in ihre Stadt zurückkehren. Wie viele der letzten zurückgebliebenen Zivilisten ihr Leben retten konnten, ist unklar.

Es steht zu befürchten, dass Falludscha ein ähnliches Geschick bevorsteht. Die Stadt hatte 2011 über 300´000 Einwohner. Wie lange es dauern wird, bis Falludscha den IS-Kämpfern entrissen ist, weiss man noch nicht. Doch es gibt Berichte, nach denen die irakische Regierung die verbliebenen Einwohner aufgefordert hat, die Stadt zu verlassen, und wenn sie dies nicht tun könnten, ihre Wohnhäuser mit weissen Tüchern zu markieren. Die Behörden versprachen, "sichere Korridore" für die Flucht der Zivilisten würden eingerichtet. Doch die Bewohner sagen, solche Korridore gebe es nicht. Die IS-Kämpfer haben ihrerseits gedroht, sie würden alle Zivilisten erschiessen, die versuchten, die Stadt zu verlassen. Auch würden diejenigen erschossen, die weisse Flaggen hissten.

Raqqa im Vorbelagerungszustand, Hunger in Deir az-Zor

Berichte aus Raqqa sagen, schon gegenwärtig seien in dieser Stadt, die noch nicht belagert wird, die Kämpfer in Wohnungen untergebracht, in denen auch zivile Familien lebten. Damit wollten sich diese Kämpfer vor den Bomben der Amerikaner und der Russen schützen. Die Stadt zu verlassen, sei den Bewohnern verboten.

In der Euphrat-Stadt Deir az-Zor, wo eine Brücke über den Euphrat führt, gibt es nach wie vor Teile der ausgedehnten Provinzhauptstadt, die von der syrischen Regierung beherrscht werden, zusammen mit einem Militärflugplatz im Norden der Stadt. Doch die Stadt wird seit 2014 vom IS belagert, und die dortigen Zivilisten leiden Hunger. Ein anderer Teil der Stadt wird vom IS beherrscht. Die syrische Regierung mit ihren Hilfskräften aus Libanon, Iran, dem Irak und Russland versucht, von Palmyra aus nach Deir az-Zor vorzustossen, um die Stadt zurück zu erobern.

Doch es sieht so aus, als ob es dem IS gelungen wäre, den russischen Militärflughafen T 4, der weiter westlich, zwischen Homs und Palmyra in der Wüste liegt, mittels Selbstmordanschlägen anzugreifen und dortige Waffendepots sowie vier dort stationierte russische Kampfhelikopter zu verbrennen. Die russischen Armeesprecher dementieren dies. Doch es gibt Luftaufnahmen und Zeugenaussagen, aus denen ziemlich sicher hervorgeht, dass dies geschehen ist. Die IS-Angreifer müssen unerwartet aus der Wüste aufgetaucht sein.

Zwei Nordfronten der Kurden

An den Fronten nördlich von Raqqa und nördlich von Mosul tragen die Kurden die Hauptlast der Kämpfe. Sie sind auf beiden Seiten der syrisch irakischen Grenze bestrebt, alle Verbindungslinien des IS zur türkischen Grenze und auch die Querverbindungen zwischen Mosul und Raqqa zu unterbrechen. Ihr Ziel ist, diese beiden wichtigsten Zentren des IS zu isolieren.

Im Irak sind es die Peschmerga aus den irakischen autonomen Kurdengebieten, welche die Hauptlast der Offensive tragen. Doch sie haben Hilfskräfte von Yeziden und Assyrern sowie einigen arabischen sunnitischen Stämmen mobilisiert. Dies sind Gruppen, die schwer unter dem IS zu leiden hatten und deren Kämpfer nun ihre Rückkehr in ihre verlorenen Heimatgebiete zu erstreiten versuchen.

Auf der syrischen Seite der nicht mehr existierenden Grenze zwischen Syrien und dem Irak sind es die Kämpfer der syrischen Kurden, denen es bereits weitgehend gelungen ist, die Gebiete zwischen der türkischen Grenze und Raqqa zu erobern und zu halten. Sie stehen zur Zeit etwa 40 km nördlich von Raqqa.

Die Amerikaner zwischen Türken und Kurden

Auch die syrischen Kurden haben unter den arabischen Feinden des IS Hilfstruppen angeworben. Gemeinsam mit arabischen sunnitischen Stämmen, die sich gegen den IS zur Wehr setzen wollen, haben sie die sogenannten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) aufgestellt. Sie erhalten dabei die Unterstützung der Amerikaner sowohl aus der Luft wie auch am Boden durch amerikanische Sondereinheiten, die als Ausbilder und als Berater fungieren.

Für die Amerikaner ist dies ein delikates Terrain, weil die Türken, Nato-Verbündete, bittere Feinde der Kurden sind, nicht nur der eigenen, deren Kampforganisation, die PKK sie bombardieren und niederzukämpfen versuchen, sondern auch der syrischen Kurden und deren Bewaffnete, deren politisches Ziel, ein Kurdengebiet in Syrien entlang der türkischen Grenze zu bilden, Ankara ebenfalls erbittert bekämpft. Die türkischen Behörden begründen ihre Haltung mit dem Hinweis, die syrischen Kurden der YPG ("Einheiten der Volksbeschützer") seien in Wirklichkeit blosse Ableger der PKK. In der Tat dürfte stimmen, dass diese beiden kurdischen Kampfgruppen einander nahestehen, während zwischen ihnen und den irakischen Kurden unter der Führung der Barzani-Familie ein gewisses Misstrauen vorherrscht.

Nicht nur militärische, auch politische Ziele der Kurden

Die syrischen Kurden erklären den Amerikanern, sie seien dankbar für ihre Hilfe und für alle Waffen, die sie bekommen könnten. Doch ihre Bewegung habe nicht nur militärische, sondern auch politische Ziele. Deshalb sei es notwendig, dass die syrischen Kurden auch international aufträten und in die syrische Delegation, die in Genf die Gegner Asads vertritt, aufgenommen würden.

Dies ist bisher nicht geschehen, weil die Türken das strikt ablehnen. Die syrischen Kurden haben Delegationen nach Moskau entsandt, und die Behörden des russischen Aussenministeriums einschliesslich des Aussenministers, Sergei Lavrov, haben sich bereit erklärt, mit den syrischen Kurden - gegen den IS - zusammenzuarbeiten. Sie treten auch dafür ein, dass die syrischen Kurden in der syrischen Delegation in Genf mitsprechen können.

Dies wäre zum Vorteil der Russen, die zur Türkei wegen des Abschusses eines russischen Kampfflugzeuges über oder nah am türkischen Territorium vom 24. November 2015 ein gespanntes Verhältnis haben. Es liegt auch im Interesse der Russen, in die syrische Delegation von Genf, die den Amerikanern und den Saudis nahe steht, Vertreter einer Macht einzuschliessen, die Moskau nicht als Gegner, sondern als möglichen Helfer einstuft.

US-Sondertruppen und die Politik der lokalen Milizen

Amerikanische Helfer und Berater aus den Kreisen der Sondertruppen sind auch im Irak vertreten. Auch dort gibt es neben den rein militärischen politische Grundprobleme, die gelöst werden müssen, wenn der IS effizient bekämpft werden soll und wenn ein Horizont künftigen Friedens für beide betroffenen Staaten wenigstens auf lange Sicht hin, glaubwürdig bleiben soll. Im Irak geht es um den Streit zwischen Sunniten und Schiiten, wie auch um den neuen Zwist, der unter den Schiiten selbst in Bagdad über der Frage von Reform des Regierungssystems ausgebrochen ist.

Für die nun beginnende Belagerung von Falludscha haben die Amerikaner eine Ordnung ausgehandelt, die vorsieht, dass die eigentlichen Kämpfe von der Armee, ihren Eliteeinheiten und von Polizeieinheiten geführt werden sollen, die für Kampfeinsätze geschult worden sind. Die schiitischen Milizen sollen einen äusseren Ring rund um die Belagerungstruppen herum bilden und für den Nachschub, Reservetruppen und Artillerieunterstützung verantwortlich sein. Dies wurde ausgehandelt, um zu vermeiden, dass die schiitischen Milizen allzu brutal gegen die sunnitischen Zivilisten vorgehen, die unter der IS-Besetzung stehen und nun theoretisch "befreit" werden sollen.

Die Milizen haben eine Tendenz, solche sunnitische Zivilisten, besonders Angehörige der Stämme, die als kampfesfreudig gelten, unter dem Vorwand zu verfolgen und zu vertreiben, sie hätten mit dem IS zusammengearbeitet. Güter und Landbesitz der Vertriebenen eignen sich die Milizsoldaten gerne selbst an und erklären, das Land sei nun "schiitisch" geworden. Dieses Verhalten treibt natürlich die Sunniten in die Arme des IS, und die Amerikaner suchen dies zu vermeiden. Der Umstand, dass die irakischen Truppen auf die amerikanische Luftunterstützung angewiesen sind, hilft mit, die amerikanische Verhandlungsposition zu verstärken. Wie weit jedoch dann die ausgehandelte Ordnung von irakischen Truppen innen und Milizen darum herum in der Hitze der bevorstehenden Kämpfe bestehen bleiben wird, bleibt abzuwarten.

Vor lange dauernden Belagerungskämpfen?

Wenn man die Ereignisse rund um Ramadi herum zum Massstab nimmt, ist zu erwarten, dass die Kämpfe um die Stadt Falludscha monatelang dauern werden. Die Stadt ist für den IS und für den Irak ein Symbol. Sie hatte sich 2004 gegen die amerikanische Besetzung erhoben. Es gelang ihren Kämpfern ein erstes Mal, im April jenes Jahres, die amerikanischen Truppen aus Falludscha zurückzuschlagen. Sie kehrten jedoch später, im November, zurück und eroberten die Stadt unter fast völliger Zerstörung ihrer Gebäude und Infrastruktur. Falludscha, nur 40 Kilometer von Bagdad entfernt gelegen, wurde später die erste Stadt, welche der IS in seine Gewalt nehmen konnte. Dies schon im Januar 2014, noch bevor der entscheidende Schlag in Mosul vom darauf folgenden Juni erfolgte.

Bomben als Kompensation für verlorenes Terrain

Die Gegenwehr des IS beschränkt sich nicht nur auf den Widerstand in den belagerten Zonen und Städten. Er versucht auch beständig, die Gegenoffensive aufrecht zu erhalten, indem er vermehrt motorisierte Selbstmordanschläge durchführt. Im eigentlichen Zentrum der Alawiten, bei Tartous, kam es in am vergangenen Dienstag zu einem Blutbad durch zwei grosse und mehrere kleinere Bombenanschläge, denen mindestens 148 Zivilisten zum Opfer fielen. Dies waren die schwersten Anschläge, welche die relativ sicheren Provinzen Tartous und Lattakiya seit Beginn der Unruhen erlebten. Dies sind auch die Provinzen, in denen die russischen Truppen ihre wichtigsten Basen aufweisen.

In Bagdad kam es ebenfalls zu folgenschweren Anschlägen. Das waren deutlich mehr als in den vorausgegangenen Monaten. Im Falle der Kurden haben die IS-Milizen sogar zur Waffe des Giftgas gegriffen. Sie haben Senfgas mehrmals an den kurdischen Fronten nördlich von Mosul eingesetzt, allerdings ohne dadurch entscheidende Vorteile zu erringen. Das viel gefährlichere Sarin können sie offenbar nicht herstellen.

Nach Rückschlägen: Bombenkrieg

Im Jemen verfolgen der IS und Al-Kaida offensichtlich die gleiche Strategie wie in Syrien und im Irak. Auch dort ist es zu verlustreichen Bombenanschlägen in Mukalla und in Aden gekommen, denen Dutzende von Zivilisten und Armeeangehörigen zum Opfer fielen, nachdem Al-Kaida und IS-Kämpfer ihren territorialen Besitz, Städte wie Mukalla und Zanjibar, unter dem Druck der Luftangriffe und der Bodentruppen Vereinigten Arabischen Emirate, die von amerikanischen Sondertruppen und Drohnen unterstützt wurden, hatten aufgeben müssen. Es geht bei solchen Anschlägen immer darum zu zeigen, dass die Bedrohung durch die radikalen Dschihadisten fortbesteht, sogar wenn sie ihre offene Präsenz in eigenen Territorien verlieren. Die Botschaft ist: "Durch diese Verluste sind wir noch lang nicht besiegt!"

Der Krieg in Syrien wird einmal ein Ende finden. Daher wird es viele Verlierer geben. Es ist anzunehmen, dass der Daesh (IS) und andere Islamistengruppen verlieren werden. Dann werden diese Jihad-Kämpfer flüchten müssen. Wohin? Wo es für sie am Besten ist, nach Europa, nach Österreich, Schweden, in die Schweiz und Deutschland.

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