Viel frische Luft in Mozarts «Serail»

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Viel frische Luft in Mozarts «Serail»

Von Annette Freitag, 28.01.2020

Tja. Entrümpeln will Aviel Cahn das «Grand Théâtre» in Genf. Dies war sein erklärtes Ziel, als er zu Beginn der Spielzeit den Chefposten der Genfer Oper übernahm. Und das tut er nun auch.

So wie die japanische Aufräum-Spezialistin Marie Kondo – zuvor höflich dankend – radikal alles aus Schränken und Wohnungen rauswirft, was keine Freude mehr macht und nur Staub ansetzt, so sorgt auch Aviel Cahn für viel frische Luft in Musiktheater-Stücken, die dem heutigen Zeitgeist nicht mehr so recht entsprechen.

Mozarts «Entführung aus dem Serail» ist diesmal drangekommen. Während Mozarts Musik keine Alterungsspuren aufweist, ächzt die Geschichte von Konstanze und ihrer Zofe Blonde, die von Piraten in die Türkei entführt und dem Bassa Selim als Sklavinnen verkauft werden, unter der Last der Zeit. Natürlich geht alles gut aus, Konstanze widersteht den Avancen des Bassa Selim, findet auch ihren Herzallerliebsten wieder und grossmütig und edel entlässt Bassa Selim die jungen Leute wieder in die Freiheit.

Heimat sieht anders aus – hier sind alle auf der Flucht: Vor sich, vor dem Altern, vor der Welt … Foto: Carole Parodi
Heimat sieht anders aus – hier sind alle auf der Flucht: Vor sich, vor dem Altern, vor der Welt … Foto: Carole Parodi

«So nicht!», sagte der belgische Regisseur Luk Perceval und bearbeitete einen Text der türkischen Exil-Schriftstellerin Asli Erdoğan und setzte ihn an Stelle des Original-Sprechtextes ein. Erdoğans Text stammt aus dem Buch „Der wundersame Mandarin“, in dem sie über die Bedeutung von Heimat in fremder Umgebung nachdenkt. Über Migration. Erlebt hat sie das selbst als Mitarbeiterin im Cern, und damit in Genf. Ausserdem sind die Hauptpersonen doppelt besetzt: als singende Original-Person und als sprechendes Pendant, das die gleiche Person im fortgeschrittenen Alter zeigt.

Buh-Konzert – und Applaus

Ganz schön kompliziert, die Vorgeschichte. Und wer sich da nicht vorbereitet, Interviews gelesen oder die Einführung verpasst hat, steht ein bisschen auf verlorenem Posten. Kein Wunder also, dass es nach der Premiere durchaus Applaus für Sänger und Musiker gab, für die Regie aber ein veritables Buh-Konzert.

Hat Aviel Cahn mit Buhs gerechnet?

«Ja, das habe ich. Aber nicht so heftig. Wir fragen uns, ob es zum Teil von türkischen Anti-Asli Erdoğan-Kreisen inszeniert war. Es wurden auch verdächtige Gestalten entdeckt bei der Premiere.»

Ein paar Tage später sieht die Situation im Grand Théâtre ganz anders aus. An der Inszenierung wurde nichts geändert, aber das Publikum reagiert freundlich, sogar ein paar Bravos werden den Sängerinnen und Sängern zugerufen. Von Buhs kann keine Rede mehr sein. Stattdessen viel Applaus für eine anregende und zugleich aufregende Vorstellung.

Gegenfrage an Aviel Cahn: Hat ihn das überrascht?

«Nein», meint er lakonisch. «Es wird an Premieren immer mehr gebuht.»

Und welche Lehren zieht er daraus?

«Eine Kontroverse tut jedem Theater gut. Wir haben aber im Voraus sehr viel kommuniziert über die Produktion (Presse, Theatermagazin, online …). Das Publikum konnte keine klassische Entführung erwarten. Jeder Kunde bekommt ein Mail vor dem Besuch mit Einführungs-Video und Infos zur Vorstellung.»

Aber wird da vom Publikum nicht zu viel verlangt, wenn man ein Stück nur versteht, nachdem man sich im Vorfeld der Aufführung intensiv mit dem Stoff vertraut gemacht hat? Aviel Cahn sieht das anders: «Es gab viele Leute, die das Werk nicht kannten und viel weniger Probleme mit der Aufführung hatten, weil sie total offen sind für eine neue Erfahrung … eventuell sind Opernbesucher mitunter zu fixiert auf das, was sie zu wissen glauben.»

Traumverlorener Mozart alla turca?

Vielleicht gilt das auch für ein paar Kritiker. Ein «Salat» sei bei dieser Geschichte herausgekommen, schreibt «La Croix», aber zum Glück gebe es ja die Musik.

Als «traumverloren» betitelt die «Süddeutsche Zeitung» die Produktion und schreibt: «Der Abend endet ohne Erlösung, aber mit Mozarts Lied ‚An die ‚Hoffnung‘. Immerhin.»

Für die NZZ ist es ein «Mozart alla turca» – «gemeinsam gefangen im Zelt der Einsamkeit» mit «Reflexionen über die Unmöglichkeit der Liebe, das Fremdsein und die Unausweichlichkeit des Todes, die Perceval den Rollenträgern in den Mund legt.»

Und die «Frankfurter Allgemeine» schreibt: «Man folgt dieser philosophisch ambitionierten, aber zutiefst antidramatischen Deutung mit Sympathie für die Bedeutungsnuancen, die sie in Mozarts Musik aufscheinen lässt. Die Verluste sind gleichwohl gross, die freche Glanzschicht des Stückes wird gleichsam abgetragen.» Mozart sei hier in Geiselhaft genommen worden, findet die Genfer «Le Temps».

Lieblich und gemütlich ist es jedenfalls nicht in dieser «Entführung aus dem Serail». Und schaden kann es ja nicht, wenn man durch die Neu-Interpretation zum Nachdenken gezwungen wird. Man mag es dann gut finden oder auch nicht. Aber gleichgültig lässt es niemanden.

Und schöne Musik gibt’s auch dazu.

«Arte» hat die Genfer «Entführung aus dem Serail» übrigens aufgezeichnet:

https://www.arte.tv/de/videos/094991-001-A/die-entfuehrung-aus-dem-serail/

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