Vier Alphörner. Und Kent Nagano

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Vier Alphörner. Und Kent Nagano

Von Annette Freitag, 22.04.2015

Alpenländische Musik in der Zürcher Tonhalle. Klassisch und modern. Keine Folklore und kein Stallgeruch, dafür viel frischer Wind.

Tja, das ist mal was anderes…. werden einige im Publikum sagen, wenn in der Tonhalle vier Alphörner geradezu bombastisch erschallen und Kent Nagano in der Mitte steht, um diese archaischen Töne mit jenen des Orchester zu koordinieren. Kent Nagano ist das, was man einen Stardirigenten nennt. Auf der ganzen Welt ist er unterwegs. Er tritt mit den berühmtesten Orchestern auf. Und nun das: Alphörner.

Tja, ob das wohl gut geht…? werden sich andere im Zuschauerraum fragen. Manche voller Abenteuerlust und Zuversicht, manche aber vielleicht auch mit einer gewissen Skepsis. Denn es sind neue Töne. Ungewohnte Töne. Vor allem keine folkloristischen Töne. Mal was anderes eben…

Berauschend

An dieser Vormittagsprobe des Tonhalle-Orchesters, gemeinsam mit dem Basler „Hornroh Modern Alphorn Quartet“ klingt alles etwas fremd, aber die beiden Formationen haben sich durchaus schon gefunden. Kent Nagano, schmal, drahtig, ganz sportlich in Jeans und Pullover, blättert in seiner Partitur, lässt die Geigen in ganz ungewohnten Tönen spielen, flirrend und sirrend, die Schlagzeuger nehmen diese schwebenden Töne auf und die Alphörner mischen sich ein. Laut, höchst präsent, aber an die Alp erinnert dabei gar nichts. Eher an den in der Schweiz üblichen jährlichen Sirenentest denkt man dabei. So ganz ungewohnt ist der Klang also nicht. Und wenn alle zusammenspielen, rauscht es wie eine riesige Welle durch den Raum…. Berauschend, im wahrsten Sinne des Wortes.

Foto: Priska Ketterer
Foto: Priska Ketterer

„Dreissig Minuten von diesem Klang – und wir werden in eine andere Welt transportiert“, sagt Nagano später in seinem Dirigentenzimmer. „Das sind Töne, die uns über die Mauern hinweg führen, Töne bis in die Ewigkeit…“. Für ihn sind solche Klänge nicht fremd. Einerseits ist er begeistert von Arnold Schönberg, dessen Kompositionen für viele Musikfreunde auch nur schräg sind, andererseits ist ihm das Alphorn sehr vertraut.

„Ich wurde in Kalifornien geboren, weil meine Grosseltern 1893 von Japan dorthin ausgewandert sind. Sie waren Bauern und ihre Nachbarn waren ebenfalls Bauern und Emigranten aus der Schweiz, vor allem aus der Nähe von Lugano. Die Familie Domenghini zum Beispiel, die Brughellis oder die Riettis. Sie hatten ihre Alphörner nach Kalifornien mitgebracht und pflegten die Tradition. An allen grossen Festen floss reichlich Alkohol und die Alphörner dröhnten durch die Landschaft. Ich war damals noch ein Kind, aber den Klang habe ich noch heute im Ohr“.

Concerto Grossso für Alphorn

So, wie die Schweizer Nachbarn der Naganos damals Alphorn spielten, klingt es jetzt freilich nicht. Die Vier vom „Hornroh Quartet“, drei Männer und eine Frau, haben sich der zeitgenössischen Musik verschrieben und in diesem Fall einer Komposition des Österreichers Georg Friedrich Haas.

Foto: Priska Ketterer
Foto: Priska Ketterer

„Das Alphorn ist ein ganz wunderbares Musikinstrument mit einem grossartigen Klang, und es hat dadurch, dass es ausschliesslich Töne der Obertonreihe spielt, eine sehr spezielle Intonation“, schreibt Haas zu seinem „Concerto Grosso Nr. 1“, das vor einem Jahr von Hornroh“ in München uraufgeführt wurde und nun in Zürich, und damit zum ersten Mal in der Schweiz, zu hören ist. Michael Büttler von „Hornroh“ war es, der Haas zu diesem Stück animiert hatte, und Balthasar Streiff von „Hornroh“ erklärt: „Hier ist das Orchester der Intonation des Alphorns angepasst. Das ist das Geniale an diesem Stück. Normalerweise muss sich das Alphorn, wenn es mit Begleitung spielt, irgendwie durchmischeln. Das ist immer ziemlich unangenehm.“ Das Problem liegt in den Obertönen, die anders sind als die Tonart des Orchesters. „Das Orchester ist hier in diesem Stück nicht nur in der Tonart ges angepasst, so wie es in der Schweiz traditionell ist, sondern auch in den Tonarten e, f und g. Das ergibt eine riesige Vielfalt von Spektraltönen, die das Orchester übernehmen muss. Das ist natürlich schon sehr spektakulär.“

Alpentradition

„Das war vielleicht für das Orchester nicht ganz einfach“, räumt Alphornspieler Michael Büttler ein. „Aber Orchestermusiker sind es ja gewohnt, das zu spielen, was sie an Noten vorgesetzt bekommen. Man muss sich nur darauf einlassen. Die einen Musiker finden es toll, die anderen nicht so…“

Foto: Priska Ketterer
Foto: Priska Ketterer

Für die Musiker – aber auch für die Zuhörer im Publikum – die es nicht so haben mit der zeitgenössischen Musik, gibt es in diesem Konzert auch noch die 6. Sinfonie von Anton Bruckner. Als Gegensatz oder Ergänzung zum Alphorn-Stück? Kent Nagano überlegt. „Wie die meisten Fragen, kann man auch diese nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten“, sagt er mit freundlichem Lächeln. „Aber es gibt schon etwas, das die beiden Werke zusammenbindet: es ist die Alpentradition. Bruckner hatte eine sensible Beziehung zu den Alpen. Er stammt aus diesem Gebiet und Alphörner waren ihm etwas Vertrautes, etwas Heimatliches. Die 6. Sinfonie von Bruckner bezieht sich sozusagen auch auf die Natur, aber im Sinne der Menschen im Spannungsfeld mit der Natur.“

Auch die Musiker von „Hornroh“ finden, dass Bruckner und das Alphorn-Stück zusammenpassen. „Zu seiner Zeit war Bruckner ja auch ein moderner Komponist. Somit ist das Alphorn-Stück eine Weiterführung von Bruckner,“ sagt Michael Büttler.

Akustischer Fingerabdruck

Dass Balthasar Streiff von „Hornroh“ und das Alphorn sich überhaupt gefunden haben, war nicht selbstverständlich. Während sein Partner Michael Büttler zuvor bereits Posaune spielte, hatte Streiff sich mit Bildhauerei beschäftigt. „Aufs Alphorn bin ich gekommen, weil man mit dem Alphorn ein Stück weit auch den Raum definieren kann, also dem Raum einen akustischen Fingerabdruck geben kann, wie das bei anderen Instrumenten weniger möglich ist. Das Alphorn ist so beschränkt, man hat diese Obertöne, die im Raum herumschwirren. Und die Komposition von Haas hat auch mit Raum zu tun. Damit, wie der Klang im Raum wandert, und das ist toll. Es ist ein perfektes Konzert, um diese Töne zu spüren.“

Der Klang des Alphorns als akustische Bildhauerei, das hat doch etwas Geheimnisvolles, das man sich aber auch ganz gut vorstellen kann. Insbesondere, wenn man selbst in der Tonhalle sitzt und sozusagen zuschauen kann, wie der unsichtbare Ton sich seinen Weg sucht durch das Orchester und dann kreuz und quer durch den Saal wandert.

Und wie war die Zusammenarbeit von „Hornroh“ mit Kent Nagano? „Sehr gut, obwohl wir ihn ja erst seit zwei Stunden kennen….“, sagt Balthasar Streiff nach der Probe. „Er ist sehr aufmerksam und präzis, empathisch der Musik, aber auch uns gegenüber und irgendwie auch streng….“ Das ist durchaus als Kompliment an die Autorität des Maestros gemeint.

Tonhalle Zürich, Kent Nagano, Hornroh Modern Alphorn Quartet, 22., 23. 24. April 2015

Kent Nagano "Erwarten Sie Wunder!", Berlin Verlag - Kent Nagano hat Musik studiert, aber auch Soziologie. Im Mittelpunkt seines Buches steht die kritische Auseinandersetzung mit dem heutigen Musikbetrieb im westlichen Kulturkreis. 

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Übersteigen, Hinaufsteigen in Sphären wo Immaterielles als Schwingung zuhause ist. Eintreten in jenes Fegefeuer in dem sich unerwartet Anfang und Ende begegnen. Dort wo breitbandig „Waves“ durch Instrumente in Töne verwandelt, Erlebnisse durch Einswerdung begünstigen. Aus Chaos und Ordnung gefilterte Harmonien. Zusätzlich versetzt mit gut verträglichen Anteilen von Disharmonien erzeugen dann jene speziellen Zustände, die unser Universum akustisch erfahrbar machen. Alphörner eingesetzt als bodenständige in sich ruhende Klänge der Berge, durchaus manchmal flott daherkommend sind anders als Pan Flöten, diese eher quirligen melancholischen Melodien der Hirten aus den Anden. Das ginge hin bis zur Papagenopfeife…… Grossartig, einer wie Glenn Gould ……cathari

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