Unsere verkannten Visionäre

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Unsere verkannten Visionäre

Von Roland Jeanneret, 08.03.2021

Kennen Sie John Krüsi? Marie Grosholz? Maurice Köchlin? Pietro Antoni Solari? Giovanni Stucky oder Pietro Caminada? Nicht? Sollten Sie aber – sie gehören zu den grössten unbekannten Pionieren der Schweiz.

Der Köchlinturm von Paris

Wohl jeder und jede von uns kennt den 324 Meter hohen Eiffelturm – obwohl er eigentlich Köchlin-Turm heissen müsste. Gebaut hat das Pariser Wahrzeichen nämlich nicht Gustave Eiffel: Die Idee zu diesem Bauwerk kam vom Schweizer Ingenieur Maurice Köchlin. Dieser arbeitete damals schon seit einigen Jahren in Paris im renommierten Ingenieurbüro von Gustave Eiffel: Köchlin hatte ab 1873 an der ETH Zürich Ingenieurwesen studiert und später bei Eiffel die Pläne für grosse Stahlbauprojekte wie die berühmte Bogenbrücke in der portugiesischen Stadt Porto oder das  Eisentraggerüst im Innern der US-Freiheitsstatue in New York entworfen.
 
1889 feierte Frankreich das 100-jährige Jubiläum der französischen Revolution und dazu wurden entsprechend Denkmäler für die historische Weltausstellung gesucht. Am Abend des 6. Juni 1884 hat Köchlin in seiner Pariser Wohnung an der Rue Le Chatelier 11 den Geistesblitz:  Auf einem Stück Papier skizziert er rasch und ohne technische Hilfe den «Pylône de 300m de hauteur».
 
Das Bauwerk sollte der höchste Turm weltweit werden – um seine Absicht zu verdeutlichen, zeichnete Köchlin auf sein Blatt mehrere bekannte hohe Bauwerke übereinander. Obwohl sein Chef Eiffel zuerst skeptisch war, machte der Schweizer die statischen Berechnungen und zeichnete die Baupläne. Nach wie vor gab zwar Eiffel dem spektakulären Eisenturm seinen Namen – aber das inzwischen vergilbte Beweisstück für Köchlins Urheberschaft liegt heute im Archiv der ETH-Bibliothek in Zürich …

Als erste Ärztin im Orient

Drei Jahre hatte Josephine Zürcher noch in einem Waisenhaus gelebt, aber mit fünfzehn weiss das Mädchen, dass sie dereinst Ärztin werden will. Die Waisenpflege erklärt ihr allerdings, Arzt sei ein Männerberuf, aber «Sephy» – wie man sie nennt – beharrt darauf. Bis zum Medizinstudium besucht sie vorerst das Lehrerseminar, damals der einzige mögliche Weg für Mädchen, einen Maturaabschluss zu erlangen – das Gymnasium ist damals nur für Knaben zugänglich. Und auch in dieser Schule spricht ein Lehrer «Sephy» konsequent nur mit «Joseph» an, bis der Rektor den Lehrer anweist, sie korrekt mit ihrem Mädchennamen anzureden … 1886 besteht sie die Matura und beginnt das Medizinstudium.
 
Die fast unüberbrückbare Hürde, als Frau einen Männerberuf gewählt zu haben, verfolgt Josephine fast ein Leben lang, vor allem dann im osmanischen Reich, wo sie Verletzten und Verfolgten helfen will. Im Mai 1897 verlässt sie zum ersten Mal die Schweiz, um nach einer mehrwöchigen Reise im türkischen Urfa im Auftrag eines Hilfswerks ein Spital aufzubauen. Die Verwaltung des Sultans fordert aber, dass sie östlich von Aleppo Männerkleider zu tragen und auch als Mann aufzutreten habe. Mehrere Vorschriften und Massnahmen zwingen sie immer und immer wieder, gegen solche «traditionelle» Diskriminierungen anzukämpfen.

Es würde hier zu weit führen, all die Anforderungen und Schwierigkeiten zu erwähnen, die «Sephy» und ihrem späteren Gemahl Henry widerfahren und sie zu grossartigen Menschen machen, bevor sie 1917 zurück in Europa eintreffen, wo die Spuren des ersten Weltkriegs mittlerweile ebenso Elend und Trostlosigkeit hinterlassen. Der Buchautor Helmut Stalder schliesst das Kapitel über Josephine Zürcher, die am 10. Juli 1932 stirbt: «Ihr Leben sei ‘farbig und abenteuerlich’ gewesen, so wie sie es sich gewünscht habe, sagte sie einmal, sie bereue nichts. Josephine Zürcher war eine Pionierin, die ihren Weg ging – da, wo sie als Ärztin am meisten gebraucht wurde und es als Ärztin am schwersten hatte.»

Wer die Glühbirne wirklich zum Leuchten brachte …

Wer sich in der Welt der mechanischen Musikinstrumente auskennt, weiss, dass Thomas Alva Edison als Erfinder des Phonographen und auch der Glühbirne gilt. Edison war zwar ein genialer Kopf und Ideengeber, aber die praktische Anwendung seiner Erfindungen schafften meist andere – allen voran der ausgewanderte Appenzeller John Krüsi. Als eine auf Wachswalze eingravierte menschliche Stimme hörbar wurde, ging ein Raunen um die Welt und erste Besucher seines Zinnfolien-Phonographen verdächtigten Edison, dass er bei der Vorführung trickse und eher gewitzter Bauchredner als technisches Genie sei. Ja, ihm wurde sogar angedroht, ihn wegen Betrugs zu verklagen. Edison selber sagte später, er sei noch nie in seinem Leben derart überrascht gewesen, seine eigene Stimme zu hören, wie an jenem Tag Ende November 1877.                                                             

Die Idee, Schallwellen mechanisch aufzuzeichnen und wieder hörbar abzuspielen, war schon länger in seinem Hirn herumgegeistert und in einer Geräteskizze auch schon mal gezeichnet worden. Aber das technische Funktionieren dieses akustischen Wunders verdankt die Welt nicht nur ihm, sondern erwähntem John Krüsi. Er erhielt von Edison eine noch heute existierende Skizze mit der Aufforderung, das Gerät zum Tönen zu bringen. «Die Skizze zeigt einen waagrechten Zylinder mit einer Kurbel und zwei eigenartigen Aufsätzen. Eine bahnbrechende Erfindung war nicht zu erkennen, eher ein Spanferkel am Spiess.» Krüsi hat vorerst keine Ahnung, was dieses Instrument soll.

Ähnlich die Geschichte der Glühbirne. Entgegen falschen Quellen hat nicht Edison die Glühbirne erfunden, sondern ein Brite namens Joseph Swan. Allerdings hatte dieser einen Leuchtfaden entwickelt, der rasch verbrannte und so kaum brauchbar war. Es war ebenfalls Krüsi, der den richtigen Glühfaden erfand – das Patent der «ersten» Glühbirne meldete allerdings Edison unter seinem Namen an, obwohl nicht er der Erfinder ist. In den anschliessenden Patentstreitigkeiten einigten sich Swan und Edison später zur gemeinsamen Produktion und gründeten die Firm «Ediswan».

Vom Werkstattchef mit kleinem Team wuchs die Edisonfabrik schon bald auf 200 Angestellte, um einige Jahre später gar 4000 Mitarbeiter zu haben. Der hochgeschätzte Krüsi, kameradschaftlich «ehrlicher John» genannt, avancierte später zum Chefingenieur von General Electric, dem grössten Elektrokonzern der Welt.

Dabei hatte Krüsi nach der Geburt keine hoffnungsvollen Lebenserwartungen: Er kam 1843 als uneheliches Kind in Heiden AR zur Welt, verbachte seine Jugend im Waisenhaus, erhielt bloss eine magere Ausbildung, wurde Arbeiter an Strickmaschinen und absolvierte schliesslich eine Schlosserlehre. Nach intensiver Weiterbildung zog er durch halb Europa, arbeitete kurz bei der Bahn in Rorschach und wanderte als 27-Jähriger in die USA aus und fand – vor seiner Edison-Zeit – eine Stelle bei der Nähmaschinenfabrik Singer in New Jersey.  

Krüsi starb am 22. Februar 1899 auf dem Zenith seiner Laufbahn. Ein Jugendfreund schrieb: «Er war bloss 55 Jahre alt und hatte ein Begräbnis wie ein König. Von New York bis Chicago und sogar von noch weiter kamen Ingenieure und Präsidenten von Stromgesellschaften, unter ihnen auch Edison selbst.»

Mit Frachtschiffen über die Alpen

Das Undenkbare soll Wirklichkeit werden: Der schweizerisch-italienische Ingenieur Pietro Caminada plant eines der verrücktesten Projekte zur Erschliessung eines Wasserwegs von Basel via Konstanz über die Alpen nach Milano und von dort weiter bis ans Mittelmeer. Theoretisch sollte es so möglich sein, mittels einer schiffbaren Wasserstrasse die Nordsee mit dem Mittelmeer zu verbinden. Wer jetzt denkt, Caminada sei ein halbverrückter Phantast, irrt. Er ist ein sehr erfahrener Ingenieur, der sowohl in Argentinien wirkte und in Brasiliens Hauptstadt eine Strassenbahn baute, das erste derartige elektrische Verkehrsmittel in Südamerika. Die Linie führte über einen ehemaligen Aquädukt, und auch bei der Planung der neuen Hafenanlage von Rio kam er mit Fragen der Wasserkraft in Berührung. Zurück in Europa befasst er sich künftig mit Fragen des Ausbaus von Wasserwegen.

Eine Frage lässt ihn nicht mehr ruhen: Mittels parallelen Röhrenschleusen sollte es möglich sein, Schiffe per Wasserdruck zu heben und abzusenken und so Lastkähne selbst Berghöhen überwinden zu lassen. Caminada beschreibt den Mechanismus so: Statt konventionellen Schleusen, die ein Schiff vertikal heben oder absenken, sieht er geneigte Röhrenschleusen vor, «die sich schräggestellt eine nach der andern an den Berghang schmiegen. Füllt sich ein Abschnitt mit Wasser, wird das Schiff im Innern gleichzeitig nach vorn und oben geschoben, geführt an einer Kette und in einer Schiene. So sollen die Schiffe von Schleusenkammer zu Schleusenkammer grosse Steigungen überwinden … Vorgesehen sind zwei parallele Röhrenstränge, die miteinander kommunizieren. Bei der Talfahrt eines Schiffes würde Wasser von der einen in die andere Röhre gelassen, wo es ein anderes Schiff auf der Bergfahrt anhebt.» Caminada reicht 1907 in den USA das Patent dieser Transportform ein, das er 1910 zugesprochen erhält. Das neue Transportsystem wird auch im «Corriere della Sera» publiziert und der Artikel schlägt hohe Wellen.

Caminada wird sogar von König Vittorio Manuele zu einer Audienz nach Rom eingeladen. Die Idee findet ebenso in Deutschland grosses Echo, schreibt doch die «Berner Illustrierte»: «Der Kanal über die Alpen – ein Riesenprojekt» und rechnet vor, dass dieser «Seeweg», Hamburg–Genua vom «hervorragendsten Wassertechniker der Gegenwart» bedeutend billiger werde … Und kein geringeres Blatt als die «New York Times» lobt sowohl das Projekt «Waterway across the Alps» wie Caminada selbst als «a man of genius» eines der Grundprinzipien der Hydraulik benutze.

Doch dann kommen erste Zweifel auf: Die «Schweizerische Bauzeitung» weist auf die enormen Kosten hin, die für den Bau auf 400 Mio., für den Betrieb auf 20 Mio. Franken pro Jahr geschätzt werden. Caminada bleibt der Visionär und baut für die Architekturausstellung der Akademie der Wissenschaften in Mailand 1908 ein Modell im Massstab 1:10 und führt Experimente vor.

Doch in Italien verändern sich die politischen Verhältnisse, gravierende Veränderungen verdrängen die futuristischen Schiffsweg-Pläne und mit dem Eintritt Italiens in den ersten Weltkrieg 1915 versandet das stolze Projekt. Die «Via d’Acqua transalpina» gerät immer mehr in Vergessenheit. Einzig die schmale mit brüchigem Asphalt belegte Strasse in der Ebene von Rom nach dem Tyrrhenischen Meer, die «Via Pietro Caminada», erinnert noch an den idealistischen Ingenieur und seinen gigantischen Plan ...

Quelle und Zitate aus:
Helmut Stalder «Verkannte Visionäre»
25 Schweizer Lebensgeschichten
Verlag NZZ Libro (2. aktualisierte Auflage)
ISBN 978-3 907291-41-4

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